Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Wie zum Beweis von etwas, das mir selbst mit den Jahren immer rätselhafter geworden ist, bin ich sogar hier in Kalifornien als Fußgänger unterwegs gewesen.

Eine Woche lang habe ich im Norden von San José im fensterlosen Labor eines Kunden gearbeitet. Flache, höchstens zweistöckige Komplexe zwischen sechsspurigen Straßen; zurückhaltende, massive, in die Erde geduckte, dunkle Betonarchitektur mit gepflegten Gärten. Stille und Konzentration sind die Überraschungen meiner Silicon Valley-Arbeitserfahrung. Jenseits der Mythen und der Missverständnisse aufgekratzter deutscher Konzernlenker geht es hier ernsthaft um Technologie, mit allen Voraussetzungen: Es sitzen hunderte Menschen still an ihren Tischen und arbeiten bis spät in die Nacht, gehen schlafen, kehren zurück, reibungslos und geordnet und in gedämpftem Ton in einer Abfolge immergleicher Tage. Klimaanlagen machen gute Luft, es gibt frisches Wasser, die Toiletten sind sauber, wer unbedingt telefonieren muß, kann das hinter Glas tun, wo er nicht stört. Das Gebäude wirkt leer, weil es funktioniert — nur am Freitag, wenn alle zusammen essen, sieht man die 200 Ingenieure und ist überrascht: Wo waren die nur alle, die ganze Zeit?

Niemand hat Spaß. Niemand streitet. Niemand lebt. Die Arbeit ist zu interessant dafür. Die Leute kommen aus Indien, Iran und China und haben PhDs. Sie fahren traurige wattige nagelneue Automatiknissans. Und es entsteht Technologie auf die einzig mögliche Art und Weise: Selbstbewusstsein, Kompetenz, Demut, langer Atem, Konzentration, Zeit, Raum.

Heute, an einem freien, wegen schlampiger Reisebuchung unverplanten Nachmittag nahm ich dann die Bahn nach Mountain View: Der Googleplex sah gerade noch erreichbar aus, zu Fuß vom Bahnhof her, auf der Googlekarte. Ich muß — diese Vermutung gehört fest zu meinen Märschen dazu seit Jahren — eine Attraktion gewesen sein, ein Fußgänger in einem Hemd und einer langen blauen Hose aus Anzugstoff, ein offensichtlicher Europäer, eine verlorene alberne Figur auf dem von niemandem je benutzten Trottoir der Brücke über die zwölf Spuren des Highway 101. Ich folgte dem Teslagradienten fast ohne auf die Karte zu schauen, höhere Dichte von Elektrofahrzeugen bedeutet größere Nähe zu Google. Ein Waymo-Fahrzeug mit Sensoraufbauten, allerdings nicht autonom unterwegs, ließ mich die Straße überqueren irgendwo in einem teuren Wohngebiet voller Sukkulenten in frischem schwarzem Mulch. Ein zerfallender, hinten tiefhängender Wagen mit einem Infowars-Aufkleber folgte ihm. Und es ist nicht so, daß nicht auch Ford-Pickups unterwegs gewesen wären, Ford-Pickups und Corvettes, rote und gelbe: Die schlecht gelaunten 8 Zylinder derer, die nicht dazugehören zur leisen Kultur der Konzentrationsarbeit.

Es war heiß an diesem Samstagmittag, gleißend hell und laut trotz höchstens mäßigen Verkehrs. Die Google-Zone und die Stadt gehen unmerklich ineinander über, Google verleibt sich vom Hauptquartier her nach außen Gebäude ein und erhöht auf den Straßen die Standards, dämpft die Lautstärke, pflegt die Gehwege und die Kiefern, verteilt googlebunte Fahrräder (die heute, an einem Samstag, nur von einigen Touristenmädels aus Quebec benutzt wurden), stellt bunte Gartenmöbel auf und Steckdosen an den Parkplätzen. Google wächst über den Industriepark hinweg und digital überallhin, seit ein paar Jahren, für noch ein paar Jahre, der Zenit ist immer nur hinterher erkennbar; wie die blight in A Fire Upon the Deep: Macht, institutionelle Intelligenz. Eine erfolgreiche Art, Arbeit zu organisieren und Menschen zu disziplinieren und also Ziele zu erreichen; organisatorischer Code, institutionelle Überlegenheit. Niemand stahl Google die bunten Fahrräder oder tat ihnen Gewalt an. Ich dachte an die Leute, die in Hamburg den Kapitalismus hatten smashen wollen und ihre drei Stunden Illusion von Anarchie, ihr großmauliges Mob-Einzelkämpfertum, ihre hoffnungslose und blinde Unterlegenheit.

Und an den Mann im Unterhemd mit seinem Infowars-Sticker, drei Straßenzüge stadteinwärts dachte ich, und den Präsidenten, den er gewählt hatte, weil hier die Inder, Iraner und Chinesen mit PhDs die Nächte durcharbeiten und der weiße Mann auf der Strecke bleibt und dort seine Infowars-Schrottlaube spazierenfahren muß.

Das Universum erschien mir sehr zuverlässig, unter den Google-Kiefern von Mountain View. Auf seine Grausamkeit, so schien es mir, ist Verlaß, auf sein Desinteresse an uns, am Wohl von halluzinierten Gemeinschaften und den Ideen, aus denen sie ihre Überlegenheitsphantasien bauen, auf seine stochastische Natur, seine erbarmungslose Bestrafung von Kategoriefehlern: Man kann noch so laut behaupten, mit ihm und seiner Geschichte alliiert zu sein und verlangen, sie gestalten zu dürfen.

Und es sortiert aus, was nicht funktioniert.

Und man hat keinen Grund zur Begeisterung deswegen — Disziplin ist Leere, schmerzhaft deutlich an diesem Ort — und kann eben keine moralische Überlegenheit der Funktionierenden daraus ableiten; Trotz bleibt eine Möglichkeit und jedermanns schönes Recht. Die Trötze der Vergangenheit sehen dann freilich sonderbar aus für heutige Augen.

Link | 27. August 2017, 4 Uhr 06 | Kommentare (1)


Es gelingt mir nicht, mich aufzuregen. Es gelingt mir nicht.

Die Volksbühne ist demontiert, OST verschwunden und das Räuberrad und Sophie Rois, die „Parole“ singt – und natürlich war die Volksbühne mein Theater, wegen Marthaler, wegen Pollesch, wegen Castorf, und viel öfter noch als ich dort Theater gesehen habe, habe ich Musik gehört, Current 93 immer wieder, Anthony and the Johnsons, die Tindersticks, an Abenden irre blauflimmernder Intensität. Die Volksbühne war wichtig. Ich hatte immer alle Liebe und alle Angst dabei dort, aber mehr Liebe.

Aber wie seltsam wäre es, wenn die Zeit sie weiter verschont hätte.

In Leipzig kann man zum WGT, ich glaube jedes Jahr, eine Ausstellung zur Beobachtung der Gruftszene durch die DDR-Staatssicherheit sehen. Es ist ein fröhlich-grusliges Vergnügen, einer untergegangenen Geheimpolizei über die Schulter zu schauen, wie sie in berückender Befremdung versucht herauszufinden, ob Jugendliche wirklich Tote ausgraben auf den Friedhöfen der DDR, und ob das Hören der Gruppe „The Cure (engl. Das Heilmittel)“ politisch neutral zu bewerten ist, und ob das eine oder andere die Sicherheit der Deutschen Demokratischen Republik bedroht.

Was man dabei auch noch einmal vorgeführt bekommt: Wie ernst die DDR die Sphäre des Symbolischen zu nehmen in der Lage war. Man versteht das nicht gleich als Westler: Das Symbolische lief nicht zum Eigentlichen parallel in der DDR, wie das in der Bundesrepublik der Fall war und in der Berliner Republik der Fall ist, das Symbolische war das Eigentliche. Eine Störung der symbolischen Ordnung durch eine unverständliche, nicht anschlußfähige Jugendkultur war ernst, weil dieser Staat fortwährend gedacht wurde und deswegen verstehen musste.

Der Berliner Republik ist selbstverständlich völlig egal, was in der Sphäre des Symbolischen geschieht: Sie kann sich darauf verlassen, daß ihre funktionierende Wirtschaft sie beieinanderhält. Solange der rechtsstaatliche Ausgleich der Interessen funktioniert, ist sie stabil. Was am Theater oder auf den Friedhöfen passiert, hat keine Relevanz. Ein Staat dagegen, der in permanenter Revolte gegen die Grundmechanismen des Wirtschaftens menschlichen Geist aufbringen musste, brauchte das Theater.

Daß so ein Theater, von der nachwirkenden titanischen Autorität von Heiner Müller konserviert, in die Berliner Republik bis ins Jahr 2017 hineinragen konnte als funktionierender Symbolreaktor erscheint mir im Nachhinein so unwahrscheinlich, daß ich kaum verstehen kann, wie das erst jetzt passiert: Daß die Wellen der weltläufigen Halbgescheitheit über der Volksbühne zusammenschlagen.

Nicht vergessen: Dies ist Berlin, die Stadt, die hartnäckig darauf besteht, ihren Sieg über einen Sozialismus, der sich friedlich wegdiskutieren ließ, mit der Errichtung eines Stahlbeton-Hohenzollernschlosses zu feiern, und die, als ihr schwante, wie weit sie den Kopf damit in der Arsch der eigenen Geschichte gesteckt hatte, als sozusagen besänftigende Strategie darauf verfiel, ihn innen mit echter Negerkunst zu dekorieren (Bredekamp verbrämen Sie) – jetzt, sagt die Stadt treudoof, ist doch wieder alles im Lot, Neger findet ihr Denkleute doch gut, und ihre tolle Kultur. Man kann es den Denkleuten einfach nicht recht machen.

Die Bundesrepublik hat Vorteile: Sie schießt nicht auf ihre Bürger und hetzt keine Nachbarn auf gegeneinander, und wenn einer The Cure (engl. Das Heilmittel) hören will, darf er das in Ruhe tun. Daß dieses Land Theater haben soll, in denen der Geist drinnen vom Ungeist draußen klar unterscheidbar wäre, finde ich viel verlangt. Die Sphäre des Symbolischen ist in dieser Gegenwart nun einmal: „Kunst“, korrekt beschrieben als ein dauerschlapper Versuch, Leute zu unterhalten, die schon viel gesehen haben und wollen, daß die Welt das weiß. Kunst ist unrockbar, und hat sich nun eben auch die Volksbühne geholt.

Mit anderen Worten: Er ist tot, ist tot, ist mi-ma-mause-tot. Kein Grund zur Aufregung, Kunst ist Mist und unaufhaltsam und ohne Alternative, wenn die Zeit gekommen ist.

Link | 11. August 2017, 21 Uhr 55