Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

ich weiß nicht einmal mehr, ob Zeit vergeht (siehe Metadiskurs Wiederholung): ich kann das Bedürfnis, zu schweigen, nicht unterscheiden vom Bedürfnis, die Sprache in Ordnung zu bringen, jeden einzelnen gesagten Satz herzunehmen und in Gründlichkeit zu walken, bis er präzise und wahr wird (was man die vollständige Sprechaufgabe nennen könnte: Alles auszusprechen, und zwar in wahr).

Das Falsche (lauernd: IRRTUM) ist immer präsent in diesen abstrakten Begehren, es bildet den rauschenden Hintergrund der Expansion — und darum ist das alles ein Knoten, der es nicht überstünde, wenn das tägliche Tun den Zug lockerte. Ob ich mir eine Lodenhose machen lasse (ich lasse mir eine Lodenhose machen) ist beispielsweise nicht relevant: Ich werde einige Jahre in einer vermutlich vorzüglichen Lodenhose verbringen, sie wird in den Fluß der Dinge um mich her eingehen, der Gletscher wird sie wälzen und schließlich in einer Seitenmoräne ablagern — vermutlich in der Kiste mit den Pinseln und leckenden Terpentinersatzdosen.

Es vergeht also keine Zeit, nur die Umwälzung der Dinge vollzieht sich: Ich warte auf nichts bestimmtes, ich warte ohne den Glanz einer Erwartung: Es soll mir etwas geschenkt werden, das ich nicht kenne, ich kann es also nicht begehren. Der Fortschritt selbst langweilt mich, ob ich mich in einem Zeitalter der Röhrenmonitore (und der knisternden Fernseher) befinde oder in einer Ära, in der der Putz an den Häusern hält und das Wort „Wikipedia“ bedeutsam ist, ist wirklich nicht besonders interessant.

(Sicher ist, daß das Private eine neue Form von Schutz genießt: Die Unfähigkeit der Welt, es zu lesen — das ist keine Klage, im Gegenteil.)

Link | 20. Oktober 2009, 22 Uhr 42 | Kommentare (12)


und die leere knisternde Scheibe
des kalten Fernsehers
glubschte gewölbt
und die uhren setzten
einen takt aus

drei Zeiger
besannen sich
dann kamen sie zurück

Link | 20. Oktober 2009, 20 Uhr 49


Die schöne, relativ große, gut angezogene Frau, gegenüber im Zug: Wie viel älter als vierzig mag sie sein? — Papiere, die sie einer mädchenhaften rosa Notebookhülle entnimmt: Mit dem Logo der Bundesregierung. Als sie schläft, den leichten Eisenbahnschlaf routinierter Reisender schläft, ein Leichtigkeit-des-Seins-Moment: Sehr ungeschützt zittert sie, ihre schon alternden Züge entspannen sich, sie wird um Jahre jünger. Später, im Tunnel, sind Druckunterschiede auszugleichen. Sie legt beide Hände leicht an ihre Wangen, Mittelfinger auf den Ohren. Sie bewegt die Lippen — spricht sie, sehr leise, mit jemandem auf dem Sitz gegenüber, den ich nicht sehen kann, beiläufig? Es könnte ein Gebet sein, ein vornehmes, ruhiges Gebet, eine Zwiesprache mit dem Maximal-Entfernten.

(Wie ich es genieße, zu reisen, auch wenn es nur nach Frankfurt ist. Endlich bewege ich mich und bin heraus aus dem Erdloch, die tödliche Erdlochsitzerei ist zu Ende, ich bin wieder ein Chum of Chance, die Erdgebundenen haben keine Macht mehr über mich. Meine Aufbruchsroutine am Hauptbahnhof, die Sonne am Ende des Bahnsteigs, das munter wackelnde kleine Bäumchen, das nicht aufs Gleisbett gehört, sich aber eine hinreichend unzugängliche Stelle ausgesucht hat –)

Der Rauch, der eine halbe Stunde vor Göttingen auf dem flüssigorangenen Streifen zwischen Schwarz und Horizont nach Süden steht, ist ein Ornament von unfassbarer Präzision.

(Auf den Bildschirmen der Leute: Das entbehrliche Wollmützengesicht von Adam Sandler.)

Link | 15. Oktober 2009, 21 Uhr 40 | Kommentare (2)


Das Kristallin-Glitzernd-Eisige, das in Wirklichkeit gar nicht so stattgefunden haben kann, dazu war es zu dunkel — vielleicht einen winzigen Nachmittags-Moment lang — aber im Gedächtnis sind kalte Kristalle über die Dinge gewachsen, Eiszapfen leuchten tropfend im Gegenlicht.

Link | 13. Oktober 2009, 0 Uhr 41


ein Aufleuchten zwischen zwei Toden
vor der Pflicht gerettet
im Oktoberlicht
bleiben können
bleiben müssen
eine Küche und nichts außer der Küche

Link | 10. Oktober 2009, 9 Uhr 30


Man kann auch an die verregneten Tage in Charlottenburg denken, die damals dem Sommer folgten — Curry und Sisal, Sie wissen schon, Dunkelheit, Seidenvorhänge und sexuelle Möglichkeiten. Die Erwartungsspannung dieser Tage war ähnlich, als warte die Welt nur darauf, uns an die Hand zu nehmen und eine Kellertreppe hinabzuführen, uns der Oberfläche zu entrücken, wo das sinn- und geschmacklose Treiben für eine Weile ohne uns weitergehen mochte.

Link | 3. Oktober 2009, 17 Uhr 01


Haltungen zur Welt: das glückliche Einverständnis mit dem Aufleuchten des Realen (Barthes), auch: Die passive Jagd. Dagegen: Die politische Haltung. Politische Haltungen: Politik des Ego (eigenen Zielen folgend), Politik der Ideen (solidarischer oder ästhetischer Natur), Antipolitik (Vermeidung der Erreichung von Zielen, aus Ennui oder Verachtung).
Die Frage, die die Sinnfrage vollständig ersetzt: Wie ist eine Überlagerung der beiden Haltungen möglich?

Link | 3. Oktober 2009, 13 Uhr 47


„Ich bin“, sagte sie, sich ärgernd über die väterliche Art des gar nicht so viel Älteren, zu mir, „in vielerlei Hinsicht erfahrener als Du.“ Das, dachte ich, mag wahr sein, aber die Autorität, mit der ich dir widersprochen habe, kam nicht aus der Erfahrung, sie hatte eine andere Quelle: Da sind wir wieder, beim Thema der Unschuld. Wir sind ja in keinem Rennen um den größeren Grad der Desillusionierung, nicht einmal im Sinne einer Pragmatik. (Die Illusionen sind nur schädlich, wenn sie von schlechter Qualität sind, wie man sie am Kiosk kauft zum Beispiel.) Unsere Meinungsverschiedenheit beruht nicht auf einem Unterschied der Erfahrung, sondern auf einem der Absichten.

Link | 3. Oktober 2009, 11 Uhr 30