Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Vor meinem Fenster, es ist kurz nach neun, steht einer, der ist vielleicht fünfunddreissig, bei einer Bank. Auf der Bank steht eine Bierflasche und eine weiße Tüte. Der Mann raucht, alle paar Minuten nimmt er eine Rakete aus der Tüte, stellt sie in die Flasche, schützt mit der Hand sein Feuerzeug, und tritt einen Schritt zurück. Die Schnur sprüht Funken, es wird hell, und die Rakete steigt bis etwas über die Höhe meines Fensters hinaus. Sie platzt mit einem kleinen Knall, und ein paar farbige Flocken sinken.

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Link | 31. Dezember 2008, 21 Uhr 06 | Kommentare (1)


Die Brücke, eigentlich nur eine narbige Betonplatte, war erst im letzten Augenblick zu sehen, so dicht standen am Bach die Büsche. Trat man mit zwei Schritten über das Wasser hinaus, sah man es unruhig über runde Steine fließen und jäh schwarz werden im niedrigen Schatten der Brücke. Auf der anderen Seite würde es als das silberschimmernd kühle Band wiedererscheinen, das man vom Weg aus zwischen den Büschen fest im Blick gehabt hatte. Das Geländer: drei ausgewaschene Betonpfeiler, aus denen jedes Jahr ein Kiesel brach, und eine verbogene stählerne Stange, deren verbliebener grauer Lack in spröden Aufbäumungen unter einer zugreifenden Hand zerbarst.

Link | 30. Dezember 2008, 15 Uhr 05 | Kommentare (2)


Der Innenraum als Alternative zum Außenraum, also nicht nur als Rückzugsgebiet, sondern als Gegenangebot: Ihr könntet zu mir kommen, so wäre es bei mir: Diese Sorte Ruhe ist mein Angebot.
Ich genieße die Fenster zu einer Magistralen, den Blick aus meiner Ruhe hinaus auf die unverstellte Stadt: Die Wärme und das Licht und das bescheiden-sakrale elektrische Dröhnen hinter mir, die Unwirtlichkeit vor mir. Ich bin unbedroht, das ist nicht selbstverständlich.
Gerade schläft die Stadt, nur ein einziges Fenster ist hell im Gesichtsfeld, und nur ein einzelnes Taxi streunt.

Link | 30. Dezember 2008, 2 Uhr 59 | Kommentare (1)


Auch: Nichtstun und Krawatte.

Link | 26. Dezember 2008, 2 Uhr 20


Tübingen habe ich in Erinnerung als einen schläfrigen, eichenhölzernen Ort, an dem die Menschen viel Zeit haben: Es riecht betäubend nach Holzschutzlasur, und in den gemütlichen Küchen sitzt man beisammen und spricht und gießt Tee nach. Obwohl ich den Raum nie betreten habe, ist mein Tübinger Zimmer ein Studio mit schwarzen Möbeln und einem Fenster vom Boden zur Decke, vor dem im Dunkeln die Krone einer Esche sich wiegt. Die unregelmäßigen Stufen, die ins Studio hinauf führen, knarren dramatisch, und man schlägt einen leichten roten Vorhang zur Seite, wenn man von der Treppe her dort eintritt. Es ist hell, alles Licht nimmt seinen Weg über dunkle, konservierte Balken. Ein Ausstellungsplakat: Italienischer Futurismus.

Link | 26. Dezember 2008, 2 Uhr 18


Ein Erlaubniszustand, ein Vakuum des Willens: Ein Zustand, in dem alles erlaubt wäre. Ein Erlaubniszustand entsteht nach Zeiten großer Intensität; gekennzeichnet ist er durch die Rückkehr zu einem bequemen und faden Gleichgewicht, das gestört werden will. Als Zustand der Offenheit ist der Erlaubniszustand einer der passiven Selektion, des amüsierten Abwartens mit gehobener Braue: Nun geschieh, Ereignis, nun überzeuge mich, fremder Wille.

Der Sturm, der sich jetzt ankündigt, draußen mit verborgenen Gegenständen rumpelt und stoßweise in das auskühlende Zimmer fährt, in dem ich die Weihnachtstage verbringe, löst den Nebel ab: Ein zartblauer Dunst lag über dem Tal, vor zwei Tagen, über den dunkelgrünen Gräsern dicht über dem Boden und den spröden hohen Halmen. Im Westen hob der Himmel klare Konturen von Bäumen und einem Silo aus dem Dunst heraus, im Osten sank der Wald ins Dunkel hinein, und über Nacht zog ein bissiger hellweißer Nebel zwischen die Häuser.

Link | 26. Dezember 2008, 2 Uhr 04


Wenn ich sie lange nicht gesehen hatte, träumte ich davon, sie in den Armen zu halten, lange und reglos und schläfrig: Dasitzen, vielleicht einen Film schauen, ich ins Kissen gelehnt und sie an mich: Wichtig der Kontakt meiner Brust mit ihrem ganzen Rücken, und um sie herum, auch mit den Armen Wärme aufnehmend.

Sie so zu umarmen gehörte zu unserer Normalität, wenn wir uns sahen, und es war klar, daß etwas Besonderes passierte, als sie die Verhältnisse umkehrte: Wir waren schon mittendrin, hatten den Film und unruhige Küsse im Wohnzimmer zurückgelassen, auf dem Weg ins Schlafzimmer im Türrahmen kurz gekostet (im Stehen, dreimal schnell, grob, von hinten), und nachdem sie, auf dem Rücken, die Beine angezogen, meine Zunge lang und endlich reglos auf ihrem Fleisch, gekommen war, musste sie bemerkt haben, wie ich, Abstand nehmend, verhangenen Blicks, ihre Beine betrachtete, die Restfrau vergaß, über einen Schenkel strich, ein Knie, den Schwung der Muskeln darunter, und mich verstanden haben: Man kann Brüste küssen und Rücken bewundern und Nacken greifen beim Vögeln; Beine aber sind immer zu weit weg oder zu ruhelos. Sie kehrte zurück aus ihrem abwesenden Nachglühen und bekam einen Kuss, setzte sich auf, lehnte sich an die Wand, steckte ein Kissen hinter sich, zog mich vor sich, und ungewohnterweise war es nun mein nackter Rücken an ihrer Brust, und ich wandte den Kopf, und Zungen, und sie griff zu währenddessen, um mich herum, mit einer Hand, und die lauernde pochende Verträumtheit war sofort verschwunden, in der ersten Aufwärtsbewegung ersetzt mit einer unbekannten Sorte Geilheit, die nicht, wie die bekannten, vom Vollmachen und Abliefern und der festen warmen Substanz der Frau handelte, sondern wirklich in die Leere zielte: Die Leere, in der die Formen existieren, und Beine sind vor allem dies: Formen, und ihre Beine waren da, neben mir, greifbar, endlich greifbar und in Ruhe und ich griff, erst wiegend und sanft, dann fester, zu, während sie schnell schneller wurde, und ein Geräusch amüsiert-zufriedener Überraschung machte, weil ich von pochend-hart zu steinhart überging und knurrte und ihre Zunge entließ und den Kopf an ihrem Ohr vorbei nach hinten drückte, „mach“, sagte und fester unter ihre Knie griff, hinein in die Muskulatur auf beiden Seiten. Und ich glaube, sie hatte erwartet, daß es zu Ende sein würde im nächsten Moment, aber ich hatte noch Zeit, Aufregung zu sammeln, einen kurzen Moment methodischer, schon atemloser Ruhe. Als ich kam, zurück- und auseinanderschnappte, ihren Oberkörper mit meinem ins Kissen drückte in drei langen Ausstößen, und dann mit ihr liegenblieb und an ihr zitterte für eine Weile, kicherte sie und sagte belustigt „wow“, und ich liebte sie sehr dafür.

[porn retrofitting 3/15]

Link | 25. Dezember 2008, 1 Uhr 24


Lesen Sie mal diesen Text in der Süddeutschen. Wenn Sie fertig sind mit dieser Geschichte aus einer „düsteren Welt“: Können Sie mir erklären, was Frau Lichtinghagen eigentlich vorgeworfen wird?

Verstehen Sie die Lohr-Geschichte? Was ist das Problem? Die Unhöflichkeit, die „peinliche Erklärungen“ nach sich zog? Die Überweisung?
Verstehen Sie die Kirchen-Geschichte? Was ist das Problem? Daß ihr Chef einen Rotarier-Freund an sie verwiesen hat mit seinem Wunsch um Unterstützung? Daß sie ihm den Gefallen dann getan hat? Oder daß sie sich darüber aufgeregt hat, daß sie das tun sollte? Oder daß sie mit einem korrupten Chef (nur unter dieser Voraussetzung funktioniert der Vorwurf) Deals machte, für die sie Verhandlungsmasse brauchte?

Und dann ist da diese Kleinigkeit: Frau Lichtinghagens Tochter wird bedroht. Und ihre Kommilitonen sammeln Unterschriften gegen ihre Anwesenheit in Witten.

Ja, so stellt man sich Kommilitonen in Witten vor.

„Die Reißleine“, schreibt die Süddeutsche, sei von der Staatsanwaltschaft gezogen worden. Das ist dann wohl die Generalstaatsanwaltschaft in Hamm, deren Leiter, wie war das noch, vier Zeilen weiter oben, Frau Lichtinghagens Chef nahe steht.

Spin, spin, Süddeutsche, alte Dreckschleuder, spin.

Link | 22. Dezember 2008, 23 Uhr 43 | Kommentare (1)


Die besondere Natur meines sozialen Aufstiegs versteht man am besten anhand der Tatsache, daß zum ersten mal in meinem Leben, nachdem ich eine neue Wohnung in einem Berliner Mietshaus bezog, dieses Mietshaus nicht vom Besitzer innert einiger Monate froschgrün eingefärbt wurde. Mein jetziger Vermieter durchbrach dies liebgewonnene Muster der Grausamkeit, so berichtete mir der Bauleiter, mit seinem Wunsch nach einem erdigen Rot, hinter der ich die kleinbürgerliche Italienphantasie von terra cotta vermute. Da es sich bei dieser Stadt jedoch um Berlin und bei diesem sozialen Aufstieg um meinen handelt, entpuppte sich das terra cotta schon beim ersten Besehen der neuen Fassade unzweifelhaft als schweinchenrosa.

Link | 20. Dezember 2008, 12 Uhr 18 | Kommentare (2)


The fact is we all suffer from cognitive egocentrism. We all seem to intuitively assume that we have won what I call the ‘Magical Belief Lottery.’ We cherry pick confirming evidence and utterly overlook disconfirming evidence. We automatically assume that our sources are more reliable than the sources cited by others. We think we are more intelligent than we in fact are. We rewrite memories to minimize the threat of inconsistencies. We mistake claims repeated three or more times as fact. We continually revise our beliefs to preempt in-group criticism. We regularly confabulate. We congenitally use our conclusions to determine the cogency of our premises […] [#]

Scott Bakker über die Kondition IRRTUM und die unaufgelöste Beziehung zwischen kritischer Philosophie und Naturwissenschaft an ihrer Schnittstelle Neurowissenschaft. Besonders lesenswert sind die beiden Antworten von Ali McMillan und Nick Srnicek, der das verlinkte Weblog mitbetreibt.

Besonders interessant ist dann auch erwartungsgemäß Nicks Verweis auf Ray Brassier und Quentin Meillassoux — die, so hört man, außerhalb der fatalen Opposition stehen, in die sich Neurowissenschaften und kritische Philosophie im letzten Jahrzehnt begeben haben und aus der heraus jede Seite die Relevanz des Denkens der Gegenseite bezweifelte, ohne die eigenen epistemologischen Hausaufgaben erledigt zu haben: Die Philosophie hat es fertiggebracht, aus einer nicht besonders redlichen, einseitigen Kantlektüre heraus die Ergebnisse der Neurowissenschaften als bloßes naiv-empirisches Spiel abzutun, während die Neurowissenschaften sich nicht scheuten, Fragmente ihres epistemologischen Werkzeugs zu Ergebnissen ihrer Arbeit zu erklären.

Offenbar war aus dieser Situation nicht zu entkommen, ohne Metaphysik anzufassen — und endlich sowohl törichten Philosophen die Option zu nehmen, Naturwissenschaft für irrelevant zu halten, als auch törichten empirischen Wissenschaftlern die Option, die Behauptung von Nichtexistenz als Naturalisierung zu verkaufen. Ich habe noch nicht genug gelesen um sagen zu können, ob Brassier und Meillassoux Ergebnisse haben, die das Problem lösen, aber jedenfalls haben sie das richtige — nämlich ein realistisches — Projekt.

Link | 14. Dezember 2008, 18 Uhr 53 | Kommentare (1)


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