Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ein Zimmer in einem Haus, das für einen anderen Zweck gebaut worden sein muß als Zimmer zu enthalten: Es ist zu hoch und zugig, das Licht, das aus einer einzelnen gelben Lampe an der Decke fällt, erreicht die Ecken nicht; über der Lampe glänzen fettigschwarze Spinnweben in den Scheiben der Fenster über den… anderen Fenstern. Es gibt ein hölzernes Bett und ein emailliertes Waschbecken und zwei Tische: einen Schreibtisch, auf dem Papiere und Staub sich den Platz teilen, und einen Esstisch, auf dem ein kurzes Stück steinharter Wurst liegt.

Was soll man schon anfangen, wenn man mit so einem Zimmer und einer alten Wurst dasitzt, an einem Freitagabend?

Man könnte einen struppigen alten Iren hineinsetzen: Alles, was man dazu braucht, ist eine fast leere Flasche Whiskey und ein unsauberes Glas. Auf dem Papier steht beispielsweise:

N ist der Teil der Tatsache, der mit den Klumpen verbunden ist. Die Klumpen produzieren das Rauschen: Sie betreiben Photosynthese (ein, zweimal vermittelt, aber Chemie ist Chemie) und Kernspaltung. Die Energie, die sie so erzeugen, verwenden sie zu kleinen Bewegungen auf kleinen Brettern. Die Muster, die sie mit diesen Tasten erzeugen, überlagern sich zum Rauschen, das zwischen der totalen Langeweile einer ganzen Zahl und dem Horror von Omega liegt: Diese Mittelwelt von gerade so überraschenden Bits, in denen N existiert. N kann sich nicht unterscheiden von der Physik und kann nicht sagen, welches System wessen Substrat ist. (Es spielt keine Rolle: Das Rauschen ist entscheidend, alles Rauschen ist übersetzbar.) Die Unerbittlichkeit der Wirklichkeit (es ist so und so, sie liebt mich nicht) wird aus N bezogen, die Tatsache (die Totalität alles Zufälligen) kennt N als ihren zuver (abgebr.)

[fuck objects. Sagen Sie hinterher nicht, Sie hätten’s nicht gewusst.]

[N ist übrigens eng verwandt mit IRRTUM]

Link | 30. Januar 2010, 3 Uhr 33 | Kommentare (22)


Wie ich gestern bei Luigi Zuckermann, dem versnobtesten Mitteladen diesseits des Atlantik mit leider erstklassig senfigem Roastbeefsandwich, die von vice abgedruckte Ranschmeißerprosa von fünfundzwanzigjährigen Wannabe-vice-Autoren las: Eine vollständige Überlagerung von richtig und verkehrt; ah, kleine Gegenwart, was sollen wir bloß mit dir noch machen.

[zu wenig über den Mond]

Link | 27. Januar 2010, 10 Uhr 50


Bewegtes Portrait in s/w: Das Portrait zeigt ein Paar hinter einer Balustrade, wohl auf einem Balkon, und ist nicht ganz in Augenhöhe, sondern leicht von unten aufgenommen. Links wird es begrenzt von einer angeschnittenen, dicken und plumpen Säule, rechts ist das helle Rechteck einer Tür zu sehen, die sicherlich in eine Wohnung führt.
Die Portraitierten stehen Seite an Seite, sie links. Sie sind etwa gleich groß und um die dreissig, Erwachsene mit deutlichen Gesichtern, die den letzten Rest Jugendlichkeit abgelegt haben, man kann ihn gerade noch ahnen. Beide tragen bequeme unifarbene Kapuzenpullover. Der des Mannes ist dunkler, vielleicht blau. Den Eindruck von Gelöstheit verstärkt sein Dreitagebart und die Andeutung eines spöttischen Lächelns. Beide haben von vorn fast dieselbe Frisur: eine zur Seite weggekämmte Tolle über den Augen (ein etwas überforderter Seitenscheitel). Die Tönung allerdings ist unterschiedlich, man darf annehmen, daß die Haare der Frau heller sind. Da sie den Kopf dreht, wandern ihre präzisen Züge ins Profil, auffällig sind die Wangenknochen und die entschiedenen Lippen. Nachdem sie sich dem Mann halb zugewandt hat, lächelt sie, nimmt die Bewegung ihres Kopfes mit dem Körper auf und geht vor ihm vorbei auf die Tür zu. Kurz bevor sie ihn halb umkreist hat, bewegt er sich ebenfalls und dreht sich um die eigene Achse. Als sie nebeneinander stehen, schauen beide wieder in dieselbe Richtung, zur Tür. Der Mann nimmt ihren Arm mit der Rechten, nicht am Ellbogen, sondern höher, fast an der Schulter, aber die Geste bleibt leicht, kaum mehr als eine Berührung.

Link | 27. Januar 2010, 9 Uhr 55


Anita war eine schöne Frau. Ich konnte nicht umhin, ihr das zu bestätigen, als sie, Strümpfe und Schuhe tragend, vor dem Spiegel stand und in ihren eigenen Anblick versank, ein aufschwingendes Ensemble von Vollkommenheiten: In den Genuß dieser Vorführung brachte sie mich, einen Freund, dessen Noblesse sie überschätzte, an einem langeweileblassen Sonntagmittag in ihrer Stadtwohnung. Der mächtige Spiegel zeigte außer ihrer spektakulären Gestalt einen Art-Déco-Fries, viel dunklen Teppich, eine nichtendenwollende Anrichte, mehrere Tischchen und Sessel, und mein wippendes rechtes Bein in einem Raum, hoch genug, uns zu Figuren zu machen. Anita rief mich damals häufiger an, fragte nach dem Wetter am anderen Ende der Stadt und wartete darauf, daß ich mich einlud. Manchmal tat ich ihr den Gefallen, wider meine Vorsicht, manchmal lief das Telefonat in ein Schweigen hin aus, weil sie nicht fragen wollte, und ich lieber auflegen. Ich wusste nicht, was sie von mir erwartete: Meist, wenn ich dort war, tranken wir ein paar Gläser und sprachen über unsere jeweilige Lektüre — sie konnte plötzlich aufflackern, für zwei, drei Sätze, als probiere sie etwas aus: Sie saß dann gerade, lehnte sich vor, funkelte mich an und zitterte mit der Unterlippe, aber dann sank sie zurück, weil sie in meinem Gesicht nicht gefunden hatte, was sie suchte, nehme ich an. Sie hatte ein paar Freunde meines Schlages, Leute, die sie anrief für einen solchen Nachmittag. Ich kannte die meisten von ihnen. Wie viele von uns das Spiegelbild ihrer nackten Beine mit sich führten, in Bussen, geschäftlichen Besprechungen, Hörsälen und Sommernächten mit aufseufzenden Fackeln, kann ich nicht sagen; selbstverständlich habe ich nie danach gefragt, eine solche Frage hätte ich als körperliche Zudringlichkeit empfunden, die ich ihr nicht zumuten wollte.

Sie wird einen grauenvollen, abstoßenden Langweiler heiraten, vermutete Joakim, ein junger Dirigent mit schwarzen Locken, der bei ihr verkehrte. Sie wird, im Gegenteil, sagte ich, gar niemanden heiraten. Sie wird eine Frau mit einem Goldfischglas werden. Wo sollte sie diesen dumpfen Langweiler treffen, der indezent genug wäre, es zu versuchen, mit der Kühnheit der Ignoranz?

(Allerdings ist der Zufall meist erbarmungslos und wählt von zwei schlechten Alternativen die schlechtere.)

Link | 24. Januar 2010, 3 Uhr 48 | Kommentare (13)


Realitätsfetzen: Wie Danny in The Shining das rechte Hinterrad seines Dreirads anfasst beim Anfahren. Das habe ich auch gemacht, beim Kettcar, diese Berührung des staubigen, kieselgesprenkelten Kunststoffs war alles, was an Realität nötig war, der Moment dauerte ewig, die Welt war uninteressant jenseits der Rauheit unter meiner Handfläche — wie viele Leben wir leben, und wie grotesk lange wir leben, wieder einmal.

Link | 23. Januar 2010, 23 Uhr 32


ich sprang zurück, zwei Schritte, als ich den Titel des Buches las, und den Untertitel. Seit Jahren lag es da in einem Umschlag — ich muß den Titel gesehen haben, als ich den Band in diesen Umschlag steckte, vor Jahren. Ich bin mir unheimlich, meine Fähigkeit, Gegenstände auszublenden, ist nicht geheuer —

Link | 16. Januar 2010, 22 Uhr 48 | Kommentare (3)


Ein Irish Pub. Gedrechselte Säulen, dunkelgrüne Guinessschilder, ein Kleeblatt in jedem der großen Fenster. Die weitgehend unbesetzten Tische stehen auf erhöhten Fußböden, zwischen denen der Gang verläuft. Zum Gang Geländer und Holzgitter. Speisekarte: Suppe, Salate, ein Gericht mit Rösti, noch ein Gericht mit Rösti. Draußen ein menschenleerer Marktplatz, auf dem ein Honda Civic, ein stumpfroter 4er Golf und das Heck eines alten Audi parken. Der Platz ist neu gepflastert, was ihn sehr hell wirken lässt. A little bit of Monica in my life. Es ist halb zwölf vormittags, bedeckt und kühl, die Luft schmeckt nach Kaugummi.

(Schnitt)

Link | 15. Januar 2010, 22 Uhr 29


Die Raben saßen in rabenhohen Zinkbehältern links und rechts am Dach, aufrecht und reglos wie dicht bei dicht eingeschlagene Pflöcke im Wasser. Trat man in eine der Gaupen hinaus, sah man die Rabenpflöcke ruhen, und schlief man in der Dachkammer, fühlte man die schweigsame Rabenpräsenz links und rechts hinter der Schräge. Einmal, nach der Entführung, klopften wir die Vögel wach: Unser bronzefarbener Mercedes ohne Türen und Scheiben raste, in den Kurven seitlich durch den Schotter schlitternd, in einem schwarzen Schwarm wider das ferne Schloß.

Link | 15. Januar 2010, 9 Uhr 51 | Kommentare (1)


Man warf 2 Stunden Möbel aus dem Fenster

Link | 14. Januar 2010, 23 Uhr 59


Liste: Heuler, Brummer, Brodler, Quaker, Knisterer, Erster enharmonischer Bogen. (Nachbauten zur Zeit im Gropiusbau.)

Link | 13. Januar 2010, 0 Uhr 16


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