Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Kitsch, Quatsch oder kompliziert.

Link | 18. Oktober 2004, 0 Uhr 16


Es geht, mit Foucault gesprochen, um die Überschreitung. Alles anderes ist wohlfeil und mag ökonomisch Sicherheit bringen… aber: so what? *
Noch ein Blogger bei Sinnen, schon wieder ein gedruckter.

Link | 17. Oktober 2004, 23 Uhr 15


Dieser Stuhl kann einen wahnsinnig machen. Er steht in einer Ecke des Ganges, nicht, weil sich dort jemand setzen möchte, sondern weil die Wohnung sehr voll ist. Niemand setzt sich in den Gang, es gibt keinen Grund, sich in den Gang zur Küche zu setzen, es wäre merkwürdig, es ergibt keinen Sinn. Trotzdem steht dort der Stuhl, der einen, nachts, wenn es still ist, wahnsinnig machen kann. Er steht im halben Licht einer simplen, tief hängenden blechernen Lampe, man sieht den Rand ihres Scheins an den Wänden und auf dem Fußboden, auf dem auch der Stuhl steht, in der Ecke, am Ende des schmalen Ganges; mit vier hölzernen Beinen und einer runden Lehne und einem weißen, leicht schmutzigen Kissen. (Man sieht ihn sehr genau, nachts.) Manchmal, wenn ich sicher bin, daß ich nicht beobachtet werde, tippe ich den kleinen kreisrunden blechernen Schirm der Lampe leicht an, damit sie schwankt über dem Stuhl. (Schuhe, Schuhe und
nochmals Schuhe vor allen Türen und in den Ohren nur Rauschen.)

Link | 17. Oktober 2004, 21 Uhr 09


Vertraute Orte, die ich nie wieder sehen werde: Die Wohnzimmer der Freunde meiner Eltern. Eichenholz, grüne Vorhänge, Teppichböden, kreisrunde Hocker aus Kunstleder und fremdes Lego-Spielzeug unerreichbar auch für die Kinder des Hauses hoch oben auf den Schränken (man verliert ja so leicht Teile). Heimcomputer, später Privatfernsehen, mintgrüne Polos, Gärten. Gerüche, die ich nicht mehr dingfest machen kann, aber wiedererkennen würde.

Meine Wohnung in der Gotlandstraße rottet langsam in diesen Kompost hinein, die mit Headset durchtelefonierten Nächte der fetten Tage, das eine mal, als ich ernstlich krank war und es allein vor dem Fernseher durchstehen musste, mit einer gewissen grimmigen Freude einen hüfthohen Haufen Taschentücher neben dem Sessel auftürmend, den ganzen Tag dieselben Nachrichten der BBC, weil alles andere nicht zu ertragen war, am wenigsten die Stille. Die aufgeregten Stunden nach einer lieben Mail und die finstersten überhaupt nach einem verdorbenen Abend. Besuch, der erst einmal über den Inhalt meines Kühlschranks spottete und trotzdem bekocht zu werden erwartete, Besuch, der einfach tagelang mit vor dem Rechner lümmelte und Operation Flashpoint spielte, Besuch mit Liebeskummer und Mobiltelefon (Es war eine Ein-Zimmer-Wohnung). Abende am offenen Fenster, der Innenhof wieder mit einem nur aktiv verlorenen Geruch. Der tausendmal besuchte Plus-Supermarkt, den es ja immer noch gibt. Das endgültige Ende des letzten Stuhls und der Beschluß, den Tisch deswegen auch gleich loszuwerden. Durchgearbeitete Nächte mit Büchern oder Quellcode und immer Musik (am Fußboden). Am Ende der Fluchtreflex, der Abgrund aus IKEA-Möbeln, die kleinen Tiere in den Dielen, das zickige Telefon, das sichtbare, aber nicht einmal bohemienhafte biedere Elend des Ortes, das deutliche Gefühl: Ich bin keiner mehr, der hier wohnen sollte. Der letzte Abend dort, das Warten auf den Mann, der die Leiter nach Charlottenburg fahren würde: Nur ich, die Leiter, ein Block, ein Kugelschreiber und das iPod, zig beschriebene Seiten, es war einer der hellsten Momente des letzten Jahres, einer von denen, in denen die Lage, die sich längst verändert hat, endlich klar erkennbar wird und man förmlich spüren kann, wie sich die Bedingungen für zukünftiges Handeln verschieben, durch den Raum gleiten und sich neu arrangieren, verblüffend klar stehen sie dann da: Das geht ab sofort, das geht nicht mehr, dieses wird wichtig, jenes kannst Du vergessen.

Link | 17. Oktober 2004, 14 Uhr 52


Lebe jeden Tag, als wär‘ es dein letzter. Was also tust du? — Die Frage wird gern von Imperialisten des Spaßhabens gestellt, weil sie sich nicht vorstellen können, daß jemand sagt: Ich würde mich in einen Sessel setzen, über ein paar Menschen nachdenken und wie sie so sind, dann würde ich vielleicht einen Bitter Lemon trinken und noch ein bisschen lesen, bevor ich sterbe, irgend etwas langatmiges. Die Spaßimperialisten erwarten auch nicht, daß man sagt: Naja, da ist ja noch Arbeit, die kann man am letzten Tag auch nicht liegen lassen. Spaßimperialisten erwarten, daß man sagt: Ich würde mit einem Liegerad die Niagarafälle runterfahren, dabei mit 15 Frauen gleichzeitig Sex haben und vorher alle Drogen nehmen, die ich noch nicht kenne. Und einen Jet bin ich auch noch nie geflogen. Bei angeprollten Menschen weckt die Letzter-Tag-Frage immer den elenden Kult des Xxxtreme, bei Menschen mit Kultur immerhin noch den Wunsch nach dem Außerordentlichen. Weder die Spaßimperialisten noch ihre Vasallen bemerken, wie konstruiert die Verknüpfung ist und wie unsinnig die Frage.

Man kann das eigene Ende nicht denken, und die Pflicht, möglichst viel Spaß zu haben, ist bei näherem Hinsehen bekanntlich eine ziemlich scheinbare (wenn wir unter Spaß verstehen, was heute gemeinhin darunter verstanden wird.) Das ganze Gerede vom letzten Tag und was man täte und daß man das darum auch täglich tun solle, ist ein kläglicher Versuch, das olle memento mori mit einem vermeintlich evidenten Sinnerzeuger zusammenzukleistern. Nur: Die meisten Menschen würden, wenn sie wirklich wüssten, daß sie tags darauf stürben, vermutlich ihre Sachen ordnen, ein paar Briefe schreiben, ein paar verbrennen, ein paar Dateien löschen und eine Flasche Wein aufmachen. Das „Lebe jeden Tag wie deinen letzten“ im Sinne der Spaßimperialisten dagegen setzt eigentlich voraus, daß nach dem letzten Tag noch einer kommt, an dem man die soziale Anerkennung für all den gehabten Spaß einheimst. Denn darum geht es. Gehabter Spaß für sich ist zwar spaßig, allein: Er bringt es nicht. Für die Spaßimperialisten ist er deswegen vor allem eine Währung, die von der Metaphysik-Zentralbank in soziale Anerkennung zurückgetauscht wird.

Falls ich je an einem Gummiseil von einer Brücke springe, werde ich es nicht tun, weil ich mir das vor dem Tod schuldig bin, das ist Quark. Ich werde es tun, weil es mich gerade interessiert und sich anbietet, und sonst werde ich es lassen. Falls ich es lassen werde, wird einer zur Stelle sein, der wird fragen: Bist Du des Wahnsinns? Und wenn es nun dein letzter Tag wäre?

Pff, werde ich sagen wie ich es jedesmal tue, wenn ein kindsköpfiger Spaßimperialist mir die elend-ewige Frage stellt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, den letzten Tag zu erleben. Selbst wenn ich wüsste, daß dieser hier der letzte wäre, ich wüsste nicht, was das bedeutete, weil ich nicht weiß, was Nicht-Existieren sein soll. Ich stelle mir, wenn es schon sein muß, dann die Tages-Frage, die ich verstehe: Was, wenn es so wie heute weiterginge? Wenn es nicht mein letzter, sondern mein Alltag wäre? Das ist leicht zu denken, dieser Tag, nochmal dieser Tag, nochmal dieser Tag, undsofort, und sehr realistisch ist es außerdem. Wie würde ich einen solchen Tag füllen? Was dürfte Alltag werden? Was müsste unbedingt? Was müsste rein, was müsste raus?

Das ist die Frage, nach der man täglich entscheiden sollte, ob man grausam oder ignorant oder liebenswürdig ist, zu Menschen, Büchern, Orten, Technik, was immer. (Mit Essen bin ich zu nachsichtig, ich gestehe das, aber ich werde mich zwingen lassen, das zu ändern.)

Dekonstruiert Spaß und Biederkeit! Freiheit und Regeln und das ganze Getue darum!


Wir sind gegangen
Durch Nacht und durch Wind
Sind bis nach Fulda gefahr’n
Ich hab gefragt sie
Wie weit wir schon sind.
Es kommt drauf an wie fern wir warn
Sagt sie und lacht
Mit dem Wind in ihren Haarn
Und sie fragt: Bist Du glücklich?
Und ich sag: Nee, na, ja: Ja.
Nee, na, ja: Ja.

Krischan Lehmann ist das. Auch zum anhören , ist schön.

Link | 14. Oktober 2004, 13 Uhr 55 | Kommentare (7)


Und da war diese undurchsichtige Freude gewesen, der er sich überlassen hat, oder besser, die in ihm aufgestiegen ist, als er aus dem Mund des Apothekers erfuhr, daß es August war, und dennoch ist sein Gedächtnis voll Schnee. (Jorge Semprun, Die Ohnmacht)

Ich weiß nicht, vielleicht funktioniert das im Französischen. Im Deutschen funktioniert es nicht. Es ist nicht raffiniert, es ist kurzerhand falsch. Ja, ich weiß, ich sollte meine von bösen Deutschlehrern antrainierten Reflexe ablegen und es ist bestimmt auch ein Hindernis auf dem Weg zur großen Literatur, sich da zu denken: Bitte, mehr als zwei Zeiten in einem Satz sind schnell mal Unsinn. Aber selbst wenn ich in diesem Satz mit einem Maximum an Wohlwollen annehme, daß das Plusquamperfekt die Zeit vor der Ohnmacht ist, das Präteritum die Zeit unmittelbar vor der Ohnmacht und der Schnee eine irgendwie geartete Gegenwart, bleibt für das Perfekt nichts sinnvolles übrig. Mein böser Verdacht ist: Gewünschter Effekt: Zeit durcheinander. Gewähltes Mittel: Zeiten durcheinander bringen. Und das wäre schon etwas arg pennäleralbern. Noch nerviger wäre es, wenn der Erzähler bewusst Schlingen legte, um mich zum Scheitern beim Aufdröseln unsinnigen Zeitwustes zu verleiten. In diesem Fall wäre ich immerhin bereit, dankbar zu sein daß das Schriftbild in Ordnung ist. Man hätte mit derselben Begründunga auch nur jeden zweiten Buchstaben drucken können. („Naja, so ist das bei einer Ohnmacht, da muß man sich die Realität mühsam zusammensetzen“).

Dazu kommen solche Sachen wie die mit der Verbesserung. Die Freude, der er sich überlassen hat. Nein, besser: Die in ihm aufgestiegen ist. Wie? „Ach, Freude, Dir überlasse ich mich jetzt einmal. Nein, warte, das ist Quatsch, Du bist ja in mir aufgestiegen!“
Es ist nicht besser, es ist nicht schlechter, es ist überhaupt nicht auf derselben Skala. Freude steigt auf oder überfällt einen oder was weiß ich wo sie herkommt, und dann überlässt man sich ihr auch gerne mal oder nicht, aber auf keinen Fall ist das eine eine treffendere Beschreibung für irgendeine Sache als das andere. Was soll das?

Der zitierte Satz ist der fünfte des Romans. Beim Lesen der ersten Seite im Buchladen, der fast nie fehlgehenden „Du hast zehn Zeilen mich mit irgendwas zu fesseln“-Methode, wäre ich über diesen Satz nicht hinausgekommen. Affektiertes Kunstgewolle, hätte ich laut gebrummt, und weg damit. Gebt mir einen, der erzählen kann oder wenigstens für die Erzeugung von Verwirrung hintersinnigere Mittel hat als einfach das Sprachgefühl des Lesers in jeder Zeile zweimal zu frustrieren.

Aber man hat mir die Ohnmacht wärmstens empfohlen und meine harsche Kritik („der kunstet rum und benutzt die Ohnmacht als Entschuldigung für den ärgerlichem Umstand, daß er sich dabei liest wie’n Kartoffelacker“) als Schnellschußurteil und Anmaßung eingeordnet.

Deswegen: Schweig, Sprachgefühl. Schweig, Prätentions-Frühwarnanlage. (Auch bekannt als „Nuch-nuch-device“.) Nochmal ran.

Link | 13. Oktober 2004, 1 Uhr 38


Der schmutzigpinke Klappaufsteller des Friseurs fängt im Wind zu zappeln an, hüpft dann auf zwei Beine und will umkippen, überlegt sich’s nochmal, hebt ein weiteres Bein, macht einen Schritt, dann noch einen, hoppelt, galoppiert, immer aufrecht, zwischen Blättern die Straße entlang. Eine Frau mit langen dünnen Haaren, dick verpackt, geht vorbei, sieht das Schauspiel, zögert, bleibt stehen. Ende dreißig ist sie vielleicht und recht hübsch dabei, jung angezogen, Rucksack und Jeans, ihre Haare flattern dem Aufsteller hinterher, dann sie selbst, macht schließlich zwei lange Ausfallschritte und fasst den Aufsteller unter die Arme, hebt ihn behutsam hoch und bringt ihn im Eingang des Friseurladens in Sicherheit und in Gefangenschaft zurück.

Link | 12. Oktober 2004, 11 Uhr 52


Blogger, die sich fürs Bloggen entschuldigen. Oder ihre Inhalte „Geschreibsel“ nennen. Sie selbst als „abstrus“ bezeichnen. Darauf bestehen, „Gedankengänge“ zu haben, aber auch darauf bestehen, daß sie „Schwachsinn“ sind.

Überhaupt Leute mit selbstzugewiesenen Ironie-Adelsprädikaten. Man muß nicht verrückt sein, um hier zu arbeiten, aber es hilft. Na dann: Mahlzeit.

Link | 10. Oktober 2004, 11 Uhr 01


Kalte Wintersonne, heller als im Juli, fahler. Schwaden von Bezügen, Kontinuitäten, Brüche. Zufälligkeiten, Notwendigkeiten. Bücher. Musik. Rätselhafte Entwicklungen, gegenwärtige und zukünftige Ratlosigkeiten.

Eine Zeit, in der die Mädchen Schals umbinden und Geigenkästen tragen, in Schwarzweiß.

Link | 9. Oktober 2004, 23 Uhr 27


Ein Augenblick
Ein Stundenschlag
Tausend Jahre – sind ein Tag

Das ist schon groß. Diese herrliche Udo-Jürgens-Geschmacklosigkeit, Glitzerklavierbombast und Handtuch und große Gesten für kleines, sattes Schlachtvieh in bester BRD-Mast.

Verstehe, verstehe.

Auch: Showtreppen und Fackeln und sinnlose langsame Propeller. Was mich auf den Gedanken bringt: Man müsste mal eine Bewegung der Milchglasstürmer ins Leben rufen, eine kleine klandestine Gruppe schmaler Intellektueller mit Baseballschlägern, die auf Bahnhöfen, in Banken und Bundestagsgebäuden, überhaupt überall alles kurz und klein hauen, was aus Milchglas und gebürstetem Metall und dem Wort „Eigenverantwortung“ gemacht ist. Siehe auch: Rem Koolhas im FREUND. (Das Thema kommt noch gesondert dran.)

Link | 9. Oktober 2004, 1 Uhr 58


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