Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Das ist ja auch eine feine November-Entdeckung: Daß man am Morgen nach einem versauten Tag aufwachen und einfach keine Lust auf üble Laune mehr haben kann.

Das ist nämlich sehr amüsant, wenn man plötzlich, in glasklarster Transparenz, der Übellaunigkeit in die Werkstatt gucken kann. Da ist ein filigranes Gespinst aus feinen Fäden, die laufen über viele Rollen und Bolzen, und dazwischen führen dünne Stege auf mehreren Etagen irgendwohin, da gibt’s keine Geländer an diesen Stegen, und sie schwanken zwischen den Launefäden herum. Wenn an einem der Fäden gezogen wird, dann geht’s los, alles gerät still und leise in Bewegung. Wenn genug Fäden gezogen sind, beispielsweise weil November ist oder so, wenn genug Leute unfreundlich sind und sich blöd benehmen, konfigurieren einen die Fäden still und leise zurecht: Zum Beispiel die eigene Fähigkeit, Sprache zu deuten, entwickelt eine Tendenz, immer die bösartigstmögliche Interpretation abzuliefern, so daß man immer die Augen verdrehen möchte und sich fragen: Was ist bloß mit den Leuten los, müssen die mir so auf die Nerven gehen, könnten sie nicht, zum Beispiel, einfach nett sein zu mir? Kurz: Es ist alles ganz furchtbar.

Wenn man aber dann eines Morgens aufwacht und sieht diese Maschine vor sich arbeiten, dann denkt man sich: Na, das ist ja armselig, das ist mir jetzt zu mechanisch. Bisschen mehr Geist, bitte.

Gehirne vergiften sich zwar ganz gerne selbst aus heißgelaufenen Amygdala-Feedbackschleifen, aber man muß ja nicht alles, was die Gene sich beim Einbau von so etwas gedacht haben, gleich hervorragend finden und befürdern. Der Trick ist schon, eben nicht zu tun, was die üble Laune will, weil… nun ja, Feedbackschleife halt. Selbstverleugnung? Wenn das Selbstverleugnung wäre, wäre es jedenfalls eine sehr ratsame Sorte Selbstverleugnung. Aber es ist keine. Es ist Biologieverweigerung, etwa so wie Haarewaschen. Es ist Selbstbehauptung.

(Ich habe, nebenbei, gar nichts gegen üble Laune, behüte, einen notwendigen Abend in Wut und Haß weiß ich wohl zu schätzen, aber dann muß auch wieder gut sein, das fühlt sich ja, wenn man ehrlich ist, auf Dauer schon böse an, auch wenn’s natürlich cooler ist als das, was, wenn mich die Wissenschaft korrekt informiert hat, einzig aus der Schleife hilft: Musik und nette Menschen. Achja, Licht und, kurzfristig, Kokain sollen auch helfen.)

Dann also, wenn man’s gemerkt hat und die Mechanik vor sich Fäden ziehen sieht, dann zuckt man die Schultern und denkt sich: „Ach, wie langweilig. Jetzt sind wieder alle pampig und brüskieren sich gegenseitig. Muß ich ja gar nicht mittun. Ich weiß, was eine Feedbackschleife ist. Ich bin ein großer Systemtheoretiker vor dem Herrn.“ Zwar hätte man, ginge’s drum, was einem so widerfährt, objektiv das volle Recht auf üble Laune, aber außer Recht hat man davon ja auch wieder nichts, und wer Recht haben will, soll erstmal das Grüne hinter den Ohren auftrocknen, das ist ja eklig.

Link | 6. November 2004, 20 Uhr 00