Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

In die S-Bahn nach Grünau nahm ich Die Flucht ohne Ende von Joseph Roth mit, einen dünnen weißen dtv-Band von 1978, den ich im Spätsommer in Wien gekauft hatte. Am Alexanderplatz begann ich, nach zehn Jahren zum ersten mal, Joseph Roth zu lesen:

Der Oberleutnant der österreichischen Armee Franz Tunda geriet im August des Jahres 1916 in russische Kriegsgefangenschaft. Er kam in ein Lager, einige Werst nordöstlich von Irkutsk. Es gelang ihm, mithilfe eines sibirischen Polen zu fliehen. Auf dem entfernten, einsamen und traurigen Gehöft des Polen, am Rande der Taiga, blieb der Offizier bis zum Frühling 1919. (α)

Heilige! — Diese unfassbare Großzügigkeit. Und dann: die Hellsicht.

Es war um diese Stunde, da stand mein Freund Tunda, 32 Jahre alt, gesund und frisch, starker Mann von allerhand Talenten, auf dem Platz vor der Madeleine, inmitten der Hauptstadt der Welt und wußte nicht, was er machen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der Welt. (ω)

Hellsicht, was die Mechanismen des Charakters angeht. Sie werden mir verzeihen, daß ich diesen Tunda sehr mag: Seine endlose Flucht und unbezwingbare Fremdheit, die Klugheit, die einen Mann gleichgültig macht, seine Illusionslosigkeit, die in zynische Rücksichtslosigkeit zu kanalisieren er zu anständig und die durch anheimelnde Ideologie zu ersetzen er zu ehrlich ist — eine hochmütige und gefährliche (heute würde man urteilen: leicht autoaggressive) Haltung, die er tatsächlich teuer bezahlt. Diese Leute gibt es, ich habe das Glück, ein paar zu kennen, die so zu leben versuchen.

Er ging durch hässliche alte Gassen mit aufgerissenem Pflaster und billigen Läden. Aber wenn er den Blick erhob, über die Ladenschilder, waren es Paläste, die mit unberührter Gleichgültigkeit Händler zu ihren Füßen duldeten. Es waren immer die gleichen, alten Fensterscheiben, in acht Parallelogramme aufgeteilt, mit den gleichen, grauen, dünn gerillten, bis zur Hälfte herabgelassenen Jalousien. Nur selten war ein Fenster offen, und selten an einem offenen Fenster ein unbekleideter Mensch.

Paris, ein paar ziellose Tage in Paris –

Link | 18. Dezember 2007, 14 Uhr 20 | Kommentare (1)


1 Kommentar


aaah.

Comment by person | 19:28