Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ähnliche Situation im Frühjahr: Ich überquerte den Bodensee mit dem Katamaran, auf die in die Silhouetten von Konstanz hineinsinkende Sonne zu, über eine Fläche so glatt, daß nur selten ein abgerissener Gischtfetzen heraufsprang und mich traf, mich und zwei alte Radlerinnen in roten Sportjacken. Schweizerkreuzbeflaggte Boote drehten bei an unsrer Bahn, nur ein paar Unvorsichtige kreuzten den Kurs des leicht zu unterschätzenden Katamarans in letzter Sekunde, und von oben hätte es aussehen müssen, als spritzten die hellen Segel vor der hinsausenden Schnellfähre auseinander auf dem tiefblau überspiegelten Grund. Links lagen die Häuser am Hang in der Juniabendsonne; auf den Terrassen vermutete ich Menschen, die mich sahen, mit wehenden Haaren und wehender Jacke, in den Fahrtwind hineingestellt. Das Sonderbarste überhaupt, dachte ich, ist unsere Unfähigkeit, diesen verrückt hochschäumenden Reichtum zu bemerken, weil wir uns von ihm ausgeschlossen fühlen und weil wir glauben, uns seiner aus sozialdemokratischem Reflex schämen zu müssen, und wie wir beides zugleich fertigbringen. Der Katamaran dämpfte sein Ungestüm, und Imperia wandte sich mir zu, acht Meter Bein aus zehn Metern Betonkleidschlitz mir anbietend.

Link | 29. November 2011, 0 Uhr 40


Ich zog den Schal enger und öffnete den Mantel
schritt hinein in die Nacht und den Friedrichshain
ich hob eine Hand und mit ihr erhob sich im Wirbelwind
Eichenlaub in der Farbe meines Gewands
und stob mir in zwei Zyklonen voraus
dem Fürsten, zu Fuß unterwegs in der Nacht
Ah! Mein Hochmut, wollen wir Freunde bleiben?
ich, Patriarch ohne Haus
Fürst ohne Fürstentum, Produkt Europas,
Du, meine Überzeugung, daß man schamlos einhergehen kann
nicht aus Mangel an Scham
sondern aus Mangel an Gründen?

[mir scheint ich habe getrunken]

Link | 28. November 2011, 1 Uhr 24


Augsburg, im Dorint, weil das Haus St. Ulrich ausgebucht war. Dorint Augsburg: Lampen von Artemide mit Energiesparbirnen. (Fackse fackse fackse Energiesparlampe.) Verrückt: Hotelsituation, aber das Fernsehen ist einfach nur Arte und man kann das Wasser aus dem Hahn trinken. Zum ersten mal im Hotel überhaupt sehe ich fern, und dann ist es: Fitzcarraldo! Das ist ja Zauberei.

Auch: Kein The Wire dabei, kein Minecraft, nur das rote Buch und das Fernsehen und die Konsole. Fange sofort an, Sätze zu tippen.

Abfall für Alle: „Die Träume eines Jahrzehnts werden ungefähr 50 Jahre später, wenn die damaligen Kinder ihre Lebensleistung hingestellt haben, Wirklichkeit. Das ist ein unglaublich angenehmer Gedanke, finde ich.“ — Das schreibt Goetz, gerade als die 68er das letzte Jahrzehnt ihrer Lebensleistung, das Jahrzehnt der politischen Macht, in Angriff nehmen. Angenehm, da hat er Recht, aber man fragt sich sofort, was ist der neue Traum, und gab es einen 80er-Zwischentraum?

Natürlich ist der Traum unseres Jahrzehnts das Internet, das ganze Internet-Ding, billige vernetzte Rechenpower überall, oder, der Traum als Traum eben: Neuromancer. Die Frage ist, wieviele Transformationen erfährt er in der Umsetzung unserer Lebensleistung, während dieser 50 Jahre, von denen vielleicht 15 vergangen sind, und welche? Und genau: Lebensleistung. Dath: Werk.

Minecraft, um die Tempel zu bauen, die fehlen. (Your own, personal, Göbekli Tepe. Fitzcarraldo. It’s computation and Caruso all the way down.)

Link | 20. November 2011, 22 Uhr 19


Dieser Song handle, so sagte Laura Marling auf der Bühne, davon, wie hoffnungslos englisch sie sich manchmal, im Winter, fühle. Hopelessly english, sagte sie, und ich glaubte das übersetzen zu können: Meine hoffnungslos deutschen Momente sind regionalisierter, aber ebenso hoffnungslos. Nichts hilft ja gegen das ohrenbetäubende Löwengebrüll der überbarocken Laub- Wald- Rausch- Wog- und Schmetter-Orgie, die ein süddeutscher Sommer ist, oder die Sonnenuntergangs- Spiegelflächen- Windrad- und Fluß-Einsamkeiten Preußens.

Link | 20. November 2011, 12 Uhr 36 | Kommentare (1)


Beeindruckend an Shanghai Pudong ist eben auch die Banalität der Architektur. Wenn man, von Westen kommend, über die neue Stadt einfliegt, sieht man unter sich das ordentliche Gitter vierspuriger Hauptstraßen und die Technologieparks in den Technologiepark-Quadranten, in die, falsch-organisch, kleine Wasserflächen eingefügt wurden, um welche sich dann die Gebäude der Softwarefirmen und Banken gruppieren. Programmierer müssen rausgehen und sich ans Wasser setzen können, lautet die stadtplanerische Leitidee. Niemals sieht man Programmierer am Wasser sitzen. Die Programmierer programmieren lieber.
Der Transrapid, der die neue Stadt in einer immerhin auf das Zentrum zugeschwungenen Linie durchschießt, ist sichtlich steckengeblieben auf halber Strecke. Und die Wohnquadranten sind eine gedrängte Version von Marzahn (kein Wasser).
Dabei ist das China: Eine autoritäre Regierung, zweistelliges Wachstum, dazu gute Gründe, sogar gegen das Automobil, also begehbare Städte, zu bauen. Niemand baut die pragmatisch wie ästhetisch geforderten Megastrukturen; was ein Versagen des Westens in seiner unverkennbaren Vorbildfunktion sein muß. Denn natürlich ist die Architektur des Westens wie ungefähr alles kurz vor meiner Geburt zerfallen in die seither stabile Hippie/Zynismus-Dichotomie, die keine Megastrukturen denken kann — entweder weil eine möglicherweise dreistellige Zahl von McDonalds-Filialen in einem einzigen Komplex die Phantasie der Zyniker doch übersteigt, oder weil die Sieben-Milliarden-Menschen-Gegenwart sicher weggeht, wenn die Hippies nur ganz fest an die Natur denken und Wolfsburger Vororthäuslein mit Grasdach und Pelletheizung bauen.

Da hat man die Moderne gehabt und nicht gebraucht, und die, die sie brauchen würden, gucken bei uns nur die Mutlosigkeit und Vogelstraußhaftigkeit ab, die ihr folgte: Ah, et la tristesse de tout cela.

[Crawler Town]

Link | 13. November 2011, 19 Uhr 21 | Kommentare (2)


Der immer-existente immer-eskalierende alles einbeziehende Zusammenhang des VERDERBENS und der DÜSTERNIS, durch den wir uns unbeachtet hindurchbewegen mit den zweckentfremdeten Mitteln unserer Feinde; Mittel, die wir uns aneignen, um zu überleben.

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Auf meinen Balkon geweht mit dem Laub, und ich erfinde das nicht: Anderthalb ausgerissene Seiten aus der Kritik der reinen Vernunft: Anmerkungen zur ersten Antinomie, B 458 | A 430, und, diagonal durchgerissen, Phaenomena und Noumena, B 312 | A 256. Ich habe nachgesehen, in meiner eigenen Kopie sind die Seiten noch da. Jemand streut die KrV in den Herbst.

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Rainald Goetz Nicolas Moulin Thomas Bernhard Burzum Lothar-Günther Buchheim

Link | 13. November 2011, 16 Uhr 19


Und der November war in Deutschland eingekehrt, in den vier Tagen meiner asiatischen Abwesenheit, die klärende Kühle, and all this dark wood from Pakistan, und ich schlief eine Nacht lang und einen halben Tag lang, und erwachte, und wollte in einen Zug steigen, mir Bücher nehmen und in einen Zug steigen, und besinnungslos durch das Land donnern und lesen und mit Euch trinken, und sprechen um herauszufinden, was wirklich los war, und um zu schauen und nicht wieder aufzuhören mit dem Schauen.

Link | 13. November 2011, 12 Uhr 34