Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Manchmal, wenn es so ganz pathetisch zugeht, hilft ja nur noch Camus. Oder ein Prometheus-Gedicht. Das des verdammten Goethe ist ja schon groß genug, aber Peter Hille hier toppt es noch:

Entgegengeschmiedet
Auf schroffem Fels
Den Pfeilen der Sonne,
Dem Hagelgeprassel,
Trotz‘ ich, Olympier, dir.
Der wiederwachsenden Leber
Zuckende Fiebern
Hackt mir des Geiers Biß
Aus klaffender Wunde.

Ein Wimmern, glaubtest,
Olympier, du,
Würden die rauschenden Winde
Ins hochaufhorchende
Ohr dir tragen?
Nicht reut mich der Mensch,
Der Leben und Feuer mir dankt,
Nicht fleh‘ ich Entfess’lung von dir;

Jahrhunderte will ich
Felsentrotzig durchdauern,
Jahrtausende,
Wenn dir die Lust nicht schwindet,
Wenn der Trotzende nicht
Zu glücklich dir scheint.

Peter Hille ist übrigens verhungert.

Link | 10. Juni 2004, 22 Uhr 27


Sie hatte aber auch eine ätherische Art, am Geländer zu lehnen. Beinahe hatte man Angst, ihr nebelzarter Oberkörper müsse durch den Holm und die paar blauen Stahlstangen einfach durchwehen. Sie steckte obenherum in etwas engem und dünnem und opak weißem und sonst nichts, in einer Art zweiter Haut, einem Weichzeichner über klaren Formen. Eine schmale Hand hing abgeknickt über dem Gürtel, ein Ellbogen zeigte über das Geländer ins Grün und ein Knie zu mir. Sie sah aus, als könne sie sich jederzeit wirbelnd ein paarmal um sich selbst drehen und verwandelt durch die Luft in die Baumkronen huschen. Dann sah sie mich an, und ich bemerkte ihre strähnig rotgefärbten Haare und das getoastete Gesicht in exakt demselben Farbton, dazu einen messerscharfen Permanent-Makeup-Irrsinn über den Augen und ein Kajalverbrechen dazu. Das ist so traurig und ärgerlich; ich weiß nicht wer, diese Stadt oder die Zustände oder wer immer Schuld hat: Schmort in der Hölle dafür.

Link | 9. Juni 2004, 19 Uhr 15


Ha! Der großartige sub ist wieder da. Mit dem vollen Programm an konsequentem Selbsthaß, noch konsequenterem Welthaß, Neigung zu obskurer Bratzmusik und ziemlich unfehlbarem Gespür für Richtig, Falsch und die offene Skala all dessen, was jenseits von Falsch noch so kommt.

Und weil wir schließlich alle satt haben, daß alles so verdammt albern und aufgesetzt, wohlstandszickig und wohlbehütet wirklichkeitsscheu ist: shesaiddestroy.org lohnt.

Link | 8. Juni 2004, 20 Uhr 25


Immerhin amüsiert mich, daß, wenn man nur in die Bahn steigt und sich in dünne Höhenluft wagt, unweigerlich Naphta und Settembrini auftauchen. Es dauert ein wenig, bis man sie erkennt, aber auf die beiden ist Verlaß.

Link | 8. Juni 2004, 16 Uhr 41


Es ist so etwas wie ein Déjà-vu, ähnlich stark und ähnlich befremdlich: Das plötzliche Gefühl, steinalt zu sein. Wie beim Déjà-vu weiß man, daß es eine Illusion ist, und doch spürt man diese Verbindung zwischen zwei Zeitpunkten, und weiß nicht, an welchem Ende man steht: Bin ich der Greis und denke darüber nach, wie ich mich vor Jahrzehnten gefragt habe: Wie wird es sein, wenn ich mich an diesen Moment einmal erinnern werde? Oder bin ich noch der Jüngling und bilde mir die Schleife ein? Bin ich noch der junge?

Schlimmer Verdacht: Daß es stimmen könnte, daß alles vorbei sein könnte, daß nichts mehr passiert ist, daß es keine Erinnerung an die fehlenden Jahrzehnte gibt, weil sie nutzlos und leer waren. Daß man dem Bahnhof das Jahr vielleicht nicht ansieht, weil der Bahnhof ausschaut, wie Bahnhöfe eben aussehen, im Jahr 2004 oder im Jahr 2054, ganz gleich, Bahnsteige, Züge, Menschen in Kleidung, Kleidung mit Hosenbeinen und Kragen, verdammt nochmal, wer würde so dumm sein, sich auf Mode zu verlassen? Daß die Mädchen rundherum immer dieselben Mädchen sind: Reizende, ewig zwanzigjährige Fremde, die man nicht kennt und nie wiedersehen wird, als Jüngling nicht, als Greis nicht, wie soll man sagen, ob es die Mädchen von 2054 oder 2004 sind?

Panisch: Die Suche nach einem vertrauten Gesicht. Erlösung, wenn es aufsteigt und noch jung ist und schön, wenn noch ein paar Möglichkeiten bleiben. Beruhigend. Die Welt hält sich an die Gesetze der Thermodynamik, die Zeit hat eine Richtung und das Leben muß immerhin erst stattfinden, bevor es zur sentimentalen Greisenhirnsuppe verkocht werden kann.

Link | 6. Juni 2004, 3 Uhr 18


Warum macht das eigentlich so einen besonderen Spaß, mit Frauen im Regen herumzuspazieren?
Irgend eine evolutionäre Erklärung? Oder ist’s nur die Intimität unterm rauschenden Regenschirm und beim gemeinsamen Naturbezwingen?

Link | 5. Juni 2004, 18 Uhr 52


So macht man das heute. (via de:bug)

Was ist bloß los? Wer verrät den armen Kindern, daß Liebe und permanente Geständnisse sich durchaus nicht bedingen? Wer gibt ihnen die Chance, das je zu lernen?

Schon uns hat’s keiner gesagt, aber wir hatten wenigstens nur den Brief als Medium für unsere unvermeidlichen Teenager-Dummheiten. Heute wütet die Plapperindustrie mit SMS und Kameras, Viva-Plus-Laufbändern und LED-Mobiltelefonen, und überall sind plötzlich Geständnisse.

Das ist nicht nur eine Geständnisinflation, die den schönen alten Begriff von Liebe entwerten muß, schon weil Liebe nur gezeigt, nicht behauptet werden kann. Es ist vor allem eine Zeichenverflachung, die die ganze wilde Komplexität einer Annäherung durch eine simple zweistellige Relation ersetzt: ♥(I,U), bist du übrigens gut im Bett? Dann ist ja alles in bester Ordnung.

Natürlich ist der Fehler immer gemacht worden. Nur ist er heute beworbenes Prinzip. Es ist so billig, tiefere Zeichen durch Geständnisse zu ersetzen: Das bisschen Bedeutung, das bleibt, ist nichts, worum man je bangen müsste. Am Ende wedeln sie mit ihren Mobiltelefonen und schicken sich Kurznachrichten und bei ZED gekaufte Gedichte, der Äther schwirrt von romantischen Versatzstücken, alle denken, das muß so sein und simulieren Zusammensein – und in Wirklichkeit geschieht: Nichts. Nicht nur keine Liebe, das ist normal, aber: Nicht einmal sentimental education.

Schönes Modell, das sich da bildet: Liebe ist dabei, ein echt digitales Ding zu werden: An oder aus? Falls an, digitaltechnisch anzuzeigen, daß Klarheit herrsche. Schimpft mich einen Pessimisten oder einen Stepan Trofimowitsch, aber ich nenne das Verrohung.

Link | 4. Juni 2004, 16 Uhr 29 | Kommentare (3)


Da sind sie:
Fettleibige
Tatenlose
(beide auf Bänken)
Dallas-Dauerwellen
Miss-Sixty-Ärsch_
Dreiviertelhosen
(und wo wir schon dabei sind)
Deformierte Zehen mit Nagellack
Käsige Flaschenbeine
Pseudo-bewetzte Jeansröcke
Haarlinienbärtchen
Oberarme
(hergezeigt, dazu passend:)
Originelle Kurzhaarschnitte
Blütenweiße Turnschuhe
Graumelierte Dummköpfe
(überlegen aus dem SLK spähend, an der Ampel)
Bucklige mit Plastiktüte
Meldung: J-Lo kann nichr kochen
Bauchtato_s
Absätze
Absätze!
Getoastetes Blond
Falsches Blond
Falsches Schwarz
Pflaster an den Fersen
„Nobody’s perfect but me“-T-Shirts (3x)
(und unbedingt:)
Dreiviertelhosen.

Gut versteckt hinter ein paar Büschen und Fettleibigen auf Bänken: Ein Stein, auf dem steht „Rettet den Wald. Deutscher Bundestag 2000.“ Und ein paar Meter weiter kann man Büros mieten im Westflügel des Innenministeriums. Vermutlich ist der Wald wirklich leichter zu retten.

Link | 4. Juni 2004, 14 Uhr 23


Woran man ja auch merkt, daß man ein Kleinbürger ist und das nie loswird: Der Hang zur kontrollierten Verschwendung. Kleinbürger arbeiten für ihr Geld und geben es deswegen sehr bedacht aus. Wem das zuwider ist, dem bleibt nur kontrollierte Verschwendung.
Das ist so ein Mittel, ein wenig Würde zu wahren, wenn man gezwungen ist, käuflich zu sein und einen Job zu machen, den man nicht mag: Das mühsam verdiente Geld, einen Stundenlohn zum Beispiel, für ein schön gesetztes Heft auszugeben, in dem man in der S-Bahn blättert und das man danach ungelesen wegwirft: Da! Seht, wie ich euch verachte, Industrieblödmänner. Den Preis für Lebensmittel im Supermarkt nicht zu kennen, ausnahmslos und absichtsvoll nie auf einen Preis zu achten bei allem unter 20 Euro. Dabei könnte man sich vermutlich durchaus eine Reise jährlich zusammensparen, wenn man bereit wäre, sich mit Preisen abzugeben. Aber: Es geht nicht. Lächerlich, allerdings vielleicht nicht ganz so lächerlich, wie an der Kinokasse über den Preis zu reden.

Link | 3. Juni 2004, 19 Uhr 30 | Kommentare (2)


Man plante irgendeine überdrehte Traum-Albernheit, an der ich mich beteiligen wollte. Das Mädchen, natürlich, nicht, sie verschwand entnervt im Badezimmer. Schon nach einigen Minuten hatte ich selbst die Albernheit satt, drückte leise die Tür auf und fand sie in der Wanne vor im Halbdunkel. Unter leicht schaumigem Wasser war sie nur ahnbar, den Kopf hatte sie zurückgelegt, die Augen geschlossen. „Darf ich?“ frage ich, und ohne die Augen zu öffnen nickte sie Zustimmung. Ich kniete mich neben sie ins Wasser und schaute ihr ein wenig beim Atmen zu, legte mich dann daneben und meinen Arm drumherum. Mein rechtes Bein an ihrem linken, dann fädelte ich es unten durch. Ich drehte mich ein wenig, sie drehte sich ein wenig, umarmt lehnte sie sich an, mein Kinn auf ihrer Schulter und nasses Haar zwischen zwei Wangen. Wir mussten beide lachen, weil fremder Herzschlag sich so seltsam anfühlt, glaube ich. Lang lagen wir danach regungslos da und nichts sichtbares geschah mehr. Mit einer entsprechenden Brille aber, dachte ich, hätte man vielleicht den gemächlich strömenden Austausch von Sicherheit sehen können.
Als ich aufwachte, unterdrückte ich ein schlafraues „Mein Gott“ und suchte eine Weile den Dämmerzustand zu halten, der die Erinnerung retten würde. Irre Momente der Gnade, in denen man solchen Kitsch träumt und die Situation dabei sogar in destillierter Form geschenkt bekommt, ohne zu enge Wannenwände, Unbequemlichkeiten, kaltwerdendes Wasser, menschliche Schranken und diese Stimme, die höhnisch fragt, welchen Film man gerade kopiert. (Man hat ja auch gar keine Sprache für so etwas, der Boden über dem Bastei-Lübbe-Sumpf ist wirklich denkbar dünn.)

Link | 3. Juni 2004, 15 Uhr 49


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