Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Alleebäume und die Straße dazwischen, zu schmal, um eben zu sein.
Ein Schornstein rechts und ein kaputtes Dach.
Gras, vereinzelt hoch; man kann die Rispen abziehn im Gehen.
Ein ausgeblichener Briefmarkenautomat (schon wieder in der Sonne).
Die Briefmarken, die er druckt, sind no-nonsense.
(Ich brauche keine Briefmarken, aber ich stecke sie ein.)
Auf meinem Ausweis sehe ich jünger aus. (Krasser, sagen sie.)
Vielleicht ist es ein Bach, den man hört.
Falken. Krähen wie immer.
Ein weißer Opel.
Geparkt an der Mauer: Ein Mercedes.
Zwischen Gußeisen und Ziegelmauer passe ich knapp.
Ihre Körnigkeit an meiner Wange und, anders, in den Handflächen.
Damit haben sie nicht gerechnet. Macht auch nichts mehr.
Ein Stück Kuchen?
Die Terrasse, eingefriedet mit niederen Betonsäulchen.
Die Post sucht brummelnd den Automaten auf.
Meine Hand mit der Gabel riecht nach Gras.
Ein einstöckiger Landstrich.
Manchmal sieht man das leere Haus für einen finalen Rückzug.
(Zwischen zwei Bäumen halb im Dunkel.) Vierzig Jahre zu jung.
Das Dach ausbessern und die Fenster. Efeu und Kraut bleiben.
Die umgestürzte Schale wird nicht aufgestellt.
Sie haben Wegweiser, blau mit weißem Rand.
(Für Fremde.)
Auch einen Brunnen. (Rostiger Stahl, der Künstler wohnt außerhalb.)
Ein geschlossener Kiosk. Langnese.
Verzinkte Modernität und Bitumen noch schwarz. Drahtgittersessel.
Ein Tetrapack, eine Wespe.
Vertraut die Griffe im Kässbohrer und der Geruch nach Staub-im-Stoff.
Der Fahrer spricht nicht, er hat eine glitzernde Kasse mit großem Display.

[Offene Tage]

Link | 28. September 2006, 1 Uhr 19


Und dann ist da noch der Sommer, der sich verbeugt und schon Schritte rückwärts macht, gleich ist er am Tuch. Es gibt Applaus. Dabei hat er nur helles Laub versengt, kein regennasses Dunkelgrün gab Taubenlauten ein Zuhause; die Seen waren flach und das Wasser lauwarm; ein guter Sommer. Ein parkfreier Sommer, es roch nach Grill, ein Biertrinkersommer für leichte Zufriedenheit. Aber die Vorhänge hingen schwer und tot in den Fensterhöhlen, sie strichen nicht nachts über die Gesichter, sie bewegten sich nicht. (Als finde 2007 nicht statt, als könne nichts angedeutet werden, auf das man sich hinfreuen müsste, als genüge die träge Gegenwart sich vollkommen selbst.)

[Unzufrieden.]

Link | 26. September 2006, 22 Uhr 55 | Kommentare (1)


Der alte Knabe im Eckhaus ist etwas wunderlich, die Kinder fürchten sich vor ihm. Etwas stimmt nicht mit seinem Blick, es liegt eine Spur zuviel Dunkelheit darin, man denkt immer: Macht der das mit Absicht? So alt und kämpft immer noch mit dem Teufel? Sie achten ihn, sie mögen ihn nicht, er ist ein bisschen unheimlich. Wenn man zusammensitzt in der Gemeindehalle bei einem Viertel Wein, dann bleibt er zu Hause, das ist irritierend. Er geht hin und her in seinem Haus, man sieht es durch die Fenster. Er hat schließlich Interessen, der alte Knabe, sicher kommt er deswegen nicht heraus.

(Leute, die mit dem Teufel kämpfen, sind schwer zufriedenzustellen. Sie sind nicht wie die anderen zufrieden, wenn ihre Bedürfnisse erfüllt sind, denn sie haben Ideen im Kopf und davon wird niemand froh, es muß schon der Leibhaftige bemüht werden zu ihrer Versorgung; das Ganze ist ein wenig albern, es ist nichts zu machen.)

Link | 26. September 2006, 22 Uhr 41


Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän. (Man muß das schweizerisch aussprechen, denke ich mir: Hólozän.) Warum kannte ich das noch nicht? Vielleicht habe ich früher, in der ersten Frischzeit, Bücher gezielt gekauft, ich dachte: Ich will nichts aus dem Alterswerk lesen. Inzwischen interessiert mich nicht mehr, wie alt der Autor zur Zeit der Niederschrift war, ich habe Vertrauen in meine Autoren, sie dürfen so alt sein wie sie wollen. Frisch war ohnehin schon über vierzig, als er den Stiller geschrieben hat, davor war nicht viel, die bemühteren Sachen. Ein Architekt. Er hat fünf Jahre in Rom gelebt. Fünf Jahre sind lange, ich bin erst seit sieben Jahren hier. Man hat immer mehr Zeit als man denkt. Die fünf Jahre Rom nehmen sich wie eine Episode aus in der Suhrkamp-Zeittafel. Där Mensch ärschaint im Hólozän: Details groß und Sprache aus Granit. Nur eins nehme ich ihm übel, daß Herr Geiser nämlich umkehrt auf dem Weg ins Tal, das ist ein Frisch-Topos, er hätte mich doch einmal überraschen können.

Link | 26. September 2006, 0 Uhr 40


Beim Schreiten über sonnengeflutete Flughafenparkplätze kann einen das Klingeln in Gold Mine Gutted von den Bright Eyes durchaus fast um den Verstand bringen.

[Ich reise wohl gern.]

[Den Folgesong muß man schnell genug überspringen, unbedingt, bevor er losklackert und alles verdirbt.]

Link | 26. September 2006, 0 Uhr 36 | Kommentare (2)


Stadt und Web sind voller Orte, die besetzt sind mit Verrat (meinem und dem der Frauen). Treulosigkeit, gerade wo sie vernünftig ist (man muß weiterleben), bleibt mir unerträglich.

Link | 26. September 2006, 0 Uhr 32


Kompetenz in Kartoffeln

Link | 22. September 2006, 1 Uhr 22 | Kommentare (1)


Von wegen „Beitrag schreiben“. Beiträge sind was für Christen. Ich trage hier nichts bei.

[Was ich schon lange mal loswerden wollte]

Link | 22. September 2006, 1 Uhr 10 | Kommentare (1)


Expanding to fill a 60-minute slot, the programme became more focused on entertainment – and featured races, celebrity challenges and the regular destruction of caravans. […]

„Speak to anybody who used to work at Vauxhall in Luton,“ says Mr Harvey, „and they totally blame Jeremy Clarkson for General Motors closing the Vauxhall plant.“

The reason for their anger was a review of the company’s Mark One Vectra, in which Clarkson remained mute and drummed his fingers on the roof of the car for a full minute.

Top Gear’s chequered past

Richard Hammond, bitte OK sein, zurückkommen und nächstes mal den Stig den Raketenblödsinn machen lassen, ja?

Link | 21. September 2006, 16 Uhr 01


Offiziell machte ich mich auf den Weg, um ein Datum, das nur offline zu erfahren war, in Erfahrung zu bringen. In Wirklichkeit wollte ich möglicherweise Bücher kaufen zur Beruhigung meiner Nerven. (Im Moment würde ich mein Nervenkostüm gern auch mit dem eines gehetzten Rehs tauschen. Und das arme Ding wäre erledigt.)

Ich stellte fest: Ein Kongress findet statt, von dem ich nichts weiß und den ich nicht zuordnen kann, aber beim Anblick von Menschen mit angeklipsten Schildchen ergreift mich wieder die unerklärliche Sehnsucht nach der Antike oder eigentlich nach ihrer europäischen Rezeption, jedenfalls nach Göttinnen in steinernen Gewändern, meiner in letzter Zeit fast vergessenen Suche nach den seltenen gutaussehenden Athenen, nach Ruinen in der Sonne und der staubig-spitzbärtigen Behäbigkeit deutscher Akademieforscher, die im nebligen Berlin Papier aufrollen in klassizistischen Bauten, kleine Gelehrte zwischen übermannshohen dunkelbraungebeizten Regalen.

Die Kongressteilnehmer schwatzen auf den Stiegen. Ich höre nicht, was sie sagen, vermutlich sind sie harmlos. Ich halte sie trotzdem für schwarze Engel, sie werden Häppchen essen oder vom Buffet, sie werden in leeren englischen Vokabeln sprechen und zungentaubmachende Orangensäfte trinken. Über ihren Köpfen wird ein breites blaues Plastiktransparent hängen, vier Großbuchstaben und meeting of, dann ein Logo, drei leere englische Vokabeln und das Datum von heute. Wenn sie sich die Hand geben oder ein Mikrofon nehmen, werden sie eine Sprache sprechen im schmalen Band zwischen der Gosse und den ersten Andeutungen von Geist.
Ich verschwinde, bevor ich doch hören muß, was sie reden. Ich fürchte mich, vielleicht nicht vollkommen grundlos, vor dem Wort Exzellenzcluster. Eines Tages werde ich mich ruinieren, indem ich jemandem, der Exzellenzcluster sagt, geradeheraus eine runterhaue. (Mehr kann man auch nicht tun, es ist wie mit Leuten, die Fußgänger anhupen.)

Ich flüchtete zu Dussmann. Man kann viel gegen Dussmann sagen, aber sie haben zwei Regale voller Bücher von Wagenbach, vor dem man gute Zeit verbringen kann voll Freude darüber, wie liebevoll das alles gemacht ist. Klaus Wagenbach, den ich neulich auf 3sat sah, in einem Portrait, das ein Hymnus war, sagte Bücher muß man ordentlich machen. Das war erkennbar nicht einfach die Meinung eines Bibliophilen, sondern eines Vertreters von Kultur, also der Kunst des Guten Lebens. Ich wünschte den Junktimefreaks auf dem Kongreß drüben die Pest an den Hals und kaufte hemmungslos.

[Übrigens die Infamie von Leuten, die an dieser Stelle sagen oder denken: Abkühlen, Junge, Wagenbachbücher sind ein Nischenprodukt wie jedes andere — als hebe Vielfalt auf einem Markt das Kriterium der Qualität vollkommen auf oder doch zumindest den Wert der Qualität jenseits des Geldwerts. Arme Idioten.]

Auf dem Nachhauseweg, ich befand mich mitten in der Konstruktion einer etwas geifernden Theorie des immerwährenden Kulturkampfes zwischen denen, die im Grunde um der Schönheit willen leben und den anderen, die stumpf sind und also einfach mal aus Langeweile herumpfuschen an der Welt, setzte sich gegenüber ein gut angezogener Herr, mitte Vierzig vielleicht, mit einer Tüte der Staatsbibliothek hin. Er entnahm dieser eine kleinere, ebenfalls transparente Tüte, die lose Blätter enthielt, je einmal gefaltet und leicht beschädigt an den Rändern. Als er das erste der Blätter herausnahm und zu lesen begann, rutschte ich fast von der Bank beim Versuch, meine Augen in einen günstigeren Winkel zu bringen, um herauszufinden, was er da hatte. Er bemerkte das, verzog keine Miene oder doch fast nicht und hob das Blatt an, so daß ich genauer hinschauen konnte ohne Verrenkungen. Es handelte sich um „Weltkrieg! Kriegs-Ruhmesblätter. 1. 1914.“ Ich grinste schon wieder, vor Freude an den Interessen anderer Leute und natürlich weil er mich hatte gucken lassen. Die Frau neben mir, die ein Bonusheft las, beunruhigte sich an meiner plötzlichen Freude und schoß von der Seite Blicke in mein Grinsen.

[Dafür, daß sie ein Bonusheft las, kann ich nichts. Daß die Welt sich entschlossen in Klischees ausdrückt, ist nun wirklich nicht meine Schuld.]

Nachtrag: Übrigens sang jemand, als ich die Treppe zur Untergrundbahn hinunterging, drei Worte fast direkt in mein Ohr. Ich drehte mich nicht um, er muß direkt hinter mir gegangen sein, als er die drei Worte sang mit etwas brüchiger Stimme: e-hes bleibet dabei und nichts sonst.

Link | 21. September 2006, 14 Uhr 43 | Kommentare (8)


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