Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Neue Erfahrung: Aufwachen in einen Alptraum.
Ein Knall, und etwas fährt mir übers Gesicht. Das Adrenalin sprudelt, aber die motorische Schlaflähmung ist noch intakt, dann wieder was im Gesicht, nach dem ich endlich greifen kann, aber es fliegt davon, und dann knallt es nochmal. Ich setze mich halb auf, greife mir an die Brust und stelle fest: Schweißüberströmt, es muß 40 Grad warm sein hier drin, die Luft ist feucht und elektrisch kaum mehr atembar. Die Zähne fühlen sich pelzig an, und als ich mich benommen nach der Uhr umdrehen will, die gezeigt hätte, daß ich kaum eine Stunde geschlafen habe, nimmt mir wieder etwas die Sicht. Der Vorhang klatscht um die Ohren und schleift dann übers Fensterbrett in den Innenhof hinaus. Ich versuche, einen der vier schlagenden Flügel des Doppelfensters zu fassen zu kriegen, immer wieder, aber immer wenn ich einen habe und zudrücken will, ist der Vorhang im Hof oder der Flügel ist ein Innerer. Es ist anhaltend stockdunkel und unglaublich heiß. In meinem Bemühen, vier Streifen leichten Stoff und vier Flügel in Position zu bringen, gerate ich fast in Panik, mehrere Windstöße ziehen durchs Zimmer, und die metaphysische Überforderung, mit der ich schon zu Bett gegangen bin, nimmt fiebertraumhafte Ausmaße an. Hinter mir, dem Kämpfenden, knarzt es und die Tür geht auf, ich fahre herum, und das dunkle Türloch sieht vorwurfsvoll und bedrohlich so aus, als sie gerade mindestens der Tod hereingeschlüpft. Es klappert auch so bedenklich wie geschliffene Sense.

Irgendwann verstand ich dann, was da vorging, wälzte mich aus dem Bett, wankte durch die Zimmer und machte die Balkontür zu – sofort ließ das Chaos nach, meine Zimmertür ließ sich schliessen und der Vorhang einholen. Im Bad gab es Wasser und ein Spiegelbild, in dem nur ich zu sehen war und gar nicht so übel aussah, und mit dem Temperatursturz und dem einsetzenden Regen wich das Gefühl des fiebrigen Ausgeliefertseins, besagte Regung der totalen Überforderung, der Gedanke: Da man sich ja immer von Tag zu Tag rettet: Was passiert an dem Tag, an dem man mal schwächer ist, als die Welt es verzeiht, und was ist, wenn das heute ist?

Link | 13. August 2004, 16 Uhr 14 | Kommentare (1)


weißes weißes weißes
weißes weißes weißes
weißes stück papier
und ein quadrat und der rausch
wenn der knoten
schnur wird
und die gleichung eine null
(frei zu lernen, ohne schuld)
weil man ein haus nur bauen kann
wo nicht schon firste marschieren
gips in löcher geschmiert
löcher in wände gehauen
kabel und strippen gezogen
(und dabei gestolpert)
von links nach rechts geschippt
beton danebengekippt
und wieder zurückgeschippt
jetzt langts aber mal
eine mauer zu bauen macht schließlich nur spaß
wenn man den himmel sieht den man verstecken will
verdammt nochmal!

Link | 11. August 2004, 20 Uhr 52


Melancholie eines Sommerabends: Gerade als sich aus offener Autotür wieder die Stimme des DLF-Sprechers schleppte, setzte sich die Wachkatze vor mir auf den Boden, plauschte auf und berührte zweimal mit der Schwanzspitze den Staub. Da sie vertrauensvoll eine Nacht auf meiner Bettdecke verbracht hatte, fühlte ich mich, obwohl ich eigentlich keine Schwäche für Katzen habe, zu einer behutsam streichenden Verabschiedung verpflichtet. Sie ließ es geschehen, rührte aber den Rücken nicht und schaute weiter über den staubigen leeren Platz in die Dämmerung. Über ihre Schultern hin schaute ich über den Platz (staubig, leer, im letzten Licht). Ziemlich lange; was wir beide da suchten, weiß ich auch nicht so genau.

Link | 10. August 2004, 1 Uhr 01


Weg für ein paar Tage, in die leervereinigten Gebiete, wieder ein wenig arbeiten, endlich nicht mehr schleppen und anstreichen, sondern Interessanteres, auch wenn es vielleicht zu warm für Anspruchsvolles ist.

In diesem August schneit es hoffnungsfroh, und das liegt nicht nur an Jorge Semprun; die Stimmung dieses Sommers, kristallisiert.

Link | 6. August 2004, 10 Uhr 22


Bekanntlich wurden die Gesetze in diesem Land gemacht, um die letzten vernünftigen Menschen um den Verstand zu bringen. Ich vergesse das manchmal. Heute habe ich gelernt: Wände dürfen nachlässig geweißt sein und schäbig aussehen, wichtig ist: Wohnungen müssen mit Rauhfasertapete zurückgegeben werden. Ein Stück Stoff an der Wand ist verboten und führt zur Klage. Alles außer weißer Rauhfasertapete ist „Mietereigentum“ und muß entfernt werden. Gut, daß ich nicht auf die Idee gekommen bin, Laminat zu verlegen. Bin ja schon froh, jetzt nicht die Fußböden tapezieren zu müssen. Warum Rauhfasertapeten nicht mir gehören, Teppichboden aber schon, ist mir unklar. Warum ich das gut aussehende Stück Teppich an der Wand („welcher Teufel hat Sie denn geritten?“) abreißen und die Wand drunter weiß anschmieren soll, also auch nicht. Insbesondere ist mir unklar, ob ich in diesem Leben jemals noch was anderes tun werde, als den Wünschen meiner analen Mitbürger und ihrer Vorschriften hinterherzulaufen. Kann mir jemand erklären, warum die so über meine Zeit verfügen dürfen? Deutschland, kann Dich bitte mal wieder jemand wegbomben?

Link | 1. August 2004, 12 Uhr 35


Die Verängstigung der Leute wird langsam peinlich.

Heute stand ich in der Schlange bei Plus und wollte eine Packung Eistee kaufen, weil es wirklich sehr warm war. Vier Leute vor mir, drei hinter mir. An der Kasse saß das junge Mädchen und sah wie immer leider nicht so aus, als mache sie das bei Plus nur übergangsweise vor dem Studium. Sie hatte sich vertippt, „brauchte ein Storno“ und hatte schon zweimal geklingelt. Es ging also nicht voran, sie zuckte uns entschuldigend die Schultern zu und wartete. Schließlich schlich sie sich unters offene Oberlicht des Marktleiterkabuffs, legte den Kopf in den Nacken und bat das Kabuff um ein Storno. Das Kabuff schwieg. Die zweite Kraft im Laden fuhr Bahnen mit der Bodenpoliermaschine. Das Mädchen erklärte dem Oberlicht die Situation, das Kabuff schwieg weiter. Sie kehrte zur Kasse zurück und spielte nervös an einem Kittelknopf herum. Vier Leute vor mir und drei hinter mir sahen ihr zu, eine Minute, noch eine, eine dritte. Es wurde lächerlich.

Ich beschloß, es mit dem Kabuff aufzunehmen, ging zur Tür und klopfte. Acht Augenpaare starrten mich entgeistert an, knistende Ruhe kehrte ein, abgesehen vom Geräusch der Bodenscheuermaschine. Dann ging die Marktleiterkabufftür auf. Der Marktleiter sah mich an, als sei ich in sein Schlafzimmer eingebrochen. Nachts. Bei Vollmond. Ohne Helm und Führerschein.

Ich sagte, so freundlich ich konnte: Ich will Sie nicht hetzen, aber es gibt nur eine Kasse, da geht es nicht weiter und es ist gemein heiß. Wirklich maximal freundlich. Aber der Affront, den das Klopfen an eine Marktleiterkabufftür offenbar darstellt, machte mich zum Helden. In den nächsten dreissig Sekunden wurde die Scheuerfrau zu einer zweiten Kasse befohlen, der Marktleiterschlüssel erlaubte ein Storno an der ersten, und 7 Leute warfen mir unterwürfige Blicke zu. Ich weiß nicht, vielleicht waren Sie sich nicht sicher, ob das gut war, was ich da getan hatte, es könnte ja sein, daß Plus jetzt die Preise erhöhen muß, und dann reicht die Sozialhilfe nicht mehr. Aber sie sahen mich, Achilleus, Kabuffbezwinger, an, als hätten sie mich sofort mit ihrer Tochter verheiratet, wenn sie zur Hand gewesen wäre. Ersatzweise wollten sie mich in der Schlange vorlassen. Ich hatte es gar nicht eilig und blieb wo ich war. Das Mädchen an der Kasse sah nicht glücklich aus, und ich ahnte, daß sie die unerhörte Begebenheit würde ausbaden müssen.

Link | 1. August 2004, 2 Uhr 48 | Kommentare (1)


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