Während ich so lag, gestern, in meiner altertümlichen imperialen Wanne und in die fahlen Reflexionen an meiner schmutzigen schmalen Badezimmerdecke starrte, dachte ich an Susann und das Mädchen aus dem Zug.

Die Einträge im Heft sind undatiert, aber aus den im folgenden berichteten Ereignissen läßt sich schließen, daß zwischen den Niederschrift dieses Zettels und den folgenden einige Wochen vergangen sein müssen.

Protokoll | link | 11. November 2006

Das also war es in etwa, wenn die Vogelfrauen nicht nur aus Wahn bestehen, was mir widerfahren ist. Ich erfuhr von dem Versuch, mit Hilfe biodynamischer Aggregate das Kraftfeld der Erde hydrophiler zu machen, Eis aus der Eismilchstraße durch das Sonnensystem zu locken, ein Eismagnet zu werden, der dem Mond große Massen Grobeises in die Bahn werfen konnte. Ich erfuhr auch von der Schwierigkeit, den Fritter herzustellen, mit dem die Aggregate arbeiteten: Es gab Pläne von Valier, aber sie waren mit dem einzigen je gebauten Schwarzgerät in den Wirren des zweiten Weltkriegs verschwunden. Es war nie zu erhellen, ob die Nazis die RaG DkD, immerhin ein erklärt pazifistisches Projekt, je unterstützt hatten. Es war auch nie herauszufinden, wie die Beziehungen zwischen dem Fernmeldeamt des Reiches und dem “kommenden Deutschland” waren. Das Schwarzgerät jedenfalls, erzählten die Vogelfrauen weiter, geisterte noch eine ganze Weile durch die Köpfe derer, die im Untergang von Nazideutschland auch den Untergang einer finsteren okkulten Magierkultur sahen. Witzigerweise gibt es eine Tradition, die, weil das Schwarzgerät im Dunstkreis von Valier und Ley aufgetaucht war, glaubt, es habe mit der Rakete zu tun.

Protokoll | link | 10. November 2006

Valier baute keine Raketen, um London zu beschiessen. Er baute Raketen, um zu den Sternen zu fahren. Denn er wusste, daß die Sterne aus Eis und das Eis der Milchstraße nutzbar waren für eine größere Zukunft. Sogar hier ist unklar, ob sich Valier und Taut sich kennengelernt haben und ob die RaG DkD aus dieser Bekanntschaft entstanden ist. Wahrscheinlicher ist wohl, daß der Tiroler Valier die alpinen Architekturutopien von Scheerbart und Taut allein und ohne weitere Einflüsse zu seiner großen Zukunft erhob. Sicher ist, daß er in seiner berühmten mitreissenden Art dafür Propaganda machte. Kurz nach seinem Tod formte sich die Reichsarbeitsgemeinschaft, um mit seinen Mitteln — Raumkraft, Eis und die Einheit von Kraft und Eis in der psychophysischen Welle — sich an die Verwirklichung seiner Utopien machte. Der herrschende Überlagerungszustand psychophysischer Wellen (man könnte das den Weltgeist nennen, wenn man, wie ich, immer noch lieber Philosoph als Esoteriker wäre) war jedoch stabil und nicht zu erschüttern. Nicht zu erschüttern außer durch eine wahrhaft gewaltige Erschütterung im Eiskraftfeld der Erde, d.i. in ihrem innersten Dasein als Weltkraftmaschine.

Hier enden die sorgfältig abgeschriebenen und in einem bestoßenen Ordner abgehefteten Notizen meines Freundes. Der noch folgende Text wurde, oftmals offenbar in großer Eile, in ein kariertes Schulheft notiert. Den Ordner fand ich nach seinem Tod in seiner Wohnung, das Heft hat er mir per Post übersandt. Es ist ein rechtes Wunder, daß die Post in jenen Tagen überhaupt funktionierte. Das Heft enthält einige kurze tagebuchartiger Notizen und eine Reihe laienhafter Zeichnungen der Alpenhäuser, die hier nichts zur Sache tun. Ausserdem hatte sich mein Freund offenbar inzwischen die Mühe gemacht, die Erzählungen der Vogelfrauen in den Bibliotheken der Hauptstadt nachzurecherchieren: Auf einer der letzten Seiten des Hefts fand sich eine Literaturliste, die, soweit ich das beurteilen kann, die historische Wahrheit der Erzählungen der Vogelfrauen durchweg belegt. Der Hrsg.

Protokoll | link | 9. November 2006

Soviel weiß man also in den Tiefebbefrostgebieten über den großen Max Valier und wie er zur alpinen Architektur kam. Die Vogelfrauen wissen noch ein wenig mehr: Er gab seine metaphysischen Forschungen durchaus nicht auf, als er nach Berlin ging und mit glühendem Eifer an der Rakete zu bauen begann, um den Menschen in den Weltraum zu befördern. Das ist auch nur natürlich: Er wusste um die Raumkraft, die Bedeutung des Welteises und er glaubte an das, was sie hier im Imperium “Das Primat des Geistes” nennen (und mit unserem halbgaren Idealismus, der noch in der Abgrenzung die Materie anerkennt, alles andere als identisch ist). Er musste nur eins und eins zusammenzählen: Vril, die kosmische Urkraft, die er selbst nicht so nannte, und das Eis: Es konnte durchaus ein und dieselbe Sache sein, der Urbaustein der Welt, die psychophyische Welle: Das All-Eine der Natur, der eine Stoff eines echten Monismus.

Protokoll | link | 8. November 2006

Wie genau sich Valier und Przybyszewski in Wien begegnet sind, ist nicht bekannt. Vermutlich besuchte Przybyszewski, der Okkultist, einen der Vorträge des Technikers mit den geheimwissenschaftlichen Neigungen. Sicher ist, daß Valier und Przybyszewski an einem der Abende in Wien ein langes Gespräch geführt haben müssen, Valiers Frau berichtet in einem Brief von der ungeheuren Faszination, die “der finstere Pole auf Max ausgeübt” habe. Sie selbst, schreibt sie weiter, habe Przybyszewski nur “kurz gesehen”, aber er sei ihr “sofort unsympathisch und sehr unheimlich gewesen”. Valier wird von seinen Alpen erzählt haben an diesem Abend und von den Sternen, wie er es immer tat, und Przybyszewski wird den jungen begeisterten Mann auf Tauts und Scheerbarts “Alpine Architektur”-Ideen hingewiesen haben, die gerade frisch erschienen waren. (“Alpine Architektur” erschien also ebenfalls 1919 – ein Schicksalsjahr, wie Sie sehen!) Anzunehmen, daß Przybyszewski Valier den Kontakt zum Münchener Verlagsbuchhändler Otto Wilhelm Barth verschafft hat: Barth druckte zwei Jahre später Valiers Faustbücher, und über Barth muß Valier in Kontakt mit den Raumkraftleuten um Johannes Zacharias gekommen sein. Jedenfalls reist Valier 1920 zum ersten mal nach München, 1921 zieht er mit seiner Frau ganz dorthin. 1924 findet er in einem Buch von einem Professor Oberth eine seiner eigenen alten Ideen wieder: Den Antrieb von Fluggeräten durch Raketen. Den Rest der Geschichte habe ich schon erzählt; er hat die ersten Raketentriebwerke mitentwickelt und kam 1930 bei der Explosion einer Rakete ums Leben, als er einen neuen Treibstoff testete (Shell-Paraffinöl).

Protokoll | link | 7. November 2006

Max Valier war 1919 ein schwärmerischer abgebrochener Student, der in der kuk-Armee nach Russland geschickt wurde, aber nie einen Schuß abfeuerte: Valier, der Erfinder der Rakete, war Pazifist, gläubig und schaffte es immer wieder, auf Posten zu kommen, wo sein technisches Talent und seine ansteckende Euphorie von Nutzen waren, ohne daß er selbst schießen musste. Er stürzte wenigstens zweimal ab, einmal aus einem abgeschossenen Ballon, einmal mit einem Flugzeugprototypen, den er als Techniker betreute. (Er kam mit einer kleinen Schulterverletzung davon, wie er auf einer Postkarte an den viel älteren Hörbiger, mit dem er damals schon befreundet war, schreibt.)
1919 war ein wildes Jahr für Europa. Valiers Heimat Tirol war gerade an Italien abgetreten worden, und so konnte er einstweilen nicht zurück. Valier hatte kein Geld, und trug den zivil umgearbeiteten grauen Rock der untergegangenen kuk-Armee. Er schrieb wie besessen. Seine metaphysischen Untersuchungen, die 1921 in München erscheinen sollten, waren schon in Arbeit, Das tranzendentale Gesicht trieb ihn um damals, aber noch war an eine Veröffentlichung nicht zu denken. Um Geld zu verdienen, hielt Valier in der Wiener Urania und an der Akademie der schönen Künste eine Reihe von Vorträgen über die Welteislehre. Im Selbstverlag veröffentlichte er den phantastischen Roman Spiridion Illuxt: Ein verschmähter Liebhaber beschliesst, sich an der Welt zu rächen. Er baut auf einer Südseeinsel eine Maschine, mit der sich Atomkerne spalten lassen. Die Kettenreaktion, die ausgelöst wird, weil Nachbaratome aus Sympathie mitzerspringen, reißt die ganze Erde in den Abgrund und vernichtet zuletzt den lachenden Spiridion Illuxt in seiner Raumkapsel. Valier schreibt das 1919.

In München war derweil eine Menge los: Die Räterepublik wurde ausgerufen. Anfang Mai wurden Mitglieder der frisch gegründeten Thule-Gesellschaft von Angehörigen der Roten Armee Münchens ermordet. Freikorps
unter der Führung von Franz Ritter von Epp, der schon 1906 in Deutsch-Südwestafrika an der Niederschlagung des Herero-Aufstandes beteiligt war, griffen München an. Einige Tage lang herrschte Bürgerkrieg, die Versorgungslage war katastrophal. Stanislaw Przybyszewski und seine Frau Dagny beschlossen, München zu verlassen und reisten über Wien nach Krakau.

Protokoll | link | 6. November 2006

Taut und Scheerbart erdachten gemeinsam die Alpine Architektur: Als eine von den Zwängen der Machbarkeit befreite, utopische Architektur, aber eben auch als demokratisch-pazifistisches Projekt. Aus dem Geist der expressionistischen Berliner Boheme schufen sie meine Gegenwart. Die beherrschende Figur des Ferkel-Kreises, Stanislaw Przybyszewski, verließ seine Berliner Freunde 1903 und siedelte nach München über. In den Schätzen der dortigen Staatsbibliothek trieb er seine Studien des Okkulten voran und las Bodin, de Lancre, del Rio, Glanvill, Prierias, Grilland, Franz Hartmann, Rochas und Durville.

Protokoll | link | 5. November 2006

Einer von Przybyszewskis Freunden in der Berliner Zeit war der phantastische Paul Scheerbart, ein weiterer, heute in den Tiefebbefrostgebieten fast vergessener Literat. In einer Zeit, da sich seine Berliner Kollegen rühmten, die “einzig konsequenten Naturalisten” zu sein, rühmte sich Paul Scheerbart, der einzig konsequente Alkoholiker zu sein. Er trank also und schrieb utopische, fechnersche Erzählungen, in denen, wie in seiner alltäglichen Rede, kein Wort allzu ernstgemeint gewesen wäre. Scheerbart war nicht nur konsequent Alkoholiker, er war auch ein konsequenter Spötter. Sein hochfliegender und romantischer Humor war nicht zu bremsen dadurch, daß er weder Geld hatte noch welches verdiente. Er soll eine groteske Gestalt gewesen sein, spindeldürr im viel zu großen alten Mantel eines um mehrere Ecken bekannten fetten Fabrikanten. Wenn Scheerbart, der mit seinem Freunde Bruno Taut zusammen die Glasarchitektur und alles, wofür das Imperium heute existiert, erfunden hat, konsequent genug getrunken hatte, wälzte er sich im Ferkel unter die Tische, hämmerte mit beiden Fäusten auf den Boden und rief: – Weltgeist, wo bist du?

Protokoll | link | 4. November 2006

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Stanislaw Przybyszewski und Dagny Juel

Material | link | 3. November 2006

Was war mit mir passiert? Die Vogelfrauen, ich war bei ihnen, wissen es nicht. Nach meinem Besuch lag ich lange in der emaillierten Wanne meines schmalen Badezimmers, schaute unbewegt auf rostige Armaturen und hörte das ferne Tropfen und Gluckern des unauffindbaren großen Bades. Ich war nicht sicher, was genau sich verändert hatte. Und ich war nicht sicher, auf welcher Seite die Vogelfrauen standen. Hier ist, was sie mir über meine Berliner Reichsarbeitsgemeinschaft “Das kommende Deutschland” sagen konnten:

1895 wurde Max Valier in Bozen, Tirol, als Kind nicht eben reicher Eltern geboren. Zwei Dinge prägten seine Jugend: Die Liebe zu seiner Alpenheimat und eine manische Faszination für die Sterne. Im selben Jahr, 1895, schrieb der Pole Stanislaw Przybyszewski in Berlin den Roman “Satans Kinder”. Roman und Autor sind heute in den Tiefebbefrostgebieten fast völlig vergessen, aber um die Jahrhundertwende war Przybyszewski eine zentrale Figur des literarischen Berlin: Der “geniale Pole mit dem unaussprechlichen Namen”, dessen (von Munch gemalte) Portraits einen slawischen Charakterkopf und einen beunruhigend hypnotischen Blick zeigen, gehörte von Anfang an zum Kreis des schwarzen Ferkels. Das Schwarze Ferkel war ein Weinlokal an der Ecke Neue Wilhelmstraße / Unter den Linden. Ursprünglich namenlos, war es von Strindberg so getauft worden nach einer kopf- und schwanzlosen Widderhaut, die an eisernen Hacken verwittert über der Tür baumelte.

Przybyszewski traf im Schwarzen Ferkel Dagny Juel. Diese war von Munch dort eingeführt worden; das literarische Berlin war ihr verfallen, weil sie rauchen und tanzen konnte wie keine sonst. Auch trug sie, so heißt es, am schlanken Leib bevorzugt Kleider jener Art, die Bewegungen und Glieder unerreichbar und unsichtbar, aber eben auch hinreichend als festen Körper in weichem Gewand ahnbar macht, um in quasi-nackter Verschleierung ruchlos einem phantasiebegabten Kerl mehr zu bieten als der nackte Leib selbst es je vermocht hätte. Und doch schrieb man über sie, daß man statt von ihr auch genausogut Liebkosungen von einer Rauchsäule hätte begehren können, mit demselben Erfolg — Dagny Juel war verrucht, aber nicht zu haben. Der Satanist und in allerlei okkulten Künsten bewanderte Stanislaw Przybyszewski heiratete sie im selben Jahr, da er sie kennenlernte: 1893. Er schrieb im Folgenden seine Totenmesse, ein Werk von wilder, gieriger und morbider Liebe, das nicht nur (so sagten die Vogelfrauen) literarische Techniken vorwegnimmt, die man heute Jahre und Jahrzehnte später von anderen erfunden wähnt, sondern in seinem reichen, intensiven und schmutzigen Glühen auch einer Sorte von deutschsprachiger Literatur angehört, die es offiziell gar nicht gibt in diesem Land, das maßlos ewig das Ewig-Maßvolle des verdammten alten Goethe bewundert.
Dabei war Przybyszewskis Maßlosigkeit nicht unbedingt eine Maßlosigkeit der Liebe, sondern eine der Seele überhaupt: In seinem folgenden Buch, den Vigilien, ruft der Protagonist, als er seine Frau mit einem Freunde ekstatisch, vierhändig und eindeutig unkeusch Klavier spielen sieht: – Jetzt musst du ihn küssen, du musst, dem Künstler schenk ich mein Weib! und schließlich: – Noch standen sie wie verzaubert. Da plötzlich legte sie ihre Hände um den Kopf, reckte ihren Körper auf den Zehen hoch in die Linie des geschwungenen Bogens — sie sah ihn an! Oh Gott, wie sie ihn ansah! Diese brünstige Innigkeit, diese schamhafte, schamlose Hingebung: eine ganze Welt der Brunst lag in dieser Bewegung, und ihre Brust keuchte. Munch, so schreiben Przybyszewskis Biographen, hat diese Szene 1895 gemalt. Przybyszewski ist auf dem Bild zu sehen, und unschwer ist die “Frau des Helden” als Dagny zu erkennen. Wir müssen annehmen, daß die Szene stattgefunden hat. Przybyszewski verließ den Raum und überließ dem Künstler sein Weib.

Dagny Przybyszewski starb 1901 in Tbilisi. Sie wurde erschossen von einem Verehrer, mit dem sie durchgebrannt war und der sich nach dem Mord an Dagny selbst richtete.

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