Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Durch eine breite gläserne Front ist die Stille zu sehen, als Bewegung von Bäumen im Wind. In heftigen Attacken schlagen Äste lautlos ins Leere, zwei niedere Büsche schütteln sich, sollten vielstimmig brausen und bleiben still statt dessen: zu stark sind die Gläser und zu gläsern die Luft.

Ein Sessel vor der Glasfront wirft einen halbrunden Schatten, so kompromisslos wie sein Urbild. Ein Hocker, abgewandt, verweist auf ein vergangenes Gespräch mit Blick auf die tobende Stille. Zwei Schritte, zwei Schritte zum Sessel hin wartet ein tiefer Teppich auf ein Geräusch, und während draußen die Äste schlagen, ruht der Teppich, eine helle Fläche an einer dunklen Fläche, reglos vor dem Sessel. Das Licht als scharfe Schneise aus einem schwarzen Strahler schneidet aus dem Raum ein Stück Teppich, aus der hellen Fläche, aus der dunklen Fläche, zerschneidet den Sessel aus braunem Holz und schwarzem Leder und seine kompakte dunkle Negation. Aus der Wand schneidet das Licht kreisrund eine Platte aus Beton mit Struktur, kleinen Löchern, Kieselsteinen und einer Naht. Vor dem Fenster schlagen Äste lautlos ins leere Dunkel hinein und niemand sieht, wohin sie schlagen.

Im Hintergrund ruhen die Bücher. Große, schwere Bücher unten, kleinere, regelmäßigere Bücher oben. Manche der Bücher enthalten, in sinnloser Heimlichkeit, Zettel und Notizen, zwei einen Geldschein, zwei ein seltenes Exlibris. Die Rolle der Bücher ist untergeordnet, zurückgesetzt stehen sie im schwarzen Regal. Zwei Vasen füllen Lücken: Eine kleine, transparente Vase, die den Raum in sich wiederwölbt, die scharfe Schneise aus Licht, das dunkelbraune Holz, den Teppich aus zwei Flächen, den Schatten des Sessels, den Beton und riesenhaft um sich selbst greifend das schwarze Regal. Eine große, grauweiße Vase, deren Oberfläche von feinen Rissen durchzogen ist, ein Mosaik aus unregelmäßigen Flächen. Ein starrer Fisch mit riesigen Augen.

Auf einem schmalen Sims, der hüfthoch am Beton entlangläuft, das Telefon. Mattes Metall, flach, kantig, in ausreichender Größe, kühl, lose in einem Sockel. Außerdem auf dem Sims: ein kleines Glas mit einer dünnen hellgrünen Pflanze, ein zigarrenförmiger Füller und ein Block, darauf mit blauer Tinte zwei verbogene Quadrate. Das Telefon schweigt und verrät mit keinem Lichtschein seine Bereitschaft, während draußen der Wald im Wind sich schüttelt.

Beim Sessel am Boden liegt ein Buch mit einem Lesezeichen. Schlüge man es auf, wäre eine farbige Reproduktion zu sehen, Giovanni Arnolfini höbe die eine Hand und hielte in der anderen die Hand seiner Braut Jeanne de Chenany, die sich traurig verlöre in ihrem grünen Kleid, und wie immer entzöge sich eine dritte Gestalt in blauem Gewand gerade der Erkennbarkeit in der Ferne. Aber niemand schlägt das Buch auf, es bleibt flach liegen am Boden, und die Lücke, die es im Regal hinterlassen hat, klafft weit. Zwei der Bücher im Regal enthalten einen Geldschein, eines einen Zwanziger, das andere einen Fünfziger. An den Zwanziger erinnert sich niemand mehr. Zwei der Bücher enthalten seltene Exlibris, eins eine ungewöhnliche Widmung: Reichskanzler Hans Luther gratuliert etc.

Außen, unbewegt in der Bewegung des umgebenden Waldes: Drei ineinander steckende Quader aus schwarzem Metall und tieftürkisem Glas. Wo die Bäume nah am Haus stehen gibt es grüne Verfärbungen, in der Dunkelheit kaum mehr als matte Stellen. Das Licht, harte Schneise durch den Innenraum, ist außen nur eine gestreute Ahnung in den Kanten der Gläser. Zwei niedere Leuchten begrenzen den kleinen Vorplatz, durch flache weiße Lichtstellen weht Laub, legt sich, dreht sich auf den Rücken, erhebt sich langsam; im allgemeinen Aufrauschen und Ineinanderlehnen schlägt es einen wilden Haken und verschwindet endgültig aus dem Reich der Gegenstände, während ein wütender Ast das Haus trifft mit einem dumpfem Schlag.

Der dritte, niedrige Quader, berührt kaum einen der anderen. Der Wagen, ein englisches Fabrikat und nur ein metallenes Schimmern im hermetisch dichten Raum, liegt auf dem Bauch und strahlt noch knisternd Wärme, unterbrochen von schärferem Knacken, wenn das rasch auskühlende Metall sich zurechtzieht für die Tage der Bewegungslosigkeit.

Im weiten Raum vor den Regalen: Ein rechter Winkel, ein lehnenloses Quadrat und ein niedriger Sessel, Schnee im Kohlelager, und ein flacher Tisch mit zwei weiteren Büchern darauf, eines aufgeschlagen.

Dann blinkt, als Überlagerung — einer anderen Lichtstimmung, oder eines anderen Punktes in der Zeit, oder einer kühneren Variante der Wirklichkeit — für einen Augenblick das Licht. Solche lokalen Überlagerungen sind außerordentlich unwahrscheinlich, aber der Zufall hat ästhetischen Sinn und wählt gelegentlich weise unter den unwahrscheinlichen Erscheinungen. Warme Fluten von Helligkeit über den Hölzern, darin versunken die Komplexität der vielfach gebrochenen Schatten vor den Regalen; die Küche golddurchflossen, Brettchen, Messer und Töpfe durcheinander mit Resten von feingewogenem Grün, daneben leblos ein Möhrenbausch und über allem eine leichte Halluzination von schwerem Rotwein. Aus. Bäume hinter Glas wankten im Wind und schlugen mit ihren Ästen ins Leere.

Link | 20. Januar 2008, 15 Uhr 47