Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Höchste Zeit, sich auf einen Vulkan zu begeben. Mit Spektakel und Krawumm.

Auf Vulkanen gibt’s kein Internet und überhaupt wird das, wenn die Welt einmal hält, was sie verspricht, eine zu gründliche Annäherung an das, was gut und richtig ist, um für in dies kleine premium melancholia*-Blog verwendbar zu sein.

* amh: „Weltscherz“.

Link | 29. September 2004, 14 Uhr 25


Ein halb zugedeckter Flügel zeigt unter Deckentroddeln Bein und ein sinnlos verdrehtes kleines Rad, stöhnt nicht gerade unter der leichten Last der leeren Pappkartons, die auf der wollenen Decke ineinander lagern und ihre pappigen Ärmchen in den Raum strecken, als könnten sie die hohe Stuckdecke vielleicht doch erreichen.
Auf staubigweißem Dielenboden steht das Ensemble und sonst steht nichts da, nur zwei Derricklampen mit verrenktem Hals noch, in den Ecken: Gebrochene Kegel werfen sie an nur grob verputze braune Wände und die weiße Decke, so daß alles gelb und schummrig glimmt und sehr nach einer schäbigen Ledercouch mit zwei schmutzigen Weingläsern daneben aussieht, aber die gibt es nicht.

Link | 25. September 2004, 14 Uhr 01


Fein: Um neun ist es dunkel und naß und zugig, das ist Berlin, wie es wirklich ist. Schon bei der Wiederkunft vom Lande haben sich merkwürdige Heimatgefühle eingestellt (was allerdings nicht nur an der Stadt selbst liegen mag, aber das kann man ja nie genau auseinanderhalten) Dieses Wetter gestern Abend verweist auf das Eigentliche, das mit dem ganzen verlogenen Torstraßen-Hip-Berlin nichts zu tun hat, da ist es: Das verregnete, gischtende Berlin voll verlorener Menschen.

Zwei Tage zuvor: Mit dem elterlichen Zweitauto, einem Ford Fiesta (170k km), der bergab auch 150 fährt und furchtbar herumzuckt dabei, auf schwäbischen Autobahnen mehrfach beinahe von den dick gepanzerten Fahrzeugen eiliger Herren gerammt. Schwarze Audiklumpen ziehen rechts auf der Standspur vorbei beim Abbiegen, ganze Horden silbergrauer Benze aller Baureihen fallen aus dem Rücken über den Asphalt her, erfolgreiche Erfolgsmenschen auf dem eiligen Weg zum Erfolg allesamt, Land-Erfolgszombies als merkwürdige Spiegelbilder der Stadt-Elendszombies hier in der U9. Gier und/oder Vorwurf. Zwei Dimensionen reichen offenbar für alle.

Die nasskalte Dunkelheit ist grausig, grausig genug, um kleine Sehnsüchte wachzumachen, die sonst zugedeckt schlafen unter dem, was man tun muß, um die Miete zu bezahlen und dem, was man tun muß, um sie morgen noch bezahlen zu können. Geboren aus der ein halbes Jahrzehnt zurückliegenden Erfahrung, neu in der Stadt zu sein und allein, und aus der Erinnerung an die Dankbarkeit für die hellen Momente, damals: Beim Tutor zu Hause, ordentliches weiches Licht, Möbel, studentisch alt und bequem, Doppelreihen aus Reclamheften; Schnelldenker und gute Erzähler, Begeisterung über die Belesenheit anderer; rührende Blicke auf Beziehungen zwischen Menschen, die es schafften, auf einer orthogonalen Achse zu den Gier/Vorwurf-Koordinatensystemen derer da draußen zu leben. Meine aufgeregte Behauptung in der „Deponie“: Es gibt keine junge deutsche Literatur, weil es keine Themen gibt im lahmen Wohlstand. (Gut gefällt mir ja, daß mein ahnungsloses Ich von 99 Recht hatte, noch ohne sich je durch ein Zoe-Jenny-Buch geekelt zu haben; gut gefällt mir auch, daß 2004 sogar das besser geworden ist und man ab und zu auf Leute stößt, die schreiben und denken können.)

Eigentlich ist die nasskalte Grausigkeit heute nur noch ein Zeichen dafür, daß alles besser geworden ist. Die Wehmut, die sie aufweckt, ist keine rückwärtsgewandte Sehnsucht, sondern eine bemäntelte Dankbarkeit. Wie seltsam und wie gut, daß all das vorbei ist: Die Unsicherheit, das Hereinfallen auf Hip- und Intellektblender, die enttäuschten Wochen über Büchern (tagelang ohne ein Wort), die bittere vermeintliche Einsicht, daß hier nirgends irgend ein Wohlwollen zu erwarten sei und die trotzige Ablehnung der Blenderspiele, die maschinelle Drangsalierung durch eine Universität, die 400 von 480 Studenten im Jahrgang los werden musste, die unsinnige Menge Geld, die plötzlich zu verdienen und zu verprassen und doch völlig belanglos war, der neidische Blick auf Leute, die wirklich etwas konnten oder jemanden hatten.
Diese Wehmut im Jahr 2004, geboren aus derselben nasskalten Grausigkeit, ist nur noch ein konservierter Blues, ein wertvolles Wissen um die eigene Input-Abhängigkeit.

Link | 24. September 2004, 13 Uhr 49


Gratuliere. Das SZ-Medienseitenblödchen vom Dienst hat aus Versehen mit dem letzten Satz doch noch Recht. Na dann. Viel Freude mit dem ewig heiligen allbestimmenden (und dabei so erfrischend moralfreien!) Denkprozess.

„Denkprozess“, ich faß‘ es nicht. Ihren Denkprozess haben Sie offenbar mit ihrer ersten Bravo schon letztinstanzlich verloren, gute Frau, sonst könnten Sie Denken von billigem normdruckinduziertem Selbststyling unterscheiden. Und da ausgerechnet „Liebeserklärung“ drüberzuschreiben: Verrottetes Pack.

Link | 20. September 2004, 16 Uhr 39


Kurze Zwischendurchmeldung: Der Herr spalanzani wurde mir ein wenig unsympathisch in letzter Zeit, und so mußte ich die spießige, privatelnde und jammernde kleine Sau leider erschießen. In der dritten Woche wird er von den Toten auferstehen, inzwischen setzt sich sein Mörder in einen Zug und flieht den Tatort, nur für ein paar Tage und zum Arbeiten zwar, aber immerhin raus aus der Stadt, wo die Idioten sich anhupen, die Nachtbusse schlecht synchronisiert sind und alles an einem zerrt und fordert und man nie genau weiß, ob man deswegen nicht selbst schon anfängt zu zerren und zu fordern, obwohl das doch ganz schlecht für’s Gemüt ist: Zurück aufs Land, wo die Leute vermuten, daß ich ihre Dorfstraße nur deswegen nicht im Frack langstolziere, weil ich zu arrogant bin, um dort zu Fuß zu gehen; wo nur die täglich horizontweit verabreichte Gülleration aus der örtlichen Schweinefabrik den Eindruck stört, daß noch klassische dumpfbäurische Betonschädel herrschten; wo wöchentlich die Kreuzlein sprießen an den Waldrändern und röhrende GTIs verglühen und Mütter aus den Wolken fallen, weil die Welt so grausam zu so jungen Menschen ist; wo praktisch gekachelte Ausbaudachböden monströse Heimkinos, heilige Ledersofas, Yuccapalmen und den gebürsteten Stahl schaler Modernität beherbergen; wo hoffentlich die Pappeln noch sind wo sie hingehören und man eine wohlriechende Wachsjacke vom Frankoniahändler väterlichen Vertrauens tragen kann, ohne daß BWL-Studenten einen für einen der Ihren und BWL-Studentenfeinde einen für einen Idioten halten; wo also alles besser und dabei soviel schlechter ist als hier; wo nichts ist, was mich interessiert im Augenblick, und doch ist es auch eine kleine Flucht, gerade dorthin.

Link | 15. September 2004, 19 Uhr 29


Mit der Wärme und Schläfrigkeit von Modellbauprospekten aus den späten 80ern, die Modelle von Autos aus den späten 70ern bewerben, Plastikmännchen und Kunstgras, Dampflokomotiven, einen TGV, das Wort D-Zug, Krokodile und diese sehr lokomotivartigen Ostmonstren, von denen eins am Bahnhof Lichtenberg noch rostete, als ich vor 4 Jahren zuletzt dort war. Eine fremde Spielzeugwelt, Modellbau und Eisenbahn, aber hervorragend, um einen Halbschlummer-Abend in einem überheizten Wohnzimmer über einem bunten, vierseitigen, quadratischen kleinen Prospekt zu verträumen.

Link | 8. September 2004, 23 Uhr 46


Ah, miserabel, miserabel. Dieses Weblog hier ist vor die Wand gefahren, keinerlei Arbeit erledigt, die Küche ist immer noch ein Strafgericht und die Mails im Gesendet-Verzeichnis fühlen sich alle seltsam falsch an auf eine nicht einmal greifbare Art (Nun: Sind sie miserabel oder ist’s meine Optik?).

Drei zusammenassoziierte Probleme:
1. Was haben eigentlich die Leute gelernt, die diesen obskuren Chamisso-Preis vergeben und also für jene Gagalyrik verantwortlich sind, die so ärgerlich an Bahnhöfen herumhängt, von leuchtenden Ameisen unter den Lidern und ähnlich Bemühtpoetischem delirierend?
2. Zwei Minuten mit geschlossenen Lidern können lange, lange, lange sein und bieten endlos Raum für eine umfangreiche Hoffnungs-Erkundung, wenn man schläfrig und delirös genug ist, nur wie sortiert man hinterher die Illusionen aus?
3. Ist es in Ordnung oder zu passiv, sich an solchen Tagen kurzerhand matt und mit verhängtem Blick vor den dreckspuckenden Funkenkasten zu packen und untätig darauf zu bauen, daß es nur die eigene Optik ist, die einen zu einem so blöden Kerl macht und daß es vorbei gehen wird mit einem Anruf oder einer Nacht Schlaf.

Miserabel, miserabel.

Link | 4. September 2004, 20 Uhr 26


Ich bin unzufrieden mit der Blogwelt. Ich trau mich nicht mehr, irgendwelche Blogroll-Links zu klicken, die ich nicht kenne.

Dauernd hängen sie mir ihre emotionalen Genitalien ins Gesicht, Posen- und Erzählerfrei, dafür mit Ecce-Ego-Geste, der widerlichsten überhaupt:

„Ich habe hier zwar schlechte Eigenschaften, durchaus als solche erkannt, aber: Hey! Es sind meine , also sind sie liebenswert. Findet euch damit ab, denn ich bin’s, per definitionem toll und stark und liebenswert und wenn’s euch nicht passt, schert euch weg und lest was anderes.“

Nein. So funktioniert das nicht. Genau so funktioniert das nicht. Das ist der Zentralirrtum. So funktioniert das nie mit Menschen. Wenn da jemand mit einem So-Bin-Ich-Eben-Schulterzucken von eigener schierer Gewalt und diversen mal eben so verursachen Verletzungen erzählt, dann geht mich das verdammt nochmal was an und es macht mich wütend. Man kann sich ja auch nicht wehren dagegen, man klickt aus Versehen irgendwo hin und schon versaut einem so ein Gör den Tag.

Schlußfolgerung: Diese ganzen themenfreien Ich-erzähl-aus-meinem-Leben-Blogs nicht nur nicht linken, sondern wirklich unbedingt meiden. Und die Sexblogs, die werden alle von Monstren gemacht. Das ist gefährliches Zeug. Da erfährt man Dinge über Mitmenschen, von denen man sich gerne noch ein paar Jahre sauberhalten möchte. Am Besten, man liest überhaupt nur noch des kühlen und klugen Parka Lewis‘ Gesprächsfetzen. Und ab und zu die andern da auf meiner Liste, da garantiere ich für ein Mindestmaß an Distanz und Haltung, oder wenigstens Reife.

Link | 2. September 2004, 13 Uhr 52 | Kommentare (10)


Aber Ahnungen fliegen plötzlich in der Gegend herum, man weiß nicht: Was wollen die jetzt? Wie kommen sie in diesen lustvollen Regen und also meinen Kragen?

Von der seltsam noblen Empfindlichkeit der Christian-Kracht-Menschen, mal wieder.
Von den weißgekachelt menschenleeren Abflughallen bei Ladytron, die so tödlich anziehend sind.
Von Regen, der auf heiße Herdplatten tropft in einem Quarks-Schlösschen zwischen Karstfelsen, wo man eine Woche in zerwühlten Decken liegen und dem Zischen zuhören und mit vorsichtigen Fingerspitzen ein Gesicht auswendiglernen möchte und alles andere auch.
Vom Grausen der Aufnahmen von Tschernobyl: Tote schleppen Beton, ein Toter schleppt eine Kamera; Tote, die uns retten, und das alles ist wirklich passiert, nicht unwirklicher als ich hier sitze und mir die Nachrichten dieser Katzenjammernation anhöre.
Von der Vermessenheit eines Aufbruchts, vom neuen Menschen, etwa bei Robert Musil.
Von Reitz‘ Münchener Glauben an die Schönheit junger Intelligenz. („Hältst du dich eigentlich für genial?“ – „Aber ja, du nicht? „)

Das ist jetzt halt der Herbst. (Und das ist offensichtlich, aber das Offensichtliche hat mich nie geschreckt.)

Es ist schon bald draußen wieder zu dunkel für einen allein; die ergebene Stimmung kohlebeheizer Räume mit undichten Doppelfenstern, die Stimmung aus Geruch von Benzin und Laub und faulender Zuversicht, die Stimmung klammer Finger und verzweifelter Freude bei jedem Wiedersehen, die ergebene, die lähmende Stimmung des Berliner Winters schleicht sich da an, wohl wissend, daß sie das Aufbäumen von Kraft im Herbst noch meucheln wird müssen, wenn die Panik einsetzt, die glasklar erkannte Angst vor dem sinnlosen Verlust eines weiteren Jahres und die uneingestandene Angst vor einer weiteren Sylvesternacht, in der, während es draußen knallt, betrunkene MTV-Fernsehschicksen ihre knochentrocken lachenden Zuschauer fragen, was zum Teufel sie vor dem Fernseher tun.

Das Licht der Gaslampen hat nichts ersetzt oder vernichtet, wie Heine (wo war es? wie ging es?) irgendwo irrte, das Licht der Gaslampen hat diese Stimmung, damals, bloß zum Umzug gezwungen, sie zog ja kurz darauf in genau dieselben Gaslaternen ein. Und musste wieder raus, gleich nachdem Brassai sie dort aufgespürt hatte (gut, daß er heut nicht mehr so unerträglich beliebt ist) und so zieht sie vermutlich schon immer und für immer durch die Technik, verfolgt von einer rücksichtslosen Innovations-Treibjagd.

Man muß sich keine Sorgen um sie machen, perfekt funktionierende Zentralheizungen, Plastikfenster und von westdeutschen Zahnärzten langweiligsanierte Elektroinstallationen werden sie nicht erwischen können, sie kommt schon irgendwo unter, auch diesmal wieder.

Link | 1. September 2004, 1 Uhr 37