Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

n+1: Internet as social movement. Entscheidende Perspektive, erkennbar vorbereitet von Herrn Lanier: Das Web ist keine Technologie und kein Medium, sondern eine Konfiguration von Verhaltensweisen und Glaubenssätzen: Das Netz ist etwas, das sehr viele von uns tun, und wie sie es tun.

In diesem Sinne sind meine einsamen Nachtwachen hier längst nicht mehr Teil des Netzes, mit der Sorte Text, die hier ab und zu aufsteigt, und den wenigen zurückhaltenden Kommentaren behutsamer Menschen. Wir waren Teil des Netzes, vor einigen Jahren, aber wir sind lange überholt worden von neuen Verhaltensweisen und Glaubenssätzen: Wir wurden, auf den Barrikaden der Revolution, als Reaktionäre entlarvt.

Das trotzige Festhalten an Textformen, aber auch an visuellen Zeichen, verweist heute auf die Abgelegenheit dieser Domain. Allerdings ist sie noch erreichbar für das Netz: Wenn ich über die Piraten oder Kathrin Passig schreibe — Leute, die weiter nach vorn stürmten, als die Revolution über die Barrikade ging, der Kraft ihrer Mittel gewiss — rücken die Vigilien für einen Moment zurück ins Licht: Als konservative Stimme zwar, aber als kommentierbares Fragment: Der Kommentarmob sagt seine Stanzensätze, Zustimmung und Ablehnung, und er hat auch unvermeidlich persönlichen Rat für mich (braucht ja die Wikipedia nicht zu benutzen, soll er halt bei seinen Büchern bleiben, was regt er sich so auf, er hat ein Schnupftuch): Da bin ich dann, zurück auf der Höhe der Zeit, das Verhaltensmuster Internet erstreckt sich für einen Moment auch auf mich. Andere haben keine Schnittstelle mehr, niemand kommentiert zum Beispiel Max Valier, der erstens sei 1930 tot ist, zweitens weitgehend noch nicht digitalisiert, und drittens nicht anschlußfähig: Es würde Mühe machen, eine Meinung zu seinen Behauptungen zu haben. Der Kommentar ist aber mühelose Meinung.

Kommentieren ist die wesentliche Verhaltensweise des Netzes geworden: Das kurze Sich-in-Beziehung-Setzen zu fremden kulturellen Artefakten, nur die Erregungspotentiale aus momentan hochgespülter, fremder ästhetischer oder intellektueller Substanz nutzend. Über den Ideologie der Beteiligung, die dieses Verhaltensmuster (Beteiligung ohne Erziehung), glorifiziert, muß kein Wort verloren werden, es ist wie mit jeder Ideologie, deren Zeit gekommen ist. Sie ist traurig und wird später traurig erscheinen, aber im Moment macht dich Widerstand zu einem Gestrigen, der du nicht sein willst: Die Zeit macht ihr Ding und du steckst mit drin. Interessant ist aber die Frage nach dem Schönen in der digitalen Totalen: Gibt es eine echte Verheißung? Nicht den lärmenden Unsinn der Transhumanisten, der nicht verlockend für einen Menschen, sondern nur irgendwie krass und interessant ist, nein: Die ruhige Sorte. Was soll uns das Netz verheißen, wenn nicht die Gegenwärtigkeit gebildeter, also kommunikationsfähiger Geister? Und: Gibt es eine Entsprechung zu den Reflexionen des Wassers unter der Brücke, wenn es eine Entsprechung zur bolschewistischen Revolution gibt? Anders gefragt: Wie ist man im Netz gegenwärtig, aber nicht Teil des Irrsinns? Daß die süffisanten Vorkämpfer einen zum Reaktionär erklären, versteht sich von selbst, aber was ist das Kriterium, vor dem man selbst bestehen müsste? Kann man nicht mitgerissen, aber mit im Fluß sein, und weiter wahrnehmen, was die Ideologie hinter sich lassen will? Oder wird man unvermeidlich eine tragische Figur, wie Blok?

Targeted Advertising, das von Aufmerksamkeit für Ideen lebt (in neuer Terminologie aber: von Content), fängt bereits an, sich Content selbst zu schaffen. Solange wir uns in der Übergangsphase befinden und Content mit altem, klassischen Werbegeld produziert wird, kann Targeted Advertising an den so produzierten Ideen wachsen und mächtig werden. Es gibt aber einen kritischen Punkt: Irgendwann kollabieren die alten Produzenten. Targeted Advertising braucht spätestens dann neue Quellen von Content und schafft sie sich selbst: Content und Google-Spam konvergieren, alle Keywords sind gleich grau. Die Feedbackschleife, die dabei entsteht, ist offensichtlich, und die ersten Folgen davon sind ebenfalls schon zu sehen: Was hinreichend tief in der Weblawine steckt, wälzt nur die Langeweile des Targeted Advertising wieder: Texte aus Keywords. Ein Keyword heißt Keyword, weil man sich den Rest drumherum sparen kann.

Das Netz, das seine Apologeten aus dem Kitsch der Anfangstage heraus immer noch zur großen Diversitätsmaschine erklären, ist tatsächlich eine klassische Konformitätspumpe: Es isoliert Diversität an den Rändern. Big news.

Das Dilemma der alten Content-Produzenten ist ebenfalls gut beschrieben und verstanden. Sie haben keine Chance. Das bedeutet nicht, daß sie untergehen müssen, es bedeutet lediglich, daß ihr alter Modus, Ideen zu prozessieren, keine Zukunft hat. Einige von ihnen werden untergehen, andere werden Keyword-Lieferanten werden, wieder andere akzeptieren, daß ihre Leserschaft kleiner, seltsamer, und irrelevanter werden wird. Dieselbe Entwicklung wird uns in vielen Fällen, wo die Bewegung zum Zentrum, also zur kommerziellen Relevanz hin stattfindet, von politischer Einflussnahme erlösen (wie die Netzapologenten nicht müde werden zu betonen) — eine andere Art, dasselbe zu sagen, ist: Das Kapital entledigt sich der Ideen, und der Gefahr, daß sie möglicherweise falsch sind, auf dem Weg zu unseren Bedürfnissen.

Ist Google also böse? Nein. Nur ein Teil von jener Kraft. Ein Klassiker.

Wie gehabt agieren das Kapital und seine Kritik nicht im selben Medium: Das Kapital liest und schreibt Keywords, seine Kritik produziert Sprache. Und wie gehabt ist das ein Grund zur Klage, aber keiner zur Verzweiflung: Niemand stört uns, hier am Rand, wir sind erkannt als ungefährlich, viel mehr: als nützliche Lieferanten von Diversität. Wir dürfen gerne Ästheten sein, die Geschichte allerdings findet ohne uns statt. Sie wälzt sich weiter, wieder, unbewusst dahin, auch in unserer neuen digitalen Lebensform. Einen bürgerlichen Menschen, einen Menschen also, dessen Ideen geschichtswirksam wären, einen Bourgeois oder Sozialisten, wird es auch im Netz nicht mehr geben. Wir kämpfen nicht mehr für die Menschheit, sondern weiter ums Überleben der uns einenden und an die Ränder drängenden Sache: Des Bewusstseins, also: Der Fähigkeit, wahrzunehmen, was wir nicht brauchen.

Link | 2. Mai 2010, 13 Uhr 43 | Kommentare (6)


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