Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Seit jeher sind Rolltaschen eine deprimierende Angelegenheit, wie alles, was auf Bus-Tagesreisen an Rentner verkauft wird. Seit sie selbst dafür nicht mehr wertig genug sind, stehen sie mit ihren karierten Leibern in den Auslagen der ImpEx-Läden zwischen singendem Badezubehör und Hunderterpacks Nokia-Wechselschalen.

Die Renter, die vermummt draußen vorbeitrotten, mit so einem Ding im Schlepp, können einem wirklich jeden Glauben rauben. Rolltaschen töten.
[Und das Klackern der winzigen Rädchen ihrer Bastardkinder an Bahnhöfen und Flughäfen verkündet wieder und wieder triumphal den Sieg des rücksichtslosen Willens zur Bequemlichkeit, über mein dünnes Nervenkostüm und überhaupt.]

Link | 28. Februar 2006, 14 Uhr 18 | Kommentare (1)


Am Alexanderplatz steigt sie aus. Erschrecke über den Haß, den ich aufbringe, wenn mir im falschen Moment einer in der Sicht steht. Es ist alles so einfach. „Die Berlinale ist ein Filmfestival das jährlich in Berlin stattfindet“, erklärt der Motz-Verkäufer seine Titelgeschichte. Entschuldigung, drehe ich mich um, sage und höre ich. Müssen die immer so digital bremsen? Ich habe keinen Fahrschein für die quengelige Singsang-Punkette aus Gummi. Aber Hunger. Zwei Jungs waren in einem Matratzenladen und haben eine Matratze gekauft. Sie balancieren sie auf ihren Fransenfrisur*n und hüpfen ein wenig, daß der Schaumstoffschlappen lustig wippt. Ich bestelle trotzig Ente, weil ich die Nachrichten nicht verfolge und also keine Ahnung habe, was man sich derzeit davon wohl holen könnte. Thai-Musik klingt bestimmt nicht immer gleich. Das Stadthypeblatt hypt die Stadt, angeblich ist mein wirtschaftliches Herumgekrebse dafür verantwortlich, daß der Tourismus brummt. Hoffe, die Bunz lügt wie gedruckt. Riesige KaDeWe-Taschen in Kombination mit einsamen Thai-Food-Packungen machen attraktiv. Anzüge bestimmt erst recht. Im Bad wachsen unschöne Pilze auf den Jalousien. Verdammtnochmal. Kann man später aber bestimmt mythisch verbrämen. Probiere den Anzug an, finde, daß das elende nervöse Untergewicht so übel dann auch wieder nicht aussieht und ertappe mich bei mindestens drei Haraldschmidtgesten („hey!“). Peinlich. Macht aber Spaß. Macht Spaß heute. Nicht viel Neid, Pilz hin, Kälte her, tote leere Wohnung geschenkt.

Nur der sanfte Neid auf diejenigen, die sich nicht verteidigen wegen der Dinge, die sie tun. Ein paar gibt es ja noch.

Link | 27. Februar 2006, 20 Uhr 50


Nebenbei, da ich schon fremde Sprache bekrittle, noch eine Notiz zu einem eigentlich nicht erwähnenswerten Film. Der rote Kakadu: Ein Österchen-Film wie gehabt. Der Osten war schlimm, aber jung konnte man da auch sein. Ja, das eben.

Das Drehbuch ist aber state-of-the-art, was die aktuelle Entwicklung auf diesem vom Glamour so stahlhart umwehten Felde angeht: Einer der Schauspieler muß immer aussprechen, was der arglose Zuschauer gerade denken soll, weil der Drehbuchautor das so meint. Der ganze Dialog der Figuren ist eigentlich der innere Monolog von einem, der sich was über die DDR zusammenüberlegt hat in seinem typischen Drehbuchautoren-Metadeutsch.

Damit ich nicht etwa auf die Seite der Volkspolizei gerate und mir denke „ist eben verboten, die Hüpfmusik“, ruft die schöne Jessica Schwarz unter erhobenem Polizeiknüppel: „Ihr könnt uns doch nicht kriminalisieren!“ Oder, später, der Typ, beim Abschied von seiner Lieben, sagt: „Es ist so ein schönes Land, aber sie machen ein Gefängnis draus“.

Diese schönen Sätze gibt es schon in der Vorschau zu bestaunen. Für feinste Wolken-Gedichte aber, die mehrfache Verwendung des bekannten Ost-Wortes „rübermachen“, die Formulierung „Mein Deutschlehrer hat mich ermuntert zu schreiben“ und mehrere Kurzreferate zur Erklärung der Szene nach allzu verwirrenden Schnitten: Ab ins Kino!

[Dort auch, wunderbar neben sich wie immer: Kathrin Angerer]

[Nur politisch kann ich das alles nicht lustig finden. Daß jemand so problembewusst banalen Scheiß abliefert, streberisch pro und contra diskutieren lässt und dann die Deutungen eintütet für alle. Wer sich angesichts der Haußmann-Filme und des ganzen Gurkenklimbims möglicherweise zu fragen begonnen haben könnte, ob die DDR vielleicht doch ganz in Ordnung war, kriegt den Kopf geradegerückt: Ein schönes Land (das ist das Deutsche) aber ein Gefängnis (an der DDR).]

[eat spam from the can
watch late-night c-span]

Link | 27. Februar 2006, 15 Uhr 40 | Kommentare (1)


Aus dem Katalog der Oberliga-Idiosynkrasien: Adjektiv-Substantivierungen auf -es mit „ein“ davor und substantivisch verwendete Adverbien. Die räudigen toten Tauben unter den Wörtern. Eine abstoßende Marotte, die meist von sehr klugen Leuten gepflegt wird, aus mir völlig unklaren Gründen. Es steckt vermutlich heimlich Goethe dahinter, das wird so sein wie beim Satzstellungsdefekt der Adornogeschulten: irgendwann macht man den Quatsch eben mit.

Die Substantivierungs-Menschen neigen übrigens auch zum agrammatischen atemlosen Komma, das nicht zwei funktional unterschiedene Satzteile trennt oder die Elemente einer echten Aufzählung, sondern eine alternative Formulierung oder Ergänzung anhängt, anfügt. Bremshügeldeutsch! Überdies ist es feige. Wer einen Satz aufschreibt, entscheidet sich gegen alle anderen Formulierungen. Da muß er durch. In der Entscheidung liegt die Kraft, nicht im Herzeigen von allem, was eben aufzutreiben war. Und sonst hilft ein „und“ und im Folgesatz ist bestimmt auch noch Platz.

[Dies ist zugleich eine viel zu anmaßende Belehrung ohne Richtung und eine Bitte um Nachsicht; wer sucht sich seine Empfindlichkeiten schon aus]

[your best friend is you, I’m my best friend too
i share the same views and hardly ever argue]

Link | 27. Februar 2006, 14 Uhr 48 | Kommentare (3)


Der Auftritt mancher Menschen ist, als ob sie in einer leeren Maschinenhalle Stahlstangen würfen: Hier kommt Wahrheit, sie ist unvermeidlich.
Sofort wohl fühlt man sich dagegen bei denen, in deren Gegenwart man, gleichermaßen geistig barfuß, zwischen schweren Vorhängen in einen tiefen Teppich tritt: Behauptet wird nichts, nur am anderen Ende des Raumes, auf einem Ambo, liegt aufgeschlagen ein Buch in Leder.

Link | 25. Februar 2006, 2 Uhr 45 | Kommentare (4)


Aktuelle Lage auf Rügen: Spitzt sich zu. „Das Gegacker und Gescharre im Hof fehlt“. Verlassene Dörfer im toxischen Wind.

Link | 24. Februar 2006, 11 Uhr 24


Mein Lateinlehrer, ein weiser Mann und cooler Hund und der einzige, den ich je mit einem einzigen Blick einer Horde halbstarker Hiphopper eine schon halb durchgeführte Unflätigkeit verbieten sah, fragte anläßlich einer Übersetzung: Ja. Und genossen die Früchte des Friedens. Genießt ihr den Frieden? Ich, in meinem kritischen Achtklässlerstreber-Eifer, bereitete eine Antwort mit „nicht zu schätzen wissen“, „innnerer Unfriede“ und „Medien“ vor. Er kam mir zuvor, grimmig: Sagt doch einfach ja.

Ich habe ohnehin nie erlebt, daß er sich geirrt hätte, aber so Recht hatte sogar er selten. Gerade war ich beim Schuhmacher und habe eine Standpauke in Empfang genommen, ein zittriger Alter stellte das Bürschchen zur Rede, das vor zwei Jahren dumm genug gewesen war, seine Schuhe zu nah an die Heizung zu stellen. Ein zittriger Alter, dessen Werkstatt aus altem Holz und schwarzem Eisen keinen Zweifel daran ließ, daß es ihm z.B. völlig wurscht war, ob die DDR oder die Berliner Republik da draußen nicht auf ihre Schuhe achtgab. Eine michaelendehafte Sentimentalität fiel sofort über mich her, eine sinnlose Dankbarkeit, daß ich meine Schuhe zu einem Schuhmacher bringen durfte, der mich zur Rede stellte, weil ich schöne Schuhe mit Ledersohlen offenbar auf eine Heizung gestellt hatte.

Zeigt ruhig her, sagt irrational und Michael-Ende und Reinhard-Mey und alles. Ich steck tief genug drin in der durchoptimierten Cybersoße, laßt mir meine rührseligen Empfindsamkeiten, da lebt nämlich die Freiheit drin, die ihr doch immer noch eher in Steuererklärungen auf Bierdeckeln vermutet, ihr Pfeifen.

[and the magic of stones, when taken back home, is left on the beach]

Link | 21. Februar 2006, 16 Uhr 26 | Kommentare (2)


Wer kybernetisch lebt, also in vollem Bewusstsein, daß Elektrizität nicht nur zum Heizen da ist, tut gut daran, sich an ausreichend vielen Stellen gezielt zu verweigern. Andernfalls geht allzuleicht die Kontrolle verloren: Es passiert dann relativ einfach, daß die Ereignisse den Möglichkeiten zur Sinndestillation davonlaufen, man fängt an, Recht zu haben, verbissen zu werden, einen Kampf zu führen, aus Angst zu handeln und nicht mehr zu bemerken, was passiert rundherum, und dann erzählt man eines Abends plötzlich den Unfug von der schnell verfließenden Zeit, fährst n paarmal in Urlaub, zack, biste vierzig, das get so schnell.

Wer so redet, kennt die Aufgabe nicht. Die Aufgabe ist: Die Dinge zu sehen. Dazu gehört eine Liebe zum Gegenstand und eine Sorgfalt, die nur in selbstauferlegter Langsamkeit funktioniert. Ich frage mich, wie diese Langsamkeit zu halten sein wird: Die Rüstung für die bevorstehende Begegnung mit dem Kapital hängt seit heute bereit, nachtblau, der erste Schritt einer möglichen Verwandlung. Es bestehen reelle Chancen, daß die kommenden Monate ein Tempo entfesseln werden, bei dem noch nicht klar ist, ob und wie es wieder zu beherrschen sein wird. Das Hamsterrad wartet, W*. Warum den Frieden riskieren? Weil nichts riskanter ist als ein Jahr Friede. Nur: Die Aufgabe bleibt.

[Schon deswegen mußte ich dem Rüstungs-Tag einen heiligen Abend hintanstellen. Zwischen wuschelfrisierten Fremden, die wohlwollend gucken, wenn man vorbeigeht, und sich freuen, daß man auch da ist und daß man keine Angst voreinander haben muß, weil man ja gemeinsam wartet auf etwas, auf das fiese Leute einfach nicht warten, also auf die Jungs aus Bristol, die auch auf beiden Seiten des Spiegels leben.]

[and the magic of stones, when taken back home, is left on the beach]

Link | 21. Februar 2006, 2 Uhr 41


Ansehen. Herzklopfen wie beim ersten Gibsonlesen mit 16. Großes unterwegs, Technologie, Pose und Sex. Die umkämpfte Nachnutzung des Körpers.

Alles da: Die herablassende Arroganz der Indie-Projektion, ihre schreiende Jugend, ihr offensichtliches Wissen um Wahrheit und heiligen Ernst; dann der herumhopsende ältliche Kindergarten, sich ironisch dünkend, und die Langeweile; schließlich Auftritt der Erlöserin im zahnschmerz-süßen Synthie-Fluchtpunkt, schönste Technopop-Eschatologie: Kontrolle und Entgrenzung, der allbeherrschende Frauenkörper im Captain-Future-Kostüm; die letzten zwanzig Jahre müssen ein Irrtum gewesen sein.

[time goes by, so slowly]

[via pony.exe. Natürlich.]

Link | 18. Februar 2006, 12 Uhr 23 | Kommentare (6)


kommt sofort stop gelbe himmel stop brandung und donner stop freude an schwung und mechanik des handschriftlichen stop es genuegt gluecklich gewesen zu sein stop beeilt euch

Link | 16. Februar 2006, 19 Uhr 57 | Kommentare (2)


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