Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ein Flur. Rechts Türen, zweiflüglig, jeder Flügel kaum mehr als einen halben Meter breit; ein aus der Mode gekommenes Format; hohe Klinken. Links Fenster, davor Bäume. Rote Rankentapesserie, Leuchter an der Wand, staubige Palmen; eine Vase auf einem Tischchen.

(Ich stelle mir vor: Durch den Flur gehen mit einer Kerze, um eine Mahlzeit einzunehmen am Kopfende des langen Tisches. Ein Hase draußen; ein silbergespießter Möhrenstift drin, vielleicht ein Feuer. Ich stelle mir vor: Durch den Flur gehen im Sommer, wenn eins der Fenster geöffnet ist. Ein Clausewitz der Gefühle werden, was immer leichter gesagt als getan ist. Ich stelle mir vor: Die Geräusche nachts, die Bäume draußen, die totale, alles vernichtende, alles eindeckende Abwesenheit von Musik, gegen die ich, aus Mangel an Talent, nicht ansingen kann. Ich stelle mir vor: Die Feuer in der Ferne im Frühjahr, überall im dunklen Land.)

Link | 23. März 2013, 0 Uhr 43


Die Prächtige Stadt: Die Bürger der Stadt (die Stadtbewohner) schmücken ihre Stadt. Nicht ein einziges Haus lassen sie aus; wenn es an die Auswahl der Materialien für eine Fassade geht, sagt der Städter: Ich wähle Mosaik in taubengrau, und Purpurtöne unter den Fenstern. Wichtigster Schmuck der Stadt ist der Tempel im Zentrum, darum sind die Versammlungsorte der Städter gruppiert, der Platz mit den Pylonen und den Bäumen, eine Halle, der große Saal.

Der Reisende, wenn er sich der Stadt nähert, sieht schon von Ferne (von den Bergen her) die glasierten Ziegel der Dächer im Sonnenlicht glänzen, die Fassaden reflektieren alle Farben des Spektrums, in seidenmatt. Es ist, denkt sich der Reisende, als hätte ich dies Stadtpanorama mit Pinsel und Leinwand von diesem Punkte aus erschaffen, und doch: Halte ich Pinsel in der Hand? Sperrt eine Leinwand meinen Blick, meinen Blick auf die Prächtige Stadt?

Die Prächtige Stadt existiert nicht. (Kein Stolz rührt die Herzen der Bürger, niemand zieht vor die Tore, um das Bild der Stadt zu betrachten. Die Städter wohnen nicht in ihren Häusern, sie wohnen nicht einmal in der Stadt.)

[Die in der Stadt wohnen, träumen zugleich davon, nicht arbeiten zu müssen und arbeiten zu dürfen.]

Link | 16. März 2013, 17 Uhr 26 | Kommentare (1)


Mein durch und durch ostdeutscher Americana-Traum.

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Wie ich gestern, ziellos hineingeraten in den Mexx-Laden am Potsdamer Platz, mich plötzlich wohlfühlte und nicht sagen konnte zuerst, woran es lag, und wie ich es dann bemerkte. Die Musik war gut, aber das war es nicht, nein: da war sie, die Mittelklasse, irgendwelche Leute, die irgendwelche mittelpreisigen mittelschrottigen Sachen kauften, unaufgeregt, die Männer ungern, ich mitten unter ihnen, sehr angenehm. Aha, neongelb dieses Jahr, gelang es mir zu denken ohne Groll.

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Von Brüssel habe ich noch nicht viel gesehen. Die idiotischen Schuhe der Schaufensterprostituierten am Nordbahnhof habe ich bemerkt; von manchen der Arbeitsplätze im Turm der Bank aus kann man sie ganztägig sehen. Klassenfrage: Gefallen die idiotischen Schuhe der Prostituierten den Männern, die ihre Kunden sind, und nur mir nicht, oder sollen die idiotischen Schuhe der Prostituierten die Prostituierten soweit deklassieren, daß es plausibel wird, sie für Sex zu bezahlen? Würde sich die Prostituierte, stiege sie von ihren idiotischen Schuhen herab, in ein Mädchen verwandeln, tapsig, gar nicht mal so groß, vielleicht in Socken, das gerne einen Tee hätte?
(In einem unordentlichen convenience store kaufte ich über einen in einem roten Hunde-T-Shirt steckenden nervösen Kleinhund hinweg eine Flasche Wasser. Der Besitzer des Hundes war ein lockiges fahriges Männchen, das ungeschickt Münzen aus einer Geldbörse fummelte; die Kassiererin winkte mich vorbei an ihm und nannte in einem hartem Französisch, hinter dem ich wie hinter allem in Belgien den Schatten des Kongo vermutete, den Preis für mein Wasser; das Männchen sprach auf seinen Hund hinab, daß das Wasser für den Herrn und nicht für den Hund bestimmt sei.)

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Auf dem Rückweg, im Flugzeug, Coil hören: Verrat oder Rückkehr? Rollenwechsel; coilhörend suche ich mit zittrigen Fingern in meiner Geldbörse nach Münzen, um Zigaretten zu bezahlen, die Kassiererin winkt einen Anzug aus dem Bankturm an mir vorbei.

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Aber das Irrsal
Hilft, wie Schlummer, und stark machet die Noth und die Nacht,
Biß daß Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,
Herzen an Kraft, wie sonst, ähnlich den Himmlischen sind.

Link | 10. März 2013, 14 Uhr 41 | Kommentare (2)