Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Bemerke wirklich eine zunehmende, sündhafte Faszination: Ein Mobiltelefon würde nicht nur metallwarm und technikschwer in meiner Tasche ruhen, es würde auch dauernd klingeln und mir mein Dasein beweisen. Es würde mich stören, wenn ich mich gerade konzentrieren müsste und eigentlich gestört werden wollte, dann könnte ich eilig hinausgehen und ein wenig auf dem Gang gehen, nachdenklich, das Gerät am Ohr, auf und ab, hin und wieder nickend. Es würde mir die Zigarette ersetzen, die ich ja auch nicht rauche, weswegen ich wohl weiterhin gezwungen bin, wenn ich mich denn partout unterbrechen will, das WC aufzusuchen und dort dann, etwas ratlos, über Mobiltelefone nachzudenken.

Ich weiß schon, wie die Mistdinger die halbe Menschheit gekriegt haben. Von wegen verpasste Verabredungen und klemmender Unfall. Gestört werden wollen die Menschen, heimlich, ganz tief im Gehirn drin, wo der Wille in einem überfluteten Keller schwimmt.

Link | 31. Januar 2006, 4 Uhr 29 | Kommentare (5)


Menschenhaßbücherwoche, Fazit.

Sibylle Berg also, Ende gut. Viel zu lang. 300 Seiten Quälerei mit Menschen, die, Überraschung, im letzten Satz ihres Absatzes was fieses tun. Oder ihren ganzen Absatz über enttäuscht werden und über Rockstars nachdenken. Natürlich aber spricht sie dann, am guten Ende, noch auf zwei Seiten unser aller Sehnsucht aus: Das Haus am Meer, ganz oder als Option, mit Leuten, die Stille ertragen, ohne Angst, dafür mit viel Büchern und Sorgfalt und Staub im Licht, der aussieht, als ob es hier nach Kuchen röche.

Und während ich noch, mit dem Tempo von 300 quälenden Seiten komplett unnötigen und durchschaubaren Schlechte-Welt-Gerotzes denke: Frau Berg, ich versteh‘ Sie nicht, riecht es plötzlich warm nach Kuchen; und dankbar bin ich. Sie hat dann ja jedesmal wieder diese Stellen, wo man denkt: Ja! Danke. „Kuchen“: Richtiges Wort nach 300 Seiten Dreck, gut, entschädigt.

Matias Faldbakken, The cocka hola company. Lustig, angenehm, netter Spaß. So, wie man das selber machen wollen würde, wenn man ein Buch schriebe, in dem eine Figur herumspringt, die den Pennern ihre Blödheit ins Gesicht haut, wo ein schickes Chaos herrscht und plausibel geredet wird. Gut! Und drauf! Jawoll! Einzig eins hätte ich anders gemacht, wenn es schon mal gegangen wäre wie in diesem Fall: Er erzählt die Geschichte von Desirevolution als die einer Ausnahme, einer aufblitzenden Singularität; das Unternehmen ist die Geschichte. Das ist ein Fehler. Wie viel souveräner wäre es gewesen, eine Geschichte, eine richtige Geschichte, vor diesem Unternehmen zu erzählen, in einer Desirevolution-Welt, in der das einfach alles selbstverständlich passiert, was da passiert, und auch keine Normalität wiederhergestellt wird, also ohne die etwas lahme Geste des notwendigen Scheiterns.

Link | 28. Januar 2006, 3 Uhr 08 | Kommentare (1)


„Ende gut“, Seite 167. Das neue Sibylle-Berg-Buch hat den Vorteil, daß der ganze dort ausgeschüttete Ekel wirklich vollkommen, offen und ehrlich, inkohärent ist. Von Anfang an ist klar, daß es nichts gibt, worüber das Buch sich freuen könnte, es ist einfach kein logischer Platz zwischen den verschiedenen Spielarten der Abscheu. (Schlanke Frauen sind anorektisch, dicke Frauen sind dick; niemand hat sich lieb und alle gucken nur fern und niemand wird gefickt, bis auf die die gefickt werden. Aber es ist ja eklig oder belanglos, und Männer sind widerliche Triebdingens etc)

Es ist also anders als bei Faldbakken, wo es um einen Zustand der Welt geht. Das Design, das dort an allem schuld und dem nicht beizukommen ist, könnte immerhin im Prinzip aus der Welt herausgekürzt werden. Bei Frau Berg geht es um alles, um die schiere Verfasstheit der Welt. Sie ist ein miserabler Ort im Berg-Universum, sogar oder grade hierzuland. Wegen der vielen Lügen in den Zeitschriften. Nun, so kann man das erzählen. Es ist sogar glaubhaft und lustig.

Allerdings, wirklich, es ist nicht nötig. Wie jede Geschichte ist die Geschichte der Natur, sogar die der menschlichen in diesem Land, so oder ganz anders bewertet zu erzählen. Was ich mit diesen Sibylle-Berg-Figuren immer machen will: Kopfhörer aufsetzen, Sigur Ros vorspielen, 8, von der ()-Platte. Hör hin, albernes Balg. Hör genau zu und halt mal für einen Moment den Rand. Merkst du nicht, daß es nicht darauf ankommt, was passiert? Oder was irgendjemand sagt oder tut?

Und wenn das noch nicht hilft, ab nach Rom, Sommertag mit dickem Landregen, der immer noch trocken riecht und Staubschlieren auf die Autos macht, und dann in den Petersdom rein, wo es ganz anders riecht, und vor die Pieta hinstellen und: Schau hin, albernes Balg. Das da geht.

[Und nun kann man sich natürlich, wie immer, auf die Bad-Cop-Deutung werfen und sagen: Diese Musikvergötzung von euch Kids nervt und weil da Leute auf ihren Bässen rumschrammeln flippt ihr jedesmal aus als sei Gott weiß wer auf die Erde niedergestiegen, während woanders auf der Welt undsoweiter, meine Güte, und dieses empfindsame Kunstgetue vor Zeug, das eh jeder kennt und das billig zu mögen ist, das nimmt euch doch auch keiner ab und yata yata und ich sage: Schon recht, stimmt alles, bestimmt wahr und alles, aber wen interessiert, was wahr ist, wen zum Teufel interessiert was wahr ist und wen interessiert so ein Bandhype schon oder die Kunstblökerei von Leuten, die’s nicht verstanden haben; schaut und hört einfach hin, immer, und habt die paar feinen Menschen, dabei, die ihr anrufen würdet, wenn was richtig schlimmes wäre, schaut hin und schaut sie an und dann sagt mir nochmal, daß ihr nichts wisst von der Grundgroßartigkeit™, das sagt mir dann, Agape agape!]

Alles was Du gestern sagtest erscheint mir seltsam wahr.
Manche Dinge bleiben liegen wie das Laub vom letzten Jahr
auf der Straße vor dem Fenster wo die ersten Bäume blüh’n.
Manche Dinge werden schwerer umso mehr wir uns bemüh’n.

(Herr von Lowtzow)

[Schramm-schrámm, schramma-schrámma- schramm-schramm; laßt mich!, manchmal ist mir eben so jämmerlich unterkomplex zumut und dann muß halt wieder das Weblog die Menschelei ertragen]

Link | 27. Januar 2006, 1 Uhr 51 | Kommentare (2)


Ganz oben, unter dem flachen Betondach: So ist es hell auch im Winter und meine Sachen schlafen in leerem Licht. Zeitschriften, die Bücher, vor allem die auf den Stapeln. Eine sinnlose rote Kugelkerze, die Weihnachten überstand. Pappkartons und Kohleeimer. Die lange nicht benutzten Floretts, höchstens für einen gelegentlichen Ausfall gegen den Kachelofen glänzen sie da, bereitwillig, Waffen. Ein hochkomplexes Hemd wirft sich über die anderen. [Guckmal, sagte sie, das sieht lieb aus, als ob deine Jacke meinen Mantel vorsichtig umarme.] Der PC kompiliert still, klar aus Langeweile, eine neue Version von Skype und zeigt das flickr-Bild einer namen- und gesichtslosen jungen Unbekannten aus Paris. Wimmernd: Jazz aus dem Beton unter mir.

[Typologie des Moments, Kapitel 3: Rückkehr]

Link | 25. Januar 2006, 14 Uhr 45 | Kommentare (2)


Dark Horse: Ganz, ganz feiner Film. Schön erzählt, nette Leute, bisschen weise, aber ganz sachte, und mit einem Humor, der aber sowas von sympathisch ist. Alles ganz ausgezeichnet gut und gar nichts falsch.Läßt mich auch in Ruhe zugucken, der Film, das gibt’s ja kaum noch. Und mit schöner Musik von einer Truppe namens Slowblow, die natürlich wieder irgendwie mit Múm zusammenhängen.

[So Leute, von mir aus könnt ihr ja in der Gegend rumgeifern und -hassen. Ich hab alle gern indeß, was mir aber niemand glaubt.]

Link | 25. Januar 2006, 3 Uhr 45


[Empathiemaschinen]

Link | 23. Januar 2006, 19 Uhr 27


Dunst stieg über den Feldern im Tal auf, wo stille Mähdrescher sich durchs Korn wühlten. Hier oben würde der Mais noch ein paar Wochen trocknen dürfen.

Die Tannenwipfel im Süden standen klar gegen den Himmel und oszillierten kaum wahrnehmbar; es war der selbe leichfüßige Wind dort drüben, jenseits der Straße. Ich saß auf dem Betondeckel eines Lüftungsschachts; unter mir warteten ein paar zigtausend Liter Wasser darauf, in die umliegenden Dörfer rauschen zu dürfen. Wenn der leichte Wind für Augenblicke ganz nachließ, glaubte ich die Gewalt dieses Wassers zu spüren, das konzentriert potentielle Geräusch eines Wasserspeichers auf der Anhöhe, ein Neutrinoeinschlag mehr als üblich, ich weiß es nicht. Wenn die Mähdrescher anhielten und lappenbewehrte Rohre still Getreide auf die Wagenpritschen spuckten, drehten sich die Staubfahnen um sich selbst, bevor sie verwehten. Die niedrige Sonne über dem Tal zwang noch ein dichtes Rot auch durch geschlossene Lider. Grillen, zwei vielleicht.

Später, einige verwehte Kondensstreifen später, ließ sich die Sonne durch einen schmalen Lidspalt schon anblicken. Knistern, in trockenen Halmen und Ginster. [Mythology]

Wenn man dort oben nicht alleine säße, gäbe es nur eine einzige Möglichkeit, sich wohl zu fühlen. Dazu gehörte, neben den gar nicht rationalisierbaren Anforderungen, vor allem: Schweigen. Das Vertrauen in die Angemessenheit der zweiten Wahrnehmung. Das Vertrauen in die Abwesenheit von Deutungen und Aufladungen der Situation. In die Abwesenheit von Weltschmerz*, Unsicherheit und der immer hysterischen Zukunft. Also: Die völlige Abwesenheit von Kitsch. Reinheit und Gegenwart.

[Projekt einer Erforschung der vagen Bilder]

* der als renitente schlechte Angewohnheit behandelt werden muß, nichts sonst.

Link | 23. Januar 2006, 18 Uhr 59 | Kommentare (3)


Es wird sehr langsam hell draussen in der schnurgrade durchschossenen norddeutschen Tiefebene. Wolfsburg taucht aus der Ferne oder der Dunkelheit auf, diese ewig Blech ausdünstende Leiche von einer Stadt.

Ich lese immer noch den Faldbakken, der schon in Ordnung ist und auch gelegentlich mit einer Gaddisgeste winkt, so etwas freut mich immer, ich habe Gaddis ja quasi erfunden in meinen Augen. Das dauernde Gerede von Carpaccio kann einen schwach machen.

Zwischen den Wagen riecht es nach Gummi, Stahlfedern knarren sublim, Weichen rucken. Beschleunigung. Winterlich einzelne Bäume vor blaßblau-tiefblau-Farbverläufen, so etwas ergreift. Schlafende Zersiedlung, Fertighäuser mit geschlossenen Läden. (Nur die Musik singt über die Synthesizer ein ganz anderes Lied.)

[Kurz nach 8. Hellwach. Unterwegs auf Stahl.]

Link | 21. Januar 2006, 11 Uhr 07


Der Weg durch den sommerlichen Regen im Friedrichshain führte an einer verlassenen Schule vorbei. Ein schönes Gebäude, Vorhänge in Fetzen, Gras in den Fugen auf dem Hof; das wand sich, tropfengeprügelt. Rauschte auf, der Regen, überzog glänzend die Blätter, unebene Steinplatten und dumpfen Asphalt. Glitschige Lungen und stadtsüße Luft.

Leere Schulen raunen Geschichten, und es sind immer Liebesgeschichten.

[auch du warst im Nana-Mouskouri-Konzert, ich hab‘ dich gesehen, mein Freund]

[Es geht nicht um Nähe. Es geht nicht um Sex. Es geht nicht um Rettung. Es geht nicht um Wünsche. Es geht nicht einmal um Technik. Es geht um Zeit und Kontingenz. Es geht um ein paar vage, mächtige Geisterbilder und die Möglichkeiten, sie zu realisieren. Es hat keinen Sinn, von ihnen abzulassen. Man muß kompromisslos sein und offen und gierig. Ende neu.]

Link | 21. Januar 2006, 2 Uhr 23


Süddeutsche! Haha! Ja genau!

„Sollte der Apple-Chef durch einen Pixar-Kauf von Walt Disney sogar in das Verwaltungsgremium des Unterhaltungskonzerns aufsteigen, wäre das die vorläufige Krönung seiner Karriere: Jobs würde vom Computer-Narren zum Medienzar aufsteigen.“ (Quelle)

Dann wäre der Computernarr* Steve ja in den Medien**!

* verschüttet sein erstes Bier, wenn die Cheerleader die Brüste zeigen

** Soloalbum

[Kann man so…?]

Link | 20. Januar 2006, 16 Uhr 47 | Kommentare (2)


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