Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Fein

[grade besonders]

[Gehe jetzt malern in der Schönhauser, wo ich in einer scheußlichen Hütte ohne Heizung das nächste guerilla home beziehen werde.]

Link | 31. August 2005, 10 Uhr 14


Rügen: Der Rügentourismus hat, das war mir schon bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren aufgefallen, eine besonders schäbige Komponente. Vielleicht ist es auch nur der Kontrast. Wie so oft in Deutschland ist Geld jedenfalls nicht das Problem: Die Badeorte sind zurechtgemacht, stahlgebürstet und saubergeleckt wie süddeutsche Kleinststädte, die Bahnhöfe glänzen zufrieden in der Sonne und frisch geweißte Holzarchitektur leuchtet über die Strandpromenaden und Wasser. Andererseits ist vermutlich nirgendwo in Deutschland die Affenbahn-Dichte so hoch wie auf Rügen. Dazu kommt: Die etwas lästige Freizügigkeit älterer Ostdeutscher in Bezug auf nackte Körper widersetzt sich jedem Zähmungsversuch durch Ausweisung expliziter Schrumpelschwanzzonen, und in den zahlreichen italienischen Restaurants gibt es nicht nur die übliche überteuerte rotweißgrüne Trashküche unterm grell bestrahlten Ristorante-Pappschild, sondern auch die gottlob nicht mehr überall üblichen Italianita-Beweise durch diese Dreitagebart-Stimme, hinter der ich den teuflischen Herrn Celentano vermute.

Die Sorte mondänen Urlaubs, für die die Rügener Badeorte einst gebaut wurden, existiert nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr hierzuland, aber den Rügentourismus soll es geben, und so putzen sich die Gemeinden aufwendig heraus zu einer erstaunlichen Mischung kaiserzeitlicher Sehnsucht nach Leichtigkeit, DDR-Sanddornseligkeit und geriatrischem BRD-Kurortchic. Diese Mischung macht den eigentlich so stillen Ort Rügen erschreckend lärmig.

Die nichtitalienische Gastronomie scheint sich auf gefälschten Fisch und Softeisnostalgie geeinigt zu haben, aber dann flötet die komplett augenkontaktresistente Bedienung beim Einsammeln der Karte ein ZDF-Grand-Hotel-taugliches „Haben Sie gewählt?“ — so ein wenig Unsicherheit herrscht offenbar wirklich noch, was dem Touristen auf Rügen eigentlich vorgespielt werden soll: Badeorts-Mondänität a la belle epoque, sozialistische Volkserholung oder braves Bad Schwarzwaldhausen.

[Nebenbei: Alle Busse auf Rügen tragen die Nummer 414. Das hat den Vorteil, daß man nie in den falschen Bus steigt und den Nachteil, daß man trotzdem nie weiß, wohin man eigentlich gerade gebracht wird. Nebenbei 2: Das „Historische Museum Prora“ ist wenigstens so putzig wie ein ganzes Rudel Kaninchen, aber dazu später mehr.]

Link | 30. August 2005, 22 Uhr 20


In kalten Ostböen ins Laub, das noch grün ist und silbrige Bäuche zeigt. Die S-Bahn-Züge leuchten abends schon und schleichen vorbei; Parade der Elenden. Eine Lederjacke mit Nieten macht mich grinsen, die Bahn liefert passendes Begleitrumpeln; Zeitbogen. Dann Bahnsteiggischt, eingebrannte Bilder von zarten Gesichtern unter dicken Kopfhörern.

Matratzenläden in tapferen Backsteinruinen, die an solchen Abenden doch so tun, als gehöre ihnen die Stadt noch, ihnen und den naßgeregneten Bunkerwänden. Zerzauste Menschen, schön in ihrer offenbaren Planlosigkeit und ihrem ratlosen Willen, irgendwo nicht dazuzugehören, wozu ich vermutlich gehöre und es doch auch nicht will. Wir wissen schließlich alle nicht so genau, wie das hier geht, wir sind ja alle vor allem jung.

Putzig: Die Gewissheiten derer, die darauf bestehen, von oben draufzuschauen, sich nicht in unserem Gewusel sehen, weil sie Wissen und Methode behaupten, Konzepte, Bio-Technologie, die man ihnen nicht abnehmen sollte, die nur Posen der Macht oder der Selbstbehauptung sind. Sie übersehen die Wasserspuren auf dem Beton ebenso wie die Geschmacksabhängigkeit ihrer eigenen Urteile; die sie nie zugeben würden, weil sie an Wahrheit ohne Geschmack glauben; eine Haltung, die ebenso ehrenhaft wie verdächtig bleibt.

Das freut, das freut ungemein: die schwirrend schnell angefetzte Gitarre im Ohr und die kalte Unordnung in der Frisur, während die Böen sich umsehen. Der momentan aufkommenden Ihr-Penner-habt-doch-alle-keine-Ahnung-Gewissheit kann jedenfalls die überall lungernde künstliche Griesgrämigkeit nichts anhaben, der allzu Brazil-artig grassierende Terrorquatsch und die weinerliche Krisenstimmung nicht, auch die vielen erbärmlichen Plakate mit Stimmzettel-Thema nicht, nicht einmal die stumpfe Witzigkeit eines DIE-PARTEI-Spots vor den Tagesthemen.

Link | 25. August 2005, 22 Uhr 48 | Kommentare (1)


My father said, don’t look away
You got to be strong, you got to be bold, now
He said, that in the end it is beauty
That is going to save the world, now
And she moves among the sparrows
And she floats upon the breeze

Menschen, dort: Unentschiedene Frisur*n, praktisch, aber doch nicht so kurz, daß man darüber reden würde (Frauen). Dreiviertelhosen, als sei’s verordnet. Umgebundene Pullover; tief hängende, fast leere Rucksäcke. Stoppelfrisur*n bei den Männern und Fremdkörperschuhe. Weil man dort gewesen sein muß, weil alles groß ist und mondän.

Die Bedienung im australischen Laden am Hochglanzort, unten im bengalischen Glitzerpalast, besteht komplett aus white trash. Aufwendige Frisur*n mit Kopfhautfenstern, Zeug um die Augen und die spitzen Kanten ausschweifender Verbitterung im Gesicht.

Es ist hier wirklich alles so ehrlich und unverhohlen, so offenbar alles: Das ist es jetzt. 2005.

Am freischwebenden Brunnen sitzen sechzehnjährige aus dem ganzen Land und schauen Werbefernsehen auf dem LED-Schirm. Sie sind aber unverwüstlich, sie sehen auch noch großartig aus, wenn sie in zu tief unter den Hüften sitzenden Hosen Werbung anstarren. Die sind in Berlin, die erleben was. Davon erzählen sie in ein paar Jahren. Große Zeit. Findet gerade statt. Hier. Ich gehe vorbei, mit den Büchern. Ich bin Kolorit. Ich mag es. Aber immer das Bedürfnis, mich dazuzusetzen und witzig und charmant und faszinierend zu sein und aus der wilden Welt der guten Dinge zu erzählen, nur als Strategie, gegen den Ort. Das wäre schönes Scheitern, denke ich mir, und selten denke ich gröberen Unsinn.

Deutsche Dialekte, fast häufiger noch als Amerikanisch oder Spanisch. Kaum Hochdeutsch.

Im Josty war ich lange nicht. Sie machen ganz gute Schokolade dort.

Die Büros sind vermutlich leer. Der Konzern leitet sein Europa jetzt von London aus (ein Machtkampf in Tokyo, hört man.) Das ist sie dann wohl. Der australische Laden ist farbig beleuchtet, Aboriginal-Zitate.

Hier Leben 2005. Kommen Sie und essen Sie Känguruh in Ethnodeko, bedient von schlechtgelaunten Ganzkörperraspeln. Schauen sie auf den leeren Palast des Konzerns, wie er von blau nach lila wechselt. Bewundern Sie Größe. Sehen Sie das Josty. (Emil und die Detektive kennen Sie doch!) Vergessen Sie nicht, wem Sie den Brunnen verdanken, den freischwebenden Brunnen unter den Leuchtdioden.

Die letzte Piazza.

And she moves among the sparrows
And she floats upon the breeze

Link | 17. August 2005, 1 Uhr 26 | Kommentare (2)


Eine große fast leere Stadtwohnung, in der man mit einem Glas ans Fenster treten kann. (Und die Ruhe der Mutigen.)

Link | 16. August 2005, 3 Uhr 21


Oh Mann. Berlin.

[Hm. 1987. Warum fühlt es sich an, als sei ich 1987 hier gewesen, erwachsen und nachdenklich, mit einer Vorahnung der Melancholia von 2000, die ich wirklich kenne und gesehen habe samt ihrer ausgebrei/teten Schwingen? Ich habe eine Erinnerung an 1987. Ich sitze vor einem weißen Plastikbett in einem süddeutschen 280-Seelen-Dorf und sehe einen Kalender und denke: Es ist 1987. Merk dir das, fortan wirst du denken können: 1987 jedenfalls, seit damals kannst du dir Sachen merken, zum Beispiel das Datum. — Seltsam also, die Vertrautheit mit einer Welt, für die ich zu jung bin. Andererseits, noch seltsamer wäre eine Vertrautheit mit der falschen Glätte der Jahre, die mich hätten prägen sollen, hätte die Chronologie etwas zu melden.]

[Und die Welle von Glück beim Betreten der Staatsbibliothek, schon beim Weg dorthin, die Befreiung, die körperlich spürbare Befreiung beim Verlassen des Areals der neuen Tempel, beim Übertritt in die Welt der euphorischen Moderne.]

[[Falsche Glätte? Falsch. Erwartung falscher Glätte. Erwartung! Das sind nur Erwartungen und Filter.]]

[Und wenn Bargeld und Cave nicht die tollsten Typen auf diesem Planeten sind. Und Peter Falk, nicht zu vergessen.]

Link | 15. August 2005, 21 Uhr 26 | Kommentare (3)


Bei den sogenannten „Nostalgischen Tüten“ handelt es sich um Plastiktüten meist aus fernen Ländern, die nicht bei den anderen Tüten aufbewahrt werden, sondern ein unbeachtetes Einzelgängerdasein in den schlechter beleuchteten Ecken der Wohnung führen. Sie werden weder benutzt noch weggeworfen und nur bei Umzügen überhaupt bemerkt. Für Plastiktütenverhältnisse haben Sie es wirklich geschafft.

Link | 15. August 2005, 16 Uhr 29 | Kommentare (1)


Er war, könnte man sagen, vom wenig berühmten Typ des ungeschickten Schauspielers: Er stolperte von hinten gegen den Vorhang, und schlug so sichtbare Wellen (sic! sagen jetzt welche, aber die haben schon verdammt scharfe Augen), er trat gegen den Farbeimer, wenn er eine Wand bemalen sollte, und er vergaß den Eimer, wenn er ihn umstoßen sollte (weil die Bühne der Ort des Gewaltexzesses ist für die, denen echte Gewalt zu gefährlich und Fernsehgewalt zu albern ist). Jedenfalls erzielte er keine komischen Effekte mit seinen Mißgeschicken, die Kritiker schrieben nicht: Ein begnadeter Komiker, wer hätte gedacht, daß der Woyzeck so lustig sein kann? — Genau genommen ignorierten ihn die Kritiker vollkommen, nicht einmal das Auffallen gelang ihm besonders. Dabei war er keiner, der scheitert; es war nur so, daß sein durchaus robustes Spiel von einer Serie dummer Vorkommnisse begleitet wurde, an die das Ensemble sich gewöhnt hatte und die es, meist mit nur schlecht verhohlenem Grinsen, als willkommene Abwechslungen umspielte.

Link | 15. August 2005, 3 Uhr 18


Gestern nacht fassungslos ungefähr drei Minuten vor dem aktuellen Stern-Titel im Ich-glaub-das-nicht-Modus festgestaunt, wirklich mit offenem Mund. (Jedesmal das Gefühl: Gut, jetzt kann es nicht mehr schäbiger werden.) Das ist doch nicht echt. Schlingensief denkt sich das aus. Täuschend echt aussehende Stern-Titel. Und freut sich händereibend, weil alle denken, der Stern, in der Spiegel-Stern-Focus-Zeit-Liga immerhin die Nummer zwei, mache die wirklich selbst.

http://www.stern.de/magazin/544081.html?nv=ma_dt

Eigentlich müsste diesen Leuten der eigene Anstand zwischen die Hirnwindungen kotzen, daß es nur so gluckert.

[Ich weiß ja. Wissen wir alles längst. Aber wirklich… nein, manchmal muß man staunen dürfen, wie verkommen die schon sind. Und es ist so ärgerlich. Sie haben die Bahnhöfe und den ganzen städtischen Raum für ihr Zeug, und sie haben die Wohnzimmer, wir haben bloß unsere Weblog-Kuschelecke hier und ein paar dunkle Räume mit Gedröhn und schlechten Cocktails am Freitagabend… ach, verdammt; die, wir, was weiß ich; der Fight-Club-Regung kann man ja auch nicht trauen. Am besten wäre es vermutlich, die Russen kämen. Die mongolischen Horden würden über die Medienzicken herfallen, daß die Bröckchen aus den Ohren quöllen, und unsereins wäre endlich gezwungen, Russisch zu lernen wie es sich für einen zivilisierten Menschen gehört.]

Link | 13. August 2005, 14 Uhr 10 | Kommentare (5)


Genau. Zusammenfassend:

– Bleiben Sie mir weg mit dem sogenannten aktuellen Geschehen.
– Bleiben Sie mir weg mit der Unmoral irgendwelcher öffentlicher Gestalten.
– Und hören Sie mit den Witzen auf.

[Irre-Augen-Modus: Weil es von Aristoteles ist!]

cut

Link | 9. August 2005, 12 Uhr 44


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