Vigilien.

is there any any? nowhere known some?


B1: „Jetzt kommt ja bald das neue, äh…“
B2: „…Dings. … Komplexitätsreduktion.“
B3: „Genau.“ #

[Mensch, und das wird fein, wenn ich wieder alt genug für’s Sprücheklopfen bin]

Link | 3. Februar 2006, 3 Uhr 08


Eine Position zu vertreten und durchzufechten, ist, unabhängig vom Erfolg, immer eine unerträgliche Verhärtung, es sammelt sich ein Egobelag auf der Haut, der tagelang gar nicht zu ertragen ist. Das klebrige Zeug ist eine Mischung aus der aufdringlichen Behauptung der eigenen Existenz und einer Art, die Welt zu sehen. Es ist, am Ende, Beschmutzung mit Gewalt. Viel sentimentale Klaviermusik muß diese Schicht wieder abklöppeln in stundenlangen Sitzungen.

Das würde wohl einen schlechten Wissenschaftler aus mir machen. Die Notwendigkeit auch dieser harmlosesten Form der Gewalt leuchtet mir nicht ein. Die Beschmutzung mit eigenem Rechtbehaupten scheint die Sache nie wert. Eine Kurve, die hohe Birkenallee streckt sich hin, ein Mollakkord und eine gemeinsame Bewegung des Laubes, gebrochenes Silber, Arpeggio: Was mache ich hier? Warum ist das wichtig? — weg.

Ich glaube, der Wettkampfcharakter der Sache ist schuld. Wenn man nicht sehr aufpasst, verwandeln sich ja die meisten, auch die guten, Sachen in Sport. (Sportlichkeit, übrigens, ist, wo es sie wirklich gibt, ja tatsächlich eine erstaunliche Eigenschaft, insofern sie alles, was eklig am Sport ist, in Größe tunkt und vernichtet. Ich habe sie nur bei ein paar echten Sportlern gekannt, im Alltagssport kommt sie nicht vor.)

Wettkampf stößt mich ab; so sieht’s aus. Eine Überreaktion, vermutlich. Ich brauche nur ein Weblog zu lesen und Toplist-Ambitionen zu bemerken. Einem Menschen zu begegnen und zu sehen, daß er antritt unter eigener Flagge. Dabei schätze ich die Kampfsäue — aber sobald ich den Eindruck bekomme, daß sie kämpfen, um etwas zu schlagen, jemanden, sich selbst, einen Standard: das rote Tuch weht: Zu viel davon da draußen, ohne Haltung, ohne das Lächeln derer, die auch genausogern verlieren würden. Öde Nike-Welt. Competition runs in our genes. Genau da.

[Das hat alles mit Humor zu tun, aber über Humor redet man nicht.]

Link | 3. Februar 2006, 1 Uhr 55 | Kommentare (4)


„Menschen haben zweierlei Eigentum: Ihre Lebenszeit, ihren Eigensinn.“

Lebenszeit nehmen Menschen offenbar auf zwei sehr verschiedene Arten wahr:

Es gibt die vernichtende Zeit, die einen idealen Urzustand zerstört, die wegläuft und zeichnet, der man zuvorkommen muß und in der man möglichst schnell möglichst viel Erfahrung unterbringen muß — und auf dem Weg dazu alle Hindernisse aus dem Weg räumen.

Und es gibt die veredelnde Zeit, deren Verlauf selbst als wertvoll gedacht wird, die einen idealen Endzustand anstrebt und die man schützen muß, um für Erfahrung überhaupt frei zu sein.

Menschen, die in einer vernichtenden Zeit leben, fürchten, nicht mehr jung genug zu sein für eine Erfahrung und etwas zu verpassen; Menschen in veredelnder Zeit fürchten, nicht alt genug zu sein und etwas nicht auszuloten. Man kann bis in ihren Arbeitsmodus hinein verfolgen, wie Leute ihre Zeit wahrnehmen. In vernichtender Zeit herrscht ein Glaube an schnellen, gezielten Gedächtniszugriff und logisch projektierte Beherrschung von Problemen (Qualitäten der Jugend). In veredelnder Zeit wird vor allem an gründliche, ausgedehnte Beschäftigung mit einem Problem geglaubt (Qualitäten des Alters).

Natürlich hat keine Seite Recht und beides funktioniert. Wenig überraschend allerdings, daß ich eine Vorliebe habe: Der Tod als Faktum und Schweinerei verlangt Verachtung und muß wie Bibliothekspersonal behandelt werden: Man geht ihm aus dem Weg und schert sich im Übrigen nicht um seine wichtigtuerischen Imperative.

[Drüben auf dem Hügel möcht ich sein]

[Von der seligen Albernheit, ein großkotzig altkluger Jüngling zu sein]

Link | 1. Februar 2006, 1 Uhr 57 | Kommentare (1)


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