Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

am pool x

Link | 24. Juni 2011, 9 Uhr 11 | Kommentare (1)


Die Dunkelheit kam in zwei Phasen an jenem Abend: Zuerst in einem Gewitter, das die Stadt überfiel; die Dunkelheit wusch mit dem Regen zwischen die Blätter der Eschen, wo sie saß und lauerte; und dann, mit einem kalten Schütteln, goß sie sich aus in die Innenhöfe und Straßen. Für zwei Stunden zeigten alle Bildschrime Kacha Legrands „La Ligne“. Die Normalität der Nacht, zu der die Stadt danach zurückkehrte, war kaum merklich verändert, die Materie formbarer.

Link | 11. Juni 2011, 12 Uhr 27 | Kommentare (1)


Zwischen den Schatten einer unübersichtlichen Sammlung geometrischer Buchsbaumfiguren Kühle und Kies.

Im Gebäude dann Büros voller metallener Ventilatorensonnen und Schreibmaschinen, bevölkert von den vogelhaften Gestalten einer erfrischend ineffizienten Bürokratie, die allenthalben locht, stempelt, heftet und spricht, ohne je damit mehr zu erreichen als die tiefe Befriedigung aus vertrauten, erfolgreich sich vollziehenden Verrichtungen und das Gefühl der freundschaftlichen Verläßlichkeit von Kollegen, die, ständig am überfüllten Kühlschrank eine kühle Zitronenlimonade erbrütend oder eigentlich zu alt für ihre Röcke, arglos der Zeit trotzen.

Link | 4. Juni 2011, 16 Uhr 08 | Kommentare (1)


Der Einzige von uns dreien, der sich auf dem prosanova so Recht wohl fühlte, war ich: Schon prinzipiell musste ich mich nicht verhalten zu meiner spezifischen Form der Anwesenheit, ich war also nicht eingeladen, nicht nicht eingeladen, oder entsandt, ich kannte niemanden aus dem Betrieb und erwartete nichts von niemandem. Ich war einfach nur da. Außerdem war ich so erschöpft nach zehn Tagen Bahnreise, die mich nach Freiberg, Nürnberg, Mühldorf, Biberach, Konstanz, und Mannheim geführt hatte, daß ich willen- und meinungslos auf dem Festivalgelände herumstehen und die Atmosphäre aufsaugen konnte.

Das prosanova 2011 fand auf dem Gelände der Mackensen-Kaserne in Hildesheim statt. Dort wird demnächst abgerissen, und die Stadt hatte den Veranstaltern das Gelände zum, nun, Spielen überlassen. Wie alle aufgegebenen Militäreinrichtungen hatte das Gelände etwas vage Russisches, und ich sah den Hubschrauberlandeplatz mit einer Ecke schon ein bisschen im Sumpf versinken zwischen Birken. Das Gelände war viel zu groß für das kleine Festival, was noch mehr russische Stimmung verbreitete: Da konnte man zwei, die mithalfen — eine berockte Kleine und einen wuschelhaarigen Jungen — einen zappelnden Einkaufswagen voller Teller eine Flucht zwischen Panzergaragen entlangschieben sehen, wobei sie kleiner wurden und immer knuffiger. Auf zwei Tischtennisplatten unter einem Baum wurde mit Büchern und Brieftaschen Wetz gespielt. Fetzen von am Tag zuvor zerrissenen Büchern wirbelten herum, ich griff ein Gespräch mit einem blasierten alten Grafen, das ich nicht identifizieren konnte. An mehreren Metalltoren gab es Kühlschrankpoesie, aber da fast nur Leute mit literarischen Ambitionen anwesend waren und sich gegenseitig beobachteten, war nichts entstanden außer schnell zusammengesetzten ulkigen Obszönitäten. Die Frau bei den Getränken hatte eine riesige Brille, keine Cola mehr da, und die Entschuldigung anzubieten, daß sie hier alle sehr verwirrt seien. Die Alternative war eine Kirschbrause, die haargenau wie Caprisonne Kirsch mit Blubber schmeckte. Es war alles ausgesprochen friedlich und nett, wenn man nicht dazugehörte.

Rabea Edel, die auch ihre friedliche Frisur trug, also nicht den krassen Rabea-Edel-Minimaldutt, sondern den Bob, aus dem der Minimaldutt gemacht werden kann, bereitete sich mit Acetylsalicylsäure auf eine weitere lange Nacht voll Blut und Sünden vor. Sonst erkannte ich niemanden, vielleicht ein paar Gesichter ohne Namen aus der zweiten und dritten Bekanntenhalo.

Ich hörte den Text „Wacht am Totengrund“ von Robert Wenrich, der im ersten Teil gescheit, atmosphärisch dicht und bilderstark seinen Imaginationsraum aufmachte, ihn im zweiten Teil dann aber leider mit Metaliteratur für Literaturleute füllte; es kamen da vor: Sinn und Sprache — das sind Worte der Poetik, die nur für Poeten Poesie haben. Da aber das Publikum aus Literaturleuten bestand, war der Text ein Beitrag zu einem engen Diskurs, aber ein Beitrag, und man fühlte sich wohl und beleuchtet. Die am Boden ausgelegten Neonröhren, die in der Dunkelheit der Halle flackerten, erhellten in kurzen Blitzen die ätherischen Gesichter wahnsinnig schöner junger Dichterinnen. Ich nippte am Caprisonnekirschblubber.

Das ist ganz klar ein Milieu, zwischen Leipzig und Hildesheim, abgeschlossen, sehr jung und sensibel, mit undeutlichem literarischem Auftrag, aber viel Antrieb. Die Literatur, die da entsteht, hat möglicherweise vor allem die Funktion einer Legitimation und sozialen Strukturierung dieser Existenzform, also: Die Gruppe muß außen Bücher produzieren, um sich innen zu ordnen. Ich überlegte mir, mit welchen Leuten ich wohl sprechen müsste, um dem schreibenden Festivalpublikum eine sich in den nächsten Monaten langsam entfaltende Idee einzupflanzen: Das Schreiben über Sprache, Sinn, und Figuren, die irgendwelche halben Krimis oder Existenzkrisen erleben, aufzugeben, und statt dessen nur Geschichten davon zu erzählen, wie eine Gruppe schöner, sensibler und talentierter junger Menschen auf einem aufgegebenen Kasernengelände Tischtennis spielt.

Link | 3. Juni 2011, 1 Uhr 40 | Kommentare (1)


Ich saß spätnachts mit dem Redakteur Daniel Windheuser und der Schriftstellerin Luise Boege im Keller eines Vororthauses in Hildesheim und las aus Tom Kummers „Blow Up“ vor. Wir trugen alle Schlafanzüge und versuchten, nicht dauernd versehentlich gegen den Bauernschrank zu bollern, der unser niedriges Verlies aus einer Ecke heraus mit dunkler Präsenz beherrschte und bei jeder Berührung einen Bauernschrank-Brummresonanzgong durch das papierdünn gebaute Vororthaus sandte, Kinder weckte und die ohnehin schon von einer undurchsichtigen Pünktlichkeitsmoral umgetriebene Vermieterin weiter erboste. Wir beklagten uns nicht. Wer in einen Vorort von Hildesheim zieht, weiß, mit welchen Kräften er sich einlässt.

Ich las lange und konzentriert, und erst als die Schriftstellerin und der Redakteur längst entschlummert schienen, löschte ich das Licht, bettete mich auf dem Rücken, lag wach und dachte über Tom Kummer nach und über den New Journalism und den Triumph des Geistes von Hildesheim.

Die Bilanz, als 2002 alles zu Ende ging, war wohl diese: Nett, aber eine elitäre Prestige-Übung ohne Auswirkung auf die Auflage, diese Posen interessieren die Menschen nicht — es gibt bekanntlich wirkliche Probleme. Das war die Stimmung in diesen Jahren überhaupt: Wir haben echte Probleme, Späße wie die Berliner Seiten oder das ZEIT-Magazin rechnen sich nicht in einer Welt, in der hinter jedem Busch ein Mudschaheddin mit einem Flugzeug lauert und, nach Jahren des Reformstaus die Hartz-Kommission endlich tagt, um die Kündigung des Mittelstandsfriedens der alten Bundesrepublik vorzubereiten. Die spielerischen Zeiten waren vorbei, es galt, sich in ein finsteres Jahrzehnt voller Armut und Anthrax hineinzuhalluzinieren.

Der alte Journalismus, der also das beschrieb, was die Menschen wirklich interessierte, verjüngte sich in der Folge mit dem Personal der schönen, unseriösen, wilden Neunziger, und heraus kam das neue Establishment, das wir heute lesen, mit Bastarden wie dem ZEIT-Leben oder dem SZ-Magazin heutiger Tage: Lifestyle gezähmt, Mode über Vierzig, viel Design, und gut geschrieben Süffisantes zum Schmunzeln beim Kaffee. Online tat sich auch eine Menge, es entwickelte sich im Netz die ganz eigenständige Kategorie des Laberjournalismus, der die Vorzüge der kummerschen Methode (kein Kontakt mit der schnöden Wirklichkeit) und die ethischen Ansprüche des seriösen Journalismus (keine Lügen) vereint: Vollkommen leere Texte, die zu irgendetwas auffordern: Mehr über Sex reden, hat irgendwas mit Kachelmann zu tun (Jana Hensel, Freitag), nicht im Internet bezahlen, hat irgendwas mit Hackern zu tun (Thomas Fischermann, ZEIT). Gewissermaßen die Demokratisierung des inspirations-, argumentations- und haltungsfreien Leitartikellaberns, das einst die fast exklusive Domäne des dünn angezogenen Herausgeberkaisers Josef Joffe war.

Dazu die Zombiethemen: Atomkraft, Feminismus, auf einem zwei Jahrzehnte alten Diskussionsstand, dankbar neue Aufhänger nutzend, an denen dann die im Alter sich merkwürdig ähnlich sehenden Gestalten von Öko-Institut Darmstadt und Emma höchst würdevoll zappeln und sich neue Gegner erzeugen dürfen. Moralisch muß es zugehen, wir haben (wir erinnern uns) echte Probleme, für den Spaß ist nach wie vor die Beilage zuständig, heute mit den cleveren Frückstücksbrettchen mit Magneten, die die Eierlöffel schweben lassen.

Es lässt sich nicht leugnen, daß der Zeitungslandschaft die Austreibung des halbseidenen, gierigen, nicht ganz konsistenten Geistes von Tom Kummer geschadet hat. Ich stelle mir das immer als epischen Kampf zwischen Tom Kummer und Ulf Poschardt vor, den Poschardt natürlich, Rauswurf oder nicht, Vanity-Fair-Pleite oder nicht, triumphal gewinnt: Der Kampf zwischen den Trickstern und den Karrieristen geht, auf Zeit, immer an die Karrieristen.

Die Große Frage war und ist ja: Wie ist das mit der Ironie? Wo ist die Ernstgrenze, und wie behandelt man das Ernste; anders gefragt, hat man, wenn man schummelt und faked bei belanglosen Themen, noch eine Autorität beim Besprechen der Themen von Belang? — Die ängstliche, geschockte, erst vor der eigenen Wirkmacht und dann dem New Yorker Einbruch des Realen erschrockene Antwort in den frühen 2000ern war: Nein, besser den Ironieversuch zurückrollen, nur den Autoritätsbestand nicht gefährden.

Heute müsste man die Frage aber doch neu stellen: Die nüchternen Fakten lösen sich langsam vom Journalismus, journalistische Produkte, gerade die erfolgreichen überregionalen, bewerten und kommentieren ohnehin immer mehr. Bleibt es nun bei diesem moralisch hinterlegten Labern? Wir, die 2002 kaum über zwanzig waren, zu jung fast zum Lesen, sicherlich zu jung zum Schreiben, kriegen in unserem Erwachsenenalter nur Frühstücksbrettchen und eine Diskussion der schäbigen Erörterung, ob einem Wetteransager eine Vergewaltigung zuzutrauen sei?

Oder lässt sich die Welt, irgendwann, doch wieder herausschreiben aus dem drögen, biestigen Sumpf der Ungegenwart?

Der dröhnenwollende Bauernschrank belauerte uns. — Good night, John-boy, sagte ich probeweise. — Gute Nacht, Jim-bob, antwortete es aus dem Dunkel.

Link | 2. Juni 2011, 20 Uhr 44 | Kommentare (1)