Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

work/life balance heißt das in Corporatesprech.

Nehmen wir an: Ein Garten in der Abendsonne, eine Veranda, Bücher, Sommerwind; Nacht, Kerzen, ein Bad im spiegelschwarzen See (das Haus von dort: Licht in den Fenstern und leichte Vorhänge). Nehmen wir an, wir haben ein Leben zu verschleudern, nehmen wir an, wir spüren unsere Sterblichkeit. Nehmen wir an, wir sind nicht allein, nehmen wir an, es sind Körper im Spiel, nehmen wir an: Das Paradies.

Auf den ersten Blick sieht es so aus: Es muß gearbeitet werden, um ein Leben frei von Elend und der Duckmäuserei der Armut möglich zu machen. Auf den zweiten Blick ist dieses Bild immer noch richtig; dazu kommt aber: Es muß gearbeitet werden, weil eine Antwort gewusst werden muß auf die Frage Und was machst du so? Man muß sagen können: Ich mache dieses. Und ich mache es gut. (Menschen ohne Stolz habe ich nie verstanden.) Es ist nicht selbstverständlich, gut behandelt zu werden.

Nehmen wir an: Ein Flugplatz und Gepäck und lange Schritte und der beißende Lärm einer Twin-Turboprop-Maschine; nehmen wir an: Es ist heiß.

Auf den dritten Blick: Die Erfahrung, daß jeder, der viel arbeitet — jeder — seine Rolle überschätzt. Die Erfahrung der Kolonisierung des Denkens, die von interessanten Aufgaben grundsätzlich betrieben wird. Die Gefährlichkeit des Arbeitens, das Verblöden an der eigenen Kompetenz.

Nehmen wir an: Eis, Ingwertee, Dunkelheit, Musik aus dem Nebenraum.

Diese Kolonisierung des Denkens hat einen wichtigen Vorteil, es gibt nämlich kein Zurück (und die Jugend ist auch ausgegeben). Also drauf.

Link | 29. Juli 2008, 23 Uhr 44 | Kommentare (4)


Die Zeit wiederfinden heißt, den authentischen Eindruck unter dem von der fremden Meinung verdeckten wiederzufinden; es heißt, diese fremde Meinung als eine fremde Meinung zu entdecken; es heißt zu verstehen, daß der Vorgang der Vermittlung uns genau in dem Moment, da wir unfhören, autonom und spontan zu sein, die lebhafte Empfindung von Autonomie und Spontaneität verleiht. Die Zeit wiederfinden heißt, eine Wahrheit entgegenzunehmen, die die meisten Menschen ein Leben lang fliehen, heißt anzuerkennen, daß man immer die Anderen kopiert hat, um in deren Augen wie in den eigenen als originell zu gelten. Die Zeit wiederfinden heißt, etwas vom eigenen Hochmut abzulegen.

(René Girard, Figuren des Begehrens)

[Die Lüge des spontanen Begehrens: Wer von uns behauptet, er sei ein autonomes Individuum, seine Leidenschaft authentisch, sein Begehren spontan, der sagt: Ich bin ein Mensch auf der Flucht, ich werde gehetzt. Denn er verlangt von sich, klüger zu sein und schneller als die gesamte Maschinerie der Begehrenserzeugung. Jedes Plakat, jeder Film, jede Erwähnung von etwas Begehrbarem zwingt ihn in die Distanz zu seinen Begierden, hinein in eine Position / niemand ist so bestimmt durch den Anderen wie der Fliehende.]

Link | 28. Juli 2008, 0 Uhr 30


Dem Armen Mann war während des ganzen Anmarschs von Pakistan schlecht gewesen. Alle ein, zwei Stunden blieb er stehen, um sich zu übergeben, was ihn nicht davon abhielt, sich sofort wieder an die Spitze der Männer zu begeben (die nicht auf ihn warteten) und sie in stetig schnellem Tempo anzuführen, wobei er die Arme in aller Ruhe vor der Brust verschränkte. Nach ein paar Minuten war er so weit voraus, daß sie ihn nicht mehr sehen konnten, und sie holten ihn erst dann wieder ein, wenn er ungeduldig auf sie wartete oder sich erneut übergeben musste. Er sprach nur wenig. Seine Männer schätzten ihn. Sie hatten eine Flasche Rosenblätter-Sherbetsirup bei sich, den nur er trinken durfte. Auf den hohen Gebirgspässen goß er ein wenig von dem Sirup auf einen Schneeball und aß ihn lächelnd. Am Morgen wirkte der Arme Mann manchmal recht blaß, und dann massierten ihm die Mudschaheddin den Rücken. Doch wenn es an der Zeit war weiterzumarschieren, war er stets vorneweg. — Das Sonnenlicht war weiß und braun, und der Arme Mann und der Kommandant in Blau hielen Hof; der Arme Mann wackelte mit den Zehen und spielte mit einer Patrone. Die Schrift auf der grünen Fahne der NLF über ihrem Kopf ähnelte Schwertern, Kronen, sich windenden Schlangen, gekreuzten Bändern, und der Kommandant in Blau saß träumend im Halbschatten der Tür, und die Bücher glänzten in der Sonne schneeweiß.

(William T. Vollman: Afghanistan Picture Show)

Mein Cousin, den ich kaum kenne, aber sehr bewundert habe, als wir Kinder waren, war zweimal in der Uniform der Bundeswehr in Afghanistan. Zuletzt sah ich ihn vor zwei Jahren zur Beerdigung unserer Großmutter, nach über zehn Jahren. Wir wussten nicht recht, ob wir Dialekt oder Hochdeutsch miteinander sprechen sollten.

Link | 27. Juli 2008, 14 Uhr 25


Eine Baustelle auf dem Bahnsteig des U-Bahnhofes Frankfurter Tor wird verborgen von einem Pressspan-Verschlag, zwischen zwei Kartenautomaten im Osten und der Rückwand des Kiosks im Westen.

Wenn der nächste Zug noch Minuten entfernt ist und der Bahnsteig leer, kann man aus dem Innern des Verschlags ein elektrisches Wabern hören, das anschwillt, kurz in einem Zustand der Erregung verbleibt, dann abschwillt, für Sekunden zu einer dubiosen Einbildung absinkt und dann wieder hineinwächst in die Leere der langgezogenen Halle im Neonlicht.

Wenn der Zug einfährt, überlagert sich das metallene Tosen der Gleise mit dem Wabern aus dem Verschlag und dem Pfeifen der durch die Röhren gedrückten Luftmassen; ein unterirdischer Wind rüttelt an der Blechtür des Verschlags, der einen unruhigen Kern verbirgt.

Link | 26. Juli 2008, 15 Uhr 07


Ben Frost: Theory of Machines.

[oh machine thy glory]

Link | 25. Juli 2008, 0 Uhr 07


Ich hatte keinen Text mehr und improvisierte mich auf dem Boden in eine Ecke, und dann wurde klar, wer da eigentlich mit wem spielte; und, wie ist es am Alexanderplatz? fragte sie mich (in der Logik des bereits Geschehenen eine sinnvolle Frage), und kam, kniend, näher, ihr kantiges Gesicht (als wäre nichts überflüssiges darin, nur Linien und Blick) erbarmungslos nahe, zwang mich zu einer Sorte Augenkontakt, die ich in letzter Zeit vermeide (wer weiß, wer was anrichtet, zudem war sie eine vollkommen Unbekannte), und ich antwortete, tastend:

ein gehetztes Rennen und Sichumschauen,
Blicke und Tüten voll Waren,
ein Grölen, ein Geruch nach Alkohol und Schweiß,
ein Ächzen von Beton

dann schreib das auf, sagte sie, mich entlassend aus ihrem Blick und dem Schlaf; mit dieser seltsamen und bei Licht besehen recht albernen Aufgabe blieb ich zurück, mich sammelnd seit fast einer Stunde.

Link | 24. Juli 2008, 8 Uhr 42


Der Morgen des 23. Juli 2008. Als verspräche das Laub Dinge, die längst geschehen sind; als sei über das Datum das letzte Wort nicht gesprochen; und die Helligkeit und die Kühle kommen herein wie die Dunkelheit am Abend des 23. Dezember zu einem Zehnjährigen kommt. Als stünde nicht ein einfacher Arbeitstag an mit Sorge und schlechtem Essen; als dürfte ich wählen aus dem Katalog meiner Stunden, der vergangenen und der kommenden (und derer aus der Welt der Guermantes).

Link | 23. Juli 2008, 8 Uhr 43


Solche, die wissen was sie wollen.
Solche, die wissen was sie brauchen.

[und nun raten Sie mal]

Link | 22. Juli 2008, 10 Uhr 07 | Kommentare (1)


Wow: The Notwist, Alphabet, On Planet Off. Finsteres Zeug.
Hätte ich ihnen nicht zugetraut.

Link | 20. Juli 2008, 20 Uhr 43


Existenzielles Zwinkern ist die Fähigkeit, mit Schwere und Ernst zu sprechen, aber die Tür für die Menschlichkeit offenzulassen: Ich meine das alles genau so, aber wir reden ja nur. Existenzielles Zwinkern ist das Versprechen, experimentieren zu können, am Ende aber, wenn es darauf ankommt, einfach nur ein guter Kerl zu sein. Das ist das unhaltbarste Versprechen überhaupt, unter den Bedingungen der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden, man liest und schreibt und redet sich ja doch jedesmal hinein in irgendeinen Schwachsinn und schon ist das Zwinkern nichts gewesen als ein raffiniertes Täuschungsmanöver. — das ist Schwäche, und wie das ist mit Schwäche: Kennenlernen, aushalten, sich verhalten dazu. Ohne das Zwinkern könnte man jedenfalls überhaupt nur noch verschwinden, oder sich auf Themen beschränken, die so absurd sind, daß keine Gefahr besteht, jemanden dafür zu interessieren und Verantwortung übernehmen zu müssen für das, was man in den Köpfen fremder Menschen denkt.

[Erträglichsein, oh höchste Kunst // Variationen über das Thema „Maul halten im Allgemeinen“]

Link | 20. Juli 2008, 12 Uhr 45


Nächste Seite »