Es ist ohnehin schlimm genug, daß wir nichts gegen den Mond haben, uns zu wehren – der uns gegenwärtig beschießt mit Gestein wie ein halber türkischer; denn dieser elende kleine Erd-Trabant und Läufer und valet de fantaisie glaubt in diesen rebellierenden Zeiten auch anfangen zu müssen, seiner großen Landesmutter etwas zuzuschleudern aus der Davids-Hirtentasche. Wahrhaftig, jetzt kann ja ein junger Katechet von Gefühl nachts mit geraden Gliedern in den Mondschein hinauswandeln, um manches zu empfinden oder zu bedenken, und kann (mitten im Gefühl erwirft ihn der absurde Satellit) als zerquetschter Brei wieder nach Hause gehen. – – Bei Gott! überall Klingenproben des Muts! (Jean Paul, Schmelzles Reise)

Protokoll | link | 5. May 2006

Für immer verließ ich Berlin an einem Samstagabend im Oktober. Ich benutzte dazu, altmodisch, die Eisenbahn, geriet in eine Katastrophe, fand mich an einem sonderbaren Ort und habe erst jetzt, nach einer ganzen Zeit ohne eigene Wohnung, wieder eine Art Zuhause.

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Der Stadtteil, mir bislang völlig unbekannt, ist eine Gegend mit nackten Backsteingebäuden, die rot im Sonnenlicht leuchten vor tiefblauem Himmel. Wenn man aufblickt, schneiden die gemauerten Dorne der Häuser als fleckie Messer in diesen Himmel. Das Strassennetz zwischen den Backsteinen besteht aus schmalen Gassen, die sich, gerade gezogen, in unsinnig spitzen Winkeln schneiden und undurchsichtige Umwege erfordern, so daß es einige Zeit kosten wird, sich hier zurechtzufinden ohne Irrtümer und doppelte Wege. Die Häuser, aus deren roten Mauern der graue Mörtel schuppt, wurden, so scheint es, nicht entlang von Straßen gebaut, sondern ohne Plan in die freie Fläche gesetzt, bis nur noch das bisschen Platz blieb, das nun die engen Wege bildet. Die Häuser ragen fünf- bis sechsstöckig, so daß der glosende Himmel fast immer nur mit Zenitblick zu sehen ist und auch dann nur zerhackt und zerrissen von Dornen und Zacken, mit denen die Wände in allen Höhen geschmückt sind: Zugespitzte halbe Torbögen ragen aus den Mauern und sehen wehrhaft aus auch in den unangreifbarsten Etagen. Dazu durchbrechen kantige Erke die rotgrauen Kästen mit gemauerten Kuppeln und kleinen vergitterten Fenstern: Das Viertel reckt Spitzen in den Himmel, als wolle es abstürzenden Zugsauriern einen sicheren und blutigen Tod bereiten.

Schmiedeeisernes Gestänge schwärzt die Durchgänge, und derer gibt es viele, denn die Häuser hier scheinen alle kein geschlossenes Erdgeschoß zu haben. Statt dessen, aus schierem Mangel an Straßenraum, gibt es Durchgänge und Übergänge; ein gewölbtes Backsteindurcheinander, in dem sich niemand zurecht finden kann: Irre Knicke, Ecken und Brücken über leere Abwasserkanäle, alles dort, wo eigentlich Erdgeschoß und Keller sein sollten und mit kaum zu erkennenden Grenzen zu den Straßen selbst. Und doch führen all diese Übergänge, wenn die eisernen Gatter geöffnet sind, zum Ziel. Selten zweimal auf dem selben Weg, aber im Ergebnis verläßlich: Nie gehört wurde beispielsweise, daß sich jemand dort verlaufen hätte.
Die neue Wohnung, Zimmer, Küche, Bad, voller zischender grünlicher Kupferröhren, liegt am Kopf eines fensterlosen Ganges. Das Wohnzimmer hat nur ein einziges Fenster. Davor eine Art Innenhof, sechseckig, mit rotem Tonnengewölbe. Nur durch ein schräges Oberlicht in der gemauerten Decke fällt Licht in diesen überdachten Hof, durch verrostete Stäbe auf einen Boden aus geborstenen Kacheln, mit altmodischen Mustern in blassem Grün, deren Geschlinge jedoch kaum noch zu sehen ist, weil der Hof keine Tür hat und also unzugänglich ist. Eine krumige Schicht aus abgebröckeltem Mauerschutt und Mäusedreck bedeckt die Kacheln. Mein Fenster, ebenfalls mit gehämmerten Eisenstäben geschützt, scheint, soweit ich das einsehen kann, überhaupt das einzige Fenster zu diesem Innenhof zu sein.

In meinem lange nicht bewohnten Zimmer gibt es, neben einer Reihe staubiger, dürrer Latten und zwei Ballen eines mürben gelben Stoffes auch ein halbverrottetes Sofa auf geschwungenen Beinen, ohne Zweifel alt und zweifellos einmal wertvoll gewesen. Gut geeignet für eine erste Nacht in der neuen, von der eigenen Person noch unberührten Wohnung. Dann: Gesprungene Eimer aus Holz, einige Kisten mit bunt bemaltem, meist übel beschädigtem Blechspielzeug: Grünspanüberzogene Lokomotiven, Giraffen und Kamele, ein kleiner Obelisk. Im Bad, kaum mehr als einen Meter breit, aber sicher sechs Meter hoch und fast ebenso lang, gibt es direkt unter der Decke zwei unmöglich zu schließende Oberlichter. Die Geräusche, die man von dort hört, hallen im engen Raum nach: Tief heulende Laute, die beim Öffnen von Ventilen irgendwo im Haus erzeugt werden, weil heißer Dampf strömt und neuer eingespeist wird. In allen Röhren, die sich an den Wänden umeinander schlingen, zischt und quillt es dann. Dazu Titschgeräusche von kondensierter Feuchtigkeit und an der weißgefliesten Decke des Badezimmers flimmern Reflexionen von Wasser mit Schatten-Schemen schwimmender Gestalten darin.
Zimmer und Küche sind trocken und staubig; der Gang aber, der zur Wohnung führt, bildet, zusammen mit dem Bad, einen klaren Kontrast: Auch der Gang gehört der Feuchtigkeit. Die Bretter, die den Boden bilden, schmatzen beim Betreten glitschig. Hin und wieder pfeift ein dünner Strahl Dampf aus einem Ventil, und ein Zeiger auf einer gesprungenen Uhr fällt erschöpft um ein paar Punkte zurück. Wohl um die Feuchtigkeit abzuführen, hat der Gang keinen Boden, nur über einen finsteren Graben gelegte Bretter gibt es, und links und rechts einen ungefährlich schmalen Spalt für abfließendes Wasser. Eine einzige Abzweigung hat der Gang; zu einem zweiten Innenhof, wo andere Gänge aus anderen Teilen des Hauses enden. Dieser Hof liegt nun wirklich unter freiem Himmel und ist der ständige Aufenthaltsort einer Gruppe fröhlicher, fetter Hühner, die allerdings jedesmal panisch aufstieben, wenn man in ihre Mitte tritt, weil eben täglich auch eines geköpft wird.

Protokoll | link | 12. May 2006

Am vorderen Ende des Gangs, direkt am Eingang, führt eine verschämte Wendeltreppe nach oben in einer Umklammerung feuchter Wände, die keinen Putz halten. Meine einzigen Nachbarn wohnen dort. Man sagte mir das mit einem Blick, der bedeuten sollte: – Das wird Sie interessieren, aber kein Wort mehr davon. Inzwischen bin ich einer Frau mittleren Alters mit schon scharf konturierten Zügen begegnet. Sie trug ein unförmiges Seidenkleid, hellblau mit deutlich sichtbaren Wasserflecken, aber ohne erkennbaren Schnitt. Es flatterte und wehte um sie her, auch benahmen sich einige kanariengelbe Fetzen wild zwischen dem Blau. Auf ihrem Kopf über kurzgeschorenem Haar trug sie ein Mützchen, auf dem an einem kleinen senkrechte Stab ein vierflügliger Blechpropeller zitterte. Als sie mich im Gang sah, blickte sie mich unbewegten Auges einige Sekunden lang an, drehte sich dann um und entwand sich meinem Interesse über die Wendeltreppe. Eine kleine Beunruhigung befällt mich seither bei jedem Weg durch den Gang, aber möglicherweise ist sie auch nur dem Umzug selbst zuzuschreiben. Es fühlt sich, bei genauerer Prüfung, nicht anders an als nach früheren Umzügen; ich bin in diesem Zustand, wenn man Freaknachbarn und Gemüsehändler noch nicht kennt, dafür aber noch Chancen hat, sich nachts im eigenen Viertel zu verlaufen.

Protokoll | link | 19. May 2006

Jan Saudek: Begierde
Jan Saudek: Begierde.

Material | link | 20. May 2006

An diesem Abend, an dem ich Berlin verließ, ergriff ich eine jener selten Gelegenheiten, dieser Stadt zu entkommen. Denn im Sommer verliert man sich dort in Grünanlagen und auf Dachterrassen in träger Melancholie, behaglich, versöhnlich und verträumt. Die Sommer allerdings sind nur hübsche Larven, uns zu ködern, im Oktober schon wirft die Stadt ihre Sommermaske von sich und zeigt ihre trübe Fratze mit verhangenen Lidern. Der sadistische Berliner Dämon packt all diejenigen, die zu lange zu träge zur Flucht waren, ein weiteres mal und quält und hetzt sie hungrig durch die Wintermonate. Denn der Winter schmerzt, man geht über Felder kalter Klingen und die kollektive Depression der Stadt ist nur die schleimige Oberfläche einer Höllenfontäne von Selbsthaß und Qual, die vom originellen Dämon alljährlich in die Innenhöfe der Altbau-Mietshäuser gepisst wird. Erst im späten April ebbt diese Flut ab, kurioserweise ohne eine Spur im Gedächtnis der Menschen hinterlassen zu haben, sonst würden sie kaum bleiben. Berliner Winter sind geraubte Zeit, sie werden nicht er-, sondern überlebt.

Protokoll | link | 24. May 2006

An jenem Abend im Oktober also öffnete sich für einen Augenblick das Fluchtfenster: Die Luft kündete schon drohend von winterlicher Grausamkeit, aber noch war sie nicht machtvoll genug, schon zu lähmen. Der Sommer dagegen war deutlich zu Ende; seine versöhnliche Kraft schwach geworden wie die Sonne, die beim Werben um Laub vom Wind ausgestochen wurde. Ein schlafloser Schwebezustand machte die Wahrnehmung klar: Die Stadt schickte sich an, einen weiteren Winter aus meinem Leben zu schneiden. Dann kam dieser Abend wie von Snoopy erdacht: Alternde Reihen gelblicher Laternen funzelten durch die schon laublosen Äste hoffnungsloser junger Alleebäumchen. Das Licht klebte an einem dünnen Film von Feuchtigkeit auf steinernen Gehsteigplatten, bevor es sich müde weiterstreuen ließ. Einige Bäume hielten noch mit aller Kraft an Blättern fest, die faul und grau schon von Wasser troffen. Ununterscheidbar zischten Wagen über den Asphalt, lange Phasen mit aufgescheuchter Feuchtigkeit und verschwommenen Scheinwerfern folgten kurzen Phasen des Niedersinkens, während derer sich Nebel und wirbelnder Schleim in den Rinnsteinen sammelten. Gelegentlich brauste es drängender zwischen die Häuser, wenn die riesenhafte Metallfratze eines Sattelschleppers den Blick nach oben unterbrach. Vor jeder Lichtquelle döste dort klammes Wasser, und über den Dächern brütete die glibbrige Kuppel aus schwerem gelbem Licht: Hier war Leben, denn hier war Elektrizität — auch wenn sie es schwer hatte in der übersatt kalten Atmosphäre. Mit Mühe konnte ich die Uhrzeit lesen an der Ecke zur Schönhauser Allee: Halb elf erst. Eine Strassenbahn mit beschlagenen Scheiben heulte und versuchte fröhlich auszusehen wie immer. Über ihr knackte ein blauer Lichtbogen auf; kaum zu erkennen in der Gischt. Ich hatte Angst, daß der herrenlose Blitz sich langsam durch die Feuchtigkeit fressen könnte, daß er jedes Ende jeder seiner Verästelungen an jedes Astende jedes Alleebaumes legen und die ganze Bornholmer in einen knisternd blauen Spinnenleib verwandeln könnte; daß am Ende die jungen Alleebäume, von hier zur Bösebrücke, in qualmende Fackeln verwandelt wären, in stinkende Feuer im Nebel. Aber der Lichtbogen knallte nur kurz und schwach, und die Strassenbahn zog sich am Schleifer nach Osten davon: Aus der Schiene platschte verdrängtes Schwarzwasser. Mit einem letzten Jaulen beschleunigte die Bahn aus dem Sichtfeld und eine weitere Rotte zischender Wagen fiel über die zusammengekauerte Kreuzung her. Unter den stählernen Pfeilern der aufgebockten Untergrundbahn warteten vielleicht drei Gestalten auf den grünen Fleck auf der anderen Seite und ließen sich nach vorn fallen, als er erschien. Ich begegnete ihnen in der Mitte der Strasse, eine alte Frau, glaube ich, schaute nicht auf. Sie zerrte einen fetten Hund, der mit panischen Augen ins Streulicht stierte. Ein dicker Tropfen, zeckentückisch an der U-Bahn auf Lauer, traf mich an der Stirn und rann in mein rechte Auge. Kalt war das Wasser und blieb dort, als ich mit einem feuchtem Handschuh über ein Gesicht fuhr, das den Handschuh nicht kannte und von ihm nicht erkannt werden wollte. Das Schild des Franchise-Bäckers war nicht zu lesen, ebenso wenigstens drei Gesichter. Auch die (sicher hässlichen) Schuhe der Leute blieben im dumpfen Zwielicht unterhalb meiner Kniee. Immer wieder droschen die Wagen Gummi in den dünnen Film auf Asphalt. Ein Russe spielte Akkordeon in einer Ecke, oder einer, der wie ein Russe klang, oder ein Tonband, oder eine Erinnerung an den Sommer. Vor der Sparkasse lag im Rinnstein ein Taubenkörper, halb plattgefahren und zerzaust. Als ich stehen blieb, um mich meines Ekels zu versichern, überholte mich ein Mann mit Mantel und altmodischem schwarzem Schirm, den ich hinter mir nicht bemerkt hatte. Über seinem Kopf, meinem und dem der toten Taube geisterte die Untergrundbahn in den U-Bahnhof, über dem der Fernsehturm nicht zu sehen war. Der Mond fehlte auch, er war schon in die stationäre Phase getreten auf der anderen Seite der Erde. Panisch nestelte ich im Schloß meiner Wohnungstür und packte. Dabei sprach ich, in fraktalen Wiederholungen, zu mir selbst, ohne Kontrolle über was genau ich da murmeln mochte. Ich erinnere mich nicht daran, nur daß Zwangsvokabeln eine Rolle gespielt haben müssen. (Und: “Überall außerhalb der Welt?”) Ich kletterte zur U-Bahn hinauf; der verrückte Amerikaner, der dort normalerweise mit zwei Trommelstöcken auf dem Treppenabsatz lärmte und den nie jemand bei einer Pause ertappt hatte, saß, die dreckigen Stöcke neben sich, reglos da. Nach zwei kalten Stunden voller Flüche und nervösen Gängen zur Kreuzung und zurück vor Susanns verschlossener Haustür war ich endlich verzweifelt genug, die Nerven zu verlieren und ohne sie zu fliehen. Zwischen Pulks schwarzgekleideter Gestalten, die irgendwoher wissen mussten, was los war, fuhr ich zum Alexaderplatz, vor mich hinbrabbelnd im Autopilot. Später saß ich in einer Regionalbahn nach Süden. Als sie nicht weiter fahren wollte, stieg ich um. Ich wartete einige Stundenteile an verlassenen Ost-Bahnhöfen und hatte schon bald weder Ahnung, wo ich mich befand, noch Interesse daran. Ich wählte meinen nächsten Zug zweimal danach, ob er altmodisch genug aussah, damit ich Gänge hätte, in deren ratternder Durchgangswelt ich nervös rauchend auf und ab gehen könnte.

Protokoll | link | 26. May 2006

Angefangen hatte alles mit meinem Kampf gegen die IKEA-Möbel, noch bevor ich in die Wohnung des Malers zog – nicht die imperiale hier, sondern meine letzte in Berlin, im Gleimviertel. Meine Geschichte beginnt noch vor der Zeit in der Wohnung des Malers. Damals hatte ich eine Ein-Zimmer-Wohnung im Prenzlauer Berg. In einem frisch sanierten Haus, neues Wannenbad, Berliner Zimmer, hohe Decke, strahlend weiße Wände, Reste von Stuck, abgezogene und frisch angeschliffene Dielen. In diesem Zimmer wohnte ich zu Beginn meiner Geschichte schon einige Jahre, und es war möbliert mit einem (teuren, aber scheußlichen) blauen Schlafsofa, einem IKEA-Schrank “Drammen” und einem Tisch aus dem selben Holz. Aluminium, Milchglas, Esche-Furnier. Ebenfalls Esche-Furnier: Regale für die Bücher. Und ein Stuhl, IKEA. Mein einziges Nicht-IKEA-Möbel außer dem Sofa war ein Sessel, den ich bei einem Billigmöbelhaus gekauft hatte und der sich erkennbar mühte, wie IKEA auszusehen. An einem Sonntag im August begann ich, meine Möbel zu hassen.

Protokoll | link | 30. May 2006

Es war gar nicht so sehr, daß mich die Generation-Golfigkeit der Sachen abgestoßen hätte. Auch nicht, daß meine wenigen Gäste beim Betreten der Wohnung die lustigen Katalognamen der Möbelstücke hersagen konnten. Ich traf überhaupt keine bewußte Lifestyle-Entscheidung. Ich langweilte mich lediglich ein wenig bei meiner Lektüre und lümmelte deswegen unentschieden und in ungewöhnlichen Stellungen auf meinem blauen Sofa herum. Dabei überfiel mich das Bild der Wohnung im Spiegel, der zwischen Wand und Sofa stand, seit ich einen größeren fürs Bad gekauft hatte. Die Wohnung darin war nicht nur verkehrt herum, sie war auch viel größer. Und es standen unglaublich beschissene Möbel drin herum.
– Heilige! rief ich aus und starrte verdutzt auf meinen Schrank, ohne zu verstehen, womit der unschuldige Kasten meinen frischen Haß verdient hatte.
– Wuäh! Laut. Richtig laut. Es war mir ein Bedürfnis. Ich wollte sofort alle meine Bekannten anrufen und meine Möbel für ungültig erklären. Allen wollte ich sagen: Dieser Schrank, ich sehe jetzt ein, wie furchtbar er ist, tut mir leid, was mußt du nur von mir denken, weil du so einen Schrank in meiner Wohnung gesehen hast, kannst du bitte versuchen, diesen schlimmen Eindruck zu vergessen? — Wie gebissen schnalzte ich mich dann vom Sofa, so blau war es, es fiel mir grade wieder ein. Nicht dezent dunkelblau, leider nicht, sondern schlimm Junges-Wohnen-Blau. Blitzblau. Unerträglich blau. Was war passiert? Ich konnte nicht mal mehr meinen Milchglastisch leiden. War ich grade erwachsen geworden? Oder was? Um mich erst einmal eingehend selbst zu befragen, setzte ich mich auf den Fussboden und starrte den Stuhl an, zerlegte dieses Verbrechen mit Blicken in Einzelteile: Vier Beine, dann: igitt, helles Holz. Sitzfläche, schon wieder blau, Lehne, Schaumstoff innendrin, Gutegüte. Als Sofortmaßnahme hängte ich meine beiden Magritte-Poster ab und demontierte die silbergrauen Kabel mit den affigen Halogenstrahlerchen. Als die Wände weiß und kahl standen, war mir wohler. Der Haß auf die Möbel blieb – und wurde in den nächsten Tagen so mächtig, daß ich beschloß, sie loszuwerden. Schon am selben Abend schlief ich, auf der treuen Festival-Isomatte, am Boden. Am dritten Tag war ich so weit, wenigstens den Verkauf des Sofas in Angriff zu nehmen. Ich bot es bei ebay an, weil mir nicht einfiel, wie ich sonst auf die Schnelle ein Sofa loswerden sollte. Bei ebay wollte aber niemand so richtig Geld für mein teures Sofa zahlen. Nach einer Woche halbierte ich den Preis und bot auch das andere Zeug an. Niemand kauft alte IKEA-Möbel, die er dann auch noch abholen muß, bei ebay. Immerhin wurde ich das Sofa los, ein alter Sack holte es ab mit einem Fiat-Transporter, der nach altem Fiat roch. Der alte Sack war sehr daran interessiert zu erfahren, warum ich all meine Möbel bei ebay verkaufen wollte. Ich erfand eine nicht sehr kohärente Geschichte von einem Auslandsaufenthalt und einer Freundin, die mir fürchterlich geriet. Der alte Sack redete zu viel und hakte bei ein paar Ungereimtheiten nach. Ich antwortete genervt, daß ich einfach meine Möbel hasste und alles Recht dazu hätte. Der alte Sack war beunruhigt; wir waren uns wechselseitig nicht sehr angenehm. Als er verschwunden war mit seinem Fiat, war außer dem Sofa noch alles da. Das Problem blieb schwierig. Wie kriegte man eine komplette IKEA-Wohnungseinrichtung aus der Wohnung? Ich machte einen Versuch, den Stuhl zu einem nahen Container am Strassenrand zu schleppen. Ein türkischer Typ mit Latzhose erwischte mich dabei, und weil ich mir wirklich nicht vorstellen konnte, vor einem Typen mit Latzhose wegen illegaler Entsorgung von IKEA-Möbeln wegzulaufen, mit oder ohne Stuhl, blieb ich stehen und ließ mir erklären, daß er für diesen Container bezahle, daß ich das also besser nicht probieren und mich, schleunigst, verpissen solle.

Protokoll | link | 31. May 2006

Ich war entmutigt und nahm den Stuhl wieder mit. Natürlich hätte ich einfach einen Entrümpler anrufen können. Aber ich hatte inzwischen keine Lust mehr, irgend jemandem zu erklären, warum ich alle meine Möbel wegwerfen wollte. Ich wollte auch niemanden mehr anrufen und ihn über meinen wahren Geschmack bei Schränken aufklären. Ich wollte überhaupt keine Fragen beantworten zu diesem Thema. Niemandes. Insbesondere wollte ich nicht zugeben müssen, daß ich neurotisch genug war, einen profunden Haß auf meine Wohnungseinrichtung zu entwickeln und dann beim Loswerden derselben an lächerlichen inneren Zwängen und ein paar Pannen zu scheitern. Nach drei Wochen spitzte sich die Lage zu. Nicht nur, daß ich meine Möbel hasste, sie führten mir auch jeden Tag meine Unfähigkeit vor Augen. Ein radikaler Schritt war nötig, so viel stand fest. Ich dachte ein wenig darüber nach, den Gashahn aufzudrehen und die Wohnung in die Luft zu sprengen, in der Hoffnung, dabei schizophren, cool und sexuell attraktiv wie Tyler Durdon zu werden, gab den Plan aber in Ermangelung eines Gashahns auf. Nachdem ich lange genug in farbenfrohen Detonationsphantasien geschwelgt hatte. Die harmlosere Variante des selben Planes lautete: Entweder die Möbel kleinhacken und die Einzelteile in der Badewanne in Säure auflösen, oder einfach gleich umziehen und die Möbel lassen, wo sie waren. Das schien mir zwar sehr irrational, versprach aber gründlich und trickreich alle Probleme zu umgehen. Was tut man schliesslich nicht alles, um den Seelenfrieden wiederzubekommen, ohne das Selbstbild zu gefährden. Die Möbelsituation war verfahren, und aus ihr sprossen die weiteren Entwicklungen wie Kresse aus der Watte am Fenster.

Protokoll | link | 5. June 2006

Wenn einer wie ich an der Grenze zu den Tiefebbefrostgebieten gefunden wird und einen nützlichen Eindruck macht, stellen sie ihm einen Freiwillgen zur Seite, der beim Übergang hilft. Daß mein Freiwilliger ein unzugänglicher, aber sehr interessanter ranghoher Offizier war, war angeblich Zufall. Übrigens erschöpft sich mit dieser Maßnahme die Fürsorglichkeit des Imperiums. Wer einen Freiwilligen erwischt, der nichts taugt, hat Pech. Ich hatte Glück. Der General hat mich untergebracht, bis ich die Wohnung im Backsteinviertel bekam, und auch sonst war er unersetzlich. Meine Sympathie für ihn wurde noch befeuert von meinem Eindruck, daß er mindestens ebenso interessiert an mir und meiner Vergangenheit in den Tiefebbefrostgebieten war wie ich an ihm und meiner neuen Umgebung. Erklärtermaßen spannend fand er, wie ich es geschafft hatte, wegzukommen — mir wurde auch klar warum, als ich erfuhr, wie wenige von uns es hier gab. Ich musste dem General die Geschichte im Detail erzählen, in mehreren langen Sitzungen in seiner Stadtwohnung, bei der ich noch immer nicht herausbekommen habe, ob ich sie typisch für einen Offizier finden soll oder nicht: Voller Bücher; und nicht nur Clausewitz und Sun Zu, sondern auch eine Menge französischer Romanliteratur. An den Wänden (und davor angelehnt) allerdings Schlachtengemälde, unheimliche Wirrware aus Piken, Zacken, Schwertern und Männern, unordentlich geknüpfte Geflechte Sterbender und Stechender mit schmerz- und blutrauschverzerrten Gesichtern und auf den Hügeln verlassene oder umkämpfte Artillerie; ein Feldherr mit zwei Läufern und einer Fahne über dem Durcheinander, in dem seine Männer sterben und sein Schicksal geboren wird. Auch einige besonders verstörende Ölgemälde moderner Waffen und Schlachten gibt es, das kannte ich nicht, und anders als die alten Bilder kann man sie nicht mit einem verklärenden Blick lesen: Es ist vollkommen unmöglich, dem Bild einer mobilen AAA-Einheit den bloß romantischen Schrecken des historischen Arsenals abzugewinnen — übrigens vielleicht nur für mich, dem General konnte ich den Unterschied nie erklären. Die besonders seltsamen Bilder zeigen riesige stählerne Schiffe, die aber offenbar gesegelt werden, ganze Flotten. (Leider zivil, sagt mein Mentor.) Zwischen Bildern und Büchern schaut ein kleiner offener Kamin heraus, auf dessen übervollem Sims der General alles abstellt, was er einmal angefasst hat und wieder loswerden muß: Einen schwarzen Springer, Füllfederhalter, Papier, Bücher, Teetassen, Kerzen, die er vom Tisch räumt, um Platz für das Schachbrett zu machen, bevor er sich auf die Suche nach dem Springer macht, kleine indische Götterfiguren, eine Glühbirne. Vermutlich räumt er den Sims ab und zu auf, oder es hat sich ein Fließgleichgewicht eingestellt. Vor dem Kamin ducken sich drei Sessel, die blasiert aussähen, hätten sie nicht ihre besten Tage längst hinter sich. Das alles erwähne ich nur, um den Ort anzudeuten, von dem aus ich heute meine Geschichte wiedererzähle.

Protokoll | link | 12. June 2006

Sie begann, wie gesagt, mit meinem albernen Kampf gegen IKEA-Möbel, den ich verlor: Ich zog aus und ließ die Möbel, wo sie waren. Ich zog ein in die Wohnung des Malers. Den Maler habe ich nie kennen gelernt, aber die Wohnung sah sehr wie die Wohnung eines Malers aus, der sich kein Atelier leisten kann. Ich bekam das Zimmer auf dem üblichen Weg, über die Anzeige eines Maklers im Tagesspiegel, provisionsfrei zu vermieten, billig, teilmöbliert. Die ersten Wochen in der Wohnung des Malers waren angenehm, ich genoß, wie ungewohnt alles war. Deutlich in Erinnerung sind mir die charakteristischen Einzelheiten aus dem einsamen Halbdunkel dieser Wohnung: Der immergleiche Vogelschrei aus dem Innenhof und der rätselhafte Geruch nach Geranien, wenn ich das Spaghettiwasser in den Ausguß rinnen ließ.

Protokoll | link | 19. June 2006

Ich kippte Soße über die Nudeln, trottete ins Zimmer und stellte sie auf dem fleckigen Dielenboden ab. Beim Essen im Schneidersitz dachte ich ergebnislos über Geranien und Geraniengeruch nach. Einen kleinen Klumpen Nudeln ließ ich übrig und trug ihn zurück in die Küche, und nur einen Moment zögerte ich, dann entschied ich mich gegen das Abwaschen und ließ das ganze Ensemble dem Schimmel. Denn noch hatte ich drei saubere Gabeln, spürte aber für einen Moment die Tendenz zum Abwasch. “Dieser Mann hatte ganz offensichtlich weder sich selbst noch sein Leben im Griff” war das Urteil der Pro-7-Dokumentation im Vorabendprogramm, mit Grabesstimme. Die Küche des zerfallenen Toten, die dabei im Bild gewesen war, erinnerte in Ausstattung und Zustand stark an meine. Ich entschied mich trotzdem gegen das Saubermachen und einfach dafür, bis zum nächsten Abwasch nicht zu sterben, nicht acht Wochen in den Teppichboden zu rotten wie der Mann in der Pseudodokumentation. Verdammte Pro-7-Scheißer. Mich kriegten sie nicht. Ich wusch schon aus Trotz und Verachtung für die Vorabendprogrammwixer nicht ab. Statt dessen drehte ich das Licht im Zimmer an, setzte mich auf das zerschlissene Ledersofa mit den Farbspritzern und starrte die Wand an. Den Lichtschalter mochte ich besonders. Er war schwarz, abgegriffen und man musste daran drehen, um das Licht einzuschalten. Über dem Drehschalter stand in weißem Halbrund “LICHT”. Der schräghängende Blechlampenschirm an der viel zu hohen Decke warf einen dreistufig ovalen Schatten an die Wand, der einen wahnsinnig machen konnte: Auf eine verdrehte Art mussten diese Biegungen und Helligkeitsstufen mit der Lichtbrechung am runden Lampenschirmrand zu tun haben, aber ich durchschaute das nicht. Ich war sehr dankbar für den schäbigen Lampenschirm. Er hing schon dort, als ich einzog und ersparte mir den Gang zum Baumarkt oder zum Möbelhaus. Abgesehen davon, daß der Proll-Horror in Baumärkten und Möbelhäusern besonders aufdringlich war, gab es auch nur Mist zu kaufen. In Farben, die Verkäufer “poppig” nennen. Mein VEB-Lampenschirm war ein anderes Kaliber. Ich war dankbar. Als die Probleme der Lichtbrechung ihn nicht mehr fesselten, schweifte mein Geist und gab mir wieder einmal auf, den Dielenboden zu schleifen. Die Farbspritzer dort gehörten nicht zu mir, sondern zu meinem Vorgänger, dem Künstler. Obwohl es dazu viel zu dunkel gewesen sein musste, hatte er hier gemalt. Ein armes Schwein vielleicht, mein Vorgänger. Romantisch. Wenigstens hatte er zu tun gehabt, immerhin war er Maler. Maler zu sein schien mir so unzeitgemäß wie ein Bergmann zu sein oder Partisan. Ein Beruf aus einer alten, mythischen Zeit, vor den Karriere-Tips im Uni-Spiegel und all den anderen Chancen unserer Tage.

Protokoll | link | 20. June 2006

Ich genoß meinen schlurf-wippenden Schritt mit den nach innen gedrehten Fußspitzen. Trat an die Jalousie und spreizte Lamellen in privat-detektivischer Manier. Ich wohnte in der fast leeren und zu dunkeln Wohnung eines Malers, hatte meinen Gang einem Volksbühnen-Schauspieler abgeschaut und spähte in den Innenhof, als hätte ich eine Mission. Hier roch es nicht nur nach Geranien, es stank nach dem letzen, erschöpften Rest von Bohème. Besser gesagt, nach einer Bohème, die seit acht Wochen in den Fußboden rottete. Jenseits der Jalousie, auf der anderen Seite des Innenhofs, in dem es nur nach Müll roch, saß eine Katze auf dem Fensterbrett. Sie blieb sitzen, als ich die Jalousie hochzog. Wir starrten uns eine Weile an, asymmetrisch wie üblich, harten Auges die Katze, weich der Mensch. Links und rechts hingen lose Kabel vorm braunen Putz, und in der Mitte des Hofs zitterte ein spindeldürres Bäumchen, das nie erfahren würde, was Wind ist.

Protokoll | link | 

Das Beil machte Toon-Bewegungen, hackte sich durch die Küche und wütete wild im Geranienbeet. Ich jagte mit einer biegsamen Fliegenklatsche hinterher. In der Ecke zwischen Gasherd und Mülleimer stellte ich das rebellische Hackebeil, nervös und metallen klapperte es gegen den Herd, hackte eine Scharte in den fleckigen Gips und schien sich gerade ergeben zu wollen, als ihm bewusst wurde, daß es ein Beil war und ich bloß ein Typ in einem dreckigen Pullover, bewaffnet mit einer schadhaften Fliegenklatsche. Einige Zeit schauten wir uns in die Augen, das Beil und ich, dann fing ich an, mich zu fragen, mit welchen Augen mir das Beil eigentlich in die Augen seh. Als ich genügend darüber nachgedacht hatte, gab es ein glucksendes Geräusch, ich machte erschrockene Saugbewegungen und wischte benommen meine Hand am Pullover ab. Meine Güte, wie unangenehm. Gut, dass mich hier keiner sah. Glitt vom Sofa, kam auf die Füße und ging erst einmal nachschauen, ob ich vielleicht doch ein Geranienbeet in der Küche hatte. Ich hatte keins. Das Beil war auch wieder, wo es hingehörte, nämlich auf Augenhöhe: Ein mit Kohle an die lange Seite des Zimmers gezeichneter Umriss, einziger Schmuck der ziemlich dreckigen, braunen, tapetenlosen Wand. Einer meiner Vorgänger hatte da seine Wut verewigt, oder was immer man verewigen will, wenn man eine Kohle-Wandzeichnung von einem Beil anfertigt. Vielleicht war er auch nur betrunken gewesen und hatte mit einem Stück Kohle ein Beil an die Wand gemalt. Jedenfalls hatte ich ein Gefühl im Mund wie von einem Kilo gekauter Watte. In der Küche spülte ich durch, aber viel besser wurde es nicht. In der Küche war es finster; die Glühbirne brauchte ich im Flur, weil da der Spiegel hing.

Protokoll | link | 22. June 2006

Das war so eine Sache, die damit angefangen hatte, daß eines Abends im Februar die Glühbirne im Zimmer ihren aussichtslosen Widerstand gegen die übermächtige Finsternis aufgegeben hatte. Sie knackte zum Abschied leise und gab den Geist auf. Seither fehlte mir eine Glühbirne. Weil die Birne im Zimmer schwer zu erreichen war, schraubte ich die aus der Küche ins Zimmer und wechselte seither die andere zwischen Flur und Küche hin und her, ganz nach Bedarf. Es war nicht so, daß ich kein Geld gehabt hätte für eine dritte Glühbirne, so schlimm war es nicht. Aber nachdem ich ungefähr eine Woche zu faul gewesen war, eine neue Birne zu besorgen, fing die Sache mit der Graienbirne an, mir Spaß zu machen. Ein Kilo Watte müsste eine ziemliche Menge sein, dachte ich, als ich das Interesse an dem Graien-Gedanken verloren hatte. Ein Kilo Watte, das müsste sicher ein ganzer Eimer sein. Käme vielleicht auf die Watte an.

Protokoll | link | 23. June 2006

Abends zog ich einen Stuhl ans Fenster, klappte die doppelten Flügel auf und atmete den Geruch von feuchtem Zement, Benzin und Müll ein. Ab und zu rauschte es ein wenig in unserem Innenhofbäumlein, das oben einige Meter über das Dach ragte. Wenn ich mich zurücklehnte, konnte ich ein Stück Himmel sehen, der sogar jetzt, kurz vor Mitternacht, nicht mehr als zwei oder drei Sterne hergab. Ein vager Kamin schlief dort oben, mit der zufriedenen Einsamkeit eines verstaubten Campanile. Das Licht aus der Küche reichte zum Lesen, es fühlte sich intellektuell an. Mit einem zerfledderten und farbverklebten Reclam-Derrida im Hinterhof. Sommernacht. Fühlte sich gut an. Vor lauter Gutfühlen vergaß ich das Lesen während drei kompletter Seiten postmoderner Theorie (bewegte aber pflichtbeflissen die Augen), rief mich zur Ordnung und las das ganze Kapitel mit ähnlichem Erfolg von vorn. Der Derrida war auch ein Erbe vom Vormieter. Ich hatte seine ganze Maler-Bibliothek übernommen, einen verstaubten und verdreckten Haufen Bücher auf einem Brett unter dem Fenster. Derrida, Lyotard, Adorno. Keine Kataloge, keine Drucke. Manchmal frage ich mich, ob ich die Wohnung damals nicht hauptsächlich wegen des Beils und der Bücher gemietet habe. Der Makler machte die Tür auf und ich sah das Beil und die Bücher und die Farbspritzer — die ganze Wohnung schien eine Boheme-Haut zum Überziehen zu sein. Wer so eine Wohnung hat, müsste doch ein Leben führen wie die Leute in den Liedern der Dandy Warhols, schien mir. Falls die Dandy Warhols das darstellten, was heute Boheme war. Vielleicht fiel ich bloß auf ihre Albumtitel herein.
Der knollige Makler war in einem steinalten Polo gekommen, der viel zu klein für ihn war, trug ein knallblaues C&A-Jacket und zu gebräunte Kopfhaut unter dünnen Haaren. Die Anzeige für die Wohnung: “Coolen Altbau! Ofenhzg, Toil. a.d.E., Renov.bed. ab Feb. 100 Eur. prov.frei”. Tatsächlich lag die Toilette einen Treppenabsatz tiefer, außerhalb der Wohnung. Das war ich nicht eben gewohnt, aber schon nach zwei Wochen machte es mir nichts mehr aus. Das größte Problem mit dem Treppenhausklo war, daß man seinen Gästen immer einen Schaltplan aufmalen musste, wenn sie austreten wollten. Sonst kriegten sie das Licht nicht an. Man mußte dafür drei Schalter in der richtigen Reihenfolge umlegen, von denen einer das Licht im Treppenhaus ausschaltete. Es gab Gäste, die hartnäckig behaupteten, wenn man die Schaltung nicht sorgfältig vornähme, ginge nicht nur das Licht nicht an, sondern auch die Spülung funktioniere nicht. Vermutlich war’s ein Scherz, aber ich habe es nie ausprobiert. Wer will schon riskieren, ohne Spülung auf einem dunklen Etagenklo zu enden. Das war es nicht wert. Da ich ohnehin nicht oft Gäste hatte, war das mit dem Schaltplan-Klo nicht schlimm.

Protokoll | link | 26. June 2006

Die gemietet Boheme-Haut funktionierte nicht. Mein Berliner Leben blieb, was es war. Immerhin ohne die IKEA-Möbel. Ich studierte, wie es eben gerade ging. (Studieren in Berlin ist in nicht vollkommen exotischen Fächern nicht gerade einfach, wenn man nicht rund um die Uhr um die Aufmerksamkeit von Dozenten buhlen will, die viel zu viele Prüfungen betreuen und abnehmen müssen. Die Bibliotheken schliessen nachmittags um vier, und daß in manchen Bundesländern die Kartoffeln gekocht werden, bevor man sie auf Teller tut, ist in Berliner Mensen ein sorgfältig geheim gehaltenes Politikum.) Wie auch immer, mein Tempo war erbärmlich, und das Studium rechtfertigte meine Existenz auch eher, als daß es sie füllte. Dabei war ich einst der feuchte Traum eines Bildungspolitikers gewesen: Informatik und Wirtschaft, richtig gute Abiturnoten. Dummerweise fiel mir zur Mitte des Hauptstudiums auf, welche Konsequenzen es hätte, in einem Jahr fertig zu werden: Ich hätte, mitten in der Krise, monatelang um einen langweiligen Mistjob betteln dürfen in einer Branche, die gerade stolz darauf war, die Eskapaden ihres Boomjahrzehnts durch Biederkeit und Gründlichkeit wett zu machen. Ich hätte die besten zehn Jahre meines Lebens Datenbankmasken programmieren dürfen oder mich dem faschistoiden Spiel der Beratung ergeben. (Sagte ich zum General am Kamin, und frage ihn: Haben Sie schonmal Datenbankmasken programmiert? Und auf seinen verständnislosen Blick: Nie taten intelligente Menschen stumpfsinnigeres!) Ich hätte mich gut geschlagen in dieser Wirtschaft, da war ich mir sicher. Nicht nur, weil ich immer zurechtkam und meine Tüchtigkeit den Leuten über kurz oder lang schon auffiel — ich hätte wirklich gekonnt, was sie von mir wollten. Allein: Beim Gedanken daran packte mich das kalte Grauen. Was tat ich also, während ich es vermied, in die Wirtschaft entlassen zu werden? Ich verdiente Geld, um jeden Monat die Miete zu zahlen. Es ist nicht schwer, als Student, der mit Computern kann, Geld zu verdienen. Studenten sind ideal auszubeuten. Sie sind für billige Stundenlöhne zu haben (denn sie haben keine Abschlüsse), zahlen kaum Abgaben und sind für jeden Job dankbar. Ich hatte nicht den blödesten erwischt, ich setzte Broschüren und Anzeigen für ein Büro, das solche Aufträge sammelte und an Leute wie mich, Ungelernte oder arbeitslose Typographen, ab und an auch echte Freelancer, weitergab. Pro Woche ein Schweinebauch, fette rote Preiszahlen daneben, oder ein Pizzabringdienstzettel, ein Vereinsheft, das reichte zum Leben, ab und an auch mal Größeres, keine kreativen Eskapaden. Ich kam im Grunde gut zurecht. Es konnte so weitergehen. Ich lag niemandem auf der Tasche, und wenn sie im Fernsehen gegen die Langzeitstudenten wettern, konnte ich ruhigen Gewissens “Maul halten, Arschlöcher” sagen beim Umschalten. (Der General schüttelte den Kopf. Fernsehen war nicht sein Thema.)

Protokoll | link | 27. June 2006

Keine Boheme also, denn dazu gehört mehr als Wohnung und Bücher eines Malers. Wer die meisten Abende vor dem Fernseher verbringt oder mit Arbeit, sollte böhmisches Leben besser vergessen. Meine Wochenenden begannen mit gehetzten Einkäufen im Supermarkt und endeten in langen Mißgeburten von Sonntagen. Immerhin schafften sie es manchmal, in den einförmigen Strom meiner angenehmen und sicheren Tage einen Abend zu schieben, der tatsächlich für pätere Erinnerung taugte. Meist sah ich nur Etienne, der nach Studium und früher Promotion bei einem besonders obskuren Startup angeheuert hatte, das es, seltsamerweise und auf Sparflamme, offenbar immer noch gab. Nie habe ich herausgefunden, was die eigentlich machten, und ich hatte den Verdacht, daß Etienne es ebenfalls nicht wusste und die Leute, bei denen er arbeitete, im Grunde auch nicht. Aber sie behielten ihn, vermutlich aus optischen Gründen. Wenn man ihn nicht genauer kannte, schien seine wesentliche Qualifikation das Tragen rotgetönter Sonnenbrillen zu sein. Er schaffte es immer noch, nach Reichtum, High-Tech und Nerderie auszusehen. Ein Grund mehr, ihn zu mögen. Genau wie ich hatte er die echte Informatiker-Sozialisation verpasst. Wir waren immer die beiden gewesen, die Douglas Adams und dem Herrn der Ringe nur ein notdürftig interessiertes Lächeln abgewinnen konnten. Was nicht heißt, daß wir nicht beide, wenn auch auf subtilere Art, hoffnungslose Nerds gewesen wären. Etienne war, allem voran, rettungslos ans Kino verloren, ein Fanatiker der übelsten Sorte. Die meisten Freitagabende verbrachten wir in verlotterten alten Kinos mit klapprigem Sound, die er in einer übrigens nicht prätentiös gemeinten Vorliebe für altmodisches Deutsch hartnäckig “Lichtspielhäuser” nannte. Ich war dankbar für die Abwechslung, obwohl er mich nie wirklich für Filme interessieren konnte, in denen deprimierte finnische Arbeiter in deprimierenden Fischfabriken Fische schrubben.

Protokoll | link | 1. July 2006

Etienne war einer von denen, die ihre menschliche Fehlbarkeit für einen Abend zu Hause lassen und mühelos alles richtig machen konnten. Ich erinnere mich an einen Samstagabend im Spätsommer vor zwei Jahren, den wir damit verbrachten, ziellos durchs nächtliche Berlin zu ziehen. Eine angenehme Nacht, von Spätkauf zu Spätkauf hangelten wir uns Flasche für Flasche,von Mitte in den Prenzlauer Berg hinein. In einem der Trash-Orte, die das überholte Konzept Eisdiele mit knubbeligem Inventar aus vergangenen Jahrzehnten, leeren Flower-Power-Zeichen und Britpop-Frisuren aktualisierten, blieben wir dann hängen. Die Musik war nicht ganz auf dem neuesten Stand, aber sorgfältig ausgesucht, also sehr gut. Wir bestellten todesmutig süße Waffeln; im Raum roch’s fahrig nach heißem Zucker und Staub; die Frauen waren schön, müde und selbstsicheren Burschen durchaus aufgeschlossen.

Ich beendete den Abend allein. Sie hieß Sylvie und schrieb ihm noch ein Jahr später, während der Zeit, von der ich hier sonst erzähle, Briefe. Sehr empfindsame sogar, nach allem, was ich hörte.

Protokoll | link | 9. July 2006

Um ehrlich zu sein, sagte ich, gehörte Etienne zu diesen gutaussehenden Mistratten, die den Verführer spielen können und dann eben sehen, wie lange die Sache trägt. Ein Raubtier halt. Einer, dem ein Rindvieh wie ich nur traurig nachschaute, wenn er seine Reißzähne in weiße Beutehälse haute und irgendwann sein Lendenfutter wegschleppen konnte für ein paar Nächte oder Wochen oder Monate. Die Raubtiere (schnaubte ich); sie fanden sich da draußen mit triumphierendem Funkeln, Götter der Gegenwart, starke und rücksichtslose Beherrscher ihres Daseins, mächtig heulend: Gib mir, Leben! – denn mir steht zu qua meiner Herrlichkeit, nachzuprüfen in Zweifelsfall anhand wöchentlich aktualisierter bunter Checklisten. Herrisch, fordernd, nehmend, beiderlei Geschlechts, führten sie Beziehungen, wie die offizielle Sprachregelung für ihren Sport lautete. Ich war der Meinung, daß man nur Krieg führte. Ich war für Geschichten, richtige Geschichten. Es war hoffnungslos. Ich würde hier, sagte ich zum General, dies tausendfach gehörte Lamento nicht wiederholen, wenn sich nicht eine Geschichte vorbereitete. Einige Wochen, bevor die Dinge anfingen, sehr seltsam zu werden, sah ich Susann zum ersten Mal.

Protokoll | link | 13. July 2006

Nach einem ungewöhnlich ärgerlichen Lars-von-Trier-Film beschlossen Etienne und ich noch einen Whisky im Reingold. Die Frau saß in einem der tiefen, dunkelroten Sessel im hinteren Teil, die Beine übergeschlagen und mit einer schwarzer Stiefelspitze aufregend wippend. Sie trug, ich senkte die Stimme, der General beugte sich vor: Eine grüne Hose mit schottischem Karo, die perfekt saß und mit sanftem Schwung über den Fesseln den Blick auf das Wesentliche lenkte: Auf die hypnotische Stiefelspitze und ihren Gegenpol, einen schmalen, nicht zu hohen Absatz.
Sie nahm einen Schluck aus einem zart auffunkelnden Glas, als wir den Raum betraten; über den Rand hinweg blickte sie mir gelassen ins Auge mit dem Blick der Schönen oder der gleichgültigen Phase der Trunkenheit. Ich wußte wohl, daß ich an diesem Abend doch ordentlich aussah und mir auch bislang noch keine Patzer geleistet hatte, keine unsicheren Blicke, kein Griff an Hemd oder in die Haare oder in den Nacken, letzteres machte ich fast immer in solchen Situationen, diesmal nicht. Obwohl ich verschont blieb, war meine Sicherheit dahin unter ihrem ersten Blick, der übrigens natürlich kaum mehr war als das kurze Blinken, mit dem Neuankömmlinge nun mal geprüft werden. Sie war nicht alleine, stellte ich fest, sie war in Begleitung eines gut angezogenen Paares: Junge Frau mit dunklem Hemd und breiter grauer Hose mit Bügelfalte, junger Mann an ihrer Hand in weissem Hemd und einer Krawatte, die sich nicht für ihre Anständigkeit schämte. Ein Jackett hing über der Lehne des Sessels, ziemlich sicher Teil eines Anzugs, aber das Licht ließ solche Schlüsse auf Entfernung eigentlich nicht zu. Viel näher kam ich nicht. Ich bemerkte noch Susanns Hemd (sehr blaß rosa) und einen Pullover aus feiner weicher Wolle, dann schaffte ich mich seitwärts in einen Sessel, eindeutig ungeschickter, als es nötig gewesen wäre. Etienne redete über die gequälten Frauen bei Lars von Trier, ich musste nur gelegentlich nicken. Immerhin saß ich so, daß ich immer wieder einen Blick riskieren konnte, denn ich musste mehr über ihr Gesicht herausfinden. Und mich darauf vorbereiten, daß es mir völlig unmöglich sein würde, die Frau anzusprechen oder sonst etwas zu unternehmen. Und daß ich deswegen einen sehr frustrierten Abend verbringen würde. Es ging schon los. Ich wusste doch, wie sowas ausging, es endete immer damit, daß ich eine Woche lang glücklichmachende Musik hören musste, um die Schmach meiner Feigheit wieder vergessen zu machen.
Die Bar war sonst weitgehend leer, zwei junge Medientypen am Nebentisch unterhielten sich, wenn ich mich nicht irre, über die Unmöglichkeit, in Berlin anständig zu leben, der eine glaubte’s nicht, der war Münchner. Ich suchte Susanns Blick. Da sprach sie grade mit dem vergebenen Burschen an ihrem Tisch, sagte was und lehnte sich mit feinem Lächeln zurück, während er zu Erklärungen anhob, zumindest gestikulierte er erklärend und präzis, elegant, ab und zu die Zigarette abschnippend. Susann saß derweil da, hörte zu und schaute ihn konzentriert an, mit einer kleinen Falte von Aufmerksamkeit zwischen den Augen, Arme auf den Lehnen, vorn die Hände lässig über die Kanten drapiert, und wippte mit der Fußspitze. Sie überraschte mich, wie Mädchen mich jedesmal überraschen können mit einer ganz eigenen und neuen Sorte Großartigkeit, einem nie gesehenen prächtigen Wesen zwischen Zerbrechlichkeit und Macht. Fasziniert schaute ich ihr beim Zuhören zu. (Daß Etienne redete und für uns bestellte, nahm ich wahr.) Auf der Straße und in schwarzer Kleidung hätte ich sie für eine Musikerin gehalten: Klare Züge, schmale Augen, genaues Kinn, beim Lächeln sah man nur einen Spalt Zähne zwischen ihren Lippen, nicht gerade zu dünn, aber so unbetont wie beweglich und weich. Sie war nicht älter als ich, fünfundzwanzig vieleicht. Dunkelblondes Haar, nichts spektakuläres, zusammengefasst zu einem kurzen kräftigen und waagrechten Pferdeschwanz. Also? Sie war nicht mein Typ. Sie war das Schönste, was mir seit langem begegnet war. Um Klassen zu großartig für mich. Ich war mir sicher, daß sie das wüsste, hätte sie mich wahrgenommen. Ein Gutteil ihrer Ausstrahlung beruhte, machte ich mir klar, auf der ruhigen Gewissheit ihrer Großartigkeit. Ich schaute hin. Sie erwischte mich nicht. Zweimal blickte sie her, beide male war ich schnell genug, und als ich selbst hinschaute, war sie schon wieder gelassen und konzentriert im Gespräch.

Protokoll | link | 17. July 2006

Das Kryptophon klingelte und also verließ mich der General für eine Weile. Er führte ein gedämpft-unverständliches Gespräch mit dem Stützpunkt, durch die Milchglastür sah ich seine Silhouette in ruhiger Bewegung. Die Autorität des Mannes mußte spürbar sein am anderen Ende der Leitung. Ich hörte derweil dem Knacken des Feuers zu und dem Blubbern des Phonboilers und wunderte mich. Seltsam erschien (und erscheint) mir nicht, was mich umgab, sondern daß ich noch vor ein paar Wochen ein Leben in einer Berliner Hinterhofwohnung geführt hatte. Daß sich die Dinge so drastisch ändern konnten, ohne mich auch nur im Entferntesten hilflos zu lassen, war vielleicht die stärkste Erkenntnis der letzten Wochen. Wie ich da so saß, packte mich wieder das wilde Gefühl, das mich durch diese ganze seltsame Geschichte begleitet hatte: Man hat es, wenn die Tatsache heraufdämmert, daß man eine riskante Wette gewinnen wird. Als der General zurückkam, mir Tee anbot, sich zurechtsetzte und mich bat, fortzufahren, war ich fast ebenso euphorisiert wie in den Tagen, von denen ich ihm dann erzählte.

Protokoll | link | 27. July 2006

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Abb 4.

Durchgang der Erde durch den Schweif eines Kometen. Links oben die Sonne, schraffiert die Fläche der Kometenbahn, die auf der Erdbahnebene schräg steht. Der Komet läuft von rechts oben nach links unten. Sein Schweif ist der Sonne gerade abgewendet und etwas — wegen des rasenden Laufes des Kometen — zurückgebogen. Im Vordergrunde die Erde, die von den äußeren Schweifmassen gestreift wird.

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Als Susann und das Paar das Reingold dann verließen, erschrak ich fast, weil sie so groß zu sein schien. Nur schien, wenn man die zwei Stufen und die Perspektive aus dem Sessel abzog, war sie nicht größer als ich selbst, aber ihre Silhouette schwang sich auf so angemessen indirekten Wegen und großer Bestimmtheit um die Horizontale, daß sie auch ohne Perspektive groß wirkte. Es handelte sich unverkennbar um eine Frau, kein Mädchen. Ich atmete aus und hielt die Luft an, als sie vorbeiging. Feig war ich schon gewesen und hatte gewartet bis jetzt, nun wäre es noch einmal darauf angekommen. Ich rührte mich nicht. Ob sie sich umdrehen würde an der Tür, vielleicht? Sie drehte sich nicht um, selbstverständlich; und freilich bedeutete das nichts, besonders keine Ablehnung, sie hatte mich nicht anders bemerkt denn als einen von denen, die in Bars nun einmal in Sesseln sitzen. Selbst meine Furcht davor, als einsamer Möchtegernwolf erkannt zu werden, war fehl am Platz. Zum einen machen sich andere ohnehin immer weniger Gedanken über einen selbst, als man denkt (dafür aber bösartigere), zum anderen passten Etienne und ich hierher, und ich hatte also gar keinen Grund, mich verkleidet und gefährdet oder irgendwie auffällig zu fühlen. Etienne bemerkte irgendwann, daß ich zu dänischem Kino ebensowenig zu sagen hatte wie zu schwedischem. Ich schaffte es, den Rest des Abends mit trocken-galgenhumorigen Gesprächsbatzen zu bestreiten, thematisch kreisend um die Schwerpunkte “Ach Frauen”, “Oh Mann” und “Ach Scheiße”. Etienne kannte mich gut genug, um zu wissen, was hier gerade los gewesen war.

Protokoll | link | 16. August 2006

Es passierte dann etwas, was nur im Imperfekt passiert: Ich traf die Frau wieder auf der Geburtstagsfeier von Laszlo, dem Kleinverleger mit den grauen Schals. Wenig später also, mein Selbsthaß war noch frisch und kräftig, stand sie in einer trüb beleuchteten Küche einfach neben mir am Tischchen mit den unvermeidlichen Salaten. Ohne daß ich auch nur eine Chance gehabt hätte, mich schnell noch zu fürchten, geriet wir beide in eine verwickelte und in engagierten Politphrasen geführte Diskussion über den Küchendisputklassiker schlechthin, den in Plastikschüsseln herumschmierenden Nudelsalat. Wir steigerten die Zahl der Brechungen etwa genauso schnell wie die der grinsenden Zuhörer und die vernichtende Heftigkeit der Argumente, bis sie lachend ausstieg, rundheraus fragte, wer ich eigentlich sei, sich kerzengerade und sachte knirschend um die eigene Achse drehte, mit drei spitzen Finger über meinem rechten Schulterblatt knisterte, mich in einen Sessel schob und sich in einen zweiten schräg gegenüber warf. Meine zwei Tage alte Niederlage, bisher ein Krampf in der Herzgegend, erschrak, ließ los, plumpste in die Magengrube, taute und öffnete sich zu einer explosiven Blüte. Ich weiß nicht mehr, was ich an diesem Abend redete, es ist mir ein Rätsel, wie ich überhaupt mehr als stottern konnte. Pappbecher mit klebrigem Wein stürzend gab ich wohl, vielmehr eine gute Figur. Daß ich’s seltsamerweise wusste, schadete heute nicht. Wir verbrachten gute Zeit, in der ich lernte: Sie lachte dreistufig, erst hinter schmal vorgehaltener Hand, dann legte sie sie, flach, schmal, auf den Bauch, flach, schmal, schließlich blitzte es in den Augen und sie legte kurz den Kopf zurück: lauthals. Sie saß nie in der Mitte des Sessels, sondern immer ganz links und lehnte nach rechts oder anders herum, immer mit geradem Rücken und wenigstens einer ruhigen Hand auf der Lehne. Ich vermute doch, daß ihr nicht entging, wie ich mich bemühen musste, sie nicht fassungslos anzustarren, denn wenn ich in Gefahr geriet, in Trance zu verfallen, schürzte sie die Lippen leicht asymmetrisch zu einem amüsierten Lächeln und legte wieder vor mit einer weiteren unhaltbaren Behauptung, so daß ich mich ins Reden flüchten konnte. Großer Abend. Dabei entspannt, ich schaffte es sogar, nicht allzu angestrengt hinter ihr her zu sein. Wie alle machte ich die Runde, stand über eine Stunde ohne sie in der Küche und redete mit einem Literaturwissenschaftler und einer hübschen Galeristin in lilanen Wildledersneakers Unsinn über O’Brien und die Frage, welche Fahrräder die besseren Liebhaber seien. Als Susann dann, sehr viel später, aufbrach und, schon mit Schal und festgeschnürtem Mantel, ins verkrümelte Wohnzimmer winkte, packte ich zwei beeindruckte Sessellehnen an, stemmte mich hoch und traf sie im Flur, von wo sie eben in die Küche winkte. Ich frag Laszlo nach deiner Mailadresse, okay?, sagte ich. (Laszlo ein gemeinsamer Bekannter, ist denn sowas möglich?) Sie nickte Klar. Das freute sie, das freute mich — aber sie kürzte die Sache nicht ab und gab mir gleich eine Nummer, sondern winkte noch einmal in die Küche, wartete auf die Zofen, die ihre Röcke aufhoben, gab ein kleines Zeichen mit kreisendem Zeigefinger und schritt hinaus. Als ich nach Hause kam, machte Liegestützen bis ich Sterne vor den Augen hatte und auf die Dielen plockte, rollte auf den Rücken, starrte zur Decke und teilte der zur Unkenntlichkeit übermalten Rosette mit, was hiervon zu halten war: Oh, wow, sagte ich zu dem schäbigen Ding.

Protokoll | link | 

Laszlo hatte ihre Mailadresse nicht im Kopf, und also besuchte ich ihn am nächsten Tag im Verlag. Dieser Verlag war eine ausgesuchte Seltsamkeit, und die Räume, in denen Laszlo ihn betrieb, hatten eine Menge Ähnlichkeiten mit hiesigen Geschäftsräumen, obwohl sie doch im Berliner Friedrichshain lagen. Laszlos Kleinstunternehmen trug den Namen “Edition Tentakel” und war einer dieser idealistisch geführten Krauter-Verlage, die schon aus Prinzip immer kurz vor der Pleite stehen. Aus unverständlichen Gründen hatte Laszlo vor fast zehn Jahren Geld von einigen älteren Herrschaften dafür bekommen, und seither schaffte er es jedes Jahr aufs neue, zwei Banken davon zu überzeugen, daß er noch ein Jahr weitermachen müsse. Kein Mensch weiß, ob die Bankmenschen glaubten, ihr Geld je wiederzusehen, ob es wider Erwarten Idealisten in Kreditabteilungen gab oder ob sie dort einfach alle Hoffnung hatten fahren lassen und wussten, daß beim Tentakel ohnehin nichts von Wert in Konkurs zu schicken gewesen wäre. Der Verlag machte keine Gewinne, aber, und das war das Entscheidende für Laszlo und seine publizistische Spinnerzuflucht: Er kam jedes Jahr mit einem blauen Auge davon. (Ich erzähle das, beruhigte ich den auf den Fortgang meiner Liebesgeschichte drängenden General, weil dieser Verlag noch ziemlich wichtig wurde in der Folge von Ereignissen, die mich hierhergebracht haben.)
Um die Räume der Edition Tentakel zu erreichen, musste man kurioserweise eine Schule durchqueren: Am Eingang des neoklassizistischen Schulgebäudes gab es zwischen bröselnden Pilastern drei Klingeln: Eine für das Gymnasium, eine für den Hausmeister, an der dritten aber stand “Edition Tentakel. / Verlag für verschrobenes Geistesgut”. Man mußte nur klingeln, wenn die Schule nicht ohnehin offen war. Allerdings war Laszlo meist erst nach Schulschluß überhaupt im Büro, oben im Dachgeschoß. Ich klingelte also, die Tür ging auf, ich durchquerte zwei verlassene Etagen der Schule, dann noch eine, die nicht mehr genutzt wurde, seit Sekretariat, Schulleitung und Lehrer in die direkte Nachbarschaft der Klassenzimmer gezogen waren. Statt dessen standen dort schäbige Tische auf dem Gang herum und staubige, verbeulte, mausgraue Spinde mit “Fickt-Schafe”-Aufklebern und in Edding verewigter Schülerweisheit. (“If you go me on the Nerven / I will put you in the Gullie / And the Deckel obendruff / And you never come back / To the Tageslicht.”) Zum dem Teil des Dachgeschosses, in dem das Tentakel residierte, gab es seit dem Umbau nur noch einen einzigen Zugang am Ende einer langen Treppe aus schwarzen Steinstufen, die an einer Wand entlang ins Dunkel stieg. Oben endete sie in einer kleinen Plattform, nur einen Meter im Quadrat. Die Tür dort, mit Knauf, nie abgeschlossen, führte auf einen Vorraum, so groß wie die Plattform und leer. Ein Durchgang in einen Gang war verhängt mit Schnüren aus bunten Glasperlen im Stil vergangener Jahrzehnte, der Gang auf der anderen Seite verzweigte: Weiter nach rechts der Verlag, gradeaus ein Abstellraum mit schrägem Dach. Das Büro selbst war, vor dem Bau der Turnhalle, eine Art Körperertüchtigungsraum gewesen — viel zu klein für ernsthaften Ballsport, aber zwei Stockwerke hoch, mit einer Galerie, von der aus man per Wendeltreppe zwischen die Regale und Schreibtische absteigen konnte. Auf der Galerie lagen dubiose Matratzen und Stapel von Büchern. Eine gilbe Stehlampe verbreitete lustlos Licht, das müde auf kleine Haufen von billigem Plastikspielzeug fiel, auf Pferde, Krokodile, Zäune, Cowboys, Pistolen, Flugzeuge, einen eingedrückten Zeppelin und noch mehr Pistolen.

Protokoll | link | 23. August 2006

Unten dann Regale, ein Schreibtisch, dünenartige Stapel von Papier in unterschiedlichen Graden des Zerfalls, Ordner, ein kleiner bunter Zettelkasten, Bücher, eine sehr verstaube Hektographiermaschine, ein weniger verstaubter Kopierer, Spielzeug aus Plastik, ein Auto, eine Pistole. Große Knäuel aus grauen Schals. Eingerissene Poster an Regalen und Wänden: Eine neblige Paris-Aufnahme von Brassai, eine sturmumtoste Kathedrale von Fenestrula, einmal Mary Astor als Brigid O’Shaughnessy, gehalten von Bogart kurz vor dem Kuß. Irgendwo dudelte ein Radio (“he was shot six times by a man on the run…”), ich sagte – Hallo (“4 a.m. in the morning”) und wurde hereingerufen (“but she couldn’t find how to push through”), das Radio verstummte. Laszlo hieß mich sitzen. Dafür gab es ein braunes Ledersofamonstrum: Neben seinem dürren und zerfetzten Drehstuhl das einzige Sitzmöbel zwischen dem Papier. Laszlos alter Mac spuckte brav Susanns Mailadresse aus, Laszlos selbst schwieg und gab mir den Zettel, in dieser Hinsicht war Verlaß auf ihn.
Ich fragte nach dem Verlag, es gab zwei Neuerscheinungen diesen Herbst, wie immer grundseltsames Zeug: “Sumpfloch”, eine zweihundertseitige finstere Tirade gegen Berlin und alle damit verbundenen Lifestyle-Mythen. Und eine phantastische Erzählung namens “Empfänger der Sterne” in der Tradition der Phantasten des 19. Jahrhunderts, von einem greisen Debütanten, der “entweder ein Nazi oder ein undurchschaubarer Schelm, oder, wie zu befürchten steht, beides” war. Die Edition Tentakel fand Käufer für so etwas. Laszlos Autoren waren Punks, Ex-Punks, seltsame alte Käuze und Vertreter von kleiner Subkulturen, die so abwegig waren, daß sie sich seit Jahrzehnten der Entübelung widersetzen konnten. Ab und zu waren wirkliche Treffer darunter. Vor zwei Jahren hatte Laszlo die Bekenntnisse einer Art Callboy veröffentlicht. Der Mann konnte schreiben, die Sache sprach sich herum, und als die Tentakel-Auflage weg war, verkaufte Laszlo die Rechte an einen richtigen Publikumsverlag und konnte seine Mietrückstände zurückzahlen und seinen Vorrat an schlichten grauen Wollschals aufstocken, die er sporenartig in Kneipen, Bussen, fremden Wohnungen und Arbeitsräumen, also kurzerhand überall, klaglos und resigniert verlor oder vergaß.

Protokoll | link | 7. September 2006

Drei selbstauferlegte Schweigetage später verschickte ich die erste Mail; wir trafen uns im Foyer der Volksbühne. Ursprünglich wollten wir ein Mathaler-Stück sehen, das ich schon kannte, aber wir gestanden uns noch im Foyer schulterzuckend ein, daß wir lieber weitergeredet hätten als zwischen den Kastenbrillen stillzusitzen, und so gaben wir den Plan zugunsten einer etwas ziellosen Suche nach der idealen Bar auf. Die ermutigendste Entdeckung des Abends war sicher, daß wir kaum aufhören konnten zu reden, und wenn, war’s in Ordnung, eine halbe Minute nachdenklich in den Kakao zu schauen. Mit einigem Erstaunen stellte ich fest, daß ich eine Frau vor mir hatte, die viel Zeit damit zubrachte, in einem BMW-Cabrio durch Europa zu fahren und Freunde zu besuchen, ohne dabei blöd zu sein und den belanglosen unschuldigen Unsinn zu reden, den reiche Jurastudentinnen normalerweise von sich geben. Etwas todesmutig deutete ich meine Vorurteile an, aber sie hatte nicht mehr als ein kehliges Lachen für die Tusschen, stimmte mir zu und sagte etwas, das mit jungem Geld zu tun hatte. Weitere Themen des Abends: Ein gutmenschiger, aber ungeheuer liebenswerter französischer Dokumentarfilm, den wir beide auf arte gesehen hatten, Laszlos Verlag und was er mit Tentakeln zu tun hatte, Monkey Island, die Scheußlichkeit von Flip-Flops (eine wichtige Übereinstimmung, notiere ich), ihre Eltern, meine Eltern, Salem, Kracht, gotische (ich) versus romanische (sie) Kirchen, nordisch klotzige Wehrkirchen (ich) gegen mediterrane Basiliken (sie), Rom, Florenz, eine alte, traurige Liebesgeschichte, die in Florenz passiert war (mir), eine alte, auch traurige Liebesgeschichte, die sich in Lindau abgespielt hatte (ihr). Max Frisch und das lachsfarbene Stoffbündel, Max Frisch überhaupt (mein Thema, langer, begeisterter Vortrag). Kafka. Daß Goethe zwar zu Tode verehrt wurde, aber eigentlich doch ein Heilsbringer war. Daß die Deutschen vom Löffel Goethe am Tag leider doch nicht gesund werden. Dann ein harter Themen- und Lokalwechsel. Ihre Gleichgültigkeit gegenüber Dingen und Menschen, die ich abgrundtief hasste. Musik. Meine völlige Inkompetenz, ihr nachlässig betriebenes Klavierspiel, für das sie ihren Eltern trotzdem dankbar war. (Überraschung, dachte ich.) Gemeinsame Vorlieben im U-Sektor: Moloko. Sogar Sigur Rós. Eine Frau, die anständige Musik hörte, eine Frau, der ich gerne zuhörte. Selten. Mit Nick Cave allerdings konnte sie nichts anfangen, bei Björk waren wur uns wieder einig: Toll, eigentlich, aber wie seltsam war das neue Zeug bloß? Obwohl ich schon wusste, daß sie eine klassische Ausbildung gehabt hatte, überraschte mich die sachkundige Leichtigkeit, mit der sie Musik zerlegte und mir erklärte, wovon ich nichts verstand. Ich gewöhnte mich langsam an den Gedanken, daß sie nicht nur gut aussah, sondern ziemlich brilliant war. Nach ein paar Gläsern Wein sagte ich ihr, daß ich mich daran gewöhnte. Es blieb das einzige offene Kompliment des Abends, sie nahm’s geschmeichelt hin. Zum Abschied, um halb drei, gab sie mir eine Porzellanhand und lächelte (sie lächelte), als sie in den Nachtbus stieg. Ich ging zu Fuß, nahm den Umweg durch den stockfinsteren Mauerpark, setzte mich auf eine Schaukel und schaukelte, daß es knirschte im Gebälk und wackelte. Das wär ja was, sagte ich mir. Das wär ja was. Das klappt doch nie, das kann nicht klappen. Typen wie du haben kein solches Glück. Eine wilde dunkle Bö vertrieb mich schließlich von der Schaukel, und flatternden Hemdes floh ich nach Hause.

Protokoll | link | 8. September 2006

Ungefähr an dieser Stelle meiner Erzählung holte ich meinen Hut und verließ den General, weil es spät geworden war. Eine Weile überlegte ich, ob ich zu Fuß gehen sollte, nahm dann aber doch ein Taxi. Ich wohnte damals noch nicht in meiner Wohnung im Backsteinviertel, sondern in einer Art Auffanglager. Die Flüchtlinge dort kamen allerdings nicht her, wo ich herkam, und wir hatten uns wenig zu sagen. Die meisten sprachen ohnehin nur spanisch, das ich zwar notdürftig verstand, aber nicht sinnvoll sprechen konnte. Sie zogen auch in rascher Folge ein und wieder aus, man hätte sich, selbst wenn man des Spanischen ausreichend mächtig gewesen wäre, nicht anfreunden können. Bei einem der Ausflüge mit dem General fuhren wir stundenlang durch Gebiete, in denen ausschließlich Spanisch gesprochen wurde, keine fünfzig Kilometer von der Provinzhauptstadt entfernt – vermutlich waren meine fliehenden Südamerikaner auf der durchreise Weg dorthin. Sie kamen aus den nördlichen Randgebieten, wo es gerüchteweise nicht gerade sicher war, offenbar hatte es einen richtigen Grenzkrieg gegeben, aber ich musste mich auf das verlassen, was ich aufschnappte. Wie sich das Imperium in Gebiete erstrecken konnte, aus denen Südamerikaner, doch offenbar über Land, nach Fredenau fliehen konnten, blieb mir ein Rätsel. Die Geographie meiner neuen Heimat war mir damals dunkel und ist es noch heute (Karten gibt es keine). Fredenau übrigens, die Stadt, in der ich nach meiner Ankunft untergebracht wurde und wo ich noch heute, in der Backsteinwohnung, lebe, ist “Verwaltungssitz für die Provinz Fredenau-Frede-Land” und eins der wenigen großen deutschsprachigen Zentren im Imperium. Langweilig, sagen die, die die Hauptstadt kennen, aber mir ist’s fürs Erste aufregend genug.

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Während ich schreibe, brodelt und pfeift es um mich her gewaltig. Die rege Bewegung in den Rohren stört mich nicht; eher, so scheint es, beruhigt sie mich: Warmes Wasser überall; jemand heizt, alles hat seine Ordnung, ein kompliziertes Netz, fein eingestellt von irgendwem zu irgendeinem Zweck. Ich vermute eine Heizung für das Schwimmbecken, dessen Reflexionen ich an meiner Badezimmerdecke beobachten kann. Ein Rätsel bleibt, was dort oben gewaschen werden mag, ein öffentliches Schwimmbad ist es jedenfalls nicht, oder: Es ist eins ohne Eingang. Ich bin neugierig, das ist nicht gut. Ich bin ein wenig arg wissbegierig, man gibt mir das zu verstehen. Das Imperium, soviel habe ich schließen können, mag keinen Forschergeist. Der Fortschritt ist abgeschafft. Der General war nie besonders gesprächig bei diesem Thema. Offenbar gibt es auch hier Universitäten, aber Naturwissenschaften, wie wir sie kennen, werden nicht betrieben. Auf die Frage, wie das Imperium gegen seine Feinde bestehen kann, wenn es nicht forscht, antwortet der General enigmatisch: Das Imperium ist total, es hat nur innere Feinde. Diese jungen Leute haben heiße Herzen, und heiße Herzen denken bekanntlich schlecht. Sie forschen nicht, sie kämpfen. Wie ein Imperium, das Grenzstreitigkeiten hat, total sein kann, verrät der General nicht, aber über die Grenzen und was dort passiert, redet ohnehin niemand. Jedenfalls gibt es keine Forschung. Es ist nicht so, daß, wer zu neugierig ist, von einer Geheimpolizei abgeholt wird. Möglicherweise ist die Geheimpolizei auch einfach geheim genug – jedenfalls: Offenbar fehlt dieser sehr spezielle Menschentypus “Wissenschaftler” hier. Intelligente junge Menschen werden Ingenieure — ich habe nie so beeindruckende Ingenieursleistungen — oder Militärs. Niemand kommt auch nur auf die Idee, ein Labor zu bauen und bunte Sachen zusammenzuschütten. Oder toten Fröschen Strom durch die Schenkel zu schicken. Vielleicht ist es doch kein Zufall, daß sich ein ranghoher Militär um mich Neuankömmling aus den Tiefebbefrostgebieten kümmert. Wir Neuankömmlinge sind nützlich, weil wir die andere Seite kennen und viel zu erzählen haben, aber wir bringen gefährliche Neigungen mit.

Protokoll | link | 9. September 2006

Zwei Tage später besuchte ich den General wieder. Ich hatte damals noch ziemliche Schwierigkeiten, mich mit der Tatsache abzufinden, daß die Straßen voller Pferde, Droschken und Dreck waren. Mit Pferden konnte ich noch nie: Groß, kraftvoll, schnell und anscheinend intelligent, aber nicht zu schriftlicher Kommunikation in der Lage. So etwas beunruhigt mich. Mir ist es egal, daß Delphine möglicherweise doppelt so schlau sind wie wir (oder wie auch immer), denn Delphinen begegnet man ja selten und aus dem Wasser kommen sie ohnehin nicht raus. Pferde sind unangenehmer.
Offenbar wusste der General aber, was Automobile waren. Ich wollte von ihm wissen, ob das sein Spezialwissen sei, weil er schon öfter Leute aus meiner Heimat unter seinen Fittichen hatte. Aber nein: Es habe sogar eine Zeit gegeben, in denen Autos benutzt worden seien und es gebe immer noch eine ganze Menge maschinengetriebener Fahrzeuge vor allem für militärische Zwecke. Aber, und er lachte, wer jemals ein Regiment Dragoner befehligt habe, habe keine Zweifel mehr daran, daß das Automobil eine vorübergehende Erscheinung sein müsse und dem Pferd unterlegen. (Ich verkniff mir die Hinweise auf den Kaiser im ersten und die Polnische Reiterei im zweiten Weltkrieg — davon konnte der General ohnehin nichts wissen.)

Törichter Knabe. Manchmal denke ich, er hat gar nichts verstanden. (Der Hrsg.)

Protokoll | link | 10. September 2006

Jedenfalls: Offenbar war das Automobil aufgetaucht, hatte ein paar Jahre als modische Erscheinung herumgespukt und war als zu teuer, zu unpraktisch und zu hässlich wieder verschwunden. Es war nie verboten worden, man konnte auch noch welche mieten, und ab und an fuhren Leute, die bei uns wohl nach Las Vegas geflogen wären, mit einem Auto zum Traualtar. Der General machte sich über meine Automobilfixiertheit lustig, schüttelte den Kopf, goß Tee ein und ließ mich weitererzählen von meinen letzten Wochen in den Tiefebbefrostgebieten.

Protokoll | link | 11. September 2006

Mein Zustand hing damals wesentlich von der Uhrzeit ab. Morgens war ich nur sanft vernarrt in Susann und die Welt und alles, im Lauf des Tages wurde es schlimmer. Gelegentliche Träume, in denen sie vorkam, meist allerdings nur als vage Figur, versuchte ich stundenlang durch Stillliegen und Dösen festzuhalten, spätestens im Badewasser lösten sie sich dann auf in ein wohliges Da-war-doch-was und eine wolkige Überzeugung, daß die Welt eigentlich in Ordnung sei. Den Vormittag konnte ich im Allgemeinen trotzdem fast verbringen wie eh, arbeitend oder lesend also, aber mit dem Mittagshunger des Bohemien zusammen nahm das Gefühl zu, etwas unternehmen und ihr nähertreten zu müssen. Jedesmal wieder erlag ich der irrigen Annahme, nur etwas essen zu müssen, um mich wieder normal zu fühlen und das quälende Drängen im Magen los zu werden, jedes mal wieder stellte ich fest, daß Herr von Westphalen wohl recht hatte: Wer wirklich Sehnsucht hat, verzehrt sich selbst. Kaum hatte ich also meinen Teller weggestellt, bemächtigte sich meiner wieder ein Sehnen, gegen das wahrhaftig kein Mittel mehr half: Essen nicht und auch kein Sport, weder gefangenes Panthern, noch das sinnlose Berühren von Büchern, abschnittsweises Lesen, ab und zu ein Faustschlag ins Gesicht eines Kissens, nichts. Ich lauerte am Notebook, und obwohl ich wußte, daß sich eine Mail durch ein Pling-Geräusch verraten hätte, konnte ich mich nicht zwingen, die Überwachung der Maschine auch nur für eine Weile zu unterlassen. Dabei war Susann damals noch nicht viel mehr als ein aufgeregtes Interesse. Eigentlich eine Hoffnung. Ich empfand keine Eifersucht bei dem Gedanken, daß sie gerade Dinge täte, von denen ich nichts wußte, ich malte mir keine gemeinsame Zukunft aus, nichts dergleichen. Nur ihren Namen flüsterte ich manchmal probeweise, und, mich ertappend, fügte ich lauter hinzu: Da hast du ja was angerichtet. Denn dies immerhin stand fest: Mir war etwas zugestoßen, jetzt musste ich etwas richtig oder falsch machen, ich konnte mich nicht drücken, ich konnte mich nicht herausreden, es würde in den nächsten Wochen interessant werden, oder nicht, aber in keinem Fall würde ich mir hinterher denken können: Na war doch von Anfang an klar. Fiebrig umschlich ich das Telefon und versuchte herauszufinden, was das richtige sei: Anzurufen oder nicht, was würde sie mögen, echte scheue Zurückhaltung oder falsches Draufgängertum, und falls sie die Zurückhaltung vorzöge, wie um alles in der Welt sollte sie davon erfahren?
Eingesperrt kreiste ich und fasste Bücher an, machte die Küche sauber, um dem Nachmittag einen Sinn zu geben und wälzte das Telefonproblem. Ein Gedanke rief mich dabei zur Disziplin: “Wenn es ebensoviele Argumente für das Telefonat wie dagegen gibt: Würfle!” — und ich wußte, daß ich nicht würfeln durfte. Denn ich würde das Ergebnis nicht mögen, egal wie es ausfiele, und hätte mein Problem verdoppelt: Zur Sachfrage käme der Kampf mit mir selbst, denn der Schiedsspruch eines Würfels muß binden, andernfalls der Würfler ja den letzten Rest der Illusion verliert, Herr im eigenen Hirn zu sein.
Nachts, ohne angerufen zu haben und so spät, daß keine Gefahr bestand, es noch tun zu müssen, erlaubte ich mir das Eingeständnis meines Zustands und entwarf mit zitternden Händen Skizzen von Gesprächen, die wir führen könnten; ich spielte blindes Konversationsschach. Zwei oder drei mal machte ich wirklich beinah Sachen, die Mut erfordert hätten, aber Telefonhörer sind seltsame Dinger, wenn man sie sich erst genau anschaut.

Protokoll | link | 12. September 2006

Sind Sie, fragte mich der General einmal, jemals böse gewesen, sind Sie zu einer Lust an der Vernichtung fähig? Und beantwortete die Frage gleich: Sind Sie nicht. Sie waren gedankenlos, Sie waren dumm, Sie haben Menschen weh getan. Aber böse, das kriegen Sie nicht hin. Das konnten Sie nicht, schon lange nicht mehr.

Ein solches Gespräch hat nie stattgefunden (Der Hrsg.)

Protokoll | link | 13. September 2006

In den folgenden Wochen las ich anfallartig und ungeduldig in der Literaturgeschichte herum, griff mir mal hier, mal da unruhig einen Band aus dem Regal unter dem Fensterbrett oder vom Stapel zwischen Fenster und Sofa, Kleist (Penthesilea), Schmidt (Seelandschaft) oder mysteriöse Kleinigkeiten von Borges, las ein paar Seiten, blätterte und schaute beim Notebook vorbei (eine Mail? eine Mail?), ging, einen Finger zwischen den Seiten, eine Tafel Schokolade holen oder Wasser, las wieder einige Seiten, blätterte, ging pinkeln und beunruhigte mich mit der Beobachtung, daß ich mir das angewöhnte: Aufs Klo zu gehen, um mich sicher sinnvoll zu beschäftigen. Ich hörte Berlioz in einer Lautstärke, die meine Nachbarn so verunsicherte, daß sie sich nie darüber beschwerten, und wenn das Paukengewitter aux champs von ferne rumpelte und an Macht gewann, dann wollte ich das als Zeichen verstanden haben.

Protokoll | link | 

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Tafel I

Material | link | 14. September 2006

Das Aggregat fand ich beim Abwasch. Abwaschen ist ja eine Tätigkeit, die man gern verrichtet, wenn man sich vor richtiger Arbeit drückt, und ich drückte mich damals. Vor allem Nachmittags konnte ich nur Dinge tun, die so anspruchslos waren, daß meiner Phantasie genügend Kapazität blieb. Im Spülbecken klapperte also unsichtbares Metall, und als ich das Aggregat fand, fischte ich gerade Besteck aus dem Schaum und versuchte, die Messer zuerst zu erwischen. Statt eines Messers bekam ich einen schweren Kaffeelöffel aus dem bäuerlichen Haushalt meiner Großmutter zu fassen. Übermütig, es schaute ja keiner zu, wagte ich ein Kunststück, gab dem glitschigen Ding eine Drehung mit und warf es von der Rechten in die Linke. Nur griff ich daneben, der Löffel sprang weiter und bevor ich zufassen konnte, flog er in einem wirbelnden Bogen durch die Küche und ließ sich, gemütlich, mit einem dumpfen “Donk” unter dem Fenster an der senkrechten, glatten Wand nieder. Von dort pflückte ich ihn ab und brauchte den ganzen Weg zur Schublade, um ein lautstarkes -Höh? vorzubereiten.

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Keine uninteressante Frage: Wieso waren meine Küchenwände so stark magnetisch, daß sie herumschwirrende Löffel fangen konnten? Eine kurze Untersuchung ergab, daß es unter dem Küchenfenster, wie in vielen Berliner Altbauwohnungen, wohl einmal einen Schrank gegeben haben mußte – nur war vor langer Zeit eine dünne Platte vorgesetzt worden. Ich konnte den Ansatz unter mehreren Schichten Farbe, Tapete und Rauhfaser gerade noch ertasten. Für einen Moment überlegte ich, ob ich fertig abwaschen sollte oder lieber an der Küchenwand herumsägen. Von Geheimnissen in der eigenen Küche träumen kleine Jungs, vom Abwasch nicht. Ich holte also ein Teppichmesser, ein paar Schraubenzieher und einen Hammer aus dem Keller. Die Tapete fein säuberlich rundherum abzuschneiden richtete zwar kaum Schaden an, nützte aber auch nichts: Das ekle alte Zeug klebte auf der Platte drauf, und ich musste eine ziemliche Zupferei durchstehen, bis ich die Kante soweit freigelegt hatte, um mit einem Schraubenzieher zwischenzustemmen. Es knirschten ein paar Nägel heraus, und nach einigem Rütteln und Stemmen hatte ich das dünne Brett in der Hand und die Hälfte einer Schranktür vor mir. (Die andere war weg.) Ein dunkles, übelriechendes Loch hatte ich fabriziert in meiner Küche. Vorsichtig linste ich hinein, aber der Gestank dämpfte meine Abenteuerlust erheblich, und ich schalt mich für den Unsinn — schließlich hängen die Leute normalerweise in Altbauten ihre Decken aus guten Gründen ab, und wenn jemand wertvollen Stauraum zunagelt, dann vermutlich doch deswegen, weil dort der Schimmel schlarafft. Trotzdem hoffte ich wenigstens auf einen großen, rot und blau bemalten Hufeisenmagneten oder einen alten Motor oder was sonst so kräftig magnetisch sein mochte, einen Kaffeelöffel (und meine Schraubenzieher) durch eine Gipspappe festzuhalten. Was ich beim Herumleuchten in dem muffigen Loch fand, konnte ich allerdings nicht zuordnen. Ich nannte das Ding erst einmal “Magnetkugel”, denn es war offenbar eine Kugel und offenbar magnetisch.

Protokoll | link | 15. September 2006

Eine Kugel mit vierzig Zentimetern Durchmesser aus narbigem, dunklem Material auf einem ringförmigen Sockel, zusammengesetzt aus zwei Halbkugeln mit deutlich sichtbarem Nahtäquator. Ich versuchte, sie zu mir her zu ziehen, aber die Kugel war schwer und hing fest – an einem Kabel, das, textilisoliert, im Dunkel oder in der Wand verschwand. Ich fingerte ihm hinterher in dem stinkenden Loch, und mir fiel auf, wie sehr meine Hände zitterten. Was auch immer es war, es war ein seltsames Ding. Eine Bombe. Unsinn. Niemand versteckt jahrzehntelang eine Bombe in einer Küche im Prenzlauer Berg. Vielleicht sollte sie da allerdings nicht jahrzehntelang bleiben. Ein Blindgänger? Eine Mine, von einem tätowierten Seemann als Trophäe nach Berlin verschleppt. Unsinn. Und wer sagte mir überhaupt, wie alt das Ding war. Und wer schloß eine nicht explodierte Mine mit Kabeln an. Woran eigentlich? Ich zog ein wenig am umflochtenen Kabel und es gab ein Stück nach, in der Wand raschelte und rieselte es bedenklich. Es rieselte auch noch, als ich längst nichts mehr machte, und es rieselte schräg aufwärts, so schien mir. (Ratten? Auch das noch.) Dann kam ich auf die Idee, mich aus dem Küchenfenster in den Innenhof zu hängen und die bröckelige Aussenseite der Mauer zu untersuchen. Unten war nichts zu sehen, aber direkt über meinem Fenster kam ein Kabel aus der Wand und war etwas weiter oben, ohne jede Isolierung, mit einem Blitzableiter zusammengerostet. Seltsam genug, daß es an dieser Stelle diesen Blitzableiter gab. Noch seltsamer, daß er keine Blitze ableitete: Zwei Meter über meinem Fenster endete er einfach. Seltsam auch, daß das keinem aufgefallen war, oder nein. Das war nicht seltsam. Um Leute, die darüber nachdenken, wo die Kabel in schrabbeligen Mietshaus-Innenhöfen hinführen, muß man sich Sorgen machen, nicht die anderen, jedenfalls nicht die anderen. Jedenfalls hatte ich hier eine magnetische Kugel, die vermutlich einmal an einen Blitzableiter angeschlossen war.

Protokoll | link | 16. September 2006

Ich musste jemanden anrufen. Etienne. Laszlo? (Die Polizei und Susann schieden aus.) Laszlo. Ich erzählte ihm, daß ich eine fantastische Frankenstein-Maschine in der Küche hätte. Er sagte mit Loriot-Intonation: – Ach was? und war eine halbe Stunde später da. Währenddessen hatte ich einen kleinen Spiegel gesucht, gefunden und beäugte jetzt die Rückseite der Kugel. Laszlo hockte sich, kaum eingelassen, neben mich, strubbelte die herausgewachsene Frisur über die Ohren und äugte mit. Er sagte noch zweimal – Ach was, jedesmal weniger zweifelnd und etwas begeisterter. Schließlich erfühlte er auf der Rückseite des Dings einige Zeichen, die mit dem Spiegel partout nicht zu lesen waren. Das Kabel war zu kurz, so daß wir die Kugel nicht umdrehen konnten, und also schnitten wir’s kurzerhand durch. Das Zeichen auf der unteren Hälfte war ein Mondsymbol, eine halbe Sichel mit Gesicht, auf der oberen Hälfte war ein Kreis mit Punkt in der Mitte. Ich murmelte was von Indiana Jones, Laszlo schüttelte den Kopf, sagte nur – Wild. und holte das Telefon. (Der General kriegte sich kaum ein vor Lachen. Er wollte wissen, wer Indiana Jones war, und ich erklärte es ihm. – Na, es fängt ja bei allen anders an, sagte er, aber das hier ist ein starkes Stück, Herr Jones, das verspricht ja spaßig zu werden, erzählen Sie weiter, erzählen Sie weiter.)

Protokoll | link | 17. September 2006

Laszlo rief einen seiner Autoren an, einen Herrn Wernitz, den Autor von “Empfänger der Sterne”. In dieser bereits erwähnten Erzählung ging es, nach allem was ich weiß, um einen obskuren keltischen Kult. Ich bin nicht mehr dazu gekommen, das zu lesen, aber nach allem, was Laszlo erzählt hat, handelt es sich um eine wilde Geschichte, in der ein junger und etwas zu neugieriger Mönch auf ein Buch aus dem siebzehnten Jahrhundert stößt, das die Geheimnisse “menhirischer Macht” enthüllt, und ausgestattet mit diesem Wissen führt der eitle und fortan abtrünnige Mönch im Zeichen einer katholisch-paganischen Bastardreligion einen jahrzehntelangen und extrem grausamen zweiten Reformationskampf, in dem er die katholische Kirche an den Rand des Zusammenbruchs bringt. (Laszlo erzählte immer nur begeistert von dem Buch: – Ein Glückstreffer, der Alte spinnt restlos, aber das Ding ist großartig, geschickt zusammengeflickt und voller historischer Details, die man tatsächlich nachrecherchieren kann. Laszlos Geschmack war schon immer etwas exzentrisch. Jedenfalls war die Beschlagenheit des alten Mannes offenbar beeindruckend, wenn es um heidnische Symbolik ging, und deswegen rief er den alten Wernitz jetzt an. Der eilte tatsächlich sofort aus dem Wedding herbei. Es war schon spät, als er klingelte. Er war ein hagerers altes Männlein, schwitzte aber trotzdem furchtbar. Etwas über siebzig vielleicht, aber schwer zu schätzen. Seine Hand zitterte, als er sie mir gab, obwohl er sich sehr bemühte, den schneidigen Fachmann zu spielen mit seinem – Na, dann woll’n wer uns mal anschaun was sie da haben, junger Herr. Als er sich vor mein Küchenfenster kniete, tropfte ihm der Schweiß aus den Haaren. Er hatte da was drin, das heute niemand mehr an Haare tut, sie blieben trotz Schweiß in Form und sahen aus wie plattgefahrener dreckiger Schnee. Er brauchte keine Minute, in der er auch nichts weiter tat, als die Kugel zu betasten und rundherum anzuschauen, dann richtete er sich knackend auf und bot mir an, das “olle Ding” zu entsorgen. Das war lächerlich, und er merkte auch gleich, daß er nur seine Gier verraten hatte mit diesem Versuch.

Protokoll | link | 18. September 2006

Er behauptete, es handle sich tatsächlich um einen Sprengkörper aus dem zweiten Weltkrieg, und er müsse entsorgt werden. Laszlo meinte, dann werde er wohl die Polizei anrufen, und es kam fast zu einem Handgemenge zwischen Wernitz und seinem Verleger vor dem Telefon. Wernitz wurde unruhig und wütend. Klar war, daß er uns die Kugel jetzt nicht mehr würde abluchsen können. Er bot am Ende Geld an, und gar nicht wenig. Aber er war in einer denkbar schlechten Position. Schließlich fing er an zu drohen, stieß ein paar Flüche aus, beruhigte sich, setzte sich an den Küchentisch und erklärte uns in nüchternen Worten, daß wir es hier mit etwas zu tun hätten, wovon wir nichts verstünden. Dieses Ding sei gefährlich, es stürben Leute wegen solcher Sachen. Und daß wir wirklich besser daran täten, es in seine Hände zu geben, jede weitere Information sei gefährlich für uns. Er und seine Vorgesetzten würden sich darum kümmern, daß wir ungefährdet aus dieser Situation herauskämen. Einen Augenblick wirkte der irre Ernst in seinen Augen fast überzeugend. Aber es war zu B-Movie. Ich schaute Laszlo an, er mich, und wir schafften den Alten aus der Wohnung, wir mussten ihn durchaus fast schubsen dabei. – Die Frage ist jetzt, fragte ich, als wir ihn draussen hatten, wie knülle dieser Mensch wirklich ist.

Protokoll | link | 19. September 2006

Die Kugel blieb, wo sie war. Laszlo und ich fingen natürlich an zu lesen, um herauszufinden, was es damit auf sich haben könnte. Es musste etwas geben, was alte Männer über magnetische Kugeln wussten und junge nicht. Das würde doch wohl herauszufinden sein. Allerdings gab es wenige Anhaltspunkte — eigentlich nur den Mond und den Kreis (vermutlich ja wohl die Sonne). Sonne und Mond, das kann alles bedeuten. Es war schwierig. Ich verbrachte Stunden im Netz, aber nur Mond und Sonne sind als Suchbegriffe sehr mager. Nach Stunden auf langweiligen Standard-Esoterik-Seiten fiel mir ein, ein paar eigenwilligere Beschreibungen meines Fundstücks als Suchbegriffe zu verwenden. Leider war über magnetische Kugeln aber nicht viel herauszufinden. Beziehungsweise alles. Magnetische Kugeln beschäftigen offenbar eine spezielle Sorte Menschen. Ich fand sehr viele, meist zu bunte, Seiten über Erdmagnetfelder, Mesmerismus, Sonnenflecken (aha?) und Nikola Tesla.

Protokoll | link | 20. September 2006

Ich hatte eine seltsame Zeit. Am seltsamsten waren die Tage, an denen eine Mail von Susann kam. Meist ahnte ich es voraus, denn sie ließ mich ein wenig warten, geschickt, aber durchschaubar — oder redete ich mir das ein? Vermutlich, vielleicht. Maß sie mir genug Bedeutung zu, um auf so etwas zu achten? Ich wusste es nicht. Kam die Mail, enthielt sie Belanglosigkeiten und Terminvorschläge; ich prüfte jedes Wort auf Zeichen, und jede ihrer Andeutungen provozierte hektische Aktivität, einmal erwähnte sie den Plan, Tanzen zu gehen und daß ihre Begleitung abgesagt habe, ich grübelte mich fast um den Verstand beim Versuch, herauszufinden, ob ich ihr meine Begleitung antragen solle oder nicht — war das aufdringlich, wäre Gelassenheit besser, erwartet sie gar, daß ich fragte, warum sonst erwähnte Sie die Sache; aber vielleicht verrannte ich mich da; das tat ich sicher, überhaupt, wäre der Versuch, gemeinsam ausgerechnet Tanzen zu gehen, nicht möglicherweise gefährlich? Jedenfalls bereitete ich mich vor, als stünde fest, daß ich mitginge, verwendete dann aber in der Antwortmail nur eine Formulierung zaghaft allgemeinen Interesses, um alles offen zu lassen und hielt den Kompromiss auch noch für geglückt. Ich hörte an diesem Tag nicht mehr von ihr. Diese Zeit, wenn man sich noch nicht richtig kennt und nicht einschätzen kann, man überschätzt das, eigentlich ist es furchtbar. Immerhin aufregend.
Meine eigenen Mails, manchmal mehrfach zwischen dem Entwurfsordner und dem für den Versand hin- und herbewegt, wollten ungeduldig von der Leine, sorgfältig aufgebaut um kleine, vorsichtige Liebenswürdigkeiten, aber, um Gottes Willen, nicht zu deutlich. Ich hielt mich zurück, denn wie abschreckend sah das denn aus, wenn ich jede Mail innerhalb von Minuten beantwortete, als täte ich nichts anderes, als auf ihre Mails zu warten. Ich tat nichts anderes, als auf ihre Mails zu warteb, tagelang wartete ich auf ein paar Zeilen, bei jeder plingenden Spambotschaft sprang ich auf und löschte dann fluchend.

Protokoll | link | 21. September 2006

Weil ich nichts zu tun hatte, außer im Netz auf obskuren Esoterikerseiten nach Hinweisen auf meine Kugel zu suchen, machte ich ausgiebig genau das. Das war weich und einfach genug. Ich war einfach verloren und konnte mir die Hoffnungen nicht mehr ausreden. Zwei Tage nach Entdeckung der Kugel bekam ich einen Brief von Wernitz. Ich habe ihn heute natürlich nicht mehr, viel stand auch nicht drin. Interessant daran war, daß er behauptete, der Sohn eines Verlegers zu sein, der seinerzeit Bücher gedruckt habe, die “sich mit der Sache befassten”. Er wisse eine Menge gefährlicher Dinge, es sei aber für alle besser, wenn ich ihm die Kugel einfach gäbe, er würde sich durchaus angemessen erkenntlich zeigen. Selbstverständlich reagierte ich nicht. Seine Geschichte schien immerhin möglich. Ich recherchierte in mehreren Katalogen: Es hatte in Berlin einen Verlag Emil Wernitz gegeben, der aber vorwiegend Musikalia veröffentlicht zu haben schien. Weitere zwei Tage später stießen Laszlo und ich beinahe gleichzeitig auf die Vril-Gesellschaft, er durch Herumfragen in seltsamen Neo-Heiden-Kreisen, ich im Netz. Auf Seiten, die ästhetisch unverkennbar nazi waren, strafrechtlich aber irrelevant und inhaltlich bizarr. Ich fand Erstaunliches. Entweder trieben da ein paar intellektuelle Faschisten ein lustiges postmodernes Spiel, das so ausgeklügelt schlau und verwoben war, daß das primitive Glatzenpack kaum etwas davon mitbekommen konnte, oder eine Menge Leute ware einfach nicht bei Trost. Ich vermute, daß sich die beiden Möglichkeiten gar nicht ausschließen. Die Vril-Gesellschaft jedenfalls war, so stand zu lesen, eine Geheimgesellschaft im Berlin der 30er Jahre, der auch Hitler angehört habe. Die Gesellschaft arbeitete an der Urbarmachung einer geheimnisvollen Energieform namens Vril. Eine ganze Traditionslinie des braunen Okkultismus behauptet, die Nazis hätten Erfolg gehabt damit und betrieben noch heute eine Basis in der Antarktis, von wo aus sie mit UFOs eine Rückkehr an die Macht vorbereiteten. Tatsächlich: UFOs, die “Reichsflugscheibenmacht”. Bei diesem Begriff verschwammen dann die Grenzen zwischen komisch gemeintem Unsinn und den Machwerken von spinnerten Paranoiden endgültig. Der Mythos jedenfalls war der: Hitler kam 1945 aus Berlin heraus, sowjetische Informationen aus der Zeit deuten angeblich darauf hin. Er floh per U-Boot über Norwegen zuerst nach Argentinien, dann nach Queen-Maude-Land, wohin die Nazis schon 1938 eine Expedition geschickt hatten. Mit ihm floh die okkulte Elite des Reiches, Ingenieure und eben die Mitglieder der Vril-Gesellschaft, weil diese das Geheimnis der Nullpunktenergie kannten. Zwei U-Boote, U-530 und U-977, um genau zu sein, die erst sehr spät, im Juli und August des Jahres 1945 in Argentinien kapitulierten, wurden als Indizien dafür angeführt, daß es nach Kriegsende eine verdeckte Operation im tiefen Süden gegeben habe — bei beiden U-Booten war nie herauszufinden, wo sie sich, seit sie Norwegen am 2. Mai verlassen hatten, eigentlich herumgetrieben hatten. Auch respektable Presse berichtete offenbar in der unmittelbaren Nachkriegszeit von diesen Dingen als durchaus wahrscheinlich, und 1946 gab es eine internationale Antarktis-Expedition, die ungewöhnlich stark bewaffnet war, tausende Menschen, amphibische Panzer, Flugzeuge, kurzum: Ein Kriegszug eigentlich. Offenbar verlor die Expedition auf mysteriöse Weise einige Flugzeuge und wurde abgebrochen, weil nicht zu greifende Feinde ein Eindringen in die Polarregion verhinderten. Diese wilde Geschichte war, so fand ich heraus, in den sechziger Jahren bekannt geworden, nach der Veröffentlichung eines unverschämt oft verkauften Buches namens “Le matin des magiciens” von zwei windigen Franzosen. Ich brauchte ein paar Tage, bis ich ein von Feuchtigkeit gewelltes französisches Original aufgetrieben hatte, das ich mit halsbrecherischer Begeisterung las. Man kann die Wirkmacht und also Bedeutung dieses Werks gar nicht überschätzen.

Leser in den Tiefebbefrostgebieten sind aufgefordert, ihre Suchmaschinen zu bemühen und die Pfade der dortigen Lexikonwahrheiten versuchsweise zu verlassen. Über Faktizität wird noch zu reden sein, die genannten kulturellen Untergrundströmungen werden vom Autor jedenfalls als entschieden real beschrieben. Der Hrsg.

Protokoll | link | 22. September 2006

Notre civilisation humaniste repose elle-même sur un mystère. Le mystère est que tous les idées, chez nous, coexistent et que la conaissance apportée par une idée finit par profiter à l’idée contraire. En outre, dans notre civilisation, tout contribue à faire comprendre à l’esprit que l’esprit n’est pas tout. Une inconsciente conspiration des pouvoirs matériels réduit les risques, maintient l’esprit dans des limites où la fierté n’est pas exclue mais où l’ambition se modère d’un peu “d’à quoi bon”. Mais, comme l’a bien vu Musil: “Il suffirait qu’on prît vraiment au sérieux l’une quelconque des idées qui influencent notre vie, de telle sorte qu’il ne subsiste absolument rien de son contraire, pour que notre civilistation ne fût plus notre civilisation.” C’est ce qui s’est produit en Allemagne, tout au moins dans les hautes sphères dirigeantes du socialisme magique. (p. 395)

C’est le petit homme du “monde libre”, l’ habitant de Moscou, de Boston, de Limoges ou de Liège, le petit homme positif, rationaliste, plus moraliste que religieux, dépourvu du sens métaphysique, sans appétit pour le phantastique, celui que Zarathoustra tient pour un homme-semblant, une caricature, c’est ce petit homme sorti de la cuisse de M. Homais, qui va anéatir la grande armée destinée à ouvrir la voie au surhomme, à l’homme-dieu, maître des éléments, des climats et des étoiles. (p. 410)

Louis Pauwels et Jaques Bergier: Le matin des magiciens. Editions Gallimard, Paris 1960

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Ich wäre versucht gewesen, die Sache als besonders kuriose paranoide Erfindung abzutun, hätte es nicht auf einer ziemlich unzugänglichen und von Google nicht geindexten Seite eine Beschreibung eines Vril-Aggregats gegeben, das äußerlich bedenklich an die Kugel in meiner Küche erinnerte. Laszlo hatte in kürzester Zeit eine der Hauptquellen für den Mythos um die Vril-Gesellschaft aufgetrieben: Einen Artikel von einem gewissen Willy Ley in dem rundherum bemerkenswerten amerikanischen Magazin “Astounding Science Fiction”. Darin hatte Ley 1947 die Existenz einer Vril-Gesellschaft in den dreissiger Jahren behauptet – und sich über die Gesellschaft und ihr pseudowissenschaftliches Treiben lustig gemacht. Ley war Deutscher, von Beruf Raketenwissenschaftler und Autor und 1935 aus Berlin in die Staaten emigriert. Nach dem Krieg arbeitete er mit von Braun im Amerikanischen Raketenprogramm; der Mann hatte seine Sinne beisammen.

Astounding Science Fiction erwies sich als eine heiße Sache: Im Vorgängermagazin, Astounding Stories, hatte H.P. Lovecraft veröffentlicht. In Astounding Science Fiction dann nicht nur Leute wie Ley, sondern auch: Asimov, Heinlein und Philipp K. Dick – jeder, der heute Rang und Namen hat, schien dort angefangen zu haben. Insbesondere aber Hubbard. Offenbar hatte das Magazin eine ausreichend begeisterungsfähige Leserschaft: Die baute sich nicht nur aus Hubbards Texten Scientology, sondern auch aus Leys Hinweisen und einigen gängigen urban myths eine eigenständige Nazi-Verschwörungsmythologie.
Mit Hilfe von Internet und der Staatsbibliothek zu Berlin hatten wir nach weiteren zwei Tagen herausgefunden, daß es nie eine Vril-Gesellschaft gegeben hat. Diejenigen, die behaupten, Hitler sei Mitglied gewesen, verwechseln sie vermutlich sträflich mit der Thule-Gesellschaft oder reden einfach nur daher. Aber: Es gab eine Gesellschaft, die 1930 in Berlin eine Broschüre namens “Vril” publiziert hat, und eine zweite namens “Weltdynamismus”. Die “Reichsarbeitsgemeinschaft Das kommende Deutschland”. Laszlo und ich lasen die beiden dünnen Bändchen im Lesesaal der Staatsbibliothek. Erstaunlich war, wie harmlos die Texte waren: Das kommende Deutschland war stark national, aber explizit pazifistisch und ohne rassistische Vorbehalte, auch Einstein wurde erwähnt ohne die (wie ich später erfahren sollte) unter nationalsozialistisch empfindenden Halbgebildeten üblichen “Judenphysik”-Ausfälle.

Protokoll | link | 23. September 2006

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Die Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße, zu der es mich damals schlaflos zog bei jedem Wetter, ist ein bemerkenswerter Ort. Nicht nur, daß die Bestände beeindruckend sind, das Gebäude selbst scheint nicht von dieser Welt und nur im Innenraum real, ein Bau von Hans Scharoun — der ja, was für mich freilich erst heute relevant und interessant ist, Mitglied von Bruno Tauts Gläserner Kette war.
In den Lesesälen sitzen hunderte von Menschen über Büchern, und über den Büchern und Köpfen tritt das Tageslich durch kugelförmige Öffnungen in viel freien Sakralraum. In der großen Halle wird geblättert, geraschelt, ab und zu geflüstert. Kein Mobiltelefon klingelt, niemand erzählt Mist, jemand raunt, ein Deckel klappt. Es liegt nicht nur an den weichen Teppichböden, daß die komplexe Geräuschkulisse in diesem Haus als heilige Stille wahrgenommen wird unter Schwingen des Verlangens. Ein Ort von Kraft und Konzentration, seiner Nachbarschaft würdig: Die Philharmonie ist gegenüber, und schräg gegenüber die Neue Nationalgalerie. Drei Tempel des Geistes, raunende Gebete der Moderne.
Ich sprach diesen Gedanken aus, als ich mit Laszlo die Potsdamer Straße entlang ging und der Wind schon unter dunklen Wolken an unseren Haaren riß. Hinter uns lagen die alten Tempel und die Eindrücke unserer Recherche, vor uns die jungen Glasfassaden der Sonybauten und die hellen Terracotten des Daimler-Areals. Laszlo zeigte auf die schroffe Sony-Wand und fragte (prophetisch): – Aus Glas, ja, aber warum eigentlich? Eine Raumkunst, Traumkunst ist’s keine. Die Utopianer sind schlaff geworden.

Material für die nächste Schicht. (Die neuen Tempel haben schon Risse.)

Beim Abstieg zur S-Bahn kündigte sich das Unwetter schon an, und als der Zug den Erdboden des Friedhofs der St.-Hedwig-Gemeinde kurz vor dem S-Bahnhof Humboldthain wieder verließ, fuhr ihm ein wuchtiger Windstoß in die Flanke. Ich erreichte meinen drückenden Hinterhof gerade bevor der erste Donner rollte. Eine wilde Bö schlug die Scheiben aus dem Badezimmerfenster meiner Nachbarn; es knallte und schickte Scherbenschauer in den Hof. Ich stand reglos und sah den Regen gegen die Schornsteine kippen, bevor er über die Ränder der Dachrinnen quoll und in unregelmäßigen Kaskaden vor den Fenstern tanzte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist eine ähnliche Situation auf dem Land, anrollender Donner und Flucht, der Geruch von schnell verdunstendem erstem Regen auf heißem Asphalt, der Geruch von frisch aus der Schale gegessenen Erbsen und kochendem Johannisbeergelee. Über den Hügeln zerwütetes Grau und Birken schütteln sich ängstlich in meine Richtung. Dann Blitze Knacken und Prasseln, das nicht zur Welt passen will: Kleine Hagelkörner schicken erst Nadelspitzen, dann größere, Schläge und Lärm. Binnen kurzem war das Geräusch betäubend und den Innenhof bedeckte spritzendes Eis. Mein Fenster knallte wütend, wenn ein besonders großes Stück einschlug, erschrocken sprang ich zurück. Eine Pause, ein neuer Ansatz; dann aber rissen die Wolken auf und die Sommersonne holte sich das Eis zurück. Innerhalb zwanzig Minuten war der Spuk vorüber; der Innenhof dampfte, als beherberge er nicht den Müll von 30 Mietparteien, sondern eine geschäftig brodelnde Wäscherei, wie man sie im Imperium häufig findet.

Protokoll | link | 24. September 2006

Wir hatten also eine ungefähre Idee, womit wir es zu tun hatten: Mit einem biodynamischen Aggregat zur Urbarmachung einer unerschöpflichen Energieform, die 1930 von einer obskuren Reichsarbeitsgemeinschaft angeblich entdeckt und als zukünftige Energiequelle des Reiches propagiert wurde und die seither keine Rolle mehr spielte, wenn man von dem bizarren Eigenleben absah, das das Gedankengut von der diodynamischen Energie seither führte: Über mehrere Traditionspfade Teil sowohl des revanchistischen Naziokkultismus als auch diverser zeitgenössischer energie-esoterischer Theoriegebäude. Laszlo und ich lasen noch weitere zwei Tage. Wir erfuhren, was aus dem Biodynamismus geworden war: So ziemlich jede okkulte Theorie, die in unseren Tagen neue Energieformen behauptet, von tellurischer Strahlung über Tachyonen bis hin zu Wilhelm Reichs Orgon, alle identifizierten sie ihre Version der geheimnisvollen Energie mehr oder weniger explizit mit dem Vril aus der anonymen Broschüre der Reichsarbeitsgemeinschaft — die allerdings nicht ohne Kontext war. Es gab schon in den zwanziger und frühen dreissiger Jahren auch außerhalb der Reichsarbeitsgemeinschaft einen regen Publikationsbetrieb zur sogenannten Raumkraftlehre. Dünne Heftchen, herausgegeben von wissenschaftlichen Laien im Forschungsfieber, gebaut aus Schulphysik und wilden Methoden. Sie alle, die historischen Laienforscher und heutigen Esoteriker, eint, daß sie nicht wissen, wie Wissenschaft funktioniert. Sie betrachteten sie als eigentlich politisches Phänomen, als ein Herrschaftssystem bezahlter Torhüter und dogmatischer Lehrmeinungen. Die Laien dagegen forschten sich frei in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Das waren Leute, die aus Neugier angefangen hatten, im Schuppen mit Elektrizität zu experimentieren oder mit Wasser in Schüsseln, und alle machten sie den Denkstil ihrer jeweiligen Berufsausbildung zur Wissenschaft: Es gab Artillerieoffiziere a. D., die mit dem Grafen Zeppelin bekannt waren und deswegen nach einem “allgemeinen Naturgesetz zur Beherrschung der Lüfte” forschten und mit Haubitzen Versuche zur Schallgeschwindigkeit durchführten. (Ergebnis: Der Schall ist gar nicht immer gleich schnell. Ergo: Licht auch nicht.) Sie stürzten bestehende Gesetze, schlossen “geisteswissenschaftlich” in Analogien und schienen überhaupt eine gärende, begeisterte und gut vernetzte Subkultur zu sein, die sich vor allem am Begriff der Energie berauschte. Es war toll.

Ihre Konzepte wandten sich gegen das, was sie “krassen Materialismus” nannten, und mit religiösem Ernst, unter dem Banner der Wahrheit, stellten sie ihre Konzepte dagegen: “Nicht deshalb werden sie den Sieg davontragen, weil sie von allen Irrtümern frei sind, sondern weil sie dem Geist unserer Zeit entsprechen” — den Geist selbst wollten sie in die Naturwissenschaft zurückholen, der Geistnatur alles Seienden entsprechend. Die Intelligenteren hatten erkennbar Kant und die Idealisten gelesen und eigene Schlüsse gezogen.

Viele von ihnen glaubten an die Möglichket einer neuen Lehre der Raumkraft. So die Leute vom “kommenden Deutschland”, ein gewisser populärwissenschaftlich einflußreicher Elektroingenieur namens Johannes Zacharias, weiters ein Herr Max Valier, der später als einer der Erfinder der Rakete berühmt wurde und schon in den dreissiger Jahren mit Professor Oberth zusammen eine erste Mission in den Weltenraum starten wollte. (Der General horchte auf.)

Die Raumkraftlehren führen alle Kräfte auf Strahlungsbetrieb zurück; sie betrachten die Erde als einen apfelförmigen (und magnetisch apfelförmig strahlenden) lebendigen Motor im Weltraum, aufgespannt zwischen einem mütterlich-negativen Aufbaupol, der Weltkraftkathode am Fruchtboden des Apfels, und einem väterlich-positiven Anschlußpol, der Weltkraftanode, an der Narbe des Apfels. Das Leben, möglich nicht als zufällige Konstellation von Materie, sondern als strahlendes Grundprinzip alles Seienden, strebt aufbauend von einem Pol zum anderen, und die technische Nutzung der lebendigen und schöpferischen Raumkraft — und ihre Umwandlung in Elektrizität — bedarf nur einiger einfacher Apparaturen. Diese verbrennen und zerstören nichts wie die alte Explosiv-Mechanotechnik, sondern als Dynamotechnik zieht die neue Technuk ihre Kraft direkt aus dem lebendig-sprudelnden Quell selbst, dem krafterfüllten Raum. Theosophie, indische Weisheit, biblische Überlieferung (Apfel der Erkenntnis), die mysteriöse Physik der Zeit (Energie ist in Materie wandelbar nach einer einfachen Formel), schließlich die gesamte hermetische Tradition gipfeln in dieser Entdeckung: Der Raumkraft. Und zusammenbrachen Jahrhunderte alte Wissensvorurteile, und der Flammenphönix des Geistes entstieg triumphierend dem verglimmenden Aschenbrand des Scheiterhaufens dogmatischer Schulweisheit, Zitat Ende. Die Artillerieleutnants und Elektroingenieure deckten ein Weltgeheimnis auf im Zeichen des Apfels, in dem alle Wahrheit in Form, Bipolarität und Geschichte schon enthahlten ist. Ihr Slogan war: Durch Tatstrahlung – frei! Und sie nannten sich: Die uranischen Strahlungsmenschen. In Schöneberg, in der Pallasstrasse 7I, hatten sie eine “Volkshochschule für Dynamotechnik” eingerichtet, wo sich die künftige Elite Deutschlands in der Handhabung der neuen Energieform ausbilden lassen konnte.

Protokoll | link | 25. September 2006

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(Systematik, Seite 43.)

Der Vorgang, welcher die Erscheinungen der allgemeinen Schwere erzeugt, wird nicht von einer unerklärbaren geheimnisvollen Kraft im Innern der Körper, sondern durch Druck von außen bewirkt. [...]
Die aus dem Weltraume von den Himmelskörpern zur Erde dringenden allseitigen und gegenseitigen Strahlen werden in Bezug auf einen freifallenden Stein z.B. vom Erdkörper teilweise abgefangen. Es entsteht ein Druckschatten, sodaß der Stein einseitigen Ueberdruck erhält. Er “fällt” also nicht, sondern er wird zur Erde getrieben.”

(Seite 37f, Kapitel III Strahlungsbetrieb irdischer Erscheinungen, Abschnitt 1. Der allgemeine Raumdruck.)

Verborgene Gewalten im Weltgeschehen. Johannes Zacharias, Vlg. Otto Wilh. Barth, München 1922

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Im Halbdunkel der vollgestopften Räume des Tentakel-Verlags nippte ich vom billigen Orangensaft, spielte mit der Fußspitze an einem antiquierten, dunkelgrünen Locher und las vor (ich entfaltete meine Abschrift):

Um der Indifferentialzone eines bipolaren Kraftfeldes beizukommen, müßte es uns gelingen, diese Kraftindifferenz aufzuspalten, d.h. zu differenzieren. Dann hätten wir in jedem stofflichen Bezug, soweit er uns magnetisch vor Augen steht, vier Pole, wobei die beiden peripherischen Aussenpole sich zu indifferenten Polen umbilden könnten, während die in der Mittelzone differenzierten Indifferenzpole kraftaktiv würden. Um ein Wortspiel zu gebrauchen: Das ganze Bestreben geht eigentlich darauf hinaus, Krafindifferenz zur Indifferenz Kraft zu gestalten.

Durch die Lösung des Problems der Differenzierung einer magnetischen Indifferenz wird uns ein Vordringen zur bereits erwähnten Gravitationskonstanten ermöglicht. Die Dynamotechnik ist jene Wege gegangen, die notwendig waren, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Sie löst die Frage dadurch, daß sie einem aus zwei Halbkugeln bestehenden hohlen Kugelmagneten (sphärischen Magneten) einen Stabmagneten zupolt, der sich im Kugelhohlraum befindet und den Kugel-Nord-Südpol zu magnetischem Aggregat verbindet. Wird aus diesen eingebauten Stabmagneten die indifferente Mittelzone herausgeschnitten, dann haben wir das Problem der “Differenzierung der Indifferenz” im magnetischen Kugel-Stabaggregat tatsächlich bewältigt.

Wir erhalten an der Peripherie der sphärischen Magneten zwei indifferente Pole (Nord-Süd-Pol) und im Innern des Aggregats — zwei differenzierte Indifferenzpole am Stabmagneten. Die peripheren Kugelpole sprechen dann genau wie unsere magnetischen Erdpole nur auf bereits polarisiertes (differenziertes) Eisen, wie es uns z.B. in der Kompaßnadel vor Augen steht, an, während die zentralen “differenzierten Indifferenzpole” auch jedes gewöhnliche Eisen (indifferentes Eisen) anziehen! Wird dieser sphärische Magnet nun noch als Vakuum eingerichtet (luftleer gemacht), so schaffen wir heridurch die Möglichkeit, ektropistische Energie aus der aufgeschlagenen Indifferenzzone zur technischen Verwertung an Hand zu bekommen. Wird unsere Kugel mit einem elektrischen Potential (akkumulierte Elektrizität) geladen, und der Akkumulator in seinem Stromkreis geerdet, wobei die Stromkreisschaltung erst durch Schluß der in den beiden hohlen Stabmagneten eingebauten, “chemischen Füllmasse” – des vitalelektrischen Schließungsleiter (Kohärer, Fritter) zustande kommt, so bedarf es hierzu lediglich nur einer spezifischen magnetischen Sendung (Anregungsimpuls) durch die “Urmaschine”, um aus dem Erdkraftfeld die abgenommene Energie ständig selbsttätig ergänzen zu können”.

Ich gönnte dem General eine Pause an dieser Stelle, er holte sich nun ebenfalls Orangensaft, schenkte ein und hörte weiter mit amüsierter Miene zu. – Also? fragte er.

Also wussten wir, womit wir es in meiner Küche zu tun hatten: Einem Biodynamo, basierend auf dem uralten Prinzip des kalten Feuers, um 1920 neu formuliert von begeisterten Laienwissenschaftlern, 1930 neu formuliert und mit Bauanleitungen herausgegeben von der Reichsarbeitsgemeinschaft, 1947 spöttelnd von einem deutschen Raketenwissenschaftler in einem amerikanischen Science-Fiction-Magazin erwähnt und seither als geheimnisvolle und mythenumwobene Maschine einem esoterischen Untergrund wohlbekannt.

Unmittelbar einleuchtend, warum der alte Wernitz die Apparatur so dringend haben wollte: Er wollten in den Besitz der universalen Macht der Vril-ya im Roman von Bulwer-Lytton gelangen.

– Erklären Sie mir das, wir kennen den hier nicht, sagte der General. Ich erklärte ihm, daß der Roman, mit dem Titel, nun, eben: “Vril”, auch im Imperium verfügbar sein müsste, Edward Bulwer-Lytton war ein Zeitgenosse Lovecrafts. Nur kennt ihn kaum jemand, und zwar auch in den Tiefebbefrostgebieten nicht, weil seine phantastischen Romane von einer kaum zu überbietenden Langweiligkeit sind. So auch “Vril”, ein Reisebericht aus dem Inneren der Erde, wo die Vrilya wohnen, “the coming race”, ein Geschlecht von Wesen, die das Vril beherrschen. Der Roman behandelt vor allem die Frage, wie eine Gesellschaft beschaffen sein müsste, in der jedem Mitglied jederzeit ungeheure Zerstörungsmacht zur Verfügung stünde. Unglücklicherweise wäre in so einer Gesellschaft, so lange sie eben bestünde, leider zu wenig los, um Stoff für einen spannenden Roman abzuwerfen. Die Reichsarbeitsgemeinschaft hat aus dem Buch deswegen auch eigentlich nur den Namen der universalen Kraft übernommen: Vril.

Protokoll | link | 26. September 2006

In den Tagen, da wir das alles herausfanden und der alte Wernitz noch schwieg, wartete ich in jeder freien Minute gierig auf Mails von Susann. An den ereignislosen Tagen, an denen also keine Mail mich erreichte, wartete ich ungeduldig auf den Abend, damit ich schlafen gehen konnte und mich des lästigen Tags entledigen. Ich versuchte, möglichst lange zu schlafen. Nicht so sehr um zu träumen, denn man träumt ja leider nie dann von einer Frau, wenn man es sich wünscht, eher platzen Träume, die neue Verliebtheit zu alten Lieben hinterlassen, in die nüchternsten und arbeitsamsten Zeiten, und darum erhoffte ich mir nichts vom Schlaf — nichts, als daß er mich der nächsten Mail näher brächte und einer Entscheidung. Denn eine Entscheidung stand an, es würde klar werden müssen, ob wir uns vorsichtig und behutsam absichtsvoll umschlichen, ob wir vielleicht mit einer Möglichkeit spielten, ob wir die Aufregung genossen, oder ob ich mich nur allein berauschte am Gedanken eines Ausbruchs.

Protokoll | link | 27. September 2006

Trotz allem war ich seltsam gelassen, wenn ich sie sah. Ich konnte spielen. Einmal, um unter einem Schild auf die Digitaluhr einer Apotheke sehen zu können, kniete ich mich hin; es bereitete mir diebische Freude, ihr in der Pose der heißherzigen Verehrer die Uhrzeit anzusagen. Ich bin absolut der Meinung, daß Männer vor den richtigen Frauen knien sollen, aber die dulden’s ja leider nicht ohne Weiteres. Derlei Gesten der Verehrung, das pfeifen, glaubte ich, die Spatzen aus dem Blätterwald, sind entweder das Resultat triebhaft-schmieriger Schuftigkeit, unangebrachte Blödelei oder gehören zu einer Sorte unvernünftiger Emotionalität, die zu unausgewogenen Beziehungen führt oder jedenfalls dazu, daß jemandem weh getan wird am Ende, und das gilt es ja in jedem Fall zu vermeiden, das darf nicht sein; ich echauffiere mich. Nun, jedenfalls: Zur Sicherheit wendete ich Kriegslist an, um ein wenig knien zu dürfen, und las eine halbverdeckte Digitaluhr ab.

Die Zeichen, daß sie mich möglicherweise mochte, verdichteten sich übrigens durchaus. In Nebensätzen deutete sie an, daß sie immer gleich kaufte und las, wovon ich schwärmte, wenn sie’s nicht kannte. Einmal legte sie mir beim Abschied die Hand auf den Arm, ganz unnötigerweise. Ich reagierte nicht — warum nicht? — und nach einigen langen, gar nicht peinlichen Sekunden, nahm sie sie wieder weg. Ich ging fluchend nach Hause, nannte mich einen Idioten und ein Rindvieh und wusste doch nicht, ob ich nicht wieder alles richtig gemacht hatte. Ich wurde nicht klug aus unserer Zaghaftigkeit. Ich tat das Richtige, meist, das fühlte sich alles richtig an, aber wo führte es hin? Jede Minute der Gegenwart lohnte sich zweifellos so wie sie war, nur: Sie konnte unmöglich übersehen haben, daß ich mich um sie bewarb. Also was? Es war einfach nicht herauszufinden, wie wir eigentlich zueinander standen. Ich genoß das, wie gesagt, es war richtig, man muß nicht alle Räume sofort dicht machen. Es machte mich wahnsinnig. Besonders gefielen mir heimliche Pläne, zusammen zu reisen: Wir würden gemeinsam Asien sehen, malte ich mir aus: In bequemer Kleidung auf indonesischen Dschunken von Insel zu Insel über schimmernde Wasser hin; elegant und rauchend auf den Terassen verrottender Kolonialhotels. Tennis auf einem modrigen, dem Dschungel abgekämpften Platz, mein mieses Tennis der Unbeholfenen, ihre Grazilität. (Dabei wusste ich nicht einmal, ob sie spielte, ich war einfach sicher: Sie spielte ausgezeichnetes Tennis, leicht und beweglich, fließend und beherrscht.) Ich grübelte lange, ob es mir genügen würde, sie zu begleiten und Tennis zu spielen. Manchmal dachte ich, daß es fast noch besser wäre als eine komplizierte Herzensangelegenheit, und daß sie die perfekte Frau wäre für derartig kühle Gemeinsamkeit. Kaum hatte ich mich davon überzeugt, quälten mich die Konsequenzen. Kein Kuß, und wie es wohl wäre? Nie einen Arm um diese Taille? Diese Taille, die mir Rätsel aufgab in ihrer leisen Bewegung, ihrer vermuteten Festigkeit und raschen Biegsamkeit. Einmal die Hände auf diese Hüften. – dachte ich in den begehrlicheren Momenten; der Zugriff blieb meiner Phantasie einziges Futter, kurz vor dem Kuß untersagte ich mir alles Weitere. Innere Minne schützt alle Beteiligten, auch das die scheuen Möglichkeiten selbst bleiben unerforscht und ungewünscht. Man ahnt ja doch nie, wie es sein würde.)

Ich erinnere mich, daß ich den General an dieser Stelle verließ, es war spät geworden und die Heftigkeit meiner Regung war mir peinlich. Ich nahm eine Droschke, in der es scheußlich kalt war, und ließ mich nach Hause schaukeln, aufgekratzt und schlotternd. Susann damals und diese erste, wirre Zeit mit dem Aggregat –

Protokoll | link | 28. September 2006

Meine Wohnung, so erzählte ich einige Tage später weiter, lag an diesem Abend im bräunlichen Dämmerlicht der Hinterhöfe. Durch das offene Fenster zogen Gesprächsfetzen, verhalten quiekende Aufschreie, die Titelmelodie von Star Trek Voyager und zähes Tellergeklapper. Die Luft roch nach Fleisch und Zigarettenrauch. Ich las Deleuzes “Proust und die Zeichen” aus dem Bücherregal des Malers. Die Füße zeigten über das Fensterbrett in den Himmel. Ich war nicht beunruhigt. Eher voll der unbestimmten Hoffnung, die Susanns bloße Existenz mir einflößte; und umschmeichelt von der sanften Atmosphäre eines seidenen Spätsommerabends. Manchmal, wenn die schon kühle Luft sich Wege durch das bewohnte Haus suchte, streifte sie vom Vorderhaus her durch die offenen Balkontüren meiner Nachbarn, durch Zimmer und Flure, um hier und dort mit einem Vorhang zu wehen an einem offenen Fenster.

Protokoll | link | 29. September 2006

Susann, Etienne und ich waren verabredet, mit unbestimmten Kinoplänen und bestimmteren Trinkplänen für danach. Vorher wollten die beiden die seltsame Magnetkugel in meiner Küche sehen. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wann dieser Abend genau war und wieviel ich damals schon wusste, jedenfalls habe ich den beiden nur Vages über die Mond/Sonnen-Symbolik erzählt.

Der Film war mittelmässig. Ein Erstling von einem Lynch-Fan, das war offensichtlich, und der junge Regisseur folgte erkennbar der wichtigsten Erkenntnis, wenn es um David Lynch geht: Wer schlecht träumt, kann immer noch gute Filme daraus machen. Jedoch: Wer sich an einem Lynchschen Realitätsschlamassel versucht, sollte drauf achten, daß der Film am Ende wenigstens grob aufgeht, sonst wird es ärgerlich. Und wir hatten den Eindruck, daß dieser Film nicht aufging, sondern einfach nur ziellos verwirrende Anspielungen machte; darauf läuft es ja doch meist hinaus, wenn Zeitreisen im Spiel sind. Wir beschlossen nach einer kleinen Debatte vor der Kinotür, das Zusammentragen von Theorien abzubrechen und uns einen Ort zum Sitzen und ein neues Thema zu suchen.
Wir zogen zweimal um, weil uns die Leute an den Nebentischen wahnsinnig machten aus den üblichen Gründen. Den halben Abend versuchten Etienne und ich, Susann unsere Überzeugung zu vermitteln, daß die Welt Scheiße war. Sie verstand es nicht. Sie stimmte uns zu, wenn wir auf den Proletenkult fluchten und das Versagen der Eliten, die nichts mehr entgegenzusetzen hatte, weder Haltung noch Kultur, sondern sich nur anbiederten. Aber sie verstand nicht, warum uns das alles so beschäftigte. Ich kam in ziemliche Erklärungsnot. Sicher, schriller Dreck ist lästig und man kann ihn kaum mehr vermeiden. Trotzdem kann man sich praktisch doch ziemlich weitgehend schützen und ausserdem Gleichmut üben. Sie, wie sie dasaß in ihrer strahlenden Herrlichkeit war der Beweis, daß sie Recht hatte. (Und was für eine strahlende Herrlichkeit war das! Ich schäkerte ein wenig; sie ließ es geschehen. Wenn sie Wein getrunken hatte, produzierte ihre Haut etwas, was ich nur als transparentes Glühen beschreiben kann. Etienne musste mich einmal stupsen, weil ich mitten in einer verschachtelten Abhandlung über die Rückkopplung der Dummheit im Privatfernsehen still wurde und sie anstarrte.) Wir gaben uns schließlich geschlagen. Es gab keinen Grund, sich mit dem Mist zu beschäftigen, solange man nicht Teil davon war: Sie hatte Recht. Es war eine Schwäche, sich nicht einfach zurückzulehnen und die Ungeheuerlichkeiten abprallen zu lassen. Ich probierte noch einen Ausfall mit richtigem und falschen Leben, aber es klang so ranzig, daß ich’s aufgab aus Angst, mich lächerlich zu machen. Wir einigten uns darauf, daß wir Gleichmut lernen würden von ihr und gingen noch etwas essen: Eine gemeinsame, knusprige, billige und schmackhafte Mitternachtsente im “Asia Palace”. Und dann nach Hause, in drei verschiedene Wohnungen. Großer Abend, glänzende Augen und Nettigkeiten, das besagte Glühen, angeregte Unterhaltung und ein neues, interessantes und noch sehr unausgelotetes Einverständnis, sodaß man dauernd den Eindruck haben konnte, Susann und ich sprächen aus einer gemeinsamen Position, obwohl wir uns ja durchaus nicht einig waren.
Der Zettel war mit einer Reißzwecke an meiner Wohnungstür befestigt. Es war ein Briefbogen, im Kopf eine undeutliche Figur, ein Tierkopf, und der Satz: Durch Tatstrahlung – Frei! Darunter: “Wir ersuchen Sie höflich, uns die magnetische Kugel, die Sie in ihrer Küche angefunden haben, zu übergeben. Sie ist unser rechtmäßiges Eigentum. Die Übergabe ist von höchster Wichtigkeit. Sie werden entschädigt. Wir würden gerne von für Sie unangenehmeren Schritten absehen. Wir kontaktieren Sie. Gez. Reichsarbeitsgemeinschaft Das kommende Deutschland.” Ich hatte genug Wein getrunken, um erst eine Viertelstunde zu lachen, bevor mir doch ein wenig paranoid zumute wurde.

Protokoll | link | 30. September 2006

Ich unterbreche an dieser strategischen Stelle die Geschichte meiner Erzählungen am Kamin für einen Augenblick, um eine interessante Begebenheit der Gegenwart mitzuteilen: Ich durfte gerade die bereits erwähnten Vogelfrauen, meine Nachbarn am vorderen Ende des Gangs, besuchen. Es war seltsam und aufschlußreich. Sie sprechen über das Imperium in einer Deutlichkeit, die ich von offizieller Seite, auch vom General, nicht kenne. Sie scheinen viel über die Geschichte zu wissen, über die sonst niemand spricht, und sie scheinen zu wissen, in welcher Beziehung das Imperium zu den Tiefebbefrostgebieten steht. Vielleicht gehören sie zum Widerstand. Ihre alten Gesichter deuten darauf hin, daß sie einst gebaut haben, vielleicht haben Sie ihre Meinung also erst spät geändert, aber sie haben mir Dinge gezeigt, die das Imperium sicher nicht weiß und nicht gutheißen würde. Der Reihe nach: Eine der Frauen, in der mir nun schon seit einigen Wochen bekannten Tracht aus blauer und gelber Seide und dem propellerartigen Kopfschmuck, schaute mir im offenen Innenhof zu beim Schlachten eines Huhns. Ich bin immer noch scheußlich ungeschickt in diesen Dingen. Nach einigen Minuten mit einem Fremden, einem Beil und einem entschlossen auf sein Daseinsrecht bestehenden Huhn konnte sie nicht mehr und prustete lauthals los. Ich nahm’s ihr nicht übel, und weil sie mich dann zum Essen einlud, kam sogar das Huhn noch einmal davon.

Ich hatte Schwierigkeiten, die Vogelfrauen zu zählen, weil sie in Bewegung waren und alle sehr ähnlich aussahen, aber ich denke, es wohnen vielleicht zwanzig von ihnen dort oben. Sie haben eine Menge Platz im ersten Stockwerk, und wenn mich mein Orientierungssinn nicht täuscht, gehören auch die Räume über meiner Wohnung zu den ihren – nur den genauen Ort des Wasserbeckens, das ich aus meinem Badezimmer ahnen kann, konnte ich nicht feststellen. Aber ich habe wohl bei Weitem nicht alle Räume der Frauen gesehen, vielleicht gehört das Becken doch dazu. Ihr Haupt-Wohnraum, wenn man so sagen kann, ist jedenfalls groß und bis auf zwei sich gegenüberstehende, in den Raum ragende Mauerzacken, kreisrund. Dicke Grasmatten auf dem Boden und die völlige Abwesenheit von Möbeln lassen den Raum vage japanisch aussehen; wir aßen auch von niedrigen, transportablen Tischchen. In der Mitte gibt es allerdings einen Zimmerspringbrunnen, der mehrere dünne Strahlen Wassers in eine Muschel-Schale wirft. (Ich konnte den Gedanken “Vogeltränke” nicht unterdrücken und gluckste so albern vor mich hin, daß ich mich beim Essen verschluckte.) Man aß vegetarisch, es roch nach Zitrone. Alles untypisch für meine neue Heimat. Die meisten der Frauen saßen im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen da, an die Wand gelehnt und still. Mir war schien, als ob hier meditiert würde, aber ich irrte mich. Meine Gastgeberin erklärte mir, daß der Ort so etwas wie eine Releaisstation sei. Ich verstand kein Wort und wurde aufgeklärt: Die Frauen leiteten Botschaften weiter, Fachbegriff “kontaktlose psychophysische Wellen”. Zwar habe ich mich in letzter Zeit an eine Menge seltsamen Zeugs gewöhnt, aber meine alte Allergie gegen esoterischen Unsinn sprach immer noch präzise an. Man muß es mir angesehen haben, jedenfalls fragte meine Gastgeberin mich ungläubig, ob ich wirklich nie von psychophysischen Wellen gehört hätte. Ich antwortete, nein, die seien mir neu. Sie begann eine Erklärung, die ich schon nach dem dritten Satz unterbrechen musste: Der Entdecker der psychophysischen Welle war nämlich Max Valier. Den kannte ich schon. Der Mann, der Raumkraft, Welteis und Rakete war. Der Mann, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Der Entdecker der psychophysischen Welle? Ja. Schüchtern publiziert 1921 im Münchener Faustverlag unter dem Titel “Das transzendentale Gesicht / vom Zusammenhang zwischen Physis und Psyche in der Welt”. Sie hatte die Bücher da. Verdammt. Ich erinnerte mich dunkel daran, diesen Titel im Katalog der Staatsbibliothek gelesen zu haben, als ich die WEL recherchierte. Um Valier kam man nicht herum. Meine Gastgeberin lächelte: Ein großer Mann. Und seine drei Faustbücher gibt es auch hier, jawohl.

Protokoll | link | 1. October 2006

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Max Valier, * 1893 ? 1930

Material | link | 

Der General war Fragen nach den Zusammenhängen zwischen dem Imperium und meiner alten Heimat immer ausgewichen und ich vermutete deswegen, daß auch aus den Vogelfrauen nichts herauszubekommen wäre. Ich fragte trotzdem auf’s Geratewohl: – A propos, bevor wir über Max Valier und die psychophysische Welle sprechen: Wenn es Bücher aus den zwanziger Jahren bei Ihnen und uns gibt, der General aber Indiana Jones nicht kennt – bin ich in einer Art Paralleluniversum, oder? Meine Gastgeberin ließ eine tiefe Stirnfurche sehen, lachte dann, und antwortete – Unsinn. Paralleluniversen, Kindereien für Abituraufsätze. (Die wir wohl kennen, schien sie andeuten zu wollen.) Nein. Sie sind nicht in einer parallelen Zeitlinie, sondern in einem orthogonalen Bedeutungsraum, wenn Sie unbedingt so ein Bild haben wollen. (Oha, dachte ich) – Wir nennen den Übergang, der unsere Welten trennt, ästhetische Bifurkation. Ästhetische Bifurkationen sind extrem selten, und wir haben es einigen sehr klugen Herrschaften der späten zwanziger Jahre zu verdanken, daß sie einen der seltenen Bedeutungsraumschnitte zu nutzen wussten. Stellen Sie sich’s so vor: Die Materie in den vier Dimensionen, die unsere Anschauung formen, ist ein Schnitt durch ein höherdimensionales Gebilde. Wie eine Ebene durch einen Würfel. Die höherdimensionalen Bewegungen bilden sich auf der Schnittebene (als bei uns in der vierdimensionalen Raumzeit) ab. Wenn Sie den Würfel drehen, sehen sie auf einer Schnittebene einen Kreis. Sie können auf der Ebene Bewegungsgesetze aufstellen und alle Bewegung, die Ihnen zugänglich ist, vollständig beschreiben. Wozu der Würfel gut ist, erfahren Sie nie, weil Sie nie auch nur von seiner Existenz erfahren können. Das kennen Sie alles.
Das mit den Dimensionen ist nur eine Sprechweise, eine angemessene für Sie, und auch Valier hat sich ihrer bedient. Aber es ist nicht die einzig angemessene. Sie könnten genausogut von Mutter Natur sprechen, der Sie nicht ins Gesicht sehen können. Ihre Schritte können sie vermessen und den Schleier der Isis betrachten. Mehr als das, mehr als den Schleier und die Fußspuren der göttlichen und all-einen Natur aber werden Sie nie schauen. In Valiers Dimensionsterminologie: Sie sehen nur einen vierdimensionalen Schnitt. Ihre Tiefebbefrostgebiete sind ein möglicher Schnitt. Das Imperium ist ein anderer. Die Dimensionen, in denen sich die Bewegungen abspielen, die sich auf die Schnitte abbilden, sind, wenn Sie es anschaulich wollen, die Räume des Geistes (des Möglichen) und des Schönen (der Wahl). Auf den Linien, wo sich zwei Schnittebenen schneiden, können Sie einen Übergang wagen, das ist die Rolle der Ästhetik, sie ermöglicht Ihnen im besten Fall den Übergang in einen anderen Deutungsschnitt. Eine drastische Sache, aber wem erkläre ich das? Eigentlich müssen Sie das auch selbst nachlesen, falls es Sie wirklich interessiert, es ist nur etwas für Kleriker, im Grunde. Es gibt ein Buch von Valier darüber. (Und, nach einem fragenden Blick:) – Nein. Danach erschienen.

Protokoll | link | 2. October 2006

Die folgenden Erklärungen über psychophysische Wellen waren ähnlich raunend. Wenn ich es recht verstanden habe, ist jede physikalische Welle, die Träger von Bedeutung ist, eine psychophysische Welle; Sprache zum Beispiel. Valiers Argument für Telepathie sagt im Prinzip nur, daß die physikalischen Trägerwellen für Telepathie eben noch nicht bekannt, die psychophysischen Fähigkeiten selbst aber jedenfalls nachweisbar seien – das alles auf Basis seine selbstgestrickten Naturphilosophie, die mit metaphysischen Mitteln Grundlagen legt für alles, was an dubiosen menschlichen Fähigkeiten Rang und Namen hat.
Ich war nicht direkt unhöflich, hatte aber keinen rechten Nerv für dergleichen. Falls diese Sachen hier funktionierten, schön. Mir war’s recht. Mehr interessierte mich, ob die Vogelfrauen nur eine kleine esoterische Macke hatten oder ob ich mich gerade ernsthaft kompromittierte durch Umgang mit Mitgliedern des Widerstands. (Man vermeidet ja Parteinahme für die Schwächeren lieber, und erst recht, solange man nicht weiß, wer die Guten sind.) Ich fragte rundheraus, wie es komme, daß der General mir das alles nicht erzählt habe und man hier so frei spreche — und bekam zur Antwort, daß er nicht dürfe. Auf Nachfrage allerdings, wie es dann komme, daß er mich in einer Wohnung einquartiert habe in der Nähe einer Kommune von Frauen, die verbotenes Wissen verbreitet, antwortete meine Gastgeberin mit einem überdeutlichen Zwinkern, daß der General möglicherweise nicht ganz genau der sei, für den ich ihn hielte. Mehr wollte sie nicht sagen, und ich gab nach. Sollen die alten Weiber andeuten, was sie wollten.

Protokoll | link | 3. October 2006

Was immer sie andeuteten – damals, wenige Wochen nur nach meiner seltsamen Ankunft im Imperium, als ich mich noch kaum an die Härten hier gewöhnt hatte, war ich sehr froh gewesen um die Gesellschaft des Alten. Dabei lachte er mich die meiste Zeit aus oder hegte seine spezielle, kaum verborgene Sorte herablassenden Mitleids. Aber schon das Interesse für meine Geschichte half. Wie ich die Tiefebbefrostgebiete hatte verlassen können: Das wollte er genau wissen, und zwar auch in den Details, die nichts damit zu tun hatten. Ich erzählte ihm also aus meiner letzten Zeit in Berlin, bevor ich an jenem Samstagabend im Oktober aufgebrochen war.

Der Zettel an meiner Haustür schlich sich zurück ins Bewusstsein, am Morgen nach dem Abend mit Susann und Etienne, aber er brauchte dazu bis nach dem Frühstück, Während ich aß, brabbelte ich abgebrochene Satzfetzen vor mich hin, in denen ich mir selbst nicht unbedingt schmeichelte. Ein vertrauter Zustand, er kehrte seit jeher regelmäßig wieder nach all den Abenden, an denen ich zuviel geredet hatte. Kaum hatte ich die letzte Milch geschlürft, mich noch einmal halb einen eitlen Schwätzer genannt und den Löffel weggelegt, fiel mir wieder ein, daß ich von einer Truppe vermutlich verrückter vermutlich alter Herrschaften bedrängt wurde. Ich war nicht allzu beunruhigt, aber natürlich rief ich trotzdem erst einmal Laszlo an und erzählte von dem Zettel. Er hatte allerdings am Vorabend noch schlimmer gezecht als wir und schwor deswegen, sich vor dem späten späten Abend über einen verrückten Autor und die Reichsarbeitsgemeinschaft ohne Reich weder Gedanken machen zu wollen noch zu können. Wir beliessen’s dabei, und ich verbrachte einen langweiligen, hohlen Tag damit, auf Mails zu warten und gelangweilt im Pagemaker eine Reisebroschüre für einen Wanderverein zusammenzuklicken. Sie sah grausig aus, aber das war in Ordnung. Versuchen Sie mal, einem Wanderverein originell zu kommen.

Protokoll | link | 4. October 2006

Später am Tag, eigentlich mitten in der Nacht, meldete sich Laszlo. Er hatte allerdings schon ein wenig recherchiert. Es gab keinerlei offensichtliche Anzeichen für das Wirken von “Das kommende Deutschland” im gegenwärtigen Deutschland. (Wenn man vom revanchistischen Neuschwabenland-Mythos absah, aber der behauptete nicht, daß alte Herren in Berlin magnetische Kugeln jagten, sondern daß die Nazis mit Ufos durch das Innere der Erde von Pol zu Pol flogen, um die eisbedeckteren Gegenden der Erde zu beherrschen.) Vermutlich steckte Wernitz hinter dem Unsinn, und wir beschlossen also, ihn zu besuchen. Denn erstens lässt man sich nicht gerne Drohungen zustellen, zum andern interessierte uns schon, was Wernitz mit meiner Magnetkugel anstellen zu können glaubte. Mehr als eine halbe Stunde blödelten wir herum und erfanden eine — einst wunderschöne — tote Frau Monika, die seit Jahrzehnten tiefgefroren in Wernitz’ Keller lag und die er mit meinem biodynamischen Aggregat wiederzubeleben suchte. Wir machten einen großen Romantiker aus dem alten Herrn.

Protokoll | link | 5. October 2006

Wie sich herausstellte, war Frau Wernitz sehr lebendig. Sie war eine dieser fetten Berliner Alten, die ihre Zeit ausschließlich damit zu verbringen scheinen, im öffentlichen Nahverkehr an ihrem Mützchen zu fummeln, am Hund zu zurren und maulend fadenscheinige Gründe für empörte Blicke zu erfinden. Das heißt, wenn sie allein sind. Zu zweit fangen sie sofort ein unbeschreibliches Genöle wegen der Zustände an, das darauf hinausläuft, daß es schlimm, langsamer: schmlimm, schlimm, (noch eindringlicher) schlimmschlimm finden. Ihre Renten, ihre Kinder auch.) Es war eine seit langem offene Frage, wie diese Wesen lebten, wenn sie nicht in der Straßenbahn vor sich hin jammerten.
Zu Hause sind sie eigentlich ganz nett. Ich erfuhr’s tags darauf. Erst am Telefon, wo sie im vertrauten Ton einer hauptstädtischen Schalterbeamtin die Abwesenheit ihres Mannes verkündete. Zwei Stunden später rief dieser praktischerweise bei Laszlo an. Er forderte noch einmal die Herausgabe meiner Kugel; Laszlo erreichte eine Verabredung für den frühen Abend bei Wernitz zu Hause.
Sein Weib ließ uns ein und hieß uns auf erwartungsgemäßen Möbeln Platz nehmen. Er sei noch im Keller, bei seiner ollen Maschine, verkündete sie bedeutungsvoll, und wir horchten gespannt und fragten nach. Aber sie wusste nichts oder wollte nichts sagen, brachte statt dessen Buttergebäck und Kaffee, der immerhin leidlich war. Wir saßen so eine Viertelstunde, amüsierten uns still über die echte Frau Wernitz und waren sehr erpicht darauf, die olle Maschine im Keller zu sehen. Einstweilen begutachteten wir auf farbige Muster gestickten flauschigen Obstteller, die die Wände zierten. Ich hätte vermutlich noch eine Stunde lang nichts bemerkt, aber Laszlo war gerissener. Er stand plötzlich auf, griff sich unter die schwarze Stirntolle und sagte – Wir sind doch vielleicht Blödmänner. Er machte drei Riesenschritte zur Küche und machte dort etwas, wovon die gute Frau Wernitz so panisch wurde, daß sie japsend und quiekend aus der Tür walkürte und sich mit einem – Ich weiß doch von nichts! im Bad einschloß. Wir nahmen ein Taxi, aber natürlich waren wir zu spät und meine Wohnungstür nur angelehnt. Das Schloß lag fein säuberlich in Einzelteilen im Flur, das Aggregat war weg. Statt dessen höhnte ein Zettel, wieder mit Pumakopf, Signatur und krakeliger Aufschrift: “Nichts für ungut. Ihre Starrsinnigkeit machte diesen Schritt leider nötig. Das Gerät gehört Ihnen nicht, und es eilt. Suchen Sie mich nicht Gez.” etc.
Natürlich fuhren wir zurück zu Wernitz’ Wohnung, und natürlich öffnete niemand. Was tun? Der brave Bürger in mir wollte die Polizei anrufen. Aber weiter als bis zur vierten Stelle der Nummer meiner örtlichen Polizeidienststelle kam ich nicht. Ich konnte der Polizei unmöglich eine solche Geschichte erzählen. Nicht in Berlin. Die hörten so etwas allnächtlich von hustensaftabhängigen Punks, die mit verdrehten Augen in die Notaufnahmen der Kliniken einfielen.

Protokoll | link | 6. October 2006

Susann plauderte in der nächsten Mail. Sie plauderte mit mir. Kein Wort über Zauber und Größe des vergangenen Abends. Kein weiterführendes Wort. Sie war nicht einmal besonders liebenswürdig. Ich ging zweimal in die Küche und zurück und trat dann ein Loch in den Monitorkarton im Flur. Danach hatte ich so etwas wie ein dauerhaftes Deja-Vu. Im Gewand eines schrecklichen Verdachts stieg die Tatsache auf, daß ich diese Sorte schäumender Hoffnung, die mich die letzten Wochen getrieben hatte, nicht zum ersten mal erlebte. Wieviele Susanns waren es eigentlich schon gewesen, wieviele Abende, an denen alles gut werden würde? Alle verdrängt, um leben zu können. Verdammt. Dabei hatte sie nur eine Mail mit Geplauder geschickt.

Protokoll | link | 7. October 2006

Am Folgetag drückte ich mich alleine im Wedding herum. Laszlo machte Geschäfte, hatte mich aber für den Abend eingeladen: Wir wollten dem alten Wernitz den kleinen Einbruch nicht durchgehenlassen und außerdem durchaus herausfinden, welcher Sorte Wahn er verfallen war. Was immer da vor sich ging, spannender als Fernsehen war es immerhin. Ich kaufte also eine Portion Schawarma und ging spazieren, im weddingtypischen Slalom zwischen Rentnerinnen, die eine karierte Karre hinter sich herzogen, und watschelnden Kopftuchfregatten undeutlichen Alters. Dreimal ging ich am Haus vorbei, etwas interessantes passierte nicht. Als mir hinreichend langweilig geworden war, drückte ich drei Klingeln gleichzeitig und sagte nach dem Knacken, so indisch wie möglich klingend: – Prrospeckte bidte. Auf der anderen Seite stöhnte jemand, aber die Tür summte. Eine halbe Stunde musste ich auf einem Treppenabsatz im Seitenflügel warten, dann schloß ein älterer Herr mit beängstigendem Backenbart die Kellertür auf. Ich begegnete ihm auf der gemauerten Treppe, er hielt ein Katzenklo in der Hand und den Kellerschlüssel. – Lassen Sie offen, sagte ich, ich hol nur schnell den Tapeziertisch, ich schließ dann ab.
Es klappte. Man kann sich darauf verlassen, daß in dieser Stadt niemand einen falschen Nachbarn erkennt. Meine Knie zitterten, aber ich freute mich darauf, Laszlo anzurufen und ins Telefon zu bellen: Sie nannten ihn Odysseus, den Listenreichen.
Im Keller roch es nach Ratte. Es sah auch nach Ratte aus. Die Mengen an Rattengift, die herumlagen, hätten ausgereicht, um das Haus vollständig zu entvölkern. Nicht nur von Ratten, meine ich, aber Mordabsichten hatte ich für’s erste noch keine. Ich suchte nur meine Kugel oder eine Maschine, die zu meiner Magnetkugel passte. Ich fand Reifen in Holzverschlägen, Tapeziertische, dunkle Ecken, die zu dunkel waren, um eine Maschine zu erkennen und zu klein, um eine zu verstecken, Latten und Eimer, Rattengift und noch mehr Rattengift. Also einen gewöhnlichen Altbaukeller. Keine biodynamischen Aggregate hier. Der Verschlag mit dem Wernitz-Namensschild war nicht vollständig einsehbar, aber sehr klein. Ich wünschte mir eine Zange, um das lächerlich kleine Vorhängeschloß durchzukauen. Eine Weile manipulierte ich daran herum und leuchtete dabei mit meiner Kleinst-LED-Taschenlampe zwischen den Zähnen wirr im Kellergang herum. Eine große Maschine war dort drin sicher nicht versteckt — immerhin gab es einen offenen Karton mit Broschüren, das war doch ein Anfang. Mit einigem Geschramme am Handgelenk steckte ich die flache Hand zwischen die Latten, hob mit dem kleinen Finger ein paar Seiten des leicht feuchten, leicht benagten obersten Bandes an und klemmte ihn fest. Ich brauchte noch ein paar Versuche, um das Heft zu fassen zu bekommen und richtete es übel zu dabei; schließlich konnte es aber zwischen den Latten durchfitzeln. Es war die Weltdynamismus-Schrift, die ich schon aus der Staatsbibliothek kannte, in einer knapp fünfzig Jahre jüngeren Ausgabe, von 1987.

Protokoll | link | 8. October 2006

Abends klagte ich Laszlo mein Leid. Vom Pech mit Frauen erzähle ich immer lieber den Leuten, die ich nicht besonders lange oder nicht besonders gut kenne, bei den anderen fürchte ich immer, daß es sich zu einem Bild fügt. Die Neuauflage des “Weltdynamismus” lag rattenbenagt und zerknautscht auf Laszlos Schreibtisch, zwischen drei Gläsern, aus denen vor langer Zeit einmal Orangensaft getrunken worden war. Drumherum Berge von unsortiertem Papier, ausgeschnittenen Fotos von lange toten Frauen und obskuren Büchern, letztere nicht hier erschienen, sondern nur absurd genug für den Geschmack des Kleinverlegers. Vor Monaten hatte er mir sein Archiv gezeigt. Seltsam süßlich zu lesende katholische Heiligenliteratur, in denen unschuldigen und frommen, später heiligen Mädchen von Fremden grässliche Dinge angetan wurden vor ihrer Ermordung. Keine ISBN. Weisse Magie und Telepathie, Abhandlungen und jede Menge Geschichten als Beweise; die Macht des Auges, schliesslich Bhagavad gita und Krishna, die Quelle aller Freude. Eine hübsche Sammlung von Schund aus vergangenen Jahrzehnten, abseits der warmen Wohlfühl-Esoterik der Teegeschäfte. Oben auf einem der Regale gab es einen Wehrmachtshelm und eine patinierte Faber-Castell-Blechdose, darin altmodisches Linienpapier: Eine hastige Zeichnung mit einigen Landmarken, “Mast (Funk)”, “Hochstand”, sogar “Alte Linde”, dazwischen, gestrichelt, viel Wald, an einer Stelle ein Kreis mit Kreuz und einem grob gezeichneten Maschinengewehr.
Wir bauten aus Klischees ein einsilbiges Männergespräch und einigten uns originellerweise darauf, daß unsere Frauen eben kompliziert, aber großartig seien. Wir nahmen nochmal vom Plus-Wein und sahen uns das erbeutete Heft genauer an. Auf zwei interessante Dinge stießen wir: In der Ausgabe von 1930 war schon von Max Valier und einem Professor Oberth die Rede. Der Verfasser macht sich lustig über die beiden, weil sie für ihre Raketenversuche Explosiv- statt Dynamotechnik verwenden wollten. Die 1987er Ausgabe dagegen hatte ein kurzes Nachwort von Valier. Er pries darin, ähnlich wie in seinen Vorworten für andere Raumkraft-Publikationen, etwa die von Herrn Zacharias, die biodynamsichen Lehren als überlegene Theorie, gerade weil sie nur von Laienwissenschaftlern voran getrieben wurden. Es war Zeit, herauszufinden, wer dieser Valier war und warum er überall auftauchte. Das Ergebnis schneller Recherchen war dieses: Max Valier wurde 1895 in Bozen geboren. Er beschäftigte sich früh mit Astronomie, war ein Sternennarr wie er im Buche steht und studierte in Innsbruck. Dort wurde er einer der gebildetsten Anhänger der Welteislehre. (Von der noch die Rede sein wird, aber wir lasen das damals mit der typischen Blindheit der Gegenwartsmenschen gegenüber den Tiefenströmen der Geschichte.) Anfang der zwanziger Jahre schrieb er fantastische metaphysische Erzählungen, die im Selbstverlag erschienen, etwa “Spiridon illuxt”. Dann — und das erzähle ich heute mit einer gewissen Erregung — hat er in München in einem kleinen “Faustverlag” drei Bücher herausgegeben, in denen er die Theorie der psychophysischen Welle entwickelt hat auf der Basis einer einfachen, handgestrickten Transzendentalphilosophie. 1923 gab es ein Buch über Weltuntergang und Mondkataklysmen. Ab Mitte der zwanziger Jahre hat er sich dann einem noch phantastischeren Gebiet zugewendet: Der Weltraumfahrt, die er seit der Bekanntschaft mit Professor Hermann Oberth in mehreren sehr erfolgreichen Büchern als technische Möglichkeit propagierte. In Berlin war er dann Gründungsmitglied des Vereins für Raumschiffahrt – zusammen mit Wernher von Braun, Oberth und -: Willy Ley, dem Mann mit dem folgenschweren Text in “Astounding Science Fiction”. Die beiden kannten sich also, und man darf wohl vermuten, daß die Vril-Broschüren über den Raumkraftanhänger Valier zu Ley kam. (Ley selbst publizierte in den Zwanzigern übrigens selbst populärwissenschaftliche Büchlein, über Eiszeiten und Sintfluten, um genau zu sein.) Max Valier baute mit an der Rakete, dem schillerndsten High-Tech-Ding, das je aus der Laienwissenschaft kam. Im Mai 1930 starb er in Berlin bei der Explosion einer Versuchsrakete — und hat damit den Ehrenplatz als erster Toter der Raumfahrt.
Das waren also die Fakten. Ein Raketenmann, Phantast und Metaphysiker.
Die zweite Merkwürdigkeit an unserer erbeuteten Weltdynamismus-Ausgabe war, daß dieselbe Adresse, die schon 1930 in der Vril-Schrift für die “Volkshochschule für Dynamotechnik” angegeben war, immer noch als Kontaktadresse dort stand. (Natürlich fiel es mir nicht auf, Laszlo bemerkte es.) Berlin Schöneberg, Pallasstraße 7. Lediglich der Zusatz “I” von damals fehlte und die Typo hatte Serifen bekommen. Zehn Minuten später saßen wir in der U2 und rüttelten durch die unter Nebel und Licht ächzende Stadt. Ein Papiertuch in meiner Jackentasche löste sich in klebrige Würstchen auf, während wir durch beschlagene Scheiben in die Reste des Tages schauten, der den Sommer endgültig beendet hatte.

Protokoll | link | 9. October 2006

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Max Valier,
Raketenwagen.

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Vom U-Bahnhof Bülowstraße geht es zur Pallasstraße ein Stück nach Süden durch vorwiegend türkisches Gebiet. Schon von weitem fällt rechts ein unglaublicher Bau auf, ein hunderte von Metern langer und zehn Stockwerke hoher Komplex. Eine unübertroffene Scheußlichkeit, die nicht einmal von der Pallasstraße selbst aufzuhalten ist: Sie wird, wo sie nach rechts abgeht, von der Betonmonstrosität noch überspannt. Beim ersten Blick auf diese Situation dachte ich: Wer zieht denn in so ein Ding? Beim zweiten: Meine Adresse ist falsch, hier ist keine Volkshochschule für Dynamotechnik mehr, hier ist alles abgerissen, die Nummer 7 müsste an einem Ort sein, wo heite ein Haus steht, das vermutlich für jede Etage eine eigene Postleitzahl braucht. Beim dritten Blick fiel mir das sonderbare Parkhaus des Komplexes auf: Ein ungeschlachter kastenförmiger Fels stak da in der Front, als wäre er abgestürzt und hätte den Riesenbau glatt durchschlagen. Kein einziges Fenster, stahlvergitterte und tunnelartige Eingänge. Keine Einfahrt. Das war also kein Parkhaus, was war es dann? – Was ist das für ein… Teil? Fragte ich Laszlo, aber er zuckte nur die Schultern. Mehr oder weniger ohne Hoffnung unterquerten wir den versehrten Riesen auf der Pallasstraße und versuchten dabei, herumlungernde Jugendliche nicht allzu direkt anzusehen. Und siehe da: Die Nummer 7 war noch da. Das erste Haus nach dem Kasten. Ein ganz normales, schätzungsweise um die Jahrhundertwende entstandenes Mietshaus mit Stuckfassade. Heute mit Café im Erdgeschoß. Die Volkshochschule für Dynamotechnik hatte offenbar nie allzu große Hallen für ihre Vorlesungen gebraucht. Wir untersuchten das Café – ein gewöhnliches, wenn auch für die schäbige Gegend überraschend angenehmes Café mit Zeitungen, guter Einrichtung und anständigem Licht. Die Klingeln am Eingang von Nummer 7 waren säuberlich beschriftet. Auf einer stand schlicht “Hochschule für Dynamotechnik”, auf einer zweiten, unmittelbar daneben, fiel mir ein “Zentralbüro für kosmotechnische Meteorologie” auf, aber ich war zu heiß auf Dynamotechnik, als daß ich mich um eine weitere Merkwürdigkeit hätten kümmern können. Einmal Klingeln bei der Dynamotechnik-Hochschule führte allerdings zu gar nichts, zwei und dreimal Klingeln zu nicht viel mehr. Die Tür war zu. Zehn Minuten hielten wir’s aus, dann gaben auf. Auf dem Rückweg zum U-Bahnhof schauten wir uns den rätselhaften grauen Betonkasten näher an, der es da schaffte, noch hässlicher zu sein als der Wohnbau, in dem er, fünf Stockwerke hoch, steckte. Es gab zwei sichtbare Eingänge mit dreieckigen und runden Symbolen darüber. Und zwei Gedenktafeln, die nur enigmatisch auf russische Zwangsarbeiter schliessen ließen.
In einem direkt benachbarten Jugend-Kulturhaus namens “PallasT” erfuhren wir mehr. Das Riesenhaus war ein Bau aus den Siebzigern – natürlich. Es hatte an diesem Ort den Sportpalast ersetzt. Den Sportpalast? Ja. Den Sportpalast. Den Wollt-Ihr-Den-Totalen-Krieg-Sportpalast. Noch bis 1973 an diesem Ort. Dann ersetzt durch den Monsterwohnbau, genannt Sozialpalast. Und der Kasten? Ein Hochbunker. Gegen Ende des zweiten Weltkriegs von Zwangsarbeitern erbaut. Die Pallasstraße hat eine bewegte Geschichte. Wir tranken unser Bier aus und versuchten, die neugierigen Jugendlichen nicht direkt anzusehen. Wir sahen ein bisschen zu hip und mitte aus für die Gegend.
Wieder im Verlag (es war fast Mitternacht), über der dunklen stillen Schule, begaben wir uns wieder im Netz auf die Jagd. Die Bunkerfreaks wussten doch sicher mehr, und tatsächlich: Der Hochbunker Pallasstraße war heute ein Zivilschutzbunker, die Symbole über den Eingängen also leider wenig aufregend. Aber natürlich war das Ungeheuer tatsächlich im Krieg entstanden und danach nicht zu sprengen gewesen. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges wurde der Bunker für das Fernmeldeamt des Reichs gebaut. Für das Fernmeldeamt. Die Dynamotechniker hatten ihr Hauptquartier in unmittelbarer Nähe des Fernmeldeamtes aufgeschlagen. Die “Urmaschine” aus der Weltdynamismus-Schrift funktionierte per Radiotechnik, “analog Nauener Sender”. Die Nazis, so steht es zu Recht in der Präambel zu Willy Leys spöttischem Text in Astounding Science Fiction, haben eben streng nach dem Schrotflintenprinzip geforscht: Wer nur genug Löcher in die Luft ballert, dem fällt schon irgend etwas in den Schoß.

Protokoll | link | 10. October 2006

Flickr: Photos tagged with sozialpalast

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Einige Tage lang geschah nichts, weil ich mal wieder ein wenig Geld verdienen musste. Dann, morgens um halb zehn, ich griff gerade Apfel/Shift/Halbe-Badewanne/Pfeil-rechts und wartete, daß das Bild neu umflossen würde, als mir eine Kleinigkeit auffiel, die Sie natürlich schon ahnen: Zentralbüro für kosmotechnische Wettervorhersage? Oder wie war das gewesen? Ich rief Laszlo an, aber ich hatte ihn geweckt, er war mißmutig und hatte die Klingel auch nicht einmal bemerkt. Eine Stunde später wusste ich, daß “Kosmotechnik” ein anderer Name für die Welteislehre war. Und die war uns ja nun schon mehrfach begegnet, ohne daß wir uns jemals gefragt hatten, was es damit nun eigentlich auf sich hatte.

Ich unterbreche meine Erzählung vom Kamin des Generals an dieser Stelle wieder, denn natürlich musste ich ihm nicht erklären, was die Welteislehre ist.

Protokoll | link | 11. October 2006

Es handelt sich um eine Laientheorie, vom Wiener Kälteingenieur Ingenieur Hanns Hörbiger 1912 unter dem Namen “Glazial-Kosmogonie” veröffentlicht. Hanns Hörbiger, ein rasputinbärtiger Maschinenbauer, hatte sich zuvor als fähiger Ingenieur für Dampfmaschinen und Gebläse, schließlich als Erfinder des Plattenventils einen Namen gemacht, patentiert vom Kaiserlichen Patentamt des Reiches am 7. August 1895, Patent-No. 87267, angeblich baut man diese Ventile heute noch so. Wenig später ließ er sich ein, freilich nie gebautes, Flugzeug patentieren. Mit seinen Ventilen dagegen war er sehr erfolgreich, rüstete die Wiener Rohrpost aus und verdiente gutes Geld. Eigentlich aber trieb es ihn zur Wissenschaft, gerade weil er nie eine Universität besucht hatte: Wie viele seiner Zeitgenossen wollte er sein Schärflein beitragen zum großen Aufbruch der Menschheit in das Zeitalter der Naturwissenschaft und technischen Naturbeherrschung. Er war begeisterter Amateurastronom, und eines Nachts überfiel den Kältetechniker eingebungshaft die Erkenntnis, daß der Mond, und mit ihm die äußeren Planeten, aus Eis bestünden. Die offenbarungsartige Vision sollte sein Leben prägen. Von der Offenbarung der Eisnatur der Planeten ausgehend, arbeitete er über ein Jahrzehnt lang an seiner Glazial-Kosmogonie, einer umfassenden Theorie der Entstehung des Universums, des Sonnensystems, der Erde, der Zeitalter und Wettererscheinungen auf unserem Planeten. Er rechnete, zeichnete, passte an, fand Freunde unter anderen, zum Teil verdienstvollen Amateurastronomen, und publizierte schließlich sein Opus Magnum, einen siebenhundert Seiten schweren Wälzer mit der kompletten Theorie, abgefasst in einer schwergängigen Wissenschaftssprache, voller nie gelesener Latinismen und Wortneuschöpfungen. Er war überzeugt, einen Paradigmenwechsel in der Sternforschung einzuleiten. Die Geschlossenheit seines neuen Weltbildes, seine Offenbarung, seine Berechnungen ließen keinen Zweifel: Er war etwas Großem auf der Spur. Er hatte die Theorie, die von der Sternentstehung bis zum Tageswetter alle Himmelserscheinungen erklärte.

Alles Geschehen im Weltraum wird bestimmt durch den Widerstreit von neptodischen Eis- und plutonischen Glutkräften. Zum ersten Mal taucht der Dualismus auf in den Lehren von Thales und Heraklit, und durch die Naturphilosophie aller Zeiten, insbesondere der Romantik, ist die Polarität zu verfolgen, die ihre Entsprechungen in den anderen Polaritäten irdischen und kosmischen Seins, positiv und negativ, weiblich und männlich, findet. Und natürlich beschreibt die Edda die Entstehung der Welt aus den feurigen Flüssen Muspelheims und der Kälte von Niflheim, die große Erklärungslücke Ginnungagap dazwischen.
Eine Riesensonne, ein Glutball von dreißigmillionenfacher Sonnenmasse, die Urmutter, stand einst im Sternbild der Taube. Ein Rieseneisblock, der Urvater, kleiner in Masse und Umfang, kreuzte den Kurs der Mutterriesin, geriet in ihr Schwerkraftfeld und stürzte in die Glut, drang ein in den Feuerstern, kam zum Halt im Innern, schmolz und bildete unter der enormen Hitze Schlacken.

Die Schlacke schützte die eingeschlossene Eiskugel für Jahrtausende, bevor die übergroße Hitze sie verbrannt hatte und das Wasser schlagartig verdampfte. Es passierte, was dem Temperaturtechnologen Ingenieur Hanns Hörbiger nur allzu bekannt sein musste: Ein Siedeverzug trat ein, und Mutterriesen und Eisblock explodierten mit ungeheuerlichster Wucht, so schufen sie das Universum aus Feuer und Eis. Seither wiederholt sich diese Schöpfung in allen Größenordnungen, allenthalben stürzt Eis auf wärmere Körper zu. Unser Sonnensystem, ein weit in den Raum geschleudertes Überbleibsel der Explosion, ist die erkaltete Form eines Systems aus Glutkreisel und Wasserdampf. Nach Äonen ist es heute umgeben von einem sichtbaren Gürtel gefrorenen kosmischen Eises, der Eismilchstraße, hinter der die Sterne der ungleich entfernteren Glutmilchstraße leuchten. Kosmisches Treibeis füllt den Weltraum, schlägt Sonnenflecken und verursacht Protuberanzen und Explosionen. Ein beständiger Strom trägen, galaktischen Roheises trifft auch die anderen Himmelskörper, durchschlägt Atmosphären und akkumuliert zu immer schweren, kalten Brocken, die aber endlich doch in ihre plutonischen Zentralkörper stürzen müssen.

Protokoll | link | 12. October 2006

Unter richtigen Wissenschaftlern machte sich Hörbiger keine Freunde mit seinem genialischen Auftreten und dem Anspruch, einen Newtonschen Apfel gefangen zu haben. Dazu kam seine komplette Unkenntnis der Methodik positiver Wissenschaft. Die universitären Astronomen und Physiker, denen er seine Theorie vortrug und denen er zuvor riet, Riechfläschchen und eine bequeme Sitzgelegenheit bereitzuhalten, damit sie den Schock seiner Offenbarung überstünden, empfahlen dem Manne kopfschüttelnd, die sich auf seine Ventile zu konzentrieren und den Welteis-Unsinn zu lassen — denn dieser, soviel stand fest, musste eine ganze Menge wohlakzeptierter Physik verwerfen oder modifizieren, einschließlich des Newtonschen Gesetzes. Lieber Hanns, sagten sie ihm, du kannst nicht die Physik neu erfinden wie ein Ventil, und das vertrug Hanns nicht. Er publizierte weiter und legte sich eine Kampfattitüde zu gegen die “orthodoxe” Wissenschaft, die er als einen Club störrischer alter Männer erfahren hatte, der ihm die Weihen der Wissenschaft versagte.
Soweit, so gut, dachte ich, als ich das las. Ein Unsinn wie die hohle Erde oder manch moderner Hokuspokus dieser Sorte; aber ich irrte. Denn während die Physiker die Welteislehre (kurz WEL) belächelten, wurde sie nach und nach von immer breiteren Massen geliebt. Die Glazial-Kosmogonie hatte dreissig Jahre lang eine ungeheure Anhängerschaft unter den Deutschen, und die “Orthodoxen” gerieten darob geradezu unter Druck. Es nützte nichts, daß Methode, Mathematik und Physik — wir befinden uns in der größten Zeit der Physik überhaupt — die WEL als ausgemachten Quatsch erscheinen ließen. Sie gewann Anhänger unter all denen, denen die neue Physik dieser Jahre unverständlich blieb. Und es waren viele. Breiteste Schichten glaubten an den ewigen Widerstreit von Glut und Eis und die Eisnatur der Gestirne, den kosmischen Ursprung von Wirbelsturm und Hagelschlag. So las ich es in einem der wenigen Bändchen, die man heute über diese vergessene Massenbewegung bekommt, so las ich es in Willy Leys Text, wo die WEL natürlich ihren Platz unter den Pseudowissenschaften hatte. Ich konnte es kaum fassen, fünfzig Jahre sind schließlich keine Zeit. Ich rief das Heim an, in dem meine Großmutter seit der Auflösung des Haushalts, aus dem meine schweren Löffel stammten, wohnte, und ließ sie ans Telefon holen. – Oma, fragte ich, aus was ist der Mond gemacht? – Aus Eis, sagte sie, fünfzig Kilometer Eis, daraus ist der Mond gemacht, lernt man das nicht beim Studieren? Seit sie da oben waren, ist das Wetter nimmer, wie es war, es spielt alles verrückt, sie hätten den Mond in Ruhe lassen sollen.

Protokoll | link | 13. October 2006

Am selben Abend, fuhr ich mit meiner Erzählung am Kamin fort, ging ich mit Susann tanzen. Es war mein letzter Abend in Berlin, und ich kann gar nicht sagen, ob die finalen Merkwürdigkeiten mit dem Telefonat mit meiner Großmutter, der folgenden Lektüre im Verlag oder mit dem Abend mit Susann begannen. Jedenfalls: Wir waren also im Friedrichshain unterwegs. Den genauen Ort könnte ich nicht mehr angeben, ein Keller an der Spree mit Jugendclub-Charme, billigen Getränken und so guter Musik, daß wir es kaum ein paar Minuten auf den alten Möbeln im Erdgeschoß aushielten. Wir wollten’s erst langsam angehen lassen, zunächst die unvermeidliche Caipirinha hinter uns bringen und ein wenig aus unseren sonderbaren letzten Wochen erzählen. Aber dann lief schon Turners Transiermaschine, hervorragendes Gezische zum Reinkommen, und in den nächsten vier Stunden kehrten wir bloß zweimal zu den inzwischen besetzten Sesseln zurück, um an lauwarmen und wässrigen, dann wieder frischen und eiligen Caipirinhas zu saugen. Tok Tok irgendwann, in einer technoideren Phase Legowelt, später International Pony, Daft Punk, ich glaube, Chicks on Speed, ein paar von den Sachen erkannte ich, das meiste nicht, es war mir auch gleich, es war nichts Besonderes, es war gut. Etwa um halb vier spielten sie “Forever More” von Moloko. Susann löste ihren Pferdeschwanz auf und gab uns Roisin Murphy. Sie bekam sogar die Slow-Motion-Effekte aus den Moloko-Videos hin (oder vielleicht bekamen ich und der Alkohol sie hin). Es gibt eine Erinnerung, die nur zeigt, wie Susann mit dem Finger in die Haare fährt, eine Drehung macht und die freigelassene Frisur schräg nach vorne übers Gesicht huschen lässt — das scheint Minuten zu dauern. Mehr Bilder in wechselndem Farblicht: Einzelne Schritte ihrer faszinierend geraden Beine, erstaunlich präzise Bewegungen, dann eine schon angeschwitzte Strähne, die sie sich, aufschauend und strahlend, mit zwei Fingern über die Stirn wegstreicht, eine Hand, die mich kaum spürbar an die Schulter haucht und in eine Drehung um zwei undeutliche Nebelgestalten holt.
Als die ekstatische Forever-More-Orgel schließlich gurgelnd auslief, die Fanfare noch einmal die Mundwinkel zum verzückten Ja-Noch-Einmal! anhob und und es für einen Moment still wurde, machten wir uns aus der heißen Zone davon. Irgendwie hatte ich Susann im Arm oder sie mich, jedenfalls eroberten wir ein Sofa, schlürften gierig geschmolzenes Eis zwischen Limonen- und Zuckerresten hervor und sanken erschöpft auf dem flachen Möbel zusammen. Meine Hand lag auf ihrem Oberarm und für eine Weile bemerkten wir sie beide nicht dort, dann fiel sie wenigstens mir auf, und ich fuhr, ganz vorsichtig, zwischen Schulter und Ellbogen über ein Stück Haut und ein Stück Stoff und zurück, ich berührte sie kaum. Ein paar Sekunden gab sie mir, dann hob sie ihren Kopf ein Stück, nahm meine Hand und gab sie mir zurück. Sie sah glücklich aus, schaute mich an und sagte – Weißt du, ich bin wirklich ein Fan von dir, aber belaß es dabei, in Ordnung? Bevor ich verstand, was sie sagte, freute ich mich, daß sie “In Ordnung” sagte anstatt “Okeeeh”, und dann musste ich erst einmal aufs Klo.

Eher ein Bretterverschlag, in einen türlosen Raum hineingebaut, zwei geschlechtsneutrale Schüsseln im Neonlicht, die sahen böse aus. Ich pinkelte und lehnte mich an die Holzwand, atmete ein paarmal die wilde Konfusion aus Euphorie und Enttäuschung durcheinander, wünschte mir zum ersten Mal seit vielen Jahren eine Zigarette und schaffte es, meine klirrenden Nerven in den paar Minuten soweit beherrschbar zu bekommen, daß wir noch zusammen zur S-Bahn gehen und trunken über Nichtigkeiten reden konnten.
Es fing an zu regnen und wir mussten rennen, ihre Absätze machten metallische Geräusche, wenn sie Kiesel zerknackten. Es machte Spaß, sich mit ihr vor den kalten Wassernadeln in den Eingang des Bahnhofs zu flüchten.

Protokoll | link | 14. October 2006

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Tafel II

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Mit breiten Schwingen flog mein Mantel zum Bett, derweil ich vor dem Spiegel in die Knie sank und den Kopf in die Hände nahm. Vor mir lagen elende Monate, so dachte ich damals, schon wieder elende Monate in einem Land ohne Hoffnung. Schon wieder elende Monate. Es ist so schwer, ordentliche Frauen zu treffen. Auch diesmal also. Schon wieder das. Das war mehr, als ich ertrug. Selbstmitleid — und ich hatte allen Grund dazu, ich schämte mich nicht und schäme mich nicht. Und Mitleid, mit der Welt, den Leidensgenossen, am liebsten wär’ ich Nietzsche um den Hals gefallen, aber der war nicht greifbar, nicht einmal ein Pferd war anwesend, also war ich schlechter dran als der alte Friederich.
Es war ein neuer Gedanke, aber nun kam er mir natürlich vor: Dringend erschiessen! Was sonst sollte ich noch tun? Vielleicht kriegten wirklich nur die Zyniker die guten Frauen, ich nahm sie einfach zu ernst. Dabei konnte alles so falsch nicht gewesen sein, in den letzten Wochen. Ich bin wirklich ein Fan von dir, aber laß es dabei.
Oder eben doch. Eben doch. Ich schaute meinem Spiegelbild in die Augen, grinste, trotzig, und fragte den Burschen: Siehst du einfach nicht gut genug aus, oder was ist es? Dabei ist es so schlimm nicht, von den paar Macken abgesehen, eigentlich kommen wir beide doch gut miteinander aus, und ich bin ja kritisch. Also? Jagt uns ein höhnisches Schicksal die Berge rauf und runter? Und: Lassen wir uns das gefallen? Müssen wir das? Wie lange noch? Träge ließ ich den Kopf auf die Hände rutschen und lag ein paar Minuten zusammengekauert mit trockenen Augen und schwerem Atem. Nach Minuten freischwimmender Hoffnungslosigkeit schob ich mit verhängten Lidern und schlaffer Hand den Mantel vom Bett, ließ mich fallen und hatte Glück. Kaum daß ich lag, schlief ich schon und hatte Ruhe; mein Pech hatte Pause, ich musste mir nicht mehr ausmalen, wie oft mir noch so mitgespielt werden würde bis ich siebzig wäre und ein Hagestolz.
An diesem Abend war ich wirklich lediglich zu erschöpft, um mich um meine Entleibung zu kümmern, viel mehr hätte mich kaum zurückgehalten. Von einem Mangel an geeigneten Waffen einmal abgesehen, meine ich.

Auch am Tag darauf brauchte mein innerer Monolog eine gute Portion Zäher-Hund-Rhetorik, um mich da halbwegs rauszuholen. Ich hatte nicht sonderlich gut geschlafen und, wie immer mit Alkohol, scheußlich klar geträumt. Sie werden sich denken, wie der Tag sich anfühlte, aber ich ging ihn mit grimmiger Entschlossenheit an. Man musste ein Mann sein, ob man wollte oder nicht, eine Gewissheit, die blieb. Mein Monolog schwatzte mich fast zum Helden hoch, und ein bisschen kann man ihm glauben, finde ich. Gegen Mittag erst stand ich auf, tappte durch meine stockfinstere Hinterhofwohnung, draußen herrschte lärmendes Mistwetter, und erst nach einem langen und zu heißen Bad konnte ich das Elend abschütteln und Laszlo anrufen, um versuchsweise zu fragen, ob wir wegen meiner gestohlenen Kugel und Wernitz noch etwas unternehmen wollten. Er war entschieden der Meinung, daß wir das wollten, aber nicht heute, und so saß ich da mit dem herrenlosen Tag und meinen fruchtlosen Versuchen, nicht an Susann zu denken und mir nicht die Frage zu stellen, wie es weitergehen würde.

Protokoll | link | 15. October 2006

Ein gemeinsamer Spaziergang führt über eine lange Flußbrücke, sie läuft parallel zu einer zweiten. Boote liegen an den Ufern, Restaurants und Touristenfallen. Über der anderen Brücke ragt mächtig ein großes Gebäude und dort wird gebaut, Spuren der Vergangenheit sollen beseitigt werden. Es steht leer derweil. Erst bei naher Betrachtung fällt die seltsame Bauweise des Hauses auf: Nicht nur, daß es über den Fluß gebaut ist nach mittelalterlichem Brauch, es ist auch irritierend und asymmetrisch; völlig unmöglich scheint es, die pseudoklassischen Säulen links beim Treppenhaus zu zählen.
Ein Graubart bemerkt, daß wenigstens der Gemüsehändler, ganz links im halbverglasten Treppenhaus, habe bleiben können während der Bauzeit. Und du suchst das Treppenhaus mit den Augen ab, um den Gemüsehändler zu entdecken, aber es gibt keinen Gemüsehändler. Und er fragt: – Du bemerkst aber, daß das Treppenhaus vollständig ist? Und du versuchst zu verstehen, was das bedeuten soll; tatsächlich ist das Treppenhaus, wenn man es von links nach rechts liest, sehr breit, viele horizontale Ebenen liegen dort nebeneinander, die Treppe faltet sich nicht über sich selbst wie sie sollte, jeder Aufgang hat seine eigene Schicht, und man müsste so, wenn man dort die Treppen hinaufstiege, nicht nur nach oben gelangen, sondern das ganze Haus durchqueren. Das Haus ist kaum zu erkennen vor Treppen, es scheint nur aus Treppenhaus zu bestehen — nur allerdings, wenn man es von links nach rechts liest, andersherum sieht das Gebäude fast gewöhnlich aus, irritierend zwar, aber mit normal breitem Treppenanbau. Und er: – Das ist ein Beleuchtungseffekt. Er zieht dich in einen Winkel, du schaust wieder hin, das ganze Haus ist verschwunden. Alles, was bleibt, ist die linke untere Ecke, der Nukleus eines Treppenhauses, kaum zwei Stockwerke hoch, keine fünf Meter breit, nur ein Stück Mauer auf einem Pfeiler im Fluß. Du fasst es nicht, schaust noch einmal hin und willst erfahren, ab wo genau das Haus als Ganzes wahrgenommen wird, bei welchem Winkel. Und gehst langsam aus der Nische, Schritt für Schritt bleibt das Stück Wand ein Stück Wand, bis das Haus mit Macht ausbricht und auffaltet und riesenhaft aufsteigt, deine Wahrnehmung bricht zusammen während dein Blut aufrauscht, weil alle Entfernungen neu geschätzt und berechnet werden müssen. Für einen Augenblick wirst du ohnmächtig, so gewaltig ist das explodierte Andere, als mit einem Mal ein Gebäude dein Gesichtsfeld füllt, wo vorher nur Berliner Himmel war.

Protokoll | link | 16. October 2006

Drei seltsame Stunden lang tat ich nichts außer im Netz herumzusurfen auf Seiten, die ich seit Jahren nicht mehr besucht hatte: Japanische Designer, die mir wieder einfielen, amerikanische Komiker, französische und italienische Städte, in denen ich mal gewesen war, mit Webcams auf den Marktplätzen; lange schaute ich den Schleifen zu. Ich könnte heute auch schwören, daß ich dreimal aufstand, um die Heizung auf Stufe 3 zu drehen, und daß sie jedesmal zwischen dem * und der 0 stand, wenn ich sie anfasste. Möglicherweise machte ich auch die Tür mehr als einmal zu und merkte nichts davon, nichts vielleicht als ein Gefühl steigender Beunruhigung. Vermutlich sind aber Projektionen, ich weiß es nicht. Vermutlich war ich nicht so derangiert, meine eigenen Handlungen, ohne es zu bemerken, andauernd rückgängig zu machen. Jedenfalls beschloß ich, etwa um vier, noch einmal nach Schönefeld zu fahren und bei der Volkshochschule für Dynamotechnik zu klingeln. Ich musste dringend etwas tun, um Susanns zarte Quecksilberseele loszuwerden, die in mir spukte.

Protokoll | link | 17. October 2006

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Menschenkopf, Bedeutung vermutlich “überwundener Gegner”; Pumakopf

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Wieder stand ich vor der Tür der Pallasstraße 7, wieder klingelte ich bei der Volkshochschule, diesmal auch beim Zentralbüro für kosmotechnische Meteorologie, wieder geschah nichts. Diesmal probierte ich auch die anderen Klingeln, um wenigstens durch die Haustür zu kommen, aber es schien niemand da zu sein; und die, die da waren, hörten wohl, daß überall geklingelt wurde, schimpften in ihren Küchen vor sich hin und taten nichts. Nichts zu machen.

Auf dem Rückweg zum U-Bahnhof Bülowstraße begegnete ich Wernitz. Der alte Mann versuchte gar nicht erst, wegzulaufen und ergab sich grimmig in sein Schicksal. Er war durchaus nicht unfreundlich. Er erklärte, daß er in wirklich dringender Eile sei und daß ich das Aggregat nicht zurückhaben könne, auf keinen Fall, es ginge nicht, so leid ihm das tue. In beiden Händen trug er Plastiktüten von Conrad Elektronik. Ich war nicht in besonders nachsichtiger Verfassung an diesem Tag, und immerhin hatte dieser Mann meine Tür aufgebrochen und eine verrückte Magnetkugel gestohlen, die mir gehörte. Also packte ich ihn am Schlafittchen, versuchte drohend auszusehen und kündigte ihm an, daß er gerne auch Prügel bekommen könne, wenn er mir nicht endlich erzähle, was hier los sei, und er könne nicht erwarten, daß ich ihn einfach in meine Wohnung einbrechen lasse. Er gab klein bei. Bei der Erwähnung des “kommenden Deutschland” und des glazialkosmologischen Büros zuckte er, sammelte sich aber und gab klein bei. Er dachte (meine Hand immer noch an seinem Kragen, die Leute guckten weg) kurz nach und versprach kleinlaut, mich mitzunehmen, unter der Bedingung, daß ich ihn nicht weiter aufhielte, weil er es wirklich sehr eilig habe.

Der Keller des Hauses Pallasstraße 7 sah aus wie der Keller im Wedding oder meiner im Prenzlauer Berg oder jeder andere Mietshauskeller. Auch hier gab es keine Aggregate, sondern Reifen, Tapeziertische und Ratten. Und dazu eine Geheimtür wie aus dem Bilderbuch. In einem der Verschläge gab es ein Blech, so daß man nichts sah, und eine Reihe leerer Kartons. Schob man die tiefer in den Raum, gab es eine Klappe und darunter eine Treppe in die Kanalisation. Wernitz hatte eine Lampe, ich hatte keine Lust auf den Rattenduft, und so unterquerten wir die Pallasstraße schnell und mit den Nasen in den Hemden. Auf der anderen Seite des schmalen, gar nicht mal so übelriechenden Kanals war die gemauerte Decke von einen massiven Betonblock unterbrochen, und für die stählerne Tür dort hatte Wernitz einen Schlüssel. Sie ging leicht und geräuschlos und gab einen Gang frei, der, von einer einzigen Bauleuchte erhellt, auf ein Treppenhaus führte. Wernitz zeigte nach oben: – Zivilschutz. Falls Sie siebentausend orangenfarbene Bettgestelle und verdorbene Kekse brauchen: Da lang. Brauchten wir nicht, wir stiegen nach unten. Am Fuß der Treppe gab es eine weitere Tür, für die er einen weiteren Schlüssel hatte, dahinter noch einen Gang, da schien es zwei Räume zu geben. Im ersten saßen drei alte Herren und schauten Wernitz verstört an, als sie mich erblickten. – Der junge Herr, dessen Wohnung wir vor einigen Tagen besucht haben, erklärte er, er ist uns leider auf die Schlichte gekommen, und er besteht absolut darauf, daß wir ihn einweihen.

Protokoll | link | 18. October 2006

Das sah zunächst so aus, daß mir einer von ihnen ein seltsames Ding unter die Nase hielt, das ebenso altertümlich wie waffenartig aussah. Ein metallenes Rohr, das aber statt eines Kolbens eine Kugel hatte und statt einer Mündung ein verzweigtes, spitz zulaufendes und geometrisch ziemlich aufwendiges Drahtgewirr. Der Mann, der das Ding bediente, ein schlohweißer, sorgfältig gekleideter Mensch mit intelligentem, aber gerötetem Gesicht, ließ keinen Zweifel an dessen Waffennatur, und ich ließ es lieber nicht darauf ankommen, daß die hier komplett verrückt waren. Ich tat, wie man mich hieß, und setzte mich erst einmal. Übrigens gab es auch eine klassischere Waffe im Raum. Der General konnte sie nach meinen Beschreibungen identifizieren, aber ich habe vergessen, was genau es war. (Ziemlich sicher eine Walther PP oder PPK. Der Hrsg.) Mir war nicht klar, warum sie einen Uneingeweihten statt mit der Phantasiewaffe nicht lieber mit der Pistole bedrohten, aber entweder wussten sie nicht, was sie taten, oder sie wussten es sehr viel genauer als ich. Jedenfalls wartete ich erst einmal ab, während Wernitz mit seinen zwei Conrad-Tüten und den beiden anderen Herren den Raum verließ. Es blieb übrigens unklar, wer hier der Chef war. Mein Bewacher sagte gar nichts und saß nur da, vor sich auf dem Tisch lagen Pistole und sein seltsam provisorischer Kugel-Draht-Apparat. Ich hatte erstaunlicherweise keine richtige Angst. Übrigens nicht, weil ich ohnehin in einer Verfassung war, in der ich am liebsten erschossen worden wäre. Es war eher, daß meine Gegener zu alt und zu kultiviert waren. Und die Situation zu seltsam.
Im Nebenraum wurde gearbeitet. Die drei unterhielten sich, einmal wurde etwas schweres gerückt; der typische Lötgeruch hing in der Luft. Dann lief ein Elektromotor an. Besonders interessant war natürlich, was gesprochen wurde. Neben Elektrotechnik wurde auch die angestrebte Modifikation des interplanetarischen Mittels diskutiert. Und darüber wusste ich schon mehr. “Interplanetarisches Mittel” ist ein WEL-Begriff.

Protokoll | link | 19. October 2006

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Tafel III.

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Als ich das alles dem General erzählte, kannte ich die physikalischen und historischen Zusammenhänge noch nicht vollständig, und wenn ich ehrlich bin, ganz im Klaren bin ich immer noch nicht. Ich habe meine namenlose Bekannte bei den Vogelfrauen um Aufklärung gebeten und sie hat versprochen, mir zu erklären, warum diese Greise taten, was sie taten und wie sie es taten. Allerdings bin ich erst für morgen eingeladen, und also will ich vorher noch aufschreiben, was ich schon damals über die Glazial-Kosmogonie und den Mond wusste, als drei nicht unsympathische alte Herren im Nebenraum über die Erhöhung des interplanetarischen Mittels redeten und ein weiterer netter alter Herr mich mit einem Glas Orangensaft und einer phantastischen Waffe bewachte.

Protokoll | link | 20. October 2006

Durch den leeren, von allen Stoffen völlig freien Weltraum bewegt sich ein Stück Materie (sagen wir: Eis) reibungsfrei und ungebremst. Doch der Weltraum ist nicht leer, sondern erfüllt von streunendem Roheis: Überreste der großen galaktischen Entstehungskatastrophe. Zudem verdampfen Roheisbrocken beim Sturz in die Sonne als Sonnenflecken, weswegen von der Sonne ein beständiger Strom feinen, erkaltenden und wieder gefrierenden Wasserdampfes ausgeht. Dieses wandernden Eismassen, dazu das Roheis aus den Tiefen der Eismilchstraße, bilden das interplanetarische Mittel, ein Mittel, also Medium, durch das auch die schwereren Himmelskörper, namentlich die Planeten, hindurch müssen auf ihren Bahnen um die Sonne. Dabei verlieren sie Energie, weil sie das interplanetarische Mittel verdrängen müssen — nicht viel, ihr Impuls ist aufgrund der höheren Masse ungleich größer, aber auf lange Sicht wirkt die Reibung am interplanetarischen Mittel als eine Art Bremse der durchs Eis pflügenden Planeten. Weil die einzige Kraft, die ein kreisender Körper der Schwere seines Zentralkörper entgegenzusetzen hat, seine Fliehkraft ist, wird er, wenn sich die Rotation verlangsamt und diese abnimmt, näher an den Zentralkörper heransinken — und dabei auf niedrigerer Bahn wieder schneller werden. Paradoxerweise bewirkt das interplanetarische Mittel also neben einer Bahnverengung auch eine Beschleunigung. Auf lange Sicht kreist der Körper auf immer engeren Bahnen immer schneller um den Zentralkörper und muß schließlich, wenn sein schneller Fall um die zentrale Masse seine eigene Schwerkraft völlig aufwiegt, auseinander brechen und in Einzelteilen in den Zentralkörper stürzen. Das ist das Schicksal jedes kreisenden Körpers — es sei denn, er gerät zwischenzeitlich in das Schwerefeld einer weiteren, größeren Masse. Dann wird er von dieser eingefangen und ihr Trabant, hat fortan also einen neuen Zentralkörper, an den seine Bahn heranschrumpft: Er ist ein Mond geworden.
Die Erde hat auf ihrem langsam kreisenden Weg zur Sonne schon mehrfach Monde eingefangen. Mehrfach sind diese Monde, gebremst vom interplanetarischen Mittel, in die Erde gestürzt, haben ihre Oberfläche verändert oder neu gestaltet in gewaltigen Katastrophen. Luna, unser heutiger Mond, ist der siebente Trabant der Erde und wurde eingefangen, als schon Menschen die Erde bewohnten und den Einfang beobachten konnten. Mythen und Sagen verschiedener, weit voneinander entfernt lebender Völker berichten von einer mondlosen Zeit und datieren lang zurückliegendes auf eine Zeit bevor der Mond am Himmel erschien. Noch Aristoteles spricht von den Proselenen, den vor dem Mond lebenden: Diese Arkader wohnten schon in Griechenland, bevor der Monad am Himmel erschien. Die Griechen aber dachten die Abwesenheit des Mondes zusammen mit dem goldenen Zeitalter: Ein ruhiger ewiger Frühling herrschte auf Erden, bevor Luna, die große Beobachterin, am Himmel erschien. Die Berechnungen der WEL-Theoretiker zeigen, warum eine Zeit ohne Mond eine goldene ist: Luna formt nicht nur durch Ebbe und Flut, sie formt auch direkt die Kruste der Erde im Tanz um den gemeinsamen Schwerpunkt. Eine mondlose Zeit wäre (war) eine Zeit der Ruhe, ohne schwere Wetter, ohne Gezeiten, ohne Gewalt und ohne Forderung. Der Einfang der Luna verheerte weite Landstriche und riß die Erde in einen wilden Taumel um einen neuen Schwerpunkt, hob und senkte Landstriche, Berge verschoben sich und Meere wanderten, Platons Atlantis versank in den Wassermassen.
Was aber der Absturz der Luna anrichten müsste, kann ermessen werden am Absturz des Vorgängermondes, des Känomondes: Durchmesser 1800 km und nur ein Zwanzigstel der Lunamasse. Der Absturz des kleinen Känomonds löste die Sintflut aus am äußersten Rand der menschlichen Erinnerung, und nur eine einzige Kultur legt Zeugnis ab von der schieren Existenz dieses Mondes: Die versunkene Hochkultur von Tiahuanaco im Hochland von Peru. Dort in den Anden, auf tausenden von Metern Höhe, haben die Einwohner von Tiahuanaco einen Seehafen gebaut — wofür? Der Titicacasee, viel zu klein und zu weit entfernt, kann der Grund nicht gewesen sein. Es muß ein Meer gegeben haben in Tiahuanaco. Und siehe da: Es finden sich konsistente Strandlinien an den umliegenden Bergen, die Küste eines vergessenen Meeres. Verlängert man diese Strandlinien, so füllt der gedachte Ozean das heute trockene Hafenbecken von Tiahuanaco genau — allein: Der Meeresspiegel liegt nicht orthogonal zur Linie vom Erdmittelpunkt zur Erdkurste, sondern heute “schief”: Dieser uralte Ozean lag nicht nur ungewöhnlich hoch, er wurde auch von etwas nach dort oben gesaugt. Die Schwerkraftverhältnisse müssen ganz anders gewesen sein, als sie es heute sind.

Ein WEL-Theoretiker (und übler Rassist), Edmund Kiß, decodierte 1937 das berühmte Sonnentor von Tiahuanaco. Es zeigt einen rätselhaften Kalenderfries, dessen Kalender das Jahr zwar in zwölf klar erkennbare Abschnitte teilt:

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(Das Sonnentor von Tiahuanaco. Klicken vergrößert das Bild.)

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(Kalender im Mäanderfries, Erläuterung. Klicken vergrößert das Bild.)

Ich blickte lange auf die große Septemberfigur, als ich das alles am Tag vor diesem denkwürdigen Besuch im Keller des Hochbunkers Pallasstraße las. Das komplizierte Gesicht, die Haare, eins für jeden Septembertag. Sommer- und Wintersonnwende, Tag- und Nachtgleichen stimmen mit den Verhältnissen auf der Südhalbkugel vollkommen überein auf diesem Kalender — lediglich die Tageszacken der einzelnen Figuren geben Rätsel auf. Man müsste also annehmen, daß die Erbauer des Sonnentores einen Kalender hergestellt hätten, der zwar die Monate korrekt wiedergab, dann aber Elemente hatte, die nichts oder eine falsche Zahl von Tagen pro Monat bedeuteten. Oder die Zahl der Tage war richtig, der Kalender korrekt — aber für eine Astronomie, die es nicht mehr gibt. Der Kalender von Tiahuanaco war identisch mit dem unserem bei genau den Daten, die nur von der Sonnenumlaufbahn abhängen.

Protokoll | link | 21. October 2006

Zu jedem Mondabsturz, auch dem des Känomondes, gehört neben dem Heranschrumpfen der Mondbahn die Beschleunigung des Mondes. Man teilt die Zeit eines Mondkataklysmus daher in drei Phasen: Vorstationäre Phase, Stationäre Phase, Nachstationäre Phase. Dahinter verbirgt sich nicht mehr als die Tatsache, daß ein sich beschleunigender Mond irgendwann genauso schnell sein wird wie die Erdrotation: In dieser stationären Phase scheint er über einem Punkt der Erde festzustehen und pendelt nur noch zwischen Umlaufebene une Äquatorebene hin und her.

In knapp Vorstationärer Zeit entstehen Hochflutgebiete, das sind dauerhaft von nacheilenden Wassermassen bedeckte Abschnitte der Erde und Tiefebbefrostgebiete: Kalte, tief liegende Gebiete unter der Mondbahn, aufzuteilen in Pendelfrostgebiete (unterhalb der erwähnten Pendelbewegung des Mondes) und Spurfrostgebiete, die direkt unter der Spur des Mondes zwischen zwei Flutbergen liegen. In der nachstationären Zeit schließlich bilden sich Gürtelhochfluten: Die Gezeiten haben sozusagen keine Zeit zum Rückschwappen mehr, bevor die Schwerkraft des rasend umlaufenden Mondes sie wieder erfasst. Sie werden in einem einzigen stabilen Wassergürtel unter der Mondbahn hochgesaugt.

1927 berechnete Hanns Hörbiger diese Stadien für den Känomond, rechnete Tageslängen und Monatslängen, Mondentfernungen, Fluthöhen und Ebbgebiete aus für alle denkbaren Zeitabschnitte.
Die “schiefen” Strandlinien im Hochland von Peru konnten nur aus der knapp nachstationären Phase des Känomondkataklysmus stammen. Zu dieser Zeit war ein Tag etwas mehr als 29 heutige Stunden lang, ein Sonnenjahr dauerte also rund 290 Tage, denn zwar wird die Rotationsgeschwindigkeit der Erde um ihre eigene Achse vom Mond beeinflusst wegen der bremsenden oder beschleunigenden Kräfte der umlaufenden Flute, der Lauf um die Sonne aber hängt vom Mond nicht ab. Der Känomond, nur sechs Erdradien von der Erde entfernt (nicht 60 wie die Luna), lief im Jahr 447 mal um.

1929 fand Kiß decodierte Kiß das Sonnentor von Tiahuanaco und fand darin genau diese Daten. Die Jahreszwölftel, die keine Monate waren, weil der Mond das Jahr in 447 Anschnitte teilte und nicht in zwölf wie heutzutage, enthielten 24 oder 25 Tage. Insgesamt zählt man im Kalenderfries 290 Tageszacken, unter der Annahme von 29-Stunden Tagen exakt ein Sonnenjahr. Und die Zahl der “Monate”, der echten Mondumläufe also, in der nachstationären Zeit kürzer als Tage – sie müsste, bei 477 Mondumläufen im Jahr wie von Hörbiger berechnet, pro Jahreszwölftel etwa 38 betragen. 38 Zacken finden sich am Leib der größeren und detaillierteren “Septemberfigur”. Der Puma mit dem fischförmigen Leib, von Tiahuanaco-Forschern seit jeher als Mondsymbol gedeutet, schließt die Jahreszwölftel ein, und die Gesamtzahl der Zacken im Fries, also 290 Tageszacken, 106 Kondor-Toxodon und Pumaköpfe am Mäanderfries und 157 Extra-Zacken -Köpfe zusätzlich, ergibt 477. Der Kalenderfries am Sonnentor von Tiahuanaco war der Kalender einer Kultur unter einem anderen, abgestürzten Mond.

Trotz solcher Erfolge wurde die Welteislehre von orthodox-wissenschaftlicher Seite immer für Humbug gehalten. Hörbiger, sein viel jüngerer Freund Max Valier, der Privatastronom Professor Philipp Fauth und einige mehr verfochten ihre Glazial-Kosmogonie jedoch mit Eifer, schrieben populärwissenschaftliche Bücher und ließen sich nicht irre machen. Hörbiger ging so weit, die klassische Unterscheidung zu konstruieren: Seid mit mir oder seid gegen mich – es ist jetzt eine Glaubensfrage. Seine Anhänger trafen und organisierten sich, 1923 wurde in Berlin der “Verein für kosmotechnische Forschung e.V.” gegründet.

Große Bevölkerungsschichten waren fasziniert. Die WEL brachte nicht nur wissenschaftlich und mathematisch formulierte Erklärungen hervor, sie schaffte es auch, diese mit großer Sprach- und Bildermacht darzustellen. Sie war so gar nicht wie die abstrakten und unanschaulichen Postulate der aufkommenden neuen Physik.
Darüber hinaus war sie eine Welt-Eis-Lehre, und wer germanisch empfand, hatte, zumindest bis zum Russlandfeldzug, eine Schwäche für das Eis, in dem er seine Vorfahren gestählt glaubte und das er für seinen Verbündeten hielt. Kein Wunder, daß große Teile der Nazi-Eliten WEL-Anhänger waren. Hitler wollte Hörbigers Statue in seinem österreichischen Astronomentempel haben, neben Ptolemäus und Kopernikus. Himmler war begeisterter WEL-Anhänger, und selbstverständlich beschäftigte sich auch diejenige Organisation mit der WEL, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die jüdisch unterwanderte orthodoxe Naturwissenschaft und den Katholizismus mit germanischem Geist zu bekämpfen: Das SS-Ahnenerbe, das Hörbiger jahrelang unterstützte. (Übrigens auch Kiß’ Forschungsreisen nach Südamerika.) Die Popularität der Welteislehre ging so weit, daß in Zeiten, als populär und nationalsozialistisch für eine Weile das selbe waren, das Propagandaministerium des Reiches bekanntgeben musste, daß man durchaus ein guter Nationalsozialist sein könne, ohne an die Welteislehre zu glauben.
Um 1930 wurde in Wien das Hörbiger-Institut gegründet, das bis 1976 die “Mitteilungen des Hörbiger-Institutes” herausgab, Stellungnahmen zum astronomischen, meteorologischen und geologischen Geschehen aus WEL-Perspektive. Erst 1989 stellte das Hörbiger-Institut seine Tätigkeit ein.

Protokoll | link | 22. October 2006

Das war also, was ich wusste, als ich da saß im Keller des Hochbunkers Pallasstraße und abwartete, was geschehen würde. Nebenan arbeiteten die drei Alten mit dem Lötkolben an einer Apparatur, mit dem sie offenbar das interplanetarische Mittel “erhöhen” wollten, wie immer das gehen sollte und was immer sie damit bezweckten. Was immer sie planten, sie schienen die Bahn des Mondes oder der Erde manipulieren zu wollen. Geistesverwirrte Apokalyptiker vermutlich, die den armen blauen Planeten in die Sonne steuern wollten. Nach der Geschichte mit Susann sah ich allerdings nicht ein, daß ausgerechnet ich zur Rettung der Welt vor diesen alten Herren schreiten sollte. Das war auch nicht meine Kragenweite. Ich beschloß, mich nicht totschiessen zu lassen wegen dieser Sache.
Allerdings fiel mir ein, daß die Alten nicht bei Trost waren und mich festhielten mit einer Waffe, an die ich nicht glaubte. Und mich hier bedrohen zu lassen, das musste eigentlich nicht sein. Ohne viel nachzudenken warf ich mich über den Tisch und griff ich nach der Pistole. Der Weißbart zuckte, aber ab siebzig überschätzt man seine Reflexe wohl leicht. Das Ergebnis war eine Art mexican standoff. Ich hielt dem alten Herrn die Pistole unter die Nase, er mir seinen Drahtapparat mit der Kugel. Es war reichlich albern. Er griff an einen dicken, unisolierten Draht an der Wand und sagte: – Ich bin nicht verwundbar, solange ich das hier trage, versuchen sie’s also gar nicht erst, junger Herr. Werden sie vernünftig. Ich antwortete ihm, daß ich weder an seine Unverwundbarkeit noch an seine verrückte Waffe glaubte. Dann wurde es still, wir mussten beide erst einmal nachdenken. Dann lachte ich. Natürlich würde ich hier keine verrückten alten Herren erschiessen. Dann lachte er auch. Die Machtverhältnisse blieben… unklar. Da sie immerhin wenigstens unklar waren, stand ich auf und ging zur Tür. Natürlich rückwärts, so mutig, ihm den Rücken zuzukehren, war ich dann doch nicht. Der Weißbart kam hinter mir her, sah mich ich ins Nebenzimmer treten und sagte nur traurig: – Herrje.

Protokoll | link | 23. October 2006

Ich hatte das geahnt wie Sie es längst ahnen: Vor mir stand die Urmaschine, dieses phantastische Ding, von dem ein einziges auf Erden genügt, um die biodynamischen Aggregate mit dem Anfangsimpuls zu versorgen, den sie brauchen, um Energie aus dem Erdmagnetfeld zu saugen: Hier war sie. Sechs Kugeln rotierten auf stählernen Stangen langsam um eine siebte. Mein kleines Aggregat stand daneben, war mit einem unisolierten Leiter mit der Urmaschine verbunden und mit zwei Drähten an einen großen Metallkasten angeschlossen, den ich nicht deuten konnte. An den Wänden lief rundherum eine Werkbank, die überquoll von elektrischem Kleinkram aus allen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Ich erkannte eine kleine Teslaspule, angeschlossen an einen Spreequell-Sprudelkisten-Kondensator: Einen Menge Drähte führten aus silberumwickelten Flaschen zusammen zur Funkenbahn der Spule. In einer Ecke des Raumes wurde offenbar Chemie betrieben, dort standen die malerischsten Sorten Kolben, Fallen, Röhren und Flaschen stand herum. Übrigens sahen diese Sachen überraschend benutzt und neu aus, im Gegensatz zu den staubigen und altmodischen elektrischen Sachen. Broschüren mit Pumakopf gab es ebenfalls.
Als ich den Raum betrat, drehte sich Wernitz zu mir, ebenso die beiden anderen, die am Metallkasten mit dem Lötkolben arbeiteten. Als Wernitz sah, daß ich die konventionelle Waffe hatte, reagierte er geistesgegenwärtig und überraschend schnell mit einem knackenden Ausfallschritt zur Urmaschine. Der gußeiserne Elektromotor jaulte jäh auf, die sechs Kugeln beschleunigten ihren Lauf. Schon nach einigen Sekunden flogen Lichtbögen zwischen der Zentralkugel und den kaum noch sichtbaren rotierenden Trabanten hin und her. Eine wandernde kleine Zirkuskuppel aus Entladungen stand auf, und ihr blaues unstetes Leuchten trieb die Furchen tiefer in die Gesichter meiner alten Gegner, so daß nur scharfe Konturen blieben und flackernde Abstraktionen, freischwebend bärtige Charaktere im Licht ihresn wirbelnden Lebenswerks. Ich zweifelte an meiner Jugend, als ich sie so sah, die alten Herren mit ihren entschlossenen Gesichtern und ihrem Eifer. Viel hatte ich ihnen nicht entgegenzusetzen. Der Weißbart griff wieder an einen Draht und ein gelber, langsamer Blitz kroch aus seiner Stabwaffe auf mich zu. Ich duckte mich, aber das war erstaunlich sinnlos: Der Blitz hatte es zwar nicht eilig, mich zu erreichen, änderte aber die Richtung ebenso schnell wie ich mich bewegen konnte. Als er meine Brust traf, fühlte sich das an wie der Baß bei einem lauten Open-Air-Konzert in der vordersten Reihe. Herz und Atmung fanden das ungewöhnlich genug für einen kleinen Aussetzer und folgende Unregelmäßigkeiten. Ich sank, ohne auch nur einen Anflug von Schmerzen zu haben, zur Seite wie ein Sack. Die Alten waren auf eine Weise gelassen, die mir nun wirklich nicht mehr behagte. Sie griffen nicht einmal nach der Pistole, an die ich mich klammerte. Belämmert saß ich, schüttelte den Kopf und versuchte, nicht zu lachen, schon weil mein Brustraum kribbelte und von innen juckte und ich nicht wusste, ob Lachen helfen würde. Wernitz redete tadelnd auf meinen Kopf ein. Unklar, was er sagte, ich war dort nicht recht anwesend und zudem jaulte der Motor. Sicher sagte er etwas nettes in der Art von: Wir wollen Ihnen doch nichts, seien Sie nicht so hartnäckig, und sehen Sie, ihr Aggregat ist eben das einzige funktionstüchtige seit Jahren, diesmal könnte es klappen, wir hatten schon seit zwei Jahrzehnten keinen so guten Fritter mehr.
Und dann knallte etwas, die Lichtbögen brachen zusammen, die Urmaschine fraß sich kreischend fest und der Motor lief im Leerlauf aus. Etwas passierte mit dem Licht, die einzige Leuchtstoffröhre im Raum ging aus und es wurde stockfinster. Als ich aufstand und zwei eilige Schritte machte, stieß ich mit einem von den Alten zusammen, dann hörte ich einen Lichtschalter, ein paar schwache Glühbirnen gingen an. Die vier Herrschaften wichen jetzt sichtbar erschrocken zurück vor meiner Schußwaffe. – In Ordnung, sagte ich, was also geht hier vor?

Protokoll | link | 24. October 2006

Ich erhielt Erklärungen: Ich war tatsächlich auf die Überreste der Reichsarbeitsgemeinschaft das kommende Deutschland gestoßen, die seit dem Ende des zweiten Weltkriegs unter wechselnden Namen in Berlin an dieser Maschine gearbeitet hatte, in Zusammenarbeit mit mehreren Hörbiger-Vereinen und Reich-Instituten. Von den vier Herren war nur einer schon so lange dabei, die Anfänge noch gekannt zu haben. Er musste fast neunzig sein und sprach nicht viel, meistens äußerte er Mahnungen: Vril müsse friedlich genutzt werden, wir versündigten uns. Die vier suchten schon seit Jahrzehnten auf nach dem Fritter, jenem schwarzen Material, das im Inneren der Stabmagnete in den Aggregaten die Verbindung zur Urmaschine aufrecht erhält. Die Maschine, mit der man diesen Fritter herstellen konnte (das “Schwarzgerät”) war seit Kriegsende verschollen, und so waren sie auf die Reste von Fritter in Aggregaten angewiesen, die noch intakt waren und irgendwo auftauchten. Wie eben meines. Was sie eigentlich vor hatten, war schwerer zu erfahren. Nazi-Revanchisten jedenfalls waren die Herren nicht. Sie redeten statt dessen von Max Valier, dem transzendentalen Gesicht und dem Primat des Geistes, das sie wiederherstellen wollten durch einen Kataklysmus, der so gewaltig wäre, daß nichts stehenbleiben konnte von den Konstruktionen der Gegenwart. Ich verstand das nicht. Was ich verstand, war, daß sie, schon seit sie mein Aggregat und also frischen Fritter hatten, die Erhöhung des interplanetarischen Mittels betrieben, also schon seit mehreren Tage. Also?

Protokoll | link | 25. October 2006

Also stürmten große Massen von galaktischem Grob- und solarem Feineis auf die Erde zu. Ein gewaltiges, wohlberechnetes Eisfeld lag in der Erdbahn. Die Herren hatten die bekannte besondere Empfindsamkeit des Wassers für Raumkraftphänomene für sich genutzt und diese Verdichtung des Mittels lange vorbereitet und betrieben. Eine weite Strecke Wegs würde der Mond (die Luna, sagten sie) durch dieses Feld müssen und dabei eine Menge Impuls verlieren, es sei schon vor Stunden losgegangen, sagte Wernitz. Was normalerweise, bei normaler Mittelstärke, im Lauf von Tausenden von Jahren sich vollzog, vollzog sich jetzt innerhalb von drei oder vier Tagen: Die Mondbahn schrumpfte und der Mond beschleunigte jetzt schon auf den stationären Punkt zu — bisher allerdings ohne die Erdrotation und die Tiden groß zu verändern, es ging sehr schnell.

Ich musste raus. Ich musste den Mond sehen. Meine Brust kribbelte vom Einschlag einer Phantasiewaffe, und diese Bande alter Spinner redete von der Beschleunigung des Mondes im Keller eines alten Fernmeldebunkers. Ich fühlte mich nicht wohl. Ohne Worte machte ich kehrt, ließ die Alten stehen und rannte den käsigen Gang entlang. Vielleicht sagte ich “ach verdammt”, vielleicht brüllte ich auch wie angeschossen. Sie dachten nicht daran, den jungen Kerl mit der Pistole zu verfolgen, da er ihnen schon den Gefallen tat, sich davonzumachen. Über singende Metallstufen stolperte ich nach oben, verpasste den Ausgang und sah mich kurz siebentausend orangeroten Bettgestellen gegenüber, stolperte zurück, fand die Tür und war draußen. In der Kanalisation. Ratten stoben, oder stoben nicht. Die Luke zum Keller der Pallasstraße 7 war zu, und so blieb mir nur, aufs Geratewohl eine Richtung zu wählen. Nach einigen Schritten schon hörte ich sie hinter mir die Bunkertür verschließen. Die waren froh, mich los zu sein. Und sie waren froh, an die Reparatur ihrer Urmaschine gehen zu können und mit meinem Aggregat und ihrem Metallkasten die Mondbahn zu manipulieren. Ich warf die Pistole in die Fäkalien und Binden zu meinen Füßen, bevor ich darüber nachdenken konnte, ob ich sie nochmal würde brauchen können. Ich hastete ins Dunkel, zweimal glitt ich aus und fiel beinahe dahin, wo ich nicht einmal hinsehen wollte.
Eine Röhre, in der ich nach oben kletterte, endete an einem eisernen Schachtdeckel, der in regelmäßigen Abständen dumpf knallte. Offenbar mitten auf einer befahrenen Straße, dieser Ausgang. Später war mir einmal, als hörte ich nebenan die U-Bahn fahren, aber das war Unsinn, das hier war Schöneberg, da fuhr die U-Bahn auf Stelzen. Ich muß eine ganze Zeit willkürlich Abzweigungen genommen haben, am Ende krabbelte ich nördlich des Potsdamer Platzes, schon fast im Tiergarten, auf einer Wiese aus dem Schacht. Die Luna war nicht zu sehen, vielleicht schon stationär auf der anderen Seite des Erd-Apfels. Dafür hagelte es bestialisch, ich rannte geduckt auf die neuen Tempel am Potsdamer Platz zu und schüttelte mich erleichtert, als ich einen der totalitären Eingänge zum unterirdischen Bahnhof erreichte. Mit der sturmgeschüttelten, unter einschlagenden Eiskörnern singenden S-Bahn fuhr ich bis Bornholmer Straße.

Protokoll | link | 26. October 2006

Die Geschichte, wie ich im kalten Nebel, der dem Hagel folgte, erst nach Hause und dann aus Berlin floh, kennen Sie schon vom Anfang meiner Erzählungen. Zweimal hastete ich die Bornholmer Straße entlang, einmal von Westen, also dem S-Bahnhof her, ich klingelte folgenlos bei Susann, einmal von Osten her, als ich schon zu Haus gewesen war und schließlich die Kontrolle verlor.

Ich entkam der Stadt in immer klapprigeren und unwirklicheren Zügen, umgeben von einer Menge schwarzen, schweigenden Volkes, auf der Flucht vor dem Mond oder ihn jagend, es war schwer zu sagen. Die letzte Stadt, die ich erkannte, war Leipzig, danach wurden die Bahnhöfe dunkler und seltener. Irgendwann, nach Stunden, erschien der Mond am Horizont, größer als er je gewesen war und fast sichtbar beschleunigend. Seine Oberfläche flimmerte nervös, es sah aus wie das Ameisenrauschen auf Fernsehschirmen und fühlte sich an wie die Nachwirkungen einer schwachen Raumkraft-Waffe. Noch beim ersten Aufgang sah sah man seine Beschleunigung, innerhalb einer Stunde raffte er sich von kaum merklich schleichender zu sichtbarer Bewegung auf, und als er endlich untergegangen war, war er schon nach einer halben Stunde wieder da, größer und schneller denn je. Mächtige Grobeisbrocken durchschlugen die Erdatmosphäre mit langem Dampfschweif, und den neuvernarbten Mond umschossen Sternschnuppen so schnell, daß man sich auf’s Geratewohl etwas wünschen konnte, man erwischte immer eine und es war kein Mangel an Korrekturmöglichkeiten und Nachschlag. Es war sehr beeindruckend. Luna überstrahlte dann schon längst auch die hellsten Sterne, außer Scheibe und Schnuppen blieb nichts am Himmel. Ein blaues Neonlicht glänzte klar auf den Dingen und warf lange Schatten. Nie war Luna, der siebte Mond der Erde, so hell erschienen, nie so groß und nie so vernarbt, nie so nah und nie so schnell. Während ich im Gang des Zuges saß und rauchte, auf einem niedergeklappten Notsitz, durchpflügte Luna den Himmel, ging unter und ging auf; die blauen Schatten kreisten eilig um die Dinge: Nervöse, auswandernde Zeiger. Hin und wieder musste ich aufstehen, um düstere Mitreisende passieren zu lassen, während der Zug bockte und sprang und uns gegen die Abteiltüren warf. Einmal ging ich zur Toilette, schwankender Ort mit Spiegel, der schon so viele übernächtigte Reisegesichter gesehen hatte in ihrer erschöpften Schönheit, der nicht zu beschädigenden Schönheit der Reisenden. Als ich zurückkam, saß ein Mädchen an meinem Platz im Gang, blickte blicklos in die kreisenden Schatten der Neonnacht, dem eilenden Mond hinterher. Schwarzes Haar mit messerscharfer Kante fiel über ein Auge und teilte ihr Gesicht in eine unsichtbare und eine rätselhafte Seite. Sie lehnte, Schulter an der Scheibe, im schwarzen Einteiler (Nylon, dachte ich, Absatz); trat die Zigarette aus (kein Filter), stand auf, war groß, und sah mich aus dem sichtbaren Auge ungerührt an, ohne Lächeln, ohne Bewegung. Drehte sich um und verschwand und wankte nicht im wankenden Zug, bestand nur aus schattenumkreistem Blau und Schwarz. Wieder allein auf dem Gang, ließ ich mich von Stahl, den ich nicht geformt hatte und nicht verstand, auf ein Ziel zutragen, das ich nicht kannte. Ich zitterte beim Anzünden der nächsten Zigarette, erst recht, da mir auffiel, daß die Flamme am Feuerzeug ebenso neonblaß geworden war wie das Mondlicht, es blieben nur kaltes Blau und seine Privation.
Ich dachte an die unendlich elegante Susann in kräftigem Grün und Beige, und für einen Moment hoffte ich, redete ich mir ein, glaubte ich, fürchtete eigentlich, sie begleite mich: Der Grund für meinen Aufenthalt auf dem Gang sei, daß sie schliefe im Abteil, das ich da bewachte und dem Irrsinn hier draußen den Schrecken nähme, vielleicht träumte sie ihn ja. Aber als ich die Abteiltür aufschob und den Vorhang zur Seite, blickte ich in androgyne kalkweiße Gesichter zwischen klammer Netz- und Fetzenkleidung. Unmöglich zu erkennen, wie viele es waren, mehr als drei und weniger als acht, näheres ließ sich nicht ermitteln im Durcheinander: Das ziehende Licht konfigurierte Körperteile zu Körpern und löste sie wieder, Glieder wanderten und gruppierten sich neu, verwandelten sich von geknickten Armbeugen in Nasen und von Beinen in Oberarme, bevor sie ganz ins Dunkel tauchten oder in eine andere Ecke des Abteils wanderten. Ich schob die Tür wieder zu und hätte nicht sagen können, über wessen Schlaf ich hier wachte. Susanns war es nicht. (To love is to lose and to lose is to die.)

Als der Zug schließlich stand, auf freiem Feld, unter dem rasenden Mond, und die Leiber sich regten, als sie aus den Abteilen stakten und ins freie Feld hinaustraten, rief ich nach Susann. Etwas war mit dem Wind passiert, zu durchrufen war er nicht mehr. Eine Kolonne schwarzer Gestalten formierte sich im Sturm, seltsam fetzenumweht marschierten sie übers leere Feld auf eine schwarze Masse hin. Wann immer der Mond unterging (Gigant, der den Horizont füllte), konnte man vor seiner gleißenden Riesenscheibe ahnen, daß die dunkle Masse eine Fabrik sein musste oder ein Lagerhaus, jedenfalls von Menschenhand. Darauf folgte eine Phase völliger Dunkelheit, bevor Luna in unserem Rücken emporschoß und unsere fahrigen Schatten über die der Gräser bis fast zum Lagerhaus jagte. Bei einem dieser Mondaufgänge bemerkte ich sie, das Mädchen aus dem Zug, fast an meiner Seite in dieser Karawane der Verängstigten, angeführt von wer weiß wem. Sie sah nicht her, als ich sie anstarrte; niemand sprach ein Wort, zu mächtig rauschte der Wind. Rauschte der Wind? Luftmassen wälzten sich böig und kraftvoll dem Mond hinterher und in unsere Rücken, aber: War es noch Luft, die da rauschte? Konnte sie von Ferne so tosen? Vielleicht rauschte da viel Ungeheureres auf die falsche Mondbahn zu: Die überrumpelte Gürtelflut, wer wusste das, wer hatte je gegen solche Umlaufbahnen die Trägheit der Ozeane verrechnet?

Im Kühlhaus hingen rostige Tierleiber an blutigen Haken. Stählerne Scharniere krischen auf, träge ließen schwere Türen die Kolonne in den kahlen Saal, dessen Decke unsichtbar blieb unter gefrorenen Kadavern, geteilten Rindern und geschlitzten Schweinen, die sich, aufgehängt am sinnreichen Transportsystem des Hauses, in Schlangenlinien (und dabei sanft schlingernd) über den menschlichen Gestalten in der leeren Halle hinwanden. Unstetes Neon fiel abwechselnd von zwei Seiten durch milchige Oberlichter in den Raum, fasste kurz Kadaver und Menschen an, das Rauschen schwoll, bis die Türen verschlossen waren und mit porösen kalten Riegeln verrammelt.
Das Mädchen aus dem Zug neben mir, schwarz, Beine und ein halbes Gesicht, und deutete schon Tanzschritte an, als ich noch um mich schaute. Ein Schriftzug (ODEON) glomm auf an weißer Wand, kreischend kamen die Kadaver zum Stillstand, und zirpende Synthesizer wuchsen über die Menge. Nebel. Diskreter Raum aus Zweimeter-Zweimensch-Zellen.
– Tanz mit mir sagte das Mädchen aus dem Zug, erste hörbare Stimme der Nacht. Dann mehr Elektronik, Klang und Struktur, unbestimmte Bewegung unbestimmter Körper im Nebel in blitzendem Mondlicht; ich erkannte Welle:Erdball.


Startbereit – Die letzte Nacht
Mein Gefühl – Wird umgebracht
Rendevouz – Im Neonlicht
Kaltes Herz – “Vergiß mich nicht!”
Nur geträumt – Und elegant
Pommerland – Ist abgebrannt
Augenblick – Und Flucht nach vorn
“Tanzt den letzten Tanz!”
“Kommt alle ins ODEON!”
Tanz mit mir die ganze Nacht
Nur Du weißt was mich glücklich macht
Vergessen wir die Welt um uns herum
Tanz mit mir die ganze Nacht
Die neue Welt in uns erwacht
Zu viele Stunden haben wir verschenkt
Glockenschlag – Um Mitternacht
Aus der Traum – Und aufgewacht
Denk daran! – Wir sind dabei
“Halt mich fest! Der Mond…”

(Text und Musik: Welle:Erdball)

Luna, der siebte Erdmond, erreichte in den frühen Morgenstunden eine Umlaufbahn, in der Erdgravitation und Fliehkraft größer als ihre eigene Oberflächenschwere wurden, und also riß die Rochesche Kraft den Trabanten mit sanfter Gewalt, langsam auseinander. Er löste sich auf an den Rändern, innen und aussen, versah die Erde mit zwei Saturnringen aus berstendem Eis, dazwischen raste er näher und verlor sich in den Spuren seiner Trümmer. Nahe genug herangestürmt zerbrach der siebte Erdmond in eine ungestüme Menge großer Stücke, die noch einmal gemeinsam die Erde umkreisten, dann verwandelten sie sich in eine Nadelwolke unzählbarer Eisbrocken, die, ungehemmt und immer noch weiterbeschleunigt, um die Erde stürzten. Eine kalte Bahn der Verheerung legten sie auf die Oberfläche des blauen Planeten, bevor die träge über Land gesaugten Ozeane sich unter der letzten Mondbahn donnernd begegneten. Krachend wuschen sie davon, was dort in Aufruhr lag: Eismassen von Luna, des zerbrochenen siebten Mondes der Erde, und tief darunter begraben: Die Trümmer eines rostüberzogenen Kühlhauses. Ozeane (zur Gürtelhochflut aus ihren Betten aufgestanden, um sich zu Lunas Begräbnis zu treffen) schwappten müde über die deformierte Erde zurück. Deren Kruste selbst schwang lange nach, gedämpft auf ihrem warmen Magmakern, Gebirge versanken und standen auf, Städte bewegten sich und gruppierten sich neu, wie sie es lange hatten tun wollen (siehe: Prag bekam einen Platz an der Sonne). Die Menschen verschwanden mit dem letzten blauen Mondlicht, aber bald, so ahnte man, würden die Städte wieder von ihren Schatten bewohnt werden, oder von denjenigen, deren Schatten bisher die Städte bewohnt hatten, in der Zeit Lunas, des siebten Mondes der Erde.

Protokoll | link | 27. October 2006

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Tafel IX

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Tafel X

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Helles Licht fiel durch Glasziegel und faltete sich.

Ich erinnere mich mit großer Klarheit an meine ersten Momente hier. Licht und Stille und die Klarheit leichter Höhenluft erzeugten viel mehr Realität, als ich gewohnt war. Besonders die Stille war von einer Art, die ich nicht kannte, von deren Existenz ich in großen Kirchen aber schon früh etwas zu ahnen gelernt hatte: Sie lastete nicht, sie schwang in samtiger Ruhe. Kein akustisches Nichts, keine unbestimmte Abwesenheit von Klang, sondern die entschiedene und präzise Abwesenheit dessen, was an Lärm nicht zu ertragen ist.

Der enorme Raum, in dem ich lag, war aus Glasziegeln in eine noch größere Halle gemauert. Die Wände endeten ohne Decke, so daß der Blick frei war auf die Dachkonstruktion der Halle, eine kristalline und tausendfach gebrochene Struktur aus Glas vor einer Kulisse aus Wolken, die wussten, was sie wollten und einem Himmel, der sie gewähren ließ. Ich war allein; nicht einmal besonders verstört. Ich nahm die neuen Tatsachen hin, es war in diesem speziellen Fall nicht allzu schwierieg. Die Welt war aus den Fugen, gut, sollte sie. Heute, füge ich hinzu, wundere ich mich über meine Gelassenheit. “Die Welt war aus den Fugen”, das sagt man so leicht, tatsächlich schien ich gerade einen Mondniederbruch er- und überlebt zu haben und von unbekannter Hand an diesen seltsamen Ort gerettet worden zu sein. Wo waren die anderen? Wo war sie?

Ich verschob aus naheliegenden Gründen das Nachdenken über die jüngere Vergangenheit erst einmal, um herauszufinden, ob die gängigen Jenseitsvorstellungen um Glasbausteine ergänzt werden mussten. Immerhin konnte ich sehr wohl tot sein und gleich meinem Schöpfer begegnen. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob man im Jenseits Hunger haben sollte und schlimmen Muskelkater.

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Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, wie überwältigt ich war, als ich das Kristallhaus sah und das Panorama.

Natürlich erklärte ich dem General nicht, wie das Kristallhaus aussieht – er kennt es sehr wohl. Deswegen verlasse ich meine — ohnehin schon stark bearbeitete — Erzählung vom Kamin des Generals und ergebe mich für einen Moment der Schwärmerei. Das Kristallhaus, man sagt auch: Alpen-Palast, liegt ganz knapp oberhalb der Vegetationslinie auf einem Plateau, umgeben von Felsnadeln, und nur scheinbar bedroht von einem zahm zerfransenden Gletscherausläufer. Wenn man von einer der Terrassen des Kristallhauses talwärts blickt, sieht man den Bach über Stufen springen und die Füße gläserner Nadeln umtoben, die entlang einer steilen Treppe zwischen den Felsen aufgestellt sind und sich meterhoch in die Luft recken. Geschliffen, gedreht oder korkenzieherartig gewunden formen sie das Sonnenlicht zu einem Strahlenpfad durch die kahlen Felsen, der auf das Kristallhaus zuführt und sich an der untersten der Terrassen in ein Treppendelta verliert. Das Haus selbst ist ein unfassbares Ineinander aus gläsernen Kuppeln, verdrehten Türmen, Treppen und Bögen. Von jedem Punkt aus sieht man tief in den Rest des Hauses hinein, aber nie weiß man, wie viele Wände man gerade durchblickt; die Räume werden ununterscheidbar und zahllose Spiegelungen tun den Rest. Ich bemerkte, daß ich unwillkürlich versuchte, die spiegelnden Stellen zu meiden, als hätte ich Angst, mein Bild in diesen Tempel zu entlassen: Während mein irdener Körper sich darin mit spielerischer Leichtigkeit zurechtfand, konnte es meinem unsteten, über die Spiegel flitzenden lichten Ebenbild wohl kaum gelingen, aus diesem Haus wieder zu entkommen, wenn es erst einmal zwischen die Spiegel geriet. Während ich aus einer klaren Vor-Struktur ins Freie trat, schoß mein Bild also wohl für immer zwischen den gläsernen Wänden des Hauses hin und her. (Es fängt bekanntlich die Bilder seiner Erbauer.) Während ich unter den Kuppeln des schweigenden Tempels staunte, war ich nichts als Ehrfurcht — und als ich auf die oberste Terrasse trat: Quellende Euphorie. Nicht nur die Nadelspitzen am Weg funkelten – im Panorama der Alpen glommen neue Elemente. Ich habe mich in den Alpen nie ausgekannt und hätte auch die Namen der Gipfel nicht nennen können, die sich verändert hatten, aber daß sie sich verändert hatten, daran konnte kein Zweifel sein. Einer war behauen worden — seine Form hatte man ihm allerdings gelassen, oder vielleicht: Man hatte ihm geholfen, seine Form auszukristallisieren — der ganze Berg über der Vegetationsgrenze bestand aus gewaltigen glatten Flächen mit messerscharfen Kanten. Dicke Schneeschichten hielten sich nicht mehr, nur Flächen mit geringer Schräge trugen gleißend Schneegeometrien. An anderer Stelle war eine flache Bergkuppe überbaut mit gewaltigen und offenkundig zweckfreien Bögen, die in Symmetrie durch die Wolken stießen. Es gab noch mehr zu sehen, stufenförmig entwickelte Berge, zackige Strukturen in der Sonne, dann ein Bergsee, der von einer grünschimmernden Reihe Nadelspitzen umwogt wurde, schließlich ein Turm, der offenbar nicht fertig war. An einigen Stellen sah ich Kräne und gewaltige, glühende Öfen. Ich starrte stundenlang in diese verstärkten Berge, bis meine Augen schmerzten und ich nicht mehr sagen konnte, warum sie tränten. Ich schaute hin, bis mein kühl erzogener 90er-Jahre-Geschmack seinen Todeskampf beendet hatte. Er zerbrach in der Spannung zwischen Hingabe an die überwältigend Reinheit dieses Ortes und dem Entsetzen angesichts von Zu Viel. Aber Reduktion war die Forderung an meine Kultur. Mein Geschmack war auf diese fremde, geformte Natur nicht anwendbar. Er erlag knirschend und ließ mich zurück ohne Urteil.

Protokoll | link | 29. October 2006

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Kristallhaus in den Bergen

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Damals, auch als ich am Tag nach meiner Ankunft abgeholt wurde, sagte mir niemand, wer die Architekten dieser Alpenbauten und Alpenumbauten waren. Ich hätte auch nichts anfangen können mit dem Namen Bruno Taut und der Tatsache, daß die Entwürfe schon so alt waren, daß man sie, wenn man ein wenig stöberte, auch in den kunstwissenschaftlichen Bibliotheken der Tiefebbefrostgebiete noch fand. Ein paar Zusammenhänge fehlten mir noch. Ich wußte noch nicht, daß Bruno Tauts Alpenarchitektur eine gemeinsam mit Paul Scheerbart entwickelte Idee war. Ich wußte noch nicht, wer Paul Scheerbart war und mit wem der verkehrte.

Protokoll | link | 30. October 2006

An einen weiteren Abend beim General erinnere ich mich. Wir spielten Schach, ich verlor wie fast immer, aber dieses mal schaffte ich es immerhin, ihn zu einem langweiligen Endspiel mit wenig Material zu zwingen, statt wie sonst früh auf eins seiner vergifteten Opfer hereinzufallen. Ich wusste zwar, daß er nicht einfach Figuren einstellte, aber weil ich auch bei langer Grübelei nie sah, worauf er hinauswollte, hielt ich es meist doch für die sicherere Wette zu schlagen — und natürlich ging es nie gut, zwei Züge später merkte ich dann auch, was los war. Ich erzählte ihm, als die Figuren wieder im Holzkasten auf dem Kamin verstaut waren, aus meinem Berliner Alltag. Irgendwann kam ich aber, ich weiß nicht mehr wie, auf die Begeisterung zu sprechen, die mich gepackt hatte, als ich zum ersten Mal ein Luftschiff benutzte: Das Imperium holte mich am Tag nach meinem Erwachen im Kristallpalast mit einem Zeppelin ab. Ich erfuhr später, daß man mich auch so in die Alpen gebracht hatte. Sie machen das mit Neuankömmlingen aus den Tiefebbefrostgebieten immer: Wer nach einem Übergang im Kristallpalast aufwacht, lernt schnell, was fortan wichtig ist.

Von einer Terasse herab sah ich das Luftschiff schon von weitem zwischen den Gipfeln und Zacken kreuzen: Auf Augenhöhe. Tags zuvor war mir bereits aufgefallen, daß ich nicht allein war dort oben in den Bergen, in einem der weiter talwärts liegenden Glashäuser schien es regen Publikumsverkehr zu geben, und auf den in die Täler geschwungenen schmalen Brücken sah man Menschen und gelegentlich Fahrzeuge (die übrigens, nebenbei, nicht von Pferden gezogen wurden.) Eine kleine Gruppe von Männern befestigte das Luftschiff auf einer Plattform unterhalb meiner Aussichtsterrasse. Das Schiff wirkte nicht sehr groß zwischen den Felsen, aber natürlich täuschte der Eindruck: Die Streichholzschachtel am Rumpf erwies sich als bequemes, zweistöckiges Haus. Schlafräume, ein Waschraum, ein Salon mit flauschigen Teppichen und angenehmen Sesseln samt wohlverschraubten Beistelltischchen. Die Verschraubung erwies sich auch in der Luft als weitgehend unnötig, das Schiff lag wie ein aufgehobener Berg im Himmel — das Tolle an Zeppelinen ist ja, daß sie zwar schwer und majestätisch hingleiten, man in ihrem Innern aber eine Art von Leichtigkeit spürt, die es in von brutalen Motoren getriebenen Flugzeugen nicht gibt. Auftrieb durch Bewegung zu Erzeugung ist genau genommen eine Bestialität. Wenn die Motoren von Zeppelinen anlaufen: Das ist kein stahlfäustiges In-die-Wolken-Packen, wie ich das kannte, es hat mehr von Atemholen. Als sei sich das Schiff selbst genug und kümmere sich nur aus Gutmütigkeit um die Reisewünsche derer, die da in der umgehängten Schachtel saßen: So ging das los. Ich saß im Salon und rauchte zwischen tiefroten Stoffe mit hübschen Rankenornamenten, schwarzen Leisten und Messingleuchtern, die den Raum kaum aufhellen konnten. Es war alles sehr reizvoll. Schwärme langhalsiger, großer Vögel, die ich nicht benennen konnte, begleiteten das Schiff, bis sie ihr Ziel erreichten oder wir ihnen zu langsam waren: Sie stellten das langsame Schlagen ihrer Schwingen ein, streckten sich in die Breite, kippten und glitten auf schräger Ebene in Täler und Seenlandschaften hinein. Man ließ mich allein im Salon, und ich fragte nicht weiter. Außer mir war nur die Besatzung an Bord. Schlackenborg, der mich auf der Terrasse des Kristallpalastes abgeholt hatte, trug die kuriose Uniform der Zeppelinführer und entsprach auch sonst jedem Klischee: Er trug Schifferbart und schien kein Wort mit mehr als zwei Silben zu kennen. Es lagen Bücher und Broschüren aus, und ich nahm an, daß man von mir erwartete, daß ich sie läse. Weil ich sonst nichts zu tun hatte, las ich sie. Eins davon, ein wirklich aufwendig gemachter Druck, war Bruno Tauts “Alpine Architektur” und ganz offenbar so etwas wie der erste Entwurf der Architekturwunder, von denen das Schiff mich gerade wegtrug. Beim Blättern merkte ich, wie wenig ich gesehen hatte, falls alle diese Entwürfe umgesetzt waren.

Protokoll | link | 31. October 2006

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Das Baugebiet

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Inzwischen weiß ich, welche Rolle die Zeichnungen hier spielen.


Völker Europas!

Bildet euch die heiligen Güter – baut! Seid ein Gedanke eures Sterns, der Erde, die sich schmücken will, durch euch!

Ein fester Plan werde begonnen – begrenzt und bescheiden: Wo die höchste Alpenkette vom Montblanc her im Monte Rosa über die italienische Ebene hinausragt, im inneren Bogen des Gebirgszuges, da soll die Schönheit erstrahlen. Der Monte Rosa und sein Vorgebirge bis zur grünen Ebene soll umgebaut werden.

Ja, unpraktisch und ohne Nutzen! Aber sind wir vom Nützlichen glücklich geworden? – Immer Nutzen und Nutzen, Comfort, Bequemlichkeit, – gutes Essen, Bildung – Messer, Gabel, Eisenbahnen, Closets und doch auch — Kanonen, Bomben, Mordgeräte! Blos Nützliches und Bequemes wollen ohne höhere Idee ist Langeweile. Langeweile bringt Zank, Streit und Krieg: Lüge, Raub, Mord, Elend, millionenfach-millionenfach fliessendes Blut. Predigt: seid friedfertig! predigt die soziale Idee: ‘Ihr seid alle Brüder, organisiert euch, ihr könnt alle gut leben, gut gebildet sein und Frieden haben!’ – Eure Predigt verhallt, solange Aufgaben fehlen, Aufgaben, die die Kräfte bis zum Äussersten, bis aufs Blut anspannen. — Spannt die Massen in eine große Aufgabe ein, die sie alle erfüllt, vom Geringsten bis zum Ersten. Die ungeheure Opfer an Mut, Kraft und Blut und an Milliarden verlangt. Die aber sinnfällig deutlich für alle in der Vollendung ist. Jeder sieht im großen Gemeinsamen deutlich das Werk seiner Hände: jeder baut, im wahren Sinne. Alle dienen der Idee, der Schönheit – als Gedanken der Erde, die sie trägt. — Die Langeweile verschwindet und mit ihr der Zank, die Politik und das verruchte Gespenst Krieg. — Riesige Aufgaben erwachsen der Industrie, und sie wird sich rasch darauf einstellen. Die Technik ist immer nur Dienerin – und nun soll sie nicht mehr gemeinen Instinkten dienen, den unsinnigen Ausgeburten der Langeweile, sondern dem Streben des wahrhaft tätigen Menschengeistes. — Vom Frieden braucht niemand zu sprechen, wenn es nicht mehr Krieg giebt.

Es giebt nur noch rastloses munteres Arbeiten im Dienst der Schönheit, im Unterordnen unter das Höhere.

(Bruno Taut: Alpine Architektur)

Das ist der programmatische Teil der “Alpinen Architektur”. Noch immer, Monate nach meinem Ausgang aus den Tiefebbefrostgebieten, lese ich Tauts Pathos vom Unterordnen unter das Höhere mit einem Stirnrunzeln, für das ich mich schäme: Denn hier haben sie nicht gleich zwei Perversionen des Neue-Welt-Pathos erlebt, hier sind sie neue Menschen mit gelassener Selbstverständlichkeit, und ihre Unterordnung hat nichts Demütiges, der ehrliche Stolz der Weltbaumeister erfüllt ihn. Kein Wunder: Sie mussten die Scheußlichkeiten des zwanzigsten Jahrhunderts nicht erleben. Und sie bauen, noch immer. Übrigens ist das Imperium klug genug, die Gleichgültigen in Ruhe zu lassen: Wer in den Alpen war oder einen der anderen Tempel gesehen hat und nicht mitbauen will, den lassen sie tun, was immer er mag. Aber die meisten bauen. Sie finet etwas in sich, das sie wirklich vergessen lässt, was Langeweile ist, und sie bauen. Ich baue heute auch. Wir bauen die Weltarchitektur. Da draussen: Sterne, Weltraum, Schlaf, Tod – Das große Nichts: Das Namenlose. Hier: Wir. Wir bauen, Jahrhunderte wollen wir
felsentrotzig durchdauern, Jahrtausende, wenn dir die Lust nicht schwindet, wenn die Trotzenden dir nicht zu glücklich erscheinen. So geht das, mit dem Pathos.

Protokoll | link | 1. November 2006

Ich las das ungläubig und mit Staunen. Sie hatten es getan, und nicht nur das. Sie bauten Alpine Architektur, aber sie bauten auch neue Städte in riesigen, glatt aus dem Fels der Anden geschnittenen Domen. Sie bauten schwimmende Städte im Atlantik zwischen Südamerika und Afrika und ungeheure Säulenhallen in der Wüste. Ich las mit großen Augen von all diesen Vorhaben, einige in sehr frühen Stadien, einige so weit fortgeschritten wie die in den Alpen.

Protokoll | link | 2. November 2006

Was war mit mir passiert? Die Vogelfrauen, ich war bei ihnen, wissen es nicht. Nach meinem Besuch lag ich lange in der emaillierten Wanne meines schmalen Badezimmers, schaute unbewegt auf rostige Armaturen und hörte das ferne Tropfen und Gluckern des unauffindbaren großen Bades. Ich war nicht sicher, was genau sich verändert hatte. Und ich war nicht sicher, auf welcher Seite die Vogelfrauen standen. Hier ist, was sie mir über meine Berliner Reichsarbeitsgemeinschaft “Das kommende Deutschland” sagen konnten:

1895 wurde Max Valier in Bozen, Tirol, als Kind nicht eben reicher Eltern geboren. Zwei Dinge prägten seine Jugend: Die Liebe zu seiner Alpenheimat und eine manische Faszination für die Sterne. Im selben Jahr, 1895, schrieb der Pole Stanislaw Przybyszewski in Berlin den Roman “Satans Kinder”. Roman und Autor sind heute in den Tiefebbefrostgebieten fast völlig vergessen, aber um die Jahrhundertwende war Przybyszewski eine zentrale Figur des literarischen Berlin: Der “geniale Pole mit dem unaussprechlichen Namen”, dessen (von Munch gemalte) Portraits einen slawischen Charakterkopf und einen beunruhigend hypnotischen Blick zeigen, gehörte von Anfang an zum Kreis des schwarzen Ferkels. Das Schwarze Ferkel war ein Weinlokal an der Ecke Neue Wilhelmstraße / Unter den Linden. Ursprünglich namenlos, war es von Strindberg so getauft worden nach einer kopf- und schwanzlosen Widderhaut, die an eisernen Hacken verwittert über der Tür baumelte.

Przybyszewski traf im Schwarzen Ferkel Dagny Juel. Diese war von Munch dort eingeführt worden; das literarische Berlin war ihr verfallen, weil sie rauchen und tanzen konnte wie keine sonst. Auch trug sie, so heißt es, am schlanken Leib bevorzugt Kleider jener Art, die Bewegungen und Glieder unerreichbar und unsichtbar, aber eben auch hinreichend als festen Körper in weichem Gewand ahnbar macht, um in quasi-nackter Verschleierung ruchlos einem phantasiebegabten Kerl mehr zu bieten als der nackte Leib selbst es je vermocht hätte. Und doch schrieb man über sie, daß man statt von ihr auch genausogut Liebkosungen von einer Rauchsäule hätte begehren können, mit demselben Erfolg — Dagny Juel war verrucht, aber nicht zu haben. Der Satanist und in allerlei okkulten Künsten bewanderte Stanislaw Przybyszewski heiratete sie im selben Jahr, da er sie kennenlernte: 1893. Er schrieb im Folgenden seine Totenmesse, ein Werk von wilder, gieriger und morbider Liebe, das nicht nur (so sagten die Vogelfrauen) literarische Techniken vorwegnimmt, die man heute Jahre und Jahrzehnte später von anderen erfunden wähnt, sondern in seinem reichen, intensiven und schmutzigen Glühen auch einer Sorte von deutschsprachiger Literatur angehört, die es offiziell gar nicht gibt in diesem Land, das maßlos ewig das Ewig-Maßvolle des verdammten alten Goethe bewundert.
Dabei war Przybyszewskis Maßlosigkeit nicht unbedingt eine Maßlosigkeit der Liebe, sondern eine der Seele überhaupt: In seinem folgenden Buch, den Vigilien, ruft der Protagonist, als er seine Frau mit einem Freunde ekstatisch, vierhändig und eindeutig unkeusch Klavier spielen sieht: – Jetzt musst du ihn küssen, du musst, dem Künstler schenk ich mein Weib! und schließlich: – Noch standen sie wie verzaubert. Da plötzlich legte sie ihre Hände um den Kopf, reckte ihren Körper auf den Zehen hoch in die Linie des geschwungenen Bogens — sie sah ihn an! Oh Gott, wie sie ihn ansah! Diese brünstige Innigkeit, diese schamhafte, schamlose Hingebung: eine ganze Welt der Brunst lag in dieser Bewegung, und ihre Brust keuchte. Munch, so schreiben Przybyszewskis Biographen, hat diese Szene 1895 gemalt. Przybyszewski ist auf dem Bild zu sehen, und unschwer ist die “Frau des Helden” als Dagny zu erkennen. Wir müssen annehmen, daß die Szene stattgefunden hat. Przybyszewski verließ den Raum und überließ dem Künstler sein Weib.

Dagny Przybyszewski starb 1901 in Tbilisi. Sie wurde erschossen von einem Verehrer, mit dem sie durchgebrannt war und der sich nach dem Mord an Dagny selbst richtete.

Protokoll | link | 3. November 2006

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Stanislaw Przybyszewski und Dagny Juel

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Einer von Przybyszewskis Freunden in der Berliner Zeit war der phantastische Paul Scheerbart, ein weiterer, heute in den Tiefebbefrostgebieten fast vergessener Literat. In einer Zeit, da sich seine Berliner Kollegen rühmten, die “einzig konsequenten Naturalisten” zu sein, rühmte sich Paul Scheerbart, der einzig konsequente Alkoholiker zu sein. Er trank also und schrieb utopische, fechnersche Erzählungen, in denen, wie in seiner alltäglichen Rede, kein Wort allzu ernstgemeint gewesen wäre. Scheerbart war nicht nur konsequent Alkoholiker, er war auch ein konsequenter Spötter. Sein hochfliegender und romantischer Humor war nicht zu bremsen dadurch, daß er weder Geld hatte noch welches verdiente. Er soll eine groteske Gestalt gewesen sein, spindeldürr im viel zu großen alten Mantel eines um mehrere Ecken bekannten fetten Fabrikanten. Wenn Scheerbart, der mit seinem Freunde Bruno Taut zusammen die Glasarchitektur und alles, wofür das Imperium heute existiert, erfunden hat, konsequent genug getrunken hatte, wälzte er sich im Ferkel unter die Tische, hämmerte mit beiden Fäusten auf den Boden und rief: – Weltgeist, wo bist du?

Protokoll | link | 4. November 2006

Taut und Scheerbart erdachten gemeinsam die Alpine Architektur: Als eine von den Zwängen der Machbarkeit befreite, utopische Architektur, aber eben auch als demokratisch-pazifistisches Projekt. Aus dem Geist der expressionistischen Berliner Boheme schufen sie meine Gegenwart. Die beherrschende Figur des Ferkel-Kreises, Stanislaw Przybyszewski, verließ seine Berliner Freunde 1903 und siedelte nach München über. In den Schätzen der dortigen Staatsbibliothek trieb er seine Studien des Okkulten voran und las Bodin, de Lancre, del Rio, Glanvill, Prierias, Grilland, Franz Hartmann, Rochas und Durville.

Protokoll | link | 5. November 2006

Max Valier war 1919 ein schwärmerischer abgebrochener Student, der in der kuk-Armee nach Russland geschickt wurde, aber nie einen Schuß abfeuerte: Valier, der Erfinder der Rakete, war Pazifist, gläubig und schaffte es immer wieder, auf Posten zu kommen, wo sein technisches Talent und seine ansteckende Euphorie von Nutzen waren, ohne daß er selbst schießen musste. Er stürzte wenigstens zweimal ab, einmal aus einem abgeschossenen Ballon, einmal mit einem Flugzeugprototypen, den er als Techniker betreute. (Er kam mit einer kleinen Schulterverletzung davon, wie er auf einer Postkarte an den viel älteren Hörbiger, mit dem er damals schon befreundet war, schreibt.)
1919 war ein wildes Jahr für Europa. Valiers Heimat Tirol war gerade an Italien abgetreten worden, und so konnte er einstweilen nicht zurück. Valier hatte kein Geld, und trug den zivil umgearbeiteten grauen Rock der untergegangenen kuk-Armee. Er schrieb wie besessen. Seine metaphysischen Untersuchungen, die 1921 in München erscheinen sollten, waren schon in Arbeit, Das tranzendentale Gesicht trieb ihn um damals, aber noch war an eine Veröffentlichung nicht zu denken. Um Geld zu verdienen, hielt Valier in der Wiener Urania und an der Akademie der schönen Künste eine Reihe von Vorträgen über die Welteislehre. Im Selbstverlag veröffentlichte er den phantastischen Roman Spiridion Illuxt: Ein verschmähter Liebhaber beschliesst, sich an der Welt zu rächen. Er baut auf einer Südseeinsel eine Maschine, mit der sich Atomkerne spalten lassen. Die Kettenreaktion, die ausgelöst wird, weil Nachbaratome aus Sympathie mitzerspringen, reißt die ganze Erde in den Abgrund und vernichtet zuletzt den lachenden Spiridion Illuxt in seiner Raumkapsel. Valier schreibt das 1919.

In München war derweil eine Menge los: Die Räterepublik wurde ausgerufen. Anfang Mai wurden Mitglieder der frisch gegründeten Thule-Gesellschaft von Angehörigen der Roten Armee Münchens ermordet. Freikorps
unter der Führung von Franz Ritter von Epp, der schon 1906 in Deutsch-Südwestafrika an der Niederschlagung des Herero-Aufstandes beteiligt war, griffen München an. Einige Tage lang herrschte Bürgerkrieg, die Versorgungslage war katastrophal. Stanislaw Przybyszewski und seine Frau Dagny beschlossen, München zu verlassen und reisten über Wien nach Krakau.

Protokoll | link | 6. November 2006

Wie genau sich Valier und Przybyszewski in Wien begegnet sind, ist nicht bekannt. Vermutlich besuchte Przybyszewski, der Okkultist, einen der Vorträge des Technikers mit den geheimwissenschaftlichen Neigungen. Sicher ist, daß Valier und Przybyszewski an einem der Abende in Wien ein langes Gespräch geführt haben müssen, Valiers Frau berichtet in einem Brief von der ungeheuren Faszination, die “der finstere Pole auf Max ausgeübt” habe. Sie selbst, schreibt sie weiter, habe Przybyszewski nur “kurz gesehen”, aber er sei ihr “sofort unsympathisch und sehr unheimlich gewesen”. Valier wird von seinen Alpen erzählt haben an diesem Abend und von den Sternen, wie er es immer tat, und Przybyszewski wird den jungen begeisterten Mann auf Tauts und Scheerbarts “Alpine Architektur”-Ideen hingewiesen haben, die gerade frisch erschienen waren. (“Alpine Architektur” erschien also ebenfalls 1919 – ein Schicksalsjahr, wie Sie sehen!) Anzunehmen, daß Przybyszewski Valier den Kontakt zum Münchener Verlagsbuchhändler Otto Wilhelm Barth verschafft hat: Barth druckte zwei Jahre später Valiers Faustbücher, und über Barth muß Valier in Kontakt mit den Raumkraftleuten um Johannes Zacharias gekommen sein. Jedenfalls reist Valier 1920 zum ersten mal nach München, 1921 zieht er mit seiner Frau ganz dorthin. 1924 findet er in einem Buch von einem Professor Oberth eine seiner eigenen alten Ideen wieder: Den Antrieb von Fluggeräten durch Raketen. Den Rest der Geschichte habe ich schon erzählt; er hat die ersten Raketentriebwerke mitentwickelt und kam 1930 bei der Explosion einer Rakete ums Leben, als er einen neuen Treibstoff testete (Shell-Paraffinöl).

Protokoll | link | 7. November 2006

Soviel weiß man also in den Tiefebbefrostgebieten über den großen Max Valier und wie er zur alpinen Architektur kam. Die Vogelfrauen wissen noch ein wenig mehr: Er gab seine metaphysischen Forschungen durchaus nicht auf, als er nach Berlin ging und mit glühendem Eifer an der Rakete zu bauen begann, um den Menschen in den Weltraum zu befördern. Das ist auch nur natürlich: Er wusste um die Raumkraft, die Bedeutung des Welteises und er glaubte an das, was sie hier im Imperium “Das Primat des Geistes” nennen (und mit unserem halbgaren Idealismus, der noch in der Abgrenzung die Materie anerkennt, alles andere als identisch ist). Er musste nur eins und eins zusammenzählen: Vril, die kosmische Urkraft, die er selbst nicht so nannte, und das Eis: Es konnte durchaus ein und dieselbe Sache sein, der Urbaustein der Welt, die psychophyische Welle: Das All-Eine der Natur, der eine Stoff eines echten Monismus.

Protokoll | link | 8. November 2006

Valier baute keine Raketen, um London zu beschiessen. Er baute Raketen, um zu den Sternen zu fahren. Denn er wusste, daß die Sterne aus Eis und das Eis der Milchstraße nutzbar waren für eine größere Zukunft. Sogar hier ist unklar, ob sich Valier und Taut sich kennengelernt haben und ob die RaG DkD aus dieser Bekanntschaft entstanden ist. Wahrscheinlicher ist wohl, daß der Tiroler Valier die alpinen Architekturutopien von Scheerbart und Taut allein und ohne weitere Einflüsse zu seiner großen Zukunft erhob. Sicher ist, daß er in seiner berühmten mitreissenden Art dafür Propaganda machte. Kurz nach seinem Tod formte sich die Reichsarbeitsgemeinschaft, um mit seinen Mitteln — Raumkraft, Eis und die Einheit von Kraft und Eis in der psychophysischen Welle — sich an die Verwirklichung seiner Utopien machte. Der herrschende Überlagerungszustand psychophysischer Wellen (man könnte das den Weltgeist nennen, wenn man, wie ich, immer noch lieber Philosoph als Esoteriker wäre) war jedoch stabil und nicht zu erschüttern. Nicht zu erschüttern außer durch eine wahrhaft gewaltige Erschütterung im Eiskraftfeld der Erde, d.i. in ihrem innersten Dasein als Weltkraftmaschine.

Hier enden die sorgfältig abgeschriebenen und in einem bestoßenen Ordner abgehefteten Notizen meines Freundes. Der noch folgende Text wurde, oftmals offenbar in großer Eile, in ein kariertes Schulheft notiert. Den Ordner fand ich nach seinem Tod in seiner Wohnung, das Heft hat er mir per Post übersandt. Es ist ein rechtes Wunder, daß die Post in jenen Tagen überhaupt funktionierte. Das Heft enthält einige kurze tagebuchartiger Notizen und eine Reihe laienhafter Zeichnungen der Alpenhäuser, die hier nichts zur Sache tun. Ausserdem hatte sich mein Freund offenbar inzwischen die Mühe gemacht, die Erzählungen der Vogelfrauen in den Bibliotheken der Hauptstadt nachzurecherchieren: Auf einer der letzten Seiten des Hefts fand sich eine Literaturliste, die, soweit ich das beurteilen kann, die historische Wahrheit der Erzählungen der Vogelfrauen durchweg belegt. Der Hrsg.

Protokoll | link | 9. November 2006

Das also war es in etwa, wenn die Vogelfrauen nicht nur aus Wahn bestehen, was mir widerfahren ist. Ich erfuhr von dem Versuch, mit Hilfe biodynamischer Aggregate das Kraftfeld der Erde hydrophiler zu machen, Eis aus der Eismilchstraße durch das Sonnensystem zu locken, ein Eismagnet zu werden, der dem Mond große Massen Grobeises in die Bahn werfen konnte. Ich erfuhr auch von der Schwierigkeit, den Fritter herzustellen, mit dem die Aggregate arbeiteten: Es gab Pläne von Valier, aber sie waren mit dem einzigen je gebauten Schwarzgerät in den Wirren des zweiten Weltkriegs verschwunden. Es war nie zu erhellen, ob die Nazis die RaG DkD, immerhin ein erklärt pazifistisches Projekt, je unterstützt hatten. Es war auch nie herauszufinden, wie die Beziehungen zwischen dem Fernmeldeamt des Reiches und dem “kommenden Deutschland” waren. Das Schwarzgerät jedenfalls, erzählten die Vogelfrauen weiter, geisterte noch eine ganze Weile durch die Köpfe derer, die im Untergang von Nazideutschland auch den Untergang einer finsteren okkulten Magierkultur sahen. Witzigerweise gibt es eine Tradition, die, weil das Schwarzgerät im Dunstkreis von Valier und Ley aufgetaucht war, glaubt, es habe mit der Rakete zu tun.

Protokoll | link | 10. November 2006

Während ich so lag, gestern, in meiner altertümlichen imperialen Wanne und in die fahlen Reflexionen an meiner schmutzigen schmalen Badezimmerdecke starrte, dachte ich an Susann und das Mädchen aus dem Zug.

Die Einträge im Heft sind undatiert, aber aus den im folgenden berichteten Ereignissen läßt sich schließen, daß zwischen den Niederschrift dieses Zettels und den folgenden einige Wochen vergangen sein müssen.

Protokoll | link | 11. November 2006

Zwei gewaltige Explosionen im Glaswerk, nur drei Blocks von hier. Die Stadt ist extrem unruhig. Natürlich sind die Vogelfrauen verschwunden. Der General ist nicht zu erreichen, das wundert mich nicht weiter. Man sieht eine Menge Militär auf den Straßen. Das Radio, das einzig schnelle Medium, das sie hier haben, schweigt sich aus, überall nur langsamer Jazz. An den Säulen gibt es Anschläge, die offenbar von Unabhängigen gemacht werden. Dort heißt es, daß es zeitgleich auch Anschläge auf andere Industrieanlagen und die Bezirksregierung gegeben habe. Das Schweigen der offiziellen Stellen beruhigt die Leute nicht gerade. Ich überlege, ob ich die Stadt verlassen soll. Das Statikbüro, für das ich seit einigen Wochen arbeite, ist seit Tagen geschlossen, und falls es dabei bleibt, habe ich hier erst einmal keine Pflichten und könnte mich endlich umschauen im Reich.

Protokoll | link | 12. November 2006

Die Offiziellen schweigen schon seit drei Tagen in Folge. Die freien Anschlag-Zeitungen sind sehr beliebt — ich weiß nicht, ob man keinen Grund sieht, sie zu verbieten, oder den Volkszorn fürchtet. Ich kann mir das kaum vorstellen, so schwach können sie noch nicht sein. Die Stadt ist offenbar abgeriegelt, auf den Straßen sieht man nur noch noch Uniformierte, angeblich sind sie in den Randbezirken konzentriert. Mein Büro ist immer noch zu, bis auf Weiteres, heißt es. Seit gestern gibt es auch keine Elektrizität mehr, und niemand hat mehr als Gerüchte, wenn es um den Grund dafür geht.

Protokoll | link | 13. November 2006

Wieder schwere Explosionen. Die Regierung hat ihr Schweigen gebrochen, man gibt zu, daß eine gut organisierte Untergrundarmee dutzende von Industrieanlagen, Regierungsgebäude und Tempel angegriffen habe. Das Militär werde zum Schutz der Paläste aus den Grenzbezirken abgezogen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Elektrizität laufe wieder an. Man werde zum Tagesgeschäft zurückkehren, sobald die Betriebe die Arbeit wieder aufnehmen könnten. Ich bemerke im Pulk vor den Wandzeitungen, daß man Abstand hält von dem Fremden aus den Tiefebbefrostgebieten. Der General ist nicht aufzufinden. Ich denke, ich werde die Stadt verlassen. Es hat keinen Zweck hier.

Protokoll | link | 14. November 2006

Es gibt Gerüchte, daß eine kleine Armee von Widerständlern auf die Alpentempel marschiert und die Regierung große Schwierigkeiten hat, ihnen Verbände in den Weg zu werfen. Hier ist man beunruhigt; zumindest in der Stadt hat der Widerstand so gut wie keinen Rückhalt. Ich versuche, ein richtiges, benzingetriebenes Motorrad zu organisieren, meine Chancen stehen nicht schlecht. Die Frage: Wohin? ist leicht zu beantworten: In die Alpen. Ich denke viel an das Mädchen aus dem Zug: Ich habe nur verschwommene Erinnerungen an diese Nacht in der Kühlhalle, alles ein zeitloses Wabern in elektronischer Musik, Nebel und schneidendem Licht. Ab und zu sah ich ihr Gesicht aus der Welle tauchen, unberührt, konzentriert und ruhig, mit gesenkten Lidern, ihr Oberkörper zog seine Bahn durch meine Kleinstwelt und verschwand. Manchmal ihre Beine. Einmal ein Blick und eine Augenbraue, um mich auf eine Schneise im Nebel hinzuweisen, durch die man weit sah, für einen Moment standen wir still nebeneinander und schauten in die Nebelflucht, bevor die Schwaden erneut über die Schneise und uns herfielen und keine Wahl ließen außer Bewegung.
Vielleicht, denke ich mir manchmal, gibt es nach dem Niederbruch eine zweite, eine orthogonale Susann, die sein konnte, was sie selbst nie war. Vielleicht kann ich sie wiedersehen. Sie wäre bei den Tempeln.

Ich selbst werde für die Kristallpaläste kämpfen, wenn es sein muß.

Protokoll | link | 15. November 2006

Ich bin heraus aus der Stadt. Und das, obwohl sie abgeriegelt ist, nicht als einziger: Immer wieder schlüpfen Gespanne durch den Ring, und die Landstraßen sind nicht so leer, wie man sich das in der Regierung wohl wünscht. Die Leute fliehen nur zum Teil wegen der schlechten Versorgung. Einige sind wie ich in die Alpen unterwegs. Aber ich habe mein Motorrad. Eigentlich kann ich nicht fahren, und das Absteigen ist jedesmal eine halsbrecherische Sache, aber das müde alte Ding, das seine technischen Därme schamlos zur Schau stellt, wird mir schon nicht den Hals brechen. Ich überhole Fuhrwerke und erschrecke Pferde.

Protokoll | link | 16. November 2006

Noch einmal Benzin aufgetrieben und schnell vorangekommen, aber jetzt geht nichts mehr. Immerhin bin ich gut untergebracht, die Leute hier scheinen noch nicht recht zu wissen, was vorgeht. Eine französischsprachige Gegend, und mit Mühe können wir uns verständigen. Ich warne sie vor — inzwischen dürfte ich drei Tage vor den größeren Treks sein.

Gerüchte: Der Widerstand verteidigt die Tempel, möglicherweise hat es einen Versuch gegeben, den imperialen Rat zu stürzen, möglicherweise waren Militärs daran beteiligt. Es wird immer noch unübersichtlicher. Im Moment bin ich mit offiziellen Militärs unterwegs, die einen Marschbefehl in die Alpen haben. Auf wessen Seite die Vorgesetzten unseres Leutnants hier stehen, ist unklar. Jedenfalls glaubt er an die Weltarchitektur und scheint ein guter Kerl zu sein. Wir sind wieder schneller unterwegs.

Heute in der Ferne ein Luftgefecht beobachtet: Drei Zeppelinbomber griffen eine Stellung oder Fabrik an, dann zwei Aeroplane aus der Sonne, Schüsse, Flakfeuer von den Zeppelinen, schließlich ein brilliant geflogenes drittes Aeroplan zur Verteidigung der Bomber. Einer der Zeppeline und die beiden angreifenden Flugzeuge abgeschossen — sah sehr eindrucksvoll aus.

Protokoll | link | 17. November 2006

Ich habe Schlackenborg getroffen. Er hat Order, am Boden zu bleiben, aber die Lage ist zu chaotisch und er brennt wie wir alle darauf, zu sehen, ob die Tempel in Sicherheit sind oder ob man dort Hilfe braucht. Das bedeutet: Wir fliegen. Schlackenborg und drei weitere Schiffe. Wir haben Treibstoff und sogar ein Aeroplan als Begleitschutz — allerdings nicht weit. Ich benutze die letzte Gelegenheit, Ihnen, lieber General, meine Notizen zu schicken, ich werden Ihnen dieses Skizzenheft senden. In meiner Wohnung werden Sie eine vollständige Aufzeichnung meiner kleinen Transzendenzgeschichte finden, falls dort nicht bereits geplündert wurde, was ich inständig hoffe. Ich weiß nicht, was nun werden soll, meine Nerven vibrieren. Ich werde das Mädchen finden; die Kristallarchitektur wird leben!

Es wird den Leser in den Tiefebbefrostgebieten, der unsere heutigen politischen Verhältnisse nicht kennt, interessieren, wie die Sache ausgegangen ist. Nun, soviel also zu Ihrer Information: Durchaus im Sinne unseres jungen Freundes. Die Kristalltempel leuchten in aller Pracht und schöner denn je. Der Hrsg.

Protokoll | link | 18. November 2006

Unter gotischen Saphirdächern werden wir liegen…

Protokoll | link | 19. November 2006

Dies also war die Geschichte des Ausgangs meines jungen Freundes aus den Tiefebbefrostgebieten. Oder, wie er geschrieben haben würde: Die Geschichte des Kataklysmus der Luna, des siebten Mondes der Erde.

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Finis.

[Nächstes mal mit Sprache.]

Bisher nicht angegebene Quellen:

“Tafel”-Abbildungen: Max Valier, Weltuntergang. München 1923.

“Tiahuanaco”-Abbildungen: Edmund Kiß, Das Sonnentor von Tiahuanaco und Hörbigers Welteislehre. Leipzig 1937.

“Alpine Architektur”-Abbildungen: Matthias Schirren (Hrsg.); Bruno Taut, Alpine Architektur. München 2004. [1919]

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