Trotz allem war ich seltsam gelassen, wenn ich sie sah. Ich konnte spielen. Einmal, um unter einem Schild auf die Digitaluhr einer Apotheke sehen zu können, kniete ich mich hin; es bereitete mir diebische Freude, ihr in der Pose der heißherzigen Verehrer die Uhrzeit anzusagen. Ich bin absolut der Meinung, daß Männer vor den richtigen Frauen knien sollen, aber die dulden’s ja leider nicht ohne Weiteres. Derlei Gesten der Verehrung, das pfeifen, glaubte ich, die Spatzen aus dem Blätterwald, sind entweder das Resultat triebhaft-schmieriger Schuftigkeit, unangebrachte Blödelei oder gehören zu einer Sorte unvernünftiger Emotionalität, die zu unausgewogenen Beziehungen führt oder jedenfalls dazu, daß jemandem weh getan wird am Ende, und das gilt es ja in jedem Fall zu vermeiden, das darf nicht sein; ich echauffiere mich. Nun, jedenfalls: Zur Sicherheit wendete ich Kriegslist an, um ein wenig knien zu dürfen, und las eine halbverdeckte Digitaluhr ab.

Die Zeichen, daß sie mich möglicherweise mochte, verdichteten sich übrigens durchaus. In Nebensätzen deutete sie an, daß sie immer gleich kaufte und las, wovon ich schwärmte, wenn sie’s nicht kannte. Einmal legte sie mir beim Abschied die Hand auf den Arm, ganz unnötigerweise. Ich reagierte nicht — warum nicht? — und nach einigen langen, gar nicht peinlichen Sekunden, nahm sie sie wieder weg. Ich ging fluchend nach Hause, nannte mich einen Idioten und ein Rindvieh und wusste doch nicht, ob ich nicht wieder alles richtig gemacht hatte. Ich wurde nicht klug aus unserer Zaghaftigkeit. Ich tat das Richtige, meist, das fühlte sich alles richtig an, aber wo führte es hin? Jede Minute der Gegenwart lohnte sich zweifellos so wie sie war, nur: Sie konnte unmöglich übersehen haben, daß ich mich um sie bewarb. Also was? Es war einfach nicht herauszufinden, wie wir eigentlich zueinander standen. Ich genoß das, wie gesagt, es war richtig, man muß nicht alle Räume sofort dicht machen. Es machte mich wahnsinnig. Besonders gefielen mir heimliche Pläne, zusammen zu reisen: Wir würden gemeinsam Asien sehen, malte ich mir aus: In bequemer Kleidung auf indonesischen Dschunken von Insel zu Insel über schimmernde Wasser hin; elegant und rauchend auf den Terassen verrottender Kolonialhotels. Tennis auf einem modrigen, dem Dschungel abgekämpften Platz, mein mieses Tennis der Unbeholfenen, ihre Grazilität. (Dabei wusste ich nicht einmal, ob sie spielte, ich war einfach sicher: Sie spielte ausgezeichnetes Tennis, leicht und beweglich, fließend und beherrscht.) Ich grübelte lange, ob es mir genügen würde, sie zu begleiten und Tennis zu spielen. Manchmal dachte ich, daß es fast noch besser wäre als eine komplizierte Herzensangelegenheit, und daß sie die perfekte Frau wäre für derartig kühle Gemeinsamkeit. Kaum hatte ich mich davon überzeugt, quälten mich die Konsequenzen. Kein Kuß, und wie es wohl wäre? Nie einen Arm um diese Taille? Diese Taille, die mir Rätsel aufgab in ihrer leisen Bewegung, ihrer vermuteten Festigkeit und raschen Biegsamkeit. Einmal die Hände auf diese Hüften. – dachte ich in den begehrlicheren Momenten; der Zugriff blieb meiner Phantasie einziges Futter, kurz vor dem Kuß untersagte ich mir alles Weitere. Innere Minne schützt alle Beteiligten, auch das die scheuen Möglichkeiten selbst bleiben unerforscht und ungewünscht. Man ahnt ja doch nie, wie es sein würde.)

Ich erinnere mich, daß ich den General an dieser Stelle verließ, es war spät geworden und die Heftigkeit meiner Regung war mir peinlich. Ich nahm eine Droschke, in der es scheußlich kalt war, und ließ mich nach Hause schaukeln, aufgekratzt und schlotternd. Susann damals und diese erste, wirre Zeit mit dem Aggregat –

Protokoll | link | 28. September 2006