Am vorderen Ende des Gangs, direkt am Eingang, führt eine verschämte Wendeltreppe nach oben in einer Umklammerung feuchter Wände, die keinen Putz halten. Meine einzigen Nachbarn wohnen dort. Man sagte mir das mit einem Blick, der bedeuten sollte: – Das wird Sie interessieren, aber kein Wort mehr davon. Inzwischen bin ich einer Frau mittleren Alters mit schon scharf konturierten Zügen begegnet. Sie trug ein unförmiges Seidenkleid, hellblau mit deutlich sichtbaren Wasserflecken, aber ohne erkennbaren Schnitt. Es flatterte und wehte um sie her, auch benahmen sich einige kanariengelbe Fetzen wild zwischen dem Blau. Auf ihrem Kopf über kurzgeschorenem Haar trug sie ein Mützchen, auf dem an einem kleinen senkrechte Stab ein vierflügliger Blechpropeller zitterte. Als sie mich im Gang sah, blickte sie mich unbewegten Auges einige Sekunden lang an, drehte sich dann um und entwand sich meinem Interesse über die Wendeltreppe. Eine kleine Beunruhigung befällt mich seither bei jedem Weg durch den Gang, aber möglicherweise ist sie auch nur dem Umzug selbst zuzuschreiben. Es fühlt sich, bei genauerer Prüfung, nicht anders an als nach früheren Umzügen; ich bin in diesem Zustand, wenn man Freaknachbarn und Gemüsehändler noch nicht kennt, dafür aber noch Chancen hat, sich nachts im eigenen Viertel zu verlaufen.

Protokoll | link | 19. May 2006