Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Und ob ich mich schämen sollte, Monocle so hoffnungsvoll zu erwarten?

Link | 17. Februar 2007, 3 Uhr 09


Berlinale. „Ne touchez pas la hache“. Ich mochte den Film. Ich habe mich geärgert über die anderen im Kino. Der Ton war über einem konstanten Hust- und Rotzpegel kaum hörber. Dafür können die armen Infizierten nichts, aber es war ärgerlich.

Neben mir saß eine junge gutaussehende Blonde, die alle 10 Minuten eine Anderthalbliterflasche Wasser ansetzte mit Geschwapp und Geplatsch, einen saugenden Schluck tat und wieder absetzte. Man muß viel trinken, sonst kriegt man Falten, bevor jemand wichtiges bemerkt hat, daß man schön ist. Es ärgerte mich umso mehr, als ich selbst Durst litt und man mir gerade gesagt hatte, ich sähe todkrank aus.

Da saßen lauter wohlgenährte gesunde vernünftige Leute mit Erkältung in diesem Kino.

Dauernd gingen welche raus. Sie hoben ihre raschelnden, dicken Einkaufstüten über ihre Köpfe und zwängten sich durch die Reihen. Ich hasste sie aus vollem Herzen. Nicht nur, weil ich den Film mochte, sondern weil sie sich so wichtig nahmen, sich und ihren blöden Freitagabend. Wie kann man nur einfach tun, wozu man grade Lust hat.

In „Ne touchez pas la hache“ geht es um zwei Liebende im bonapartistischen Frankreich. Keine Musik, dafür Tafel-Einblendungen wie im Stummfilm. Es wird mehr gesprochen als gespielt. Die Gespräche sind lang und umständlich. Historische Kostüme sieht man zuhauf, aber sie spazieren nicht durch rauschende Feste und Sonnenschein, sondern durch die schiere gesellschaftliche Ödnis und ein februargraues Paris. Die Liebenden scheitern fürchterlich. Erst an ihren gewohnten Rollen, dann an ihrer eigenen ungeheuren Stärke. (Die gesellschaftliche Konvention und die Religion, die immer wieder als Schuldige verhandelt werden, spielen in Wahrheit gar keine Rolle, das wird aber nie ausgesprochen). Die beiden sind unglaublich hart zueinander. Immer wieder taucht ein gallebitterer, ebenfalls februargrauer Humor auf, der die Überspanntheit der Geschichte balanciert.

Der Film ist nicht schön, nicht unterhaltsam, nicht spannend und nicht lustig. Er ist auf eine fast bösartige Art interessant. Er zeigt radikale Menschen, wie es sie zumindest heute kaum gibt. Mich hat das gefreut, die anderen fanden den Film darüber unglaubwürdig und nicht-nachvollziehbar.

Hinterher habe ich mich gestritten. Den Film gutzufinden sei ein Zeichen meiner zwanghaft anderen Meinung. Und mein Wunsch nach einer von einem Musikwissenschaftler gelieferten Rezension des jüngst besuchten Konzerts sei Ausdruck meines Willens zur Klugscheisserei. Ich fühlte mich unnötig verletzt, verstand aber, daß der erste Affront von meiner Seite gekommen war: Man hätte Nachsicht mit dem Publikum üben müssen, nicht mit dem Film. Den Film nicht schlecht zu finden war sozial ein Problem. Es wäre wichtiger gewesen, durch gemeinsames Lästern Empathie zu produzieren als darauf hinzuweisen, daß man ja doch kompliziertere Ansprüche an manche Filme haben kann als daß sie irgendwie gefallen.

Gestern wurde mir von anderer Seite gesagt, ich sei ein Snob. Ich verbrächte viel Zeit mit der Simulation von Lebensart. Ich denke, das hat damit zu tun, daß ich kein Plastik am Körper trage, obwohl wissenschaftlich bewiesen ist, daß alles an dem Plastik besser ist als an Filz oder Wolle. Snob. Ich hätte die Frechheit mit einer vollen Breitseite beantworten sollen: Prenzlauerberger Milchkaffee-Spießer. Ich hab’s nicht getan. Nicht aus mangelnder Streitlust (denn daran leide ich keinen Mangel), sondern aus Erschöpfung. Zumal auch hier der Affront von mir kam in der Vergangenheit. Ich mache mich manchmal eben darüber lustig, wenn Leute ihren speziellen Zeichendialekt für die eine codefreie Sprache halten, für die Reinheit und Ehrlichkeit und pure Vernunft selbst.

[Ich würde mich so gerne entschuldigen für das alles, für mein Augenrollen manchmal, das doch nur die Forderung nach Anerkennung des ganz Anderen ist. Aber ich müsste mich entschuldigen für meine Ungeduld mit unoriginellen Meinungen, und das wäre selbst unangemessen arrogant, das kann ich nicht machen. Es ist eine Crux.]

[es gibt eine herzlichkeit / jenseits von jonglieren]

Link | 17. Februar 2007, 2 Uhr 18


Das gehört zusammen, das ist eine Sache: Die Schönheit der Langsamkeit (die Wesensverwandtheit von Schönheit und Langsamkeit) und der Schrecken der Lahmarschigkeit (die Wesensverwandtschaft von Langeweile und Lahmarschigkeit).

[Gott sind wir heute wieder dialektisch]

Link | 16. Februar 2007, 16 Uhr 51


Die letzte Minute von Backworlds „A Place in Heaven“.

[Tief verankert im Grund der Dinge, die Unverzeihlichkeit von Kälte.]

[let the winter descend on me / like a melody]

Link | 12. Februar 2007, 14 Uhr 30


Ich verspüre ein Bedürfnis zu sinnlosem Drama, drastische Versprechen abzugeben und Blankoschecks auszustellen; Briefe zu schreiben, die eine Zumutung wären und die ich nicht verantworten könnte; –

[und ich weiß nicht, ob mir die Gelegenheit fehlt oder doch nur die Bereitschaft zur Lächerlichkeit -]

Link | 11. Februar 2007, 23 Uhr 09


„Ich möchte das Bleibende schaffen!“ sagt Stummel, „ich habe zunächst mit den neuen Maschinen größere Höhlungen in den Bergen vorgenommen, die dabei herausgebrachten Stein- und Kalkmassen habe ich draußen am Meeresstrande zu reich gegliederten Terrassenbauten verwandt. Es lassen sich verschiedene Berge ganz leicht in eine rechtkantige architektonische Form bringen, auch mit komplizierten Kurven lassen sich glänzende, architektonische Kompositionen schaffen. Die Säle, die im Innern der Rakkóxfelsen entstehen, werden beispiellose Dimensionen erhalten. Wir machen das Dimensionale modern. Die neuen Maschinen arbeiten so sicher, daß Einstürze nicht zu befürchten sind. Unsere Mathematiker arbeiten zudem fast viel zu sorgsam. Am Kasimirfelsen lasse ich den ganzen Gipfel abschneiden, so daß in allen Sälen Oberlicht sein kann. Ich denke mir die Wände der Säle ganz mit Wohnungen angefüllt — die hinter Vorbauten, Säulenhallen und Balkons jede beliebige Ausdehnung haben können. Gewaltig werden die Granitsäle wirken. Zweihundert Meter hohe Wände — ganz spiegelglatt! Und da die Beleuchtung mit Fackellicht!

Paul Scheerbart, „Rakkóx der Billionär“, Berlin 1900

Link | 11. Februar 2007, 16 Uhr 56


Meine geborgte Substanz.

Link | 11. Februar 2007, 3 Uhr 55 | Kommentare (2)


Konzentriert lässig führten sie das Ritual durch, ein kompliziertes Fäuste-Gegeneinanderboxen. Einer hochgeschossen und schlaksig und vielleicht schon 17, der andere durchschnittlicher, aber schon mit sorgsam getrimmtem Bart. Zwischen ihnen, einen Schritt zurück, stand eine Kleine mit glattem Gesicht, sehr jung und beweglich und herb, wie man das hier kennt. Ängstlicher Respekt und Bewunderung auf ihrem Gesicht, ihr Blick flatterte mehrfach zum Hochaufgeschossenen hinauf, während sie den Stolz in ihren Zügen niederzukämpfen suchte. Denn sie durfte da stehen, gleich würde sie beachtet werden, Faust-gegen-ausgestreckten-Daumen, Drehung, Knöchel-auf-Knöchel, Konzentration, die Jungs hatten keinen Blick für die Kleine, noch nicht; dann waren sie fertig, der Durchschnittlichere wandte sich ihr zu, mit seiner rechten Wange streifte er ihr Gesicht. Geadelt zerfloß sie und griff nach seiner Hand; dann zogen sie vom Bahnsteig, zu dritt, sorgsam die Abstände wahrend.

[Heute Nacht, dachte ich noch, geht das aber anders zu bei euch. Vielleicht irre ich mich aber.]

Link | 10. Februar 2007, 4 Uhr 25


Eigenständige, komplexe Menschen sind, wenn man ihnen nur nahe genug kommt, Weltvervielfacher: In ihnen scheint die Wirklichkeit noch einmal vollständig impliziert, d.h. in besonderer Weise entwickelbar aus ihrer Person. Die Welt wird lesbar als eine weitverzweigte, fremde Idee. Ein nie gehörtes Lied, das Sonnenlicht auf dem Dach, ein kahler Baum im Halbdunkel, eine Bewegung — beim zitternden Ausrichten der Heizlüfter im Auto vielleicht –, ein vager Gedanke voller Wärme: Unzusammenhängende Elemente der Wirklichkeit scheinen jäh und unerwartet aus jemand anderem zu kommen. Das ist so… Du. Wenn man der Regung nachspürt ist es, als arbeite man sich durch luftige Vorhänge, immer mehr Gegenstände geben ihre ungewohnte Färbung preis, bis alles für einen Moment fremd und wunderbar ist, bevor man zurückfällt in sich selbst, beunruhigt und beruhigt zugleich: Beunruhigt, weil alles so anders sein kann, beruhigt, weil es so großartige Menschen gibt.

Link | 9. Februar 2007, 3 Uhr 56 | Kommentare (1)


I have seen the crimson sunset
Casting shadows on a lonely beach

— Lyrics außerhalb der Reichweite der Doppel-o-Krake erlauben das Verstecken von Botschaften, die nun wirklich niemand mehr lesen kann, was der Kommunikationsabsicht (Füttere das schwarze Loch!) sehr entspricht.

I have seen the crimson sunset / casting shadows on a lonely beach. Sie kriegen nie heraus, wie das weiter- und worum es da gehen mag. Sie müssen sich aber eine blissplunkernde Gitarre dazu denken, wie bei Leonhard Cohens Teachers ungefähr. Das sind die ersten Zeilen, es geht nicht um einen Sonnenuntergang, er hat ihn nur gesehen. Er kennt diese Sonnenuntergänge.

Link | 9. Februar 2007, 3 Uhr 14


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