Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

In einer kleinen Gruppe standen sie dort auf trockenem Gras unter einer Rotbuche; sie ganz links, eine schmale Gestalt in zwei Farben, schwarz gekleidet zur Mitte, hell leuchtend nach außen.

Ein Beobachter in dieser Szene ist nicht nur räumlich ein ganzes Stück entfernt von der Buche, hört das Gespräch nicht und kann höchstens ahnen, was die Gesten bedeuten; er blickt auch über einen unbestimmten Zeitabstand dorthin, die Sepiafarbe des trockenen Grases raunt „damals“.

Das Bild exisiert nur in dieser Form. Es zeigt echte, weil verschwendete Schönheit, es ist ein langer Blick in eine vertraute Zeit, in der niemand mit solcher Anmut umgehen konnte, weil niemand sie auch nur richtig sehen konnte damals. Seither deswegen die Jagd auf die Reste der Verschwendung, auf Spuren von Anmut, die den Kontakt zur Welt überlebt haben. Dieser zerstört solche Wahrnehmungen und Gegenstände, aber er macht eben einen adressierbaren, wirklichen Menschen aus der Gestalt unter der Buche.

Worum man also kämpft: Um die Fähigkeit zu diesem Blick zur Buche, und um einen Rest vernichteter Anmut dort — nicht mehr, denn sonst schaut man nicht auf einen Menschen, nicht weniger, weil man sonst nur auf eine getreue Prägung der Häßlichkeit der Welt blickt.

[Oder anders: In diesen Dingen geht es um eine poetische Behauptung: Poetisch, also aufgestellt gegen die scheußliche, mittelmäßige Materialität, d.i. Alter, Eitelkeit, schlechte Gewohnheiten und das Wetter. Permanente Behauptung aber vor allem; auf dem schmalen Grat zwischen dummer Leugnung und resignierter Akzeptanz der Ödnis der materiellen Wirklichkeit.]

Link | 9. Juni 2006, 11 Uhr 26


[Hör’n Sie nicht auf mich, das ist hier grade unter aller Sau alles; alles offen und unklar und man sieht sich so um und holt sich schlechte Laune; am nächsten fühle ich mich ja immer diesen versoffenen alten Zynikerfiguren mit ihren Tiraden, natürlich, McCandless oder Jack Gibbs, vor allem Jack Gibbs, natürlich; und immer denke ich: Falsch ist das alles, hier dauernd ungedeckte Schecks hin- und hertauschen, ich würde mir viel lieber gleich einen guten weichen Pullover kaufen und Enten füttern gehen; ich weiß nicht, ich denke immer, ich bin so gehetzt, weil ich nie so angezogen bin wie ich mir das wünschen würde, dabei ist es doch wahrscheinlich andersherum, und aus Enten mache ich mir eigentlich nicht viel; und vor allem ist das eben nun wieder nicht drin, auf Jahre, egal was passiert; alle halbwegs akzeptablen Optionen beinhalten totalen Krieg; hat jemand Ehrgeiz gesagt? Bisher darf der nicht raus und das war immer gut für alle Beteiligten, und das ist natürlich die eigentliche Frechheit; das ist ein Affront, daß sich das einer leistet, erst recht, wenn sonst das Meiste stimmt; ich würde den Ehrgeiz aber wirklich lieber eng führen, ich mag den nicht, an den gehen zu viele Menschen verloren, an irgendeinen blödsinnigen Ehrgeiz, der mit ihnen losgaloppiert bevor sie auch nur merken, daß das ein Pferderücken ist unter ihrem Arsch; andererseits langt es auch langsam mit diesen Überlegenheitsgrinsern überall, denen könnte man schonmal…; nun: Ehrgeiz ist eine verdammt gefährliche Stellschraube, da muß man schon genau wissen, was man da tut, wie man das balanciert, wenn man da rangeht, besser länger drüber nachdenken. Das ist ja auch das eigentlich Sympathische an diesen Zynikerfiguren, McCandless Jack Gibbs etc, daß sie so vollkommen jenseits von Ehrgeiz und dabei so voll verschütteter Kultiviertheit sind, das ist überhaupt die Lektion dabei, Kultiviertheit gegen bloßen Ehrgeiz, schon das ist eine Lektion, die man auch mal qua Wirken lehren könnte, wenn man denn die Gelegenheit bekommt, muß man daran denken; undsoweiter.]

Link | 8. Juni 2006, 2 Uhr 55 | Kommentare (1)


Call-center-style recruiting: Man soll also nach einer Bewerbung erst einmal einem undurchsichtigen und ziemlich herablassenden Diss-o-Boter eine Dreiviertelstunde lang am Telefon nachweisen, daß man nicht der Hochstapler ist, für den man per default offenbar gehalten wird. Wenn man es schafft, das Gespräch unvergrimmt durchzustehen und den rüden Ton sportlich zu nehmen, also nicht darauf hinzuweisen, daß das alles doch eher an der Grenze zur Unverschämtheit als einfach nur kompetitiv ist, erhält man immerhin das Versprechen eines Anrufs mit Feedback und Entscheidung am Tag darauf.

Der dann nicht erfolgt.

Kann es sein, daß der (große, schöne & blankpolierte) Outsourcing-Dienstleister meiner Wahl sein eigenes Recruiting an ein überzähliges T-Online-Callcenter outgesourced hat oder ist diese Art von Behandlung wirklich üblich?

[Das wurmt mich doch etwas. Klar haben die viele Bewerber, klar filtern sie früh und klar fällt man mal durch, erst recht beim ersten, nicht besonders gut vorbereiteten Versuch. Aber derart ostentative Herablassung ist schon etwa ebenso ärgerlich wie unprofessionell.]

Link | 7. Juni 2006, 20 Uhr 11 | Kommentare (1)


Über den Lärm: Nach einem Dreivierteljahr an der Straße ist das Bild der Stille dieses: Daß man sich, wenn für einen Augenblick eine vollkommene Stille herrschen könnte, die Stille eines schattigen Ausgucks am Waldrand, die Stille eines freien Baumes fern auf einer Hügelkuppe oder die Studiostille in einem dichten Raum mit guten Kopfhörern, wo man nur noch den eigenen Atem und den der verschämt schleifenden Analogtechnik hört — daß man sich in einer solchen Stille in ein Gefäß verwandeln würde; in einen kühlen, tönernen Krug.

Über die Frisur von Christoph Schlingensief: Das Durcheinander auf dem Kopf von Christoph Schlingensief ist nicht nur bewusst eingesetzte Kommunikation, sondern auch die ganz praktische Folge einer charakteristischen Geste der Verwirrung: Sich mit gespreizten Fingern von vorne nach hinten durch die Haare zu fahren ist Ausdruck des wirren Denkens, des Bemühens um Unordnung, als bürste man den Geist von vorn, wo er in sozialen Bestimmungen steckt, nach hinten in die Offenheit des Visuellen.

Über die Funktion des Feldherrn: Die Aufgabe des Feldherrn ist die exakte Auslotung des Raums des Möglichen. Er kann nicht um Aufschub bitten, um sich besser aufzustellen, er kann nicht Schwächen bekämpfen durch sympathisches Eingeständnis. Seine Funktion ist die des maximalen Materialisten. Er ist, was er ist, weil er zu jedem Zeitpunkt seiner Laufbahn das maximal Erreichbare aus dem Gegebenen erzeugt hat: Seine Fähigkeit ist eben nicht die Vorstellung einer idealen Schlacht, sondern die Erkenntnis der realen Möglichkeiten in der tatsächlichen Schlacht. (Zwei Arten der Möglichkeit: Das Denkbare und das Bewirkbare. Der Feldherr ist der Herr des Bewirkbaren.)

Über die Wahrnehmung des Feldherrn: Dazu gehören (1) Die Fähigkeit zum Erkennen von Chancen, also den Punkten, an denen sich der Raum des Bewirkbaren schlagartig verändert. Das erfordert eine Offenheit der Wahrnehmung, also das permanente Vorhandensein mehrerer, gleichberechtigter Deutungen des Geschehens: Zu wissen, was es ist, heißt zu wissen, was es alles sein könnte. (2) Das Bewusstsein der Tatsache, daß meist genau diejenige Option am verlockendsten wirkt, über die man am wenigsten weiß.

Link | 1. Juni 2006, 1 Uhr 40 | Kommentare (1)


« Vorherige Seite