Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

„Betrand Russel […] schreibt, daß das Problem unserer Zeit darin liegt, daß wir uns intellektuell zu schnell entwickelt haben und moralisch zu langsam und, als wir die Kernphysik entdeckten, nicht zur rechten Zeit die die nötigen moralischen Prinzipien verwirklichten. Mit anderen Worten: Nach Russell sind wir zu gescheit, aber moralisch sind wir zu schlecht. Russells Antwort wird von vielen geteilt, auch von vielen Zynikern. Ich glaube das genaue Gegenteil. Ich glaube, daß wir zu gut sind und zu dumm. Wir werden zu leicht von Theorien beeindruckt, die direkt oder indirekt an unsere Moral appellieren, und wir stehen diesen Theorien nicht hinreichend kritisch gegenüber; wir sind ihnen intellektuell nicht gewachsen und werden ihre gutwilligen und opferbereiten Opfer.“
(Popper, Gegen den Zynismus, in: Alles Leben ist Problemlösen.)

Ich füge hinzu: Und natürlich geht die Behauptung der eigenen Moralität viel leichter von der Hand als die der eigenen Intelligenz. Wer sich über die Dummheit anderer überhebt, auch unter der Angabe von Gründen, begeht eine Überschreitung und muß sein Verhalten rechtfertigen, wer sich über Unmoral ärgert, weiß sich auf der sicheren Seite des jederzeit Erlaubten.

Daß der Optimismus Poppers von der Wirklichkeit dann aber dahingehend konterkariert wird, daß die Leute zwar moralisch gut sind (ich kenne fast nur gute Menschen), im moralischen Ernstfall aber das Schlechte trotzdem tun, ist eben doppelt traurig: Sie tun das Schlechte, weil es naheliegender, dringlicher oder angenehmer ist, aus einer tief menschlichen Regung heraus also, sie tun es aber, wenigstens irgendwie doch, nur tun sie es als moralische Menschen schlechten Gewissens.

Daß die Bösartigkeit, die den Menschen gern allgemein unterstellt wird, nur eine ideologische Behauptung ist, das zumindest kann man getrost zugeben: Gut sein wollen fast alle, die meisten wissen auch, wie es ginge und scheitern nur an der Schwäche des Willens, die uns ja mit stiller und ruhiger Hand kompromisslos und meist einsam regiert.

[Uncool]

Link | 15. Juli 2005, 19 Uhr 40 | Kommentare (2)


Ich und die Sommerabende. Die spanische Botschaft, mit Diamantklingen aus dem Himmel geschnitten, verspricht einen Ball durch die Bäume, versteckt sich dann aber schweigend hinter zackigen Zäunen, das seltsame, leichte und scharfe Stein- und Glasding. Im Cafe nebenan sitzen sie dreistellig, aber das stört magischerweise nicht. Beziehungsgesprächsfetzen. Eine fünfzigjährige sitzt allein und raucht und wartet. Ich übersehe sie erst und versuche mich dann am Blick eines Fünfzigjährigen: Worauf achtet man mit fünfzig? Gibt es diese Erwartung noch, das Abschätzen möglicher Wildheiten? Zwei Meter weiter: Ein Kerl auf dem Mäuerchen, er ist beschriftet und quillt vor Kraft überall aus den Kleidern. Sein Kopf lehnt auf dem rechten Nackenmuskelhöcker, während er zu einer Frau spricht, deren Schuhe gar nicht mal schlecht sind. Oder es sind die Beine, das weiß man ja nie. Viel davon ist nicht zu sehen, gerade wenig genug für einen zweiten und dann noch ein paar Blicke; geschickt. Ein paar Minuten später sehe ich sie wieder auf dem Parkplatz, sie kläfft den Quellenden an und beharrt darauf, daß das aber ihr Auto sei. Ich trete ein paar Schritte zurück und versuche unter den Brennpunkt der Botschaftsdachfluchtlinien zu kommen, um herauszufinden, was das mit dem Licht hier auf sich hat, wir Laien stehen da ja nur dumm da und gucken. Will dann aber nicht den Eindruck erwecken, ein Streitspanner zu sein, gebe die Botschaft auf und geh‘ lieber ans Wasser. Dort: Schöne Menschen und in aufgeschnappten Halbsätzen: Ihr ewiges Gefühl, nicht gut genug zu sein, überhaupt ist ja nie jemand gut genug. Den Brezeln, die 2 Euro kosten und trocken sind und zäh wird aber verziehen. L. und ihr Bruder und seine Freundin irgendwann, ein Abend, an dem ich zu viel rede, ausgerechnet in so einer Runde, und dieses eine Quantum zu sehr aufschneide, das mir hinterher den Schlaf rauben und den Zeigefingerknöchel zwischen die grimmigen Zähne treiben wird, das weiß ich dann schon am Stern. Rotwein. Im Auto Geschwubber von Hail to the thief und Chromdioxid-II und eine freilich nur innere Begeisterungs-Schwadronnage deswegen und wegen des gemeinsamen Befahrens der nächtlichen Torstraße, und überhaupt.

Link | 11. Juli 2005, 3 Uhr 37


Bernd Vogel
Mülldiebe stören sein Leben

Link | 8. Juli 2005, 18 Uhr 01 | Kommentare (2)


Die ungeheuren Lichtmengen über dem Mittelmeer und den Hügeln mit den kniehohen Sträuchern. Fahles Grün. Das Haus, zwischen die Felsen geduckt und die Stille mit dem weichen Brandungskern. Sprödes Plastik und graugemürbtes Schwarz, gesprungene Steine und gerissenes Holz. Selten benutzte Möbel in meinem Alter. Farbsplitter in der Faust am Geländer, ein leiser Pfiff durch die Zähne. Echter Müßiggang ist so schwierig wie gefährlich. [Wann wieder?]

Link | 7. Juli 2005, 0 Uhr 36


[ Ich hab heute nacht geträumt, es wär nicht alles egal und wir hätten eine Wahl.]

Gestern Abend im Pan Asia hab ich dann versucht zu erklären, was die deutschen Neokons sind. Angefangen mit: Also, nach neuester Erkenntnis sind das so ungefähr wir. Spargel, Weißwein, Beethoven und Tommy Hilfiger. (Natürlich. Das mit Stussy ist schon herzallerliebst. Ich sag’s ja immer, man muß vor allem Faserland falsch verstanden haben.)
Dann versucht, den Text in der Süddeutschen inhaltlich zu fassen zu kriegen, und: Geht nicht. Steht ja auch drüber. Ist konfus. Also ganz langsam.

Jemand versucht uns in eine Jugenbewegung hineinzustilisieren, weil wir Spargel, Gärten und Beethoven mögen — gut. Langweilig, gebongt, gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Nur: Fragen Sie mich lieber nicht nach Familie, Katholizismus oder gar nach der Union. Familie ist ein hübscher Name für die Hölle, wie jeder denkende Mensch weiß, über Katholizismus sollte man gar nicht erst reden, ohne Thomas von Aquin gelesen zu haben und die Union ist eine Riege selbstgefällig grinsender Schweinchen, die so verdammt dankbar sein sollten, daß die anderen konsequent Mist bauen.

Was bleibt? Das Geschmacksproblem mit der SPD. Da sollte man dann darauf hinweisen, daß die Herren Koch und Westerwelle keine Mitglieder sind. Lafontaine und Roth übrigens auch nicht. Also was? Dann das Getue um 68. Meine Güte. Da ist wirklich was dran. Ein Thema! Ein echtes Thema für Literatur und Abarbeitung, daß man sich nicht mit der leisen Wirklichkeit befassen müsse. Ein Feind! Den Krieg konnte man ja nun langsam wirklich nicht mehr aufarbeiten und die Wende hatte wohl etwas mit Bananen und dem die Nationalhymne wimmernden Kohl zu tun, die machte nichts her als Romanstoff und Generationskit. Aber 68! Nun — : Das eigentliche Problem mit den 68ern ist doch, daß sie ausgiebig guten Sex hatten oder zumindest möglicherweise hatten und wir haben statt dessen Sex and the City.

[Autsch, aus, wie sollen wir das verzeihen?]

Und wenn einer aus meiner Alterskohorte oder dieser Golfgeneration da vor uns irgendjemandem Egozentrik und Selbstsucht vorwirft, dann kann ich ihm, weiß der Teufel, wirklich nur schallend ins Gesicht lachen.

Also, belassen wir es bei Gärten, Spargel, Weißwein, Beethoven und dem verdammten Tommy Hilfiger. (Der Gravitation mancher Marken ist eben nicht zu entkommen.) Das sind gute Dinge, dafür dürft ihr uns zur Bewegung erklären.

[Nein, es geht nicht gegen Generation-Irgendwas-Versuche überhaupt. Kann man schon machen, kostet nichts, tut keinem weh, wenn einer einen griffigen Begriff baut: Glückwunsch! Aber die Jugendbewegung, die ich tatsächlich passieren sehe, fängt mit den Unterscheidungen der politischen Öffentlichkeit einfach nichts mehr an. Was sich da formiert, ist weder konservativ noch hedonistisch oder sonstwas aus diesem Sprech, sondern vor allem nüchtern angepisst, ziemlich klug und ziemlich allergisch gegen Journalismus und Politik mit Augenzwinkern. Der Wunsch nach Ernst und Respekt vor Institutionen, die massiv Gewalt ausüben bei ihrer Augenzwinkerei, wirkt dann halt schnell mal konservativ auf Leute, die ihn nicht teilen.]

[Und das Pan Asia: Fühlt sich so heute an und man isst so gut; und dann wird man aber von rotzigen Mitte-Schlonzfrisurbengeln bedient; Schande, ich bin ein Neokon: „He, bleib mal da“ lasse ich mir nur ungern in den Rücken schreien von jemandem, dem ich schon nachlaufen musste, weil er gerade blicklos verschwunden ist, nachdem er einen Teller, aber weder Besteck noch Stäbchen auf den Tisch hat rutschen lassen.]

Link | 6. Juli 2005, 12 Uhr 37 | Kommentare (4)


Schiffe sind geil.

Link | 1. Juli 2005, 12 Uhr 33


Diese Unlust an der eigenen Regung, ist das eine neue Drehung der Schraube? Und: Ist das nur eine persönliche, eine Altersfrage oder ist es so etwas wie eine, nun ja, Jahrzehntfrage?

Man kann ja nichts anfangen mit dieser Unlust, weil man sich nicht mehr über den Weg traut: Vielleicht stabilisiert sie nur den status quo als wattige Dämpfung, als ein vernünftelndes ach was — oder sie zieht eine wichtige Distanz auf, eine zeitgemäße, kühle Distanz, die ein Schutz ist gegen die fremden Bilder und Urteile, die die Regung auslösen und allerlei Unsinn verlangen.

Der Verdacht ist eben: Daß diese edle Unlust an der eigenen Regung, die zu soviel contenance und Wohlwollen führen soll, nur ein weiteres Mittel der Macht ist, das auf Bescheidung hin wirkt; daß man sich freimachen könnte von dieser Distanz, es unmittelbarer treiben, jeden Ärger zulassen und jede Verliebtheit und jede Begeisterung auch für den miserabelsten Mist, denn so etwas kommt ja vor, und nichts wäre schlechter, nur schneller und heftiger, also: Daß diese Unlust nur das Eis ist, das gebrochen werden müsste für weniger fade und vernunftdiktierte Zustände.

[Wissen Sie, ich weiß das ja nie: Ob ich ein Kind meiner Zeit, ein besonders spießiges Kind meiner Zeit oder überhaupt ein Kind des 19. Jahrhunderts bin. Also, daß ich nie LSD probiert habe, liegt das daran, daß es zur Zeit einfach keins gibt, daß ich spießersozialisiert bin oder daß ich eben lieber schmachtend über Frauenunterarme beim Klavierspiel sinniere? Man kriegt sowas ja nie raus, verdammt.]

[Es spielt natürlich auch überhaupt keine Rolle, eins ist so gut wie das andere, aber eine interessante Information wäre das doch.]

Link | 1. Juli 2005, 12 Uhr 16 | Kommentare (4)


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