Der Stadtteil, mir bislang völlig unbekannt, ist eine Gegend mit nackten Backsteingebäuden, die rot im Sonnenlicht leuchten vor tiefblauem Himmel. Wenn man aufblickt, schneiden die gemauerten Dorne der Häuser als fleckie Messer in diesen Himmel. Das Strassennetz zwischen den Backsteinen besteht aus schmalen Gassen, die sich, gerade gezogen, in unsinnig spitzen Winkeln schneiden und undurchsichtige Umwege erfordern, so daß es einige Zeit kosten wird, sich hier zurechtzufinden ohne Irrtümer und doppelte Wege. Die Häuser, aus deren roten Mauern der graue Mörtel schuppt, wurden, so scheint es, nicht entlang von Straßen gebaut, sondern ohne Plan in die freie Fläche gesetzt, bis nur noch das bisschen Platz blieb, das nun die engen Wege bildet. Die Häuser ragen fünf- bis sechsstöckig, so daß der glosende Himmel fast immer nur mit Zenitblick zu sehen ist und auch dann nur zerhackt und zerrissen von Dornen und Zacken, mit denen die Wände in allen Höhen geschmückt sind: Zugespitzte halbe Torbögen ragen aus den Mauern und sehen wehrhaft aus auch in den unangreifbarsten Etagen. Dazu durchbrechen kantige Erke die rotgrauen Kästen mit gemauerten Kuppeln und kleinen vergitterten Fenstern: Das Viertel reckt Spitzen in den Himmel, als wolle es abstürzenden Zugsauriern einen sicheren und blutigen Tod bereiten.

Schmiedeeisernes Gestänge schwärzt die Durchgänge, und derer gibt es viele, denn die Häuser hier scheinen alle kein geschlossenes Erdgeschoß zu haben. Statt dessen, aus schierem Mangel an Straßenraum, gibt es Durchgänge und Übergänge; ein gewölbtes Backsteindurcheinander, in dem sich niemand zurecht finden kann: Irre Knicke, Ecken und Brücken über leere Abwasserkanäle, alles dort, wo eigentlich Erdgeschoß und Keller sein sollten und mit kaum zu erkennenden Grenzen zu den Straßen selbst. Und doch führen all diese Übergänge, wenn die eisernen Gatter geöffnet sind, zum Ziel. Selten zweimal auf dem selben Weg, aber im Ergebnis verläßlich: Nie gehört wurde beispielsweise, daß sich jemand dort verlaufen hätte.
Die neue Wohnung, Zimmer, Küche, Bad, voller zischender grünlicher Kupferröhren, liegt am Kopf eines fensterlosen Ganges. Das Wohnzimmer hat nur ein einziges Fenster. Davor eine Art Innenhof, sechseckig, mit rotem Tonnengewölbe. Nur durch ein schräges Oberlicht in der gemauerten Decke fällt Licht in diesen überdachten Hof, durch verrostete Stäbe auf einen Boden aus geborstenen Kacheln, mit altmodischen Mustern in blassem Grün, deren Geschlinge jedoch kaum noch zu sehen ist, weil der Hof keine Tür hat und also unzugänglich ist. Eine krumige Schicht aus abgebröckeltem Mauerschutt und Mäusedreck bedeckt die Kacheln. Mein Fenster, ebenfalls mit gehämmerten Eisenstäben geschützt, scheint, soweit ich das einsehen kann, überhaupt das einzige Fenster zu diesem Innenhof zu sein.

In meinem lange nicht bewohnten Zimmer gibt es, neben einer Reihe staubiger, dürrer Latten und zwei Ballen eines mürben gelben Stoffes auch ein halbverrottetes Sofa auf geschwungenen Beinen, ohne Zweifel alt und zweifellos einmal wertvoll gewesen. Gut geeignet für eine erste Nacht in der neuen, von der eigenen Person noch unberührten Wohnung. Dann: Gesprungene Eimer aus Holz, einige Kisten mit bunt bemaltem, meist übel beschädigtem Blechspielzeug: Grünspanüberzogene Lokomotiven, Giraffen und Kamele, ein kleiner Obelisk. Im Bad, kaum mehr als einen Meter breit, aber sicher sechs Meter hoch und fast ebenso lang, gibt es direkt unter der Decke zwei unmöglich zu schließende Oberlichter. Die Geräusche, die man von dort hört, hallen im engen Raum nach: Tief heulende Laute, die beim Öffnen von Ventilen irgendwo im Haus erzeugt werden, weil heißer Dampf strömt und neuer eingespeist wird. In allen Röhren, die sich an den Wänden umeinander schlingen, zischt und quillt es dann. Dazu Titschgeräusche von kondensierter Feuchtigkeit und an der weißgefliesten Decke des Badezimmers flimmern Reflexionen von Wasser mit Schatten-Schemen schwimmender Gestalten darin.
Zimmer und Küche sind trocken und staubig; der Gang aber, der zur Wohnung führt, bildet, zusammen mit dem Bad, einen klaren Kontrast: Auch der Gang gehört der Feuchtigkeit. Die Bretter, die den Boden bilden, schmatzen beim Betreten glitschig. Hin und wieder pfeift ein dünner Strahl Dampf aus einem Ventil, und ein Zeiger auf einer gesprungenen Uhr fällt erschöpft um ein paar Punkte zurück. Wohl um die Feuchtigkeit abzuführen, hat der Gang keinen Boden, nur über einen finsteren Graben gelegte Bretter gibt es, und links und rechts einen ungefährlich schmalen Spalt für abfließendes Wasser. Eine einzige Abzweigung hat der Gang; zu einem zweiten Innenhof, wo andere Gänge aus anderen Teilen des Hauses enden. Dieser Hof liegt nun wirklich unter freiem Himmel und ist der ständige Aufenthaltsort einer Gruppe fröhlicher, fetter Hühner, die allerdings jedesmal panisch aufstieben, wenn man in ihre Mitte tritt, weil eben täglich auch eines geköpft wird.

Protokoll | link | 12. May 2006