Susann, Etienne und ich waren verabredet, mit unbestimmten Kinoplänen und bestimmteren Trinkplänen für danach. Vorher wollten die beiden die seltsame Magnetkugel in meiner Küche sehen. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wann dieser Abend genau war und wieviel ich damals schon wusste, jedenfalls habe ich den beiden nur Vages über die Mond/Sonnen-Symbolik erzählt.

Der Film war mittelmässig. Ein Erstling von einem Lynch-Fan, das war offensichtlich, und der junge Regisseur folgte erkennbar der wichtigsten Erkenntnis, wenn es um David Lynch geht: Wer schlecht träumt, kann immer noch gute Filme daraus machen. Jedoch: Wer sich an einem Lynchschen Realitätsschlamassel versucht, sollte drauf achten, daß der Film am Ende wenigstens grob aufgeht, sonst wird es ärgerlich. Und wir hatten den Eindruck, daß dieser Film nicht aufging, sondern einfach nur ziellos verwirrende Anspielungen machte; darauf läuft es ja doch meist hinaus, wenn Zeitreisen im Spiel sind. Wir beschlossen nach einer kleinen Debatte vor der Kinotür, das Zusammentragen von Theorien abzubrechen und uns einen Ort zum Sitzen und ein neues Thema zu suchen.
Wir zogen zweimal um, weil uns die Leute an den Nebentischen wahnsinnig machten aus den üblichen Gründen. Den halben Abend versuchten Etienne und ich, Susann unsere Überzeugung zu vermitteln, daß die Welt Scheiße war. Sie verstand es nicht. Sie stimmte uns zu, wenn wir auf den Proletenkult fluchten und das Versagen der Eliten, die nichts mehr entgegenzusetzen hatte, weder Haltung noch Kultur, sondern sich nur anbiederten. Aber sie verstand nicht, warum uns das alles so beschäftigte. Ich kam in ziemliche Erklärungsnot. Sicher, schriller Dreck ist lästig und man kann ihn kaum mehr vermeiden. Trotzdem kann man sich praktisch doch ziemlich weitgehend schützen und ausserdem Gleichmut üben. Sie, wie sie dasaß in ihrer strahlenden Herrlichkeit war der Beweis, daß sie Recht hatte. (Und was für eine strahlende Herrlichkeit war das! Ich schäkerte ein wenig; sie ließ es geschehen. Wenn sie Wein getrunken hatte, produzierte ihre Haut etwas, was ich nur als transparentes Glühen beschreiben kann. Etienne musste mich einmal stupsen, weil ich mitten in einer verschachtelten Abhandlung über die Rückkopplung der Dummheit im Privatfernsehen still wurde und sie anstarrte.) Wir gaben uns schließlich geschlagen. Es gab keinen Grund, sich mit dem Mist zu beschäftigen, solange man nicht Teil davon war: Sie hatte Recht. Es war eine Schwäche, sich nicht einfach zurückzulehnen und die Ungeheuerlichkeiten abprallen zu lassen. Ich probierte noch einen Ausfall mit richtigem und falschen Leben, aber es klang so ranzig, daß ich’s aufgab aus Angst, mich lächerlich zu machen. Wir einigten uns darauf, daß wir Gleichmut lernen würden von ihr und gingen noch etwas essen: Eine gemeinsame, knusprige, billige und schmackhafte Mitternachtsente im “Asia Palace”. Und dann nach Hause, in drei verschiedene Wohnungen. Großer Abend, glänzende Augen und Nettigkeiten, das besagte Glühen, angeregte Unterhaltung und ein neues, interessantes und noch sehr unausgelotetes Einverständnis, sodaß man dauernd den Eindruck haben konnte, Susann und ich sprächen aus einer gemeinsamen Position, obwohl wir uns ja durchaus nicht einig waren.
Der Zettel war mit einer Reißzwecke an meiner Wohnungstür befestigt. Es war ein Briefbogen, im Kopf eine undeutliche Figur, ein Tierkopf, und der Satz: Durch Tatstrahlung – Frei! Darunter: “Wir ersuchen Sie höflich, uns die magnetische Kugel, die Sie in ihrer Küche angefunden haben, zu übergeben. Sie ist unser rechtmäßiges Eigentum. Die Übergabe ist von höchster Wichtigkeit. Sie werden entschädigt. Wir würden gerne von für Sie unangenehmeren Schritten absehen. Wir kontaktieren Sie. Gez. Reichsarbeitsgemeinschaft Das kommende Deutschland.” Ich hatte genug Wein getrunken, um erst eine Viertelstunde zu lachen, bevor mir doch ein wenig paranoid zumute wurde.

Protokoll | link | 30. September 2006