Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Das ist immer schön, wenn einer genau hinschaut, weil tatsächlich: Ein wenig sorgfältige Aufmerksamkeit genügt, um ein Bild zu entladen und zu zerlegen in Material für eine ganz neue Geschichte, eine freiere zum Beispiel, eine ohne Verachtung zum Beispiel.

Link | 29. April 2005, 11 Uhr 26


Verdammt, seltsam großartiges Zeug heute morgen.

(Und davor und in der Zwischenzeit: Das blödsinnige Vergnügen beim Überqueren einer langweiligen, technisch völlig uninteressanten Standard-Stahlbeton-Flußbrücke, Bataille gegen Luhmann gegen Hubert Fichte (raten Sie, wer gewinnt?) und ein paar Dinge mehr.)

Link | 25. April 2005, 11 Uhr 47


Das sind immer seltsame Tage: Wenn man endlich zu den Sachen kommt, auf die man seit Wochen wartet, wenn man endlich liest und notiert und Text vorbereitet, Zettel in Büchern verteilt und, zum Beispiel, dunkelambiente Musik hört: Die Synchronizitäten häufen sich, oft habe ich das beobachtet; die Dinge fangen an, von sich aus Zusammenhänge auszuplaudern, als wüssten sie, daß wieder jemand zuhört. Und dann, abends, gibt es meist noch einen Film oder ein Stück Musik oder Text, irgend etwas taucht auf, wenn die Luft kühl wird und die Kondensstreifen im Stadtkobalt verwehen, etwas rätselhaft und ungeheuer Menschliches, das eine leichte, glückliche Unzufriedenheit zurücklässt, ein Versprechen aus Trost und vagem Sehnen.

[Trost als Wort scheint mir völlig zu Unrecht so schwer geworden zu sein. Es gibt ja den lächelnden, ungerichteten Trost, der aus der Erinnerung an ein sommerliches Fest erwächst, zum Beispiel, an buntes Licht und klebrige Gläser und zwei leere Stühle im Halbdunkel einer Platanengruppe. So einen Trost meine ich.]

Link | 16. April 2005, 1 Uhr 36


[Für’s Protokoll: Ich habe gerade das Gefühl, von Sachen zu reden, von denen ich nichts versteh‘ und mich aufzuplustern. Bin aber Ex-Katholik und kein Pfau. Gehe mich also kasteien.]

Link | 14. April 2005, 3 Uhr 41


Die Shakespeare Sisters waren das damals, die über einen noch feuchten Schulhof sangen, turn your radio on. Zwischen hellgrün in der Sonne leuchtenden Buchenblättern hindurch sah man die Abiturienten, fast Erwachsene, auf einem Wagen stehen, glücklich und schon nicht mehr ganz Teil der Situation. Acht Jahre älter, Männer und Frauen, richtig schöne Frauen sogar.

Sechs Jahre jünger, die Abiturienten, jetzt.

Angeblich sind die Dinge weniger intensiv erlebbar, je älter man wird: Ein Vormittag wie jener mit den Shakespeare Sisters, glasklare Luft und dieses Glücksversprechen: wie es sein musste, Abitur zu haben, es geschafft zu haben; auch: die schnellen Blicke nach schönen Körpern, der Geruch des feuchten Asphalts, die Buchen, die Bank am Teich, die Fische und die Jacke im nassen Gras; angeblich wird so intensive Teilnahme an der Welt schwieriger mit jedem Tag. (Ich glaube das nicht. Es nimmt nicht die Fähigkeit zur Intensität ab, ab nimmt nur die Gelegenheit. Die meisten von uns leben ja in prekären Verhältnissen auf die eine oder andere Art.)

Link | 12. April 2005, 3 Uhr 02


[Theorie-Nachtrag: Das ist es eben. Da macht man am Sonntagmorgen die Runde und stößt wieder auf Sachen, bei denen man sich ruhigen Gewissens denken darf: Ich bin eben ein verdammter Analphabet.

Deswegen, genau deswegen.]

Link | 10. April 2005, 14 Uhr 28


(Noch ein wenig Theorie? Noch ein wenig Theorie, french style. Aus Auer, Typologie deutschsprachiger Weblogs:)

2. Die, die von Eigenegobashern gemacht werden. Vehikel der Selbstbehauptung, Kampfplätze seichter Schizophrenien; Header und Footer: Mühlsteine für Würdebrösel, […] gerne „Öffentliche Tagebücher“ genannt.

Entgegenstellen kann man, das ist da klug erkannt: Das Launige, das Artifizielle, das Theoretische, das Gelassene.

Der Verzweiflung an der Situation, die für die Personen einer Erzählung (fast qua Definition des Dramatischen) immer treibend, unerträglich ist, gleichberechtigt etwas entgegenstellen, was kein Abfinden, keine Zufriedenheit, eher: eine heitere Akzeptanz des Unerträglichen wäre. Denn das Unerträglich ist ja doch meistens nur relativ unerträglich, genaugenommen ist es sehr wohl erträglich, es genügt nur den Ansprüchen nicht, den gerechten nicht und den ungerechten, daß alles, bitteschön, larger than life zu sein habe eben, nicht, oder erst, wenn es Vergangenheit, also Erzählung geworden ist, durch die Maschine der sinnstiftenden Mogelei gegangen.

Zum Beispiel ein Intellektuellenleben ist so schwer nicht zu führen, man lebt es oder man lebt es nicht, man muß es nicht behaupten, man redet, was man redet, man wohnt, wie man wohnt undsofort; niemand muß fürchten, plötzlich in einen uninteressanten Dummkopf sich verwandelt zu finden, weil er eine Weile mit Stumpfsinn sich beschäftigt oder das falsche studiert hat. Eine Art zu Leben ist stabil, wenn von einem Wollen getrieben oder von einem Geschmack. Wer bei „Mon nuit chez Maud“ vor Vergnügen sein „genau, genau!“ in die zerkaute Faust knirscht, läuft kaum Gefahr, sich von einer Pro7-Serie die Perspektive trüben zu lassen. Das gilt für alle, deren Wollen dingfest zu machen ist und deren Geschmack sich nicht in Abgrenzung erschöpft. Genau deswegen ist die Selbstbehauptung immer ein Sport derer, die nichts zu behaupten haben. (T.d.W., Kap. 3, „Hinter den Typen“)

Link | 4. April 2005, 18 Uhr 59


Um es also zusammenzufassen: Die geheiminsvolle Flamme ist ein Pop-Roman, wenn man die üblichen Kriterien anwendet, bloß ein Poproman nicht für uns, sondern für siebzigjährige Italiener, da entgeht uns dann natürlich der ein oder andere Illies-Effekt. Trotzdem schön, natürlich, alles in allem, wer würde da zweifeln, es macht auch Spaß, insbesondere wenn man vor allem das Pendel gut kennt, nur irgendwie müsste man siebzig und Italiener sein, wenn schon nicht Piemontese und in dreissiger-Jahre-Trash getränkt.

Wo wir grade dabei sind (Erinnerungsbücher & Pop): Memomat von einem Herrn FX Karl, und, ohne gegoogelt zu haben, vermute ich ein Franz Xaver hinter dem schicken FX, der Mann kommt aus dem bayrischen Wald und sein Buch atmet München, seltsamerweise, dieses ungemein sympathische München, das man auch bei Moritz von Uslars Davos-Erzählung kennenlernt (ich habe da München verstanden, jedenfalls das, was ich jetzt für München halte), eine sympathische wohlhabende und zufriedene Stadt, vor deren Einwohnern und ihrem heiteren Tonfall mir so nachhaltig gruselt. Vor Memomat nicht, da sind keien Kafixe und Tofixe, aber immerhin kommt das aus demselben München. Also diesem seltsamen Junge-Leute-München, von dem man sonst ja wenig weiß, anders als, sagen wir, vom Junge-Leute-Hamburg. Memomat, Copyright 2002, ist ein eifriger Vertreter der Gattung: Fänger-im-Roggen-Krankheit, d.h. alles sofort bewertet, damit auch keiner denkt, der gewinnt dem was ab, oder doch bloß so zwinkernd (anders kann ich mir dieses Grauenvollfinden der Dinge nicht erklären.), sonst: Gekonnt, keine Stolpersätze und -bilder, kein Pfuscher am Werk, sauber gemacht, lustig manchmal, schön beobachtet, durchaus eine Empfehlung, wenn man das mag, Bücher über gescheiterte Beziehungen, in denen Leute reisen und Sachen grauenvoll finden (keine Abwertung).

Aber wirklich, dieser Blick, wieso ist ausgerechnet der so modisch geworden? (Seit 2002 ist das ja noch viel wilder geworden, alles:) Die erste Lucky-Strike-Werbung, die aus der Reihe fällt, sagt: Schicken sie uns ein Foto von was Hässlichem und wir schenken ihnen was Schönes, und das Foto vom Hässlichen zeigt einen Hirsch. Gegen Hirsche ist ästhetisch nun eigentlich nichts einzuwenden, aber das Bild vom Hirrsche ist eine Chiffre des Spießigen geworden, man beachte auch diese groteske Rauhfasertapetenkampagne, und um das Spießige ist ein Kampf entbrannt, siehe auch die LBS. Die Antispießerhaltung ist offenbar, fünf bis sieben Jahre nach Popliteratur, endgültig festverdrahtet und abrufbar durch Aufruf eines röhrenden Hirrsches, gleich möchte man sich einen Hirsch in Öl besorgen, einen Ölhirsch so unironisch wie möglich hinhängen, aber im Ernst: Es reicht irgendwie mit diesen Distinktionsspielen, das war eine Weile nett, aber wenn man mal Zigaretten mit was verkaufen kann, ist es ja mal deutlich zuende damit, liberté toujours im Schlafanzug und Prärie, faulig, faulig.

Will sagen, achwas, prophezeihen (atemlos, atemlos, muß weg, ein Instanttext): Die wertende Literatur hat ein Problem, ihr ganzer Gestus ist gehaltlos, ihre Unterscheidungen mäusezerfressen; die Literatur, gerade wenn sie archivierend, zeitbezogen, schnell, gebrauchsorientiert, witzig sein will, also Pop alles in allem, muß beobachtend werden oder bleiben, Schluß mit dem Holden-Ton, er war nett, aber er gehört nach 1999, als es für junge Leute so einfach, so entsetzlich billig war, sich überlegen zu fühlen und es an irgendwas festzumachen.

Link | 2. April 2005, 20 Uhr 13 | Kommentare (4)