Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Über Lores Stadt wohnt ein böser Geist. Wenn er gen Osten zieht, macht er sich in der Karl-Marx-Allee breit. Er legt sich über die Straße mit seinem breiten, flachen Körper und drückt ihr auf den Scheitel, das Stück Luftröhre zwischen Kehlkopf und Sternum komprimiert sich. Gleichzeitig reißt er ihr aber auch irr die Augen auf für die Weiten und Fluchten. Man kann seine Feinde am besten ausschalten, indem man sich mit ihnen anfreundet. So bitte, mach mein Herz böse, dass wir Freunde werden, fleht Lore.

Julia Zange, Die Anstalt der besseren Mädchen

Sag ich doch. Daß es sich bei der Anstalt der besseren Mädchen jedoch um ein böses Buch handle, dieser Deutung widerspreche ich. Diese ganze vermeintliche Bosheit besteht nur aus den Reaktionen eines intakten Immunsystems. Insofern kam mir das alles die ganze Zeit eher gesund und richtig vor: Es wehrt sich dort eben der Mensch im Mädchen.

Ich empfehle die Anstalt der besseren Mädchen nicht nur wegen des Mädchen-Antimädchen-Themas und der nichtsdestotrotz goldleuchtenden Landszenerien der dezent verschobenen Anstalts-Transzendenzwelt, sondern auch weil das Buch den Verdacht zulässt, im Grunde als raffinierte Liebeserklärung an Rainald Goetz angelegt zu sein.

Link | 28. März 2009, 19 Uhr 38 | Kommentare (2)


Seit Tagen ist der schwarze Hubschrauber nicht vom Himmel über der Innenstadt wegzukriegen. Vor dem neu eröffneten Saturn ist ein Verschlag aufgebaut für Menschen: Man ist eingerichtet für die Eröffnung von Elektrohändlern, es gibt eine Verschlagagentur, bei der die Elektrohändler anrufen können. Sie sagen: Ich eröffne eine neue Filiale, ich brauche einen Verschlag. Die Verschlagagenturdame sagt: Wieviele Stockwerke hat die Filiale denn? Damit wir berechnen können, wie groß der Verschlag sein muß. Und der Saturnmann sagt: Drei! Oh, sagt die Verschlagagenturdame, da brauchen wir den großen Verschlag, aus Stahl, mit fünf Windungen! Gleich sagt sie die Eröffnung einer zweistöckigen Filiale in Bochum ab.

Der schwarze Hubschrauber klopft indeß an- und abschwellend, und wenn sich die Menschen irgendwo ungesund zusammenklumpen, wo kein Verschlag ist, kommt er näher und macht Wind.

Ich trage mich mit der Absicht, ein elektrisches Gerät zu kaufen. Ich gehe aber in den Media-Markt, im Alexa, wie man sagt. Im Alexa schieben sich die Menschen durch die Gänge und telefonieren. Ich verstehe nicht, was sie sich an ihren Telefonen sagen. Ich bin jetzt am Alex, bist Du schon angezogen? sagen sie. Das kommt mir erfunden vor, was die da reden.

Ich nehme meine Absicht, mir ein elektrisches Gerät zu kaufen, schon im zweiten Stockwerk des Media-Markts kaum noch ernst. Statt dessen fange ich an zu grinsen. Ich bin ehrlich geflasht von irgendwas, das ich nicht benennen kann. Ich grinse bis ins vierte Stockwerk hinauf, und dann grinse ich die drei Rolltreppen wieder hinunter. Auf der Rolltreppe grinse ich die Leute an, die überhaupt nicht verstehen, wie ich bei dem Gewusel grinsen kann, zumal sie einen Fernseher zu schleppen haben, den sie gleich bezahlen müssen. Die Leute, die ich angrinse, sehen überwiegend gemein aus, und manchmal spektakulär schön, auf ganz unerwartete Arten. Ich grinse aber, ohne Unterschiede zu machen. Ich verstehe das Kategoriesystem im Media-Markt nicht — überall gibt es Bildschirme, aber die einen heißen „Digitale Bilderrahmen“, die anderen „Home Cinema“, wieder andere „DVD-Player“ und nochmal andere „Computer-Zubehör“ oder „Espressovollautomaten“. Vielleicht sollte man sie einfach nach Größe ordnen. Nur die Dyson-Staubsauger haben weder Beutel noch Bildschirme. Ich will niemanden fragen, wo mein gesuchtes elektrisches Gerät wohl einsortiert sei. Diesen Triumph gönne ich dem Media-Markt nicht, daß ich zugebe, daß ich hier etwas kaufen will.

Statt dessen gehe ich doch zu Saturn. Der schwarze Hubschrauber macht einen Abstecher über den Prenzlauer Berg und schaut, ob alle Kindlein schlafen. Bei Saturn grinse ich weiter. Saturn verwendet genau dieselben Kategorien wie Media-Markt nebenan, nur in Orange. Jemand hat vor die besonders großen Bildschirme gekotzt. Ein Saturnmann sagt ich hab schon angerufen, aber ich war noch nicht da, angucken muß ich mir das jetzt nicht. Im Saturn sind, weil er neu ist, mehr Alte, die gar nichts kaufen wollen, und nur eigensinnig sinnlose Pfade ablaufen. Ich sehe auf den Alexanderplatz hinaus, durch die großen Scheiben. Der schwarze Hubschrauber verschwindet hinter dem Fernsehturm. Er fliegt von rechts dahinter und kommt links einfach nicht wieder raus. Auf dem Platz haben sich die Massen versammelt, vor dem Kaufhofeingang ist ein Podium aufgebaut, mehrere Banner wehen, und einer hält eine Rede, aber die Lautsprecher verzerren zu stark, um zu verstehen, was er sagt. Die Menschen heben die Fäuste und brüllen.

Bald ist Sommer.

Link | 28. März 2009, 15 Uhr 55 | Kommentare (2)


Die Behandlung systemischer Zustände als spektakuläre Ereignisse macht es möglich, sie wie das Wetter zu denken, als etwas, das passiert — das ist die Infamie daran, wie jetzt über die Krise gesprochen wird, als handle es sich um ein großes Gewitter, etwas, das jetzt eben grade ist, und man muß in Zeiten der Krise, als eine Art Modevorgabe, dies und das tun, und man trägt deswegen also schwarz und spricht eine Weile lang mit soundsoviel Selbstkritik —

als wäre von vornherein egal, was gesagt wird, als sei immer nur die Frage gewesen, wieviel Selbstkritik in eine Rede hineingehört, als sei das der Irrtum gewesen: Wir waren nicht selbstkritisch genug in unseren Reden, jetzt ist Krise, da müssen wir selbstkritischer sprechen. Eine gute Rede, es war viel Selbstkritik drin.

Und dann die Behauptung, wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt: Dieselbe Infamie, in diesem wir — wir alle, alle! Auch diejenigen von uns haben über ihre Verhältnisse gelebt, denen man seit zehn Jahren erzählt, sie lebten über ihre Verhältnisse — denn solidarisch sein muß man in Zeiten der Krise! Kamps-Angestellte, seid solidarisch! Gebt zu, daß auch Ihr unreine Konsumwünsche hattet!

Eine einzige Sonderbehandlung gibt es, für die Manager. Denn die kassieren Boni. Wieder, wieder und wieder dieselben Sätze, Nachrichtensprecher, Politiker, Kommentarsalbader und die Sorte Intellektuelle, die im Fernsehen sind, ein vieltausendstimmiger Chor lallt daher: Die Manager kassieren Boni!

Die Verantwortung also teilen wir uns, denn das macht gefügig, wir müssen (denn es ist Krise) jeder für sich prüfen, was er tun kann fürs große Ganze, wo er Verzicht üben kann, aber (denn es ist auch eine moralische Krise) den Groll richten wir bitte auf die Manager.

Es ist ein schamanisches Spektakel. Das Böse, das da plötzlich in Gestalt eines Auftragseinbruchs ins Dorf eingefallen ist, muß ausgetrieben werden, die Schuld wird zusammenbeschworen auf den Häuptern der Sündenböcke, und die Dörfler sollen begreifen: Seht, es ist nötig, Buße zu tun, kehrt zurück zur Demut, achtet die Ahnen, verrichtet eure Gebete, lebt wieder nach den Regeln des Exportweltmeisterseins, dann schont uns das Böse in Zukunft.

Einmal mehr: Die Moralisierung von allem aus dem Spektakel.

Das Mantra vom Widerspruch:

Nein, ich bin nicht verantwortlich für die Weltwirtschaft.
Nein, ich bin nicht stolz darauf, wieviel irgendjemand exportiert.
Nein, es macht nicht schuldig, mehr zu verdienen als ich.
Nein, ich werde nicht verzichten, denn nichts liegt mir näher als meine Wünsche.
Nein, ich befinde mich nicht in einer Krise.

Ich verstehe, warum sich die Dinge entwickeln, wie sie sich entwickeln.
Es hat nichts mit meiner Demut zu tun.
Es hat nichts mit den Gehältern der Erfolgreichen zu tun.
Es hat nichts mit harter Arbeit oder Faulheit zu tun.

Es hat mit politischen Entscheidungen zu tun.

Politische Entscheidungen werden nicht von den Politikern getroffen, sondern von Leuten, die kämpfen oder einverstanden sind, die ihre Interessen vertreten oder nicht.

Link | 25. März 2009, 9 Uhr 52 | Kommentare (1)



don’t have to be
beautiful but it helps

Link | 22. März 2009, 23 Uhr 45 | Kommentare (1)


Sand, Gräser und keine Ziele.

Link | 21. März 2009, 11 Uhr 22


Ich glaube, ich habe dieses Notebook grade wirklich aus dem Backofen geholt. Kann es sein, daß wir schon dezent angesoffen waren, als wir hier losgegangen sind?

Link | 20. März 2009, 3 Uhr 31 | Kommentare (2)


Hallo, wir sind Facebook, und wir machen jetzt Twitter nach. Die coolen Jungs nachzumachen macht bekanntlich cool, hm?

Wir werden Twitter also immer ähnlicher. Bloß daß hinter Facebook üble Gestalten stehen und die Seite von sechzehnjährigen Schwachsinnigen ins Deutsche übersetzt wird, damit ihr sie versteht.

Wir saugen die Einsamkeit auf, die ihr nicht zugeben wollt, wir saugen sie ein, damit Google sie nicht sieht. Es gibt nichts wertvolleres als eure uneingestandene Einsamkeit, und das ist die ganze Wahrheit hinter „social web“. Verratet’s nicht Google.

Link | 15. März 2009, 13 Uhr 41 | Kommentare (2)


Eine weitere Telefonnotiz, die während Susanne Heinrichs Lesung im Oberkeller der Moritzbastei entstanden ist, als sie etwas erwähnte, das über den Köpfen ihrer Figuren schwebte:

Ein Raum, groß, hoch, Stuck, sommerliches Licht, Nächte, etwas kann unter der Decke schweben, man weiß es nie. Dünne Teppiche, Abendwind, eine Stadt, eine Etage

Ich weiß nicht, ob Sie diesen Raum sehen können, die weitgeöffneten Fenster spüren, die feuchte Abendluft riechen, merken, wie weit die Decken sind, das leichte Schwanken des Lüsters, die Fadenscheinigkeit der Teppiche, das dunkle Holz wackliger Salonmöbel, und wie die Luft durch die weiten Fenster zieht und unter der hohen Decke ein Dunst ist —

Link | 15. März 2009, 0 Uhr 22


Die Luft war mild, an diesem Samstag, was man von mir nicht sagen konnte. Am Tag drei nach dem Einbruch und dem Diebstahl aller meiner Rechner, und nach zwei Tagen Buchmesse, war ich endgültig aggro. Ich hatte die Schnauze voll vom Nettsein und Leuteverstehen. Ich hörte in der U-Bahn, auf dem Weg zu Gravis, Kazuki Tomokawa und las Dietmar Daths „Für immer in Honig“, das mir sein Verleger in Leipzig geschenkt hatte, nachdem ich ihm erzählt hatte, daß ich „Cordula killt Dich!“ besitze. Hergott, dachte ich in der U-Bahn, irgendwann kommen wir euch einfach den Arsch aufreißen, ihr Dumpfbacken. Das war etwas übersimplifiziert, und die Räuber meiner Rechner mit den Elendiglichkeiten des Geschäfts zusammenzudenken war kaum zu verantworten. Aber ich war nicht in der Stimmung für Kritik und sorgsame Mülltrennung. Ich war in astrein schwirrköpfiger Zombotiker-Gemetzel-Stimmung.

Nachts zuvor hatte ich in mein Telefon hineingeschrieben:

Ich kann eure Eitelkeit riechen
Die alles ist, was euch treibt
Euren Mangel an Stolz
Eure leerlaufende Intelligenz
Die sich Ziele sucht

Ich will eine Großzügigkeit schauen
Die ich annehmen könnte
Weil sie mich nicht zu erziehen versuchte
Und mir nichts erklärte

Ich will mich irren
Daß meine Gescheitheit nutzlos sei
Und ausgelacht werden von dir
Wenn du mir ins Haar fasst
Weil das so viel plausibler ist

Link | 15. März 2009, 0 Uhr 17


Jetzt habe ich glatt eine Stunde verschlafen.
Oder nein, es könnte sein, daß das nicht ganz wahr ist.
Möglicherweise habe ich sie vertrödelt.

[Und dann der sandfarbene Riß durch die Weite]

Link | 9. März 2009, 10 Uhr 12 | Kommentare (1)


Nächste Seite »