Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Viermal habe ich in dieser Woche versucht, denselben Händler anzurufen, um etwas zu kaufen, zwei eMails habe ich ihm geschickt. Sein Anrufbeantworter, dem ich nichts zu sagen habe, nimmt nach langem Klingeln ab, grüßt mit vier Sekunden Stille und sagt dann, ohne Weiteres, leise, den dreisilbigen Namen des Händlers, Silbe, Silbe, Silbe, dann lange nichts, dann „bitte sprechen Sie nach dem Signal“ in schweizer Intonation. Der Anrufbeantworter steht in Baden bei Zürich. Ich schäme mich; ich störe die Ruhe; ich habe Angst, daß der Herr K. meine Berliner Nummer sieht und sich entschließt, diesem unflätig drängenden Nordostdeutschen sein schönes Stück keinesfalls anzuvertrauen.

Link | 31. Mai 2008, 22 Uhr 03 | Kommentare (3)


Seite um großartige Seite, mit einer Wirkung wie Sattelseife: Das Leder weich machend, reinigend, fettend.

Link | 31. Mai 2008, 20 Uhr 34 | Kommentare (3)


Es gibt Dinge, die machen mich einfach glücklich. Das ist so abgefahren schön. Wenn Sie wüssten.

Link | 25. Mai 2008, 19 Uhr 50


Wenig öderes gibt es für gewöhnlich als über gute Konzerte zu schreiben. Der Versuch, eine musikinduzierte Glückserfahrung nachlebbar zu machen, ist zum Scheitern verurteilt — wenn man nicht gerade einen Roman versucht oder das Glück hat, ein begabter Lyriker zu sein — und führt im Allgemeinen zu geschmäcklerischem Herumsprechen-um-die-Musik mit einem Vokabular, das täppisch ist und dabei prätentiös, wie das des Weinkennertums. Diese sprachliche Unerreichbarkeit der Geistessphäre Musik macht sie fest gegen die immerwährende Korruption der Sprache durch rücksichtslosen Gebrauch: Das, was Sprache nur in ihren Momenten höchster Konzentration schafft, eine Gefeitheit gegen allen Dreck, der im Geist wütet, fällt ihr so viel leichter. Man kann über Musik nicht sprechen, wo sie sie selbst ist, wie man über einen Roman von Joseph Roth oder Nabokov nicht sprechen kann, oder nur in einer komplizierten, schwer zu meisternden Sprache, die selbst so vage und rücksichtsvoll und voller Liebe ist, daß sie der zerbrechlichen Kraft ihres Objekts nicht die brutale Gewalt des gesunden Verstandes antut.

Natürlich gibt es gelegentlich begriffliche Schnittstellen zur Musik, und wo sie zugreifbar sind, kann man einen Versuch wagen. Blixa Bargeld hat gestern, als er Die Befindlichkeit des Landes angekündigt hat, gesagt, daß es, wenn es denn ein Thema in Neubautensongs gäbe, sicherlich Berlin sei.

Er meint Berlin, wie es von Kreuzberg her aussieht, das unzerstörbare Berlin, über das die Architektur wegzieht wie ein Sandsturm; eine von den Neubauten, von Wim Wenders und Hans Scharoun aktualisierte, unwahrscheinliche Möglichkeit.

[Das Leben ist kein Irrtum, kein Irrtum und Musik]

Link | 25. Mai 2008, 11 Uhr 40


In der Straßenbahn belauschte ich einen schnellsprechenden alten Herrn mit Bart, Mähne und Jackett, der um die Telefonnummer einer ihm flüchtig bekannten älteren Dame bat, weil er sie um Geschichten anrufen wolle. Die beiden plauderten, der alte Herr war der Dame ein wenig lästig mit seinem Eifer: Ein Mitglied des Geschichtsvereins „Hans Kohlhase“ auf der Jagd nach Geschichten, insbesondere solchen, die die soziale Frage berühren — ob bei ihr auch saniert worden sei?

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Zu Fuß auf der Warschauer im sonnigen Samstagmittag: Ein ganz neuer ViV-Supermarkt (mit automatischen Türen wie bei all den neuen Biosupermärkten), davor satte Menschen, eine Frau im Clownskostüm dreht für die Kinder am Glücksrad.

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Zwei Schneider gefunden; zwei Möbeltrödler, gestapelt Stühle und Schränke mit schadhaftem Furnier, hier und da ein überraschender Durchgang in noch einen Raum, weiter ab von der Straße, muffiger, stiller, im letzten Raum unvermeidlich zwei verirrte, wütend tönende Fliegen.

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Eine „Betroffenenvertretung Sanierungsgebiet Warschauer Straße“ — ich mache mir Sorgen, daß die von mir betroffen sind, von zuziehenden altjungen Leuten, die zu viel arbeiten und teuren Orangensaft kaufen. Klassenfragen, Prioritätenfragen, Fragen des guten Lebens.

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Die Kinder selbst halte ich für unschuldig, aber das Brimborium, das um sie gemacht wird, ist das Geschwür. Wo immer es kindgerecht zugeht, wird es schlimm über kurz oder lang. Daß man als Kind andere Interessen hat als die Alten, ist ja eine Sache, und daß die Alten auf diese Legoverrücktheit als die stärkeren Rücksicht nehmen sollten, der Meinung war und bin ich entschieden, aber abgesehen davon gibt es keinen Grund zur Sonderbehandlung von Kindern, jedenfalls für diejenigen, die keine eigenen Regressionssehnsüchte zu kultivieren haben.

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[Zweifel]

Link | 24. Mai 2008, 15 Uhr 30 | Kommentare (1)


Das war eine Sensation für mich: Eine Prä-Recognitions-Publikation von Gaddis! Eine Kurzgeschichte von 1947, In dreams I kiss your hand, madam, zum ersten mal erschienen im Herbst 2007 in einem kleinen Magazin der University of Illinois.

In dreams I kiss your hand, madam ist für Leser der Recognitions eine spukige Angelegenheit, mit vertrauten, aber leicht verschobenen Bildern, bis hinein in die Ausstattung des Ortes der Handlung, der leicht als eine frühe Version der Räume von Recktall Brown erkennbar ist. Auch die fatale Rüstung ist da, und in der Tat erzählt In dreams die Episode eines Sturzes-in-Rüstung. Allerdings stürzt nicht Brown, den es gewissermaßen noch nicht gibt, sondern Alex, ein dicker junger Mann, Herausgeber einer Anthologie von historischen Liebesgeschichten, die tatsächlich zusammengestellt wurde von drei Hilfskräften seines Instituts; ein Charaktermerkmalvorfahr von Recktall Brown und Otto also.

Christine Ludington, die diesen Alex fördert, aber ihre Verachachtung für ihn schlecht versteckt, ist die eigentlich neue Figur in In dreams, und das bedeutet: Eine Figur, die es nicht in die Recognitions geschafft hat. Man könnte argumentieren, daß Basil Valentine ihre Hintergründigkeit geerbt hat, aber Christine ist durch und durch anziehend, was man von Valentine nun wirklich nicht sagen kann.

I preferred to think of her, en garde!, at the end of a fencing strip, hip and knee joints flexed, with level blade of an épé extended before her, and the cool eyes — I remember them as gray — watching to catch that momentary right-of-entry into which the whole body follows. Whatever the case, she was a handsome woman, and I think that all of us wondered at the time she gave to Alex P–; afraid, perhaps, that this thickish man for whom none of us could find much respect would be impaled on the cold blade of this woman whom we permitted ourselves, luxuriantly, to admire.

(William Gaddis, In dreams I kiss your hand, madam, in: The Ninth Letter, Vol 4. Nr. 2, Urbana-Campaign 2007.)

[The Ninth Letter übrigens ist ein ziemlich tolles Heft, eine liebevoll gemachte akademische Schülerzeitung im besten Sinne]

Link | 24. Mai 2008, 10 Uhr 11



LACK
OF
CHAR
ISMA
CAN
BE
FATAL

Link | 23. Mai 2008, 0 Uhr 17


es ist nicht bedrohlich, daß all die karierten Kinder in der Straßenbahn Mathilda gerufen werden, es ist nicht bedrohlich; es wäre dumm, sich bedroht zu fühlen von Leuten, die so viel Angst haben; natürlich ist der Kampf um die Stadt ein Kampf nicht gegen Menschen oder die lachhafte Präsenz McCafe, nicht einmal gegen das Wieder- und Wiedererbauen von sogenannten media parks, doomed by design, es ist ein Kampf um die Faszination der Menschen.

und zwecklos einher // verschleppt & zum Zerreissen gespannt // in blauem Halblicht // und eine über dem Motorengeräusch kaum hörbare Radiostimme // und die Lichter fressen Streifen und Streifen aus der Dunkelheit hinein // zischelnd, zischend // Land und Staub, Staub, und fahl eine Wolkenbank // Dreck Elend Erlösung

Link | 23. Mai 2008, 0 Uhr 10


fugenlose blöcke in bronze
leuchtend aus ihren kanten heraus
ragten die türme des frankfurter tors
in den abend
doch einen lidschlag entfernt
sah ich sie grau
mit zerschlagenen gläsern
und mich ziellos streunen
durch steine und staub
mit dem selben gefühl
und ich sagte sieh an
es ist die zeit
in der wir japanisch aßen
und über möbel nachdachten
weil das einfach war
und nebenbei zu erledigen
eine verzeihliche dummheit
so war das
irgendwie muß es ja sein

[Standards]

Link | 21. Mai 2008, 0 Uhr 41 | Kommentare (1)


Die bloße Anwesenheit eines Baumes vor dem Fenster, seine bewegte Ungerührtheit, ist eine wertvolle Mahnung. Noch kenne ich nicht seinen Klang in einem Sommerregen, aber schon die Vorstellung davon bringt mich zurück in ein Leben, das langsam genug ist für gründliche Wahrnehmung und unbestimmt genug für eine freie Aufmerksamkeit. (Freiheit ist der Zustand der externen Unbestimmtheit der Aufmerksamkeit.)

Wir imaginieren freie Leben: wir sitzen zu Füßen von Ulmen, wir gehen, Leinen tragend, über staubige Landstraßen, wir stellen Bücher zurück in lange Regale, wir lehnen, Kopfhörer an der Hand, gelangweilt an der Täfelung (oder wir sehen uns, Kopfhörer in der Hand, gelangweilt an der getäfelten Wand lehnen in Schönheit, und wir lieben diese Fähigkeit zur Langeweile, die wir sehen), wir schauen sanfte Tiere im Zoo, wir besuchen eine Stadt und wohnen in einem Hotel, durch offene Fenster ziehen Wind und Geräusche durch die Räume (ein ermatteter Spiegel zeigt die unberührte Ecke eines Bettes), wir schlafen ein in Lesesesseln bei der Verfolgung unserer unklaren Obsessionen durch die Geistesgeschichte (durch ihre Mittelmäßigkeit, um mein Lieblingsattribut zu zitieren, und ihr in Obskuritäten vergrabenes, verlässliches Aufregungspotential), wir verabreden uns zu Abenden unter solchen, die nichts beweisen, &ct &ct: wir imaginieren freie Leben.

Link | 14. Mai 2008, 8 Uhr 23 | Kommentare (4)


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