Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

schon als der ganze Unfug losging hörte man mich unken, daß die einzige Möglichkeit, den von der Regierung gesetzten diskursiven Rahmen noch zu sprengen, eigentlich Kinderficker Pride wäre. Wer in jedem Kommentar absätzelang betont, wie zweifellos schrecklich Kindesmißbrauch ist, ist bereits in der Falle des Familienministeriums, weil er das Problem als akutes politisches Problem akzeptiert — und zudem sich in vorauseilendem Gehorsam gegen einen lauernden Verdacht verteidigt, der, im persönlichen Umgang angedeutet, ziemlich handfesten Ärger nach sich ziehen würde.

In der ZEIT ist immer wieder vorgemacht worden, wie man in diese Falle tappt. Politisch wacher, und deswegen erwähnenswert, ist der Text von Bernd Ulrich über die Piratenpartei, der allerdings so tut, als hätten sich die Piraten ihr Schlachtfeld ausgesucht — als sei die Partei und ihr Gestaltungswille zuerst dagewesen und nicht das Gesetz, das die Kräfte mobilisiert hat, aus denen sie sich jetzt formt. Interessant an Ulrichs Text ist allerdings vor allem der Verweis auf die Nürnberger Indianerkommune, die mir bislang unbekannt war. Die Grünen, so scheint es, hatten ihre Kinderficker Pride-Bewegung damals also durchaus. Und da zeigt sich, warum die oft, gerade von Piraten, behauptete Parallele zwischen Piratenpartei und Grünen zweifelhaft ist: Die Grünen waren die politische Manifestation einer Bewegung der radikalen Infragestellung. Die Piraten dagegen sind eigentlich stockbrav. Sie haben in Sozialkunde aufgepasst und fordern die Einhaltung der Regeln ein, die man ihnen beigebracht hat. Ihre Existenz ist zweifellos das schönste Kompliment, das der alten Dame Grundgesetz zum 60sten gemacht werden konnte.

Auch und gerade die Positionen zum Urheberrecht, die ich gehört habe, bezeugen, wie sehr die Piraten Produkte der herrschenden Ideologien sind: Unter liberalen Werten versteht man auch bei den Piraten, sobald es nicht mehr um bürgerrechtliche Positionen geht, vor allem eine kaltschnäuzige „nicht mein Problem“-Haltung zu den Folgen eigener Forderungen und Handlungen. Oder, um es in Piratendeutsch zu sagen: „Wirtschaft net verstanden?“ Eine Partei für diese Haltung jedoch gibt es schon. Wenn alles, was die Piraten von der FDP unterscheidet, der blanke Wille zum Download und die Abwesenheit von Guido Westerwelle ist, gibt es eigentlich nur noch einen Grund, sie zu wählen.

Bleibt die merkwürdige Pädophilen-Parteigründungs-Symmetrie, auf die Ulrich hinweist: Die Grünen gründen sich aus einer Befreiungsbewegung heraus, die so ungeordnet und toleranzversessen ist, daß auch Leute mit sexueller Vorliebe für Kinder kurz denken dürfen, eine Plattform gefunden zu haben; die Piraten gründen sich im staatstragenden Widerstand gegen Gesetze einer Regierung, die die Pädophilen als Phantome erweckt — vermutlich nicht einmal in boshafter Zensurabsicht, sondern einfach aus sich langweilendem Gesetzgebungswillen. (Das Ministerium für Familie und Gedöns verträgt keine ehrgeizigen Politiker. Wir leben in Zuständen, in denen Aktionismus der Grundmodus der Politik ist. Und anders als 1980 ist das Klima ja keinesfalls so, daß Pädophile sich aus dem Dunkel ihrer strafbaren Neigung ans politische Licht wagen und testen würden, ob nicht auch sie sich einen Platz, als reguläre Perverse, wie jedermann, erkämpfen können — man musste sie ja neu erfinden für die Öffentlichkeit, Weapons of Mass Molest, PR-Material für den Beweis, daß die Regierung für das Gute wirkt, weil die verdammten Kerle einfach nur immer im Rahmen des längst Verbotenen, und also politisch Witzlosen, Straftaten begingen.)

Der Umgang mit Pädophilie bleibt umkämpft am unscharfen Rand dessen, was die freiheitliche Gesellschaft erträgt. Als sexuelle Kondition prinzipiell legitimiert, als Mißachtung der allerelementarsten Selbstverständlichkeiten des Umgangs von starken Menschen (Erwachsenen) mit schwachen Menschen (Kindern) prinzipiell geächtet, taugt das Thema offenbar immer als Katalysator politischer Kräfteverschiebungen.

[siehe z.B.: Frank Schnieder, Von der sozialen Bewegung zur Institution?]

Link | 4. Juli 2009, 18 Uhr 47 | Kommentare (3)


Nach Erfahrung mit beiden Seiten lässt sich die Vermutung bestätigen: Unter den Grundhaltungen der Unfertigkeit ist Traurigkeit der Tatkraft überlegen. Nur sie erlaubt den verbindenden Zugriff des Zufalls, hinter dem sich Bestimmungen verbergen, die unabsehbar sind und unerdenkbar wären — die Tatkraft, die sich verschafft, was sie will, scheitert immer an der Beschränktheit ihrer Phantasie, und, schlimmer, an ihren faden Erwartungen, die sie über alles legt, was als Folge ihrer Taten geschieht. Nur der Traurige ist überraschbar, und nur der Traurige ist zu jener Aufmerksamkeit fähig, die ihm den Zugang erlaubt zu den komplexen Erregungen seelischer Substanz, zum Wüten der Geschichte in uns, das wir verstehen müssen und gestalten und besprechen, um es zu ertragen.
Die Traurigkeit ist bereit und ungeschützt, eine Berührung mit ihr beginnt explosionsartig (der Traurige zögert deswegen die Berührung hinaus, nur Distanz kann ihn schützen). Die Tatkraft dagegen hat eine feste Oberflächenstruktur, eine Berührung mit ihr ist Reibung.

[Iterationen]

Link | 4. Juli 2009, 11 Uhr 01 | Kommentare (2)


[dagegen: ] — und dann dieser weitverbreitete Tonfall leicht melancholischer Unberührtheit: Ach ja, wir sind eben so, jaja, Produkt der Medien, können uns nich wehren, nu-so, jaja, ach, Dooffernsehen ist natürlich eigentlich doof, und so, aber ach, jaja, wir gucken halt alle, kicherkicher, wir sündigen da ganz frech, nu was, och je, na dann, was soll’s, nich wahr?

[eine tantige Unzerstörbarkeit, die Schnaps aus Steingutflaschen nachgießt // überhaupt Unzerstörbarkeit]

Link | 3. Juli 2009, 23 Uhr 53


Das Lustige ist: Es ist nicht nur Paranoia. Genau so ist es nämlich, ich hatte diesen Eindruck von Anfang an.

Link | 3. Juli 2009, 21 Uhr 26


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