Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Städter, die Sehnsucht nach Bäumen haben, Seen, Feuer und Laub: Das sind Landmenschen, die wegen des Denkens (und aller Folgeformen) in die Stadt gekommen sind, weil man auf dem Land alleine hätten bleiben müssen damit, was ja unmöglich ist.

Echte Stadtleute halten Bäume und Seen für Dinge, die zu ihrer Erholung dienen und für die sie möglicherweise eine Schwäche haben, wie für koreanisches Essen — aber sie erkennen den tiefen Ernst nicht, mit dem Wälder sich nicht für Menschen interessieren: Die Haupteigenschaft der Wälder, könnte man sagen, ist ihre Gleichgültigkeit. Wir können nichts tun, um sie von uns zu überzeugen, und es kümmert sie nicht, wenn wir hinter ihrem Rücken schlecht über sie sprechen. Diese Eigenschaft der Wälder, ihre schweigsame Treue, ist Landmenschen verständlich — heimlich wünschen sie, wie die Wälder zu sein — Stadtmenschen, deren (formbare) Welt aus Menschen und Meinungen über Menschen besteht, hingegen, ist sie wesentlich fremd.

(Nebenbei: Es könnte jemand einwenden, was für die Wälder gelte, gelte ja dann auch für Steine und Gegenstände. Das stimmt aber nicht: Steine liegen nur herum und sind zu stumpf für Gleichgültigkeit, und daß die Gegenstände uns aus den Ecken unserer Zimmer mit Pendeln und Stoppuhren in den hölzernen Händen belauern, ist ja bekannt.)

[„I’ve got a theory!“ – „good heavens.“ – „noo! bear with me! it’s a good one this time!“]

Link | 18. Juni 2013, 23 Uhr 02 | Kommentare (6)


Das Bloom, eine etwas fadenscheinige Boutique-Schicht über einem anderen, älteren Hotel, das ich an der Badewanne und dem Badezimmertürknauf noch erkennen kann, streckt sich etwas zu weit: Es hängen da blau und rot bemalte Töpfe und Nudelhölzer an der Restaurantdecke, es werden türkise Dreiecke auf Stahlperlenvorhänge projiziert, ja: aber das Retroresopal-Microkaro des Fußbodens verträgt sich nicht mit dem Wellen-Wandmuster hinter der Rezeption, und zwar ohne ironische Entschuldigung: Da hat eben jemand schlicht zweimal und ohne Zusammenhang etwas zu laut schrill gedacht bei der Auswahl — nein, das ist wahrlich nicht das Cabinet hier, auch nicht das Quote, leider nein.

Im Flugzeug große Leichtigkeit: Ich schlief, ausgeschlafen, wie ich war, aus purer Freude daran, im Flugzeug noch ein wenig zu schlafen. Gerade als wir den Rhein überflogen, erwachte ich und sah mich um: Friedlich schlummerten auch meine Mitreisenden. Meine unbekannte Nachbarin lag entspannt in ihrem Sessel: Graue, ganz neue Stoffschuhe ohne Schnürsenkel, braune Hose, eine abgewetzte, aber gut zu ihr passende Handtasche, Mitte, Ende zwanzig, nicht übermäßig hübsch, aber schön in der Normalität und Ruhe dieser Flugzeugsituation, ausgeklinkt für eine Stunde zehn, kurzzeitig unerreichbar für den Haß-und-Angst-Mediadenkparasiten, wir beiden Schlafenden.

Link | 17. Juni 2013, 22 Uhr 27 | Kommentare (1)


Ich fuhr hinauf in den 24. Stock des schrecklichen Thon, schloß die Tür, versorgte den Anzug, Bügel, Handgelenk, effizient nach Art der Männer, putzte mir die Zähne und stellte den Rechner auf. Ich hatte, bemerkte ich, drei Wifi-Netzwerke zur Auswahl: Das Netz, das mir die Bank auf allen 19 Kanälen, von der anderen Seite des Manhattan-Hochhauses her, ins Kreuz grillte, das Netzwerk des Colonies, auf dessen fast zwanzig Stockwerke unter mir liegendes Dach ich hinabschauen konnte, wenn ich die Vorhänge anhob und halb auf die mit streifigen Kirschholzimitaten laminierte Tischplatte kletterte, und das Netzwerk des Thon selbst. Na schön: Mein Telefon buchte sich inzwischen in der ganzen Gegend um die Place Rogier herum in die Netzwerke der Hotels und Arbeitsstätten ein, und wähnte sich zu Hause.

Anderntags trank ich, spätabends in der Bar des unendlich viel angenehmeren Plaza, ein Agrum unter der wolkig-hellen Kuppel. Die andern wählten beide Whiskey Sours; schmeichelhaft elegante Gesellschaft, erschöpft vom Tag. Wie ich hätten sie sich an diesem Ort sicher gern von etwas Glamouröserem als unserem Auftrag erholt, aber die heroischen Narrative unseres Standes überleben keinen Tag in einem Haus, das Punkt 18 Uhr den lebensfeindlichen Gleichgewichtszustand seines Innenraums gegen seine Insassen einzusetzen beginnt, indem es schlicht die Anstrengung der Licht- und Luftzufuhr unterlässt.

(Natürlich genieße ich das Agieren in der fremden Organisation, das kleine Kräftemessen mit dem Leviathan der corporate-Trägheit, tatsächlich die Wirksamkeit von Schneid, die schiere belgische Nettigkeit der Leute, und wie man sich immer eine Schneise von staunendem Vertrauen schlagen kann mit einer einzigen banalen Waffe: Wenn man einen Fehler gemacht hat, sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe mich geirrt, das hier geht auf mein Konto — und doch: Kräftemessen und Schneid? Ich habe mich und alles das noch immer im Verdacht der Jugend. Wie sähe eine erwachsene Version dieses Lebens aus, frage ich mich, und erlaubten die Umstände überhaupt eine solche? Kann man arbeiten ohne den Kult von Ego, ist ihm irgendwie beizukommen?)

O dark dark dark. They all go into the dark,
The vacant interstellar spaces, the vacant into the vacant,
The captains, merchant bankers, eminent men of letters.

Link | 16. Juni 2013, 21 Uhr 57 | Kommentare (1)