Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

36 Stunden: Berlin – St. Goar – Berlin.

Auf dem Weg nach Süden nehme ich die melancholische Route durch den Osten, auf dem Rückweg, aber das weiß ich noch nicht, werde ich durchs Ruhrgebiet fahren. Ich bin, als ich frühmorgens am Hauptbahnhof abreisen will, fast zu müde, um zu begreifen was los ist: Der Zug fährt heute von Südkreuz, Komplikationen, die Ersatzzüge voll und verspätet, als ich endlich im richtigen ICE bin und eine Weile sitze, schreibe ich in mein Notizbuch:

Infrastruktur muß kaputt sein, sonst ist sie nicht zu ertragen; Rost, zerfallene Mauern, bemooste Goethedenkmale, stehende Wasser, für immer geschlossene Wehre, Eisenbahnwüsten, auf denen kein Nebel mehr einen Güterzug bedroht, zugemauerte Bahnhöfe, vergessene Eimer an den Schienen, auf denen „Loba“ steht, was mag Loba sein? Große, früher dunkelgrüne Stahlkessel, die jetzt nur noch schön sind, Wunder des Einstmals-Nützlichen; die Langsamkeit, die es sich jetzt leisten kann, gelassen, eins mit sich. // Weißenfels, ich werde Weißenfels besuchen, allein.

Die Grenze zum Westen: Den Westen erkennt man an den Wanderwegtafeln, die die Gemeinden aufgestellt haben, als ihnen die Probleme ausgingen // wie kann man leben im Westen, wenn man von dort kommt? // die unbeschreibliche Blödigkeit des Ausdrucks „National-Elf“ drängt sich erst auf, wenn Kinder ihn aussprechen, als sei er der selbstverständliche Name einer Fußballmannschaft.

St. Goar (am Rhein, ein paar hundert Meter von der Loreley stromabwärts) ist klein, ich habe im ebenfalls kleinen Hotel zum Goldenen Löwen ein Zimmer gebucht, es ist leicht zu finden. Die Leute vom Goldenen Löwen geben mir einen Schlüssel und lassen mich in Ruhe; in zwanzig Minuten habe ich den Anzug an und bin wieder unterwegs.

Eine Hochzeit; eine Gelegenheit, die Freunde zu sehen. Die Einladung ehrt mich sehr, ich bin mit dem Bräutigam selbst nicht besonders eng bekannt, wir mögen uns aus ruhiger Distanz und über Bande. Alle kommen an und freuen sich aneinander, wir verteilen Komplimente, und zu Recht, es wird jedes Jahr besser, wir werden sicherer; neu sind die Witze darüber, daß ein paar von uns plötzlich ein bisschen Geld haben, Firmenwagen, Kämpfe; noch tun wir so, als sei das nicht selbstverständlich. (Alles gelingt uns zur Zeit, es sind die Jahre, in denen alles gelingt — nach desaströsen Zeiten allerdings: Mit der elegantesten der Frauen vereinbare ich am Buffet eine Melancholiesperre: wir werden heute Abend nicht darüber nachdenken, wen wir nicht geheiratet haben.)

Für die Alten wird die Loreley gesungen; wir lächeln, verquere Todessehnsüchte haben wir nicht. Tanzen auf dem Lehmboden im Gewölbe von Schloß Rheinfels ist anstrengend, aber es geht dann doch sehr gut. Um halb sechs können wir nicht mehr und geben den Plan auf, den Sonnenaufgang abzuwarten. Wir gehen auseinander und sprechen Einladungen aus in die Städte, in denen wir leben. Drei Stunden Schlaf im Goldenen Löwen habe ich vor mir, unruhig und unklar, man verliebt sich leicht in solchen Nächten.

Dann dreissig Minuten Frühstück auf der Terrasse des Goldenen Löwen, Blick auf den Rhein. Friede. Die Wirtsleute sind freundlich zu dem jungen Herrn, und der dankt es ihnen und ist ebenfalls liebenswürdig, trinkt erschöpft und müde seinen Tee und sieht auf den glitzernden Rhein hinaus und staunt, wie viel mehr Containerschiffe es inzwischen gibt als Schüttgutschieber. Dann rafft er sich auf, verabschiedet sich etwas überstürzt und ist rechtzeitig am Bahnhof.

Ich kaufe mir eine ICE-Fahrkarte, nehme dann aber aus der Laune heraus den IC von Koblenz nach Berlin, der durchs Ruhrgebiet fährt, wo ich noch nie war. Es ist fürchterlich heiß und schwül, gleich nach Koblenz mache ich das Abteilfenster auf und halte die Nase in den Wind; draußen ist der Sommer, wuschlig, grün, bewegt, die Bäume legen sich mit in Fahrtrichtung, es ist laut und lau und wäre klebrig, wäre der Wind nicht im Hemd. Ich packe die Fenstergriffe an: schneller, lauter, gib mir mehr davon, von allem und überhaupt. Die Gegenzüge sind knappe trockene Hiebe, bis auf die ICEs: das sind doppelte, feuchte, heiße Fäuste, zweimal in die Fresse, Pest. Wenn ich mich hinsetze, nicke ich sofort ein, was ekelhaft ist, deshalb bleibe ich stehen. Einmal werde ich verjagt von zwei älteren Frauen, die, kaum daß sie sitzen und mein Angebot, ihnen mit den Koffern zu helfen, abgelehnt haben, verlangen, daß das Fenster geschlossen werde. Ich biete an, ihnen das Abteil unter diesen Umständen zu überlassen; aber als die eine dann sagt, das sei eine gute Idee, nebenan sei alles frei, weise ich sie doch, ganz vorsichtig, auf ihre Dreistigkeit hin. Sie fängt, ertappt, von Regeln an, denenzufolge die Fenster bei der Deutschen Bahn geschlossen zu sein hätten — da werde ich grob, gehe und lasse sie sitzen mit einem echten Problem.

Ein paar Waggons weiter ist wirklich ein Abteil frei, und wieder stehe ich und versuche nicht einzuschlafen in der Hitze. Zwei junge Männer kommen herein und fragen freundlich, ob sie bleiben dürfen: Weißhemden wie ich, von draußen hält man uns sicher für eine Gruppe; sie unterhalten sich leise, beide mit russischem Akzent. Als ich mich hinsetze und die Augen schließe, wechseln sie ins Russische und führen ein konzentriertes, unaufgeregtes Gespräch. Ich erkenne die Worte für Sozialismus und Revolution. Eine Weile lang lesen sie auch. Kurz vor Düsseldorf beten sie: Sie bekreuzigen sich erst und sprechen dann gemeinsam, auf Deutsch, einen Psalm, ich werde ihn später nachschlagen. In Düsseldorf steigen sie aus, und ich leide darunter, nicht mehr tun zu können als sie anzulächeln; umarmen hätte ich sie wollen wie es sich gehört bei Russen, auch um festzustellen, ob ich sie nicht vielleicht doch geträumt habe.

Und dann endlos, endlos, Gegenzüge, Insekten, kühle und warme Luftschwaden auf den Händen, Gleise in der Sonne, zum Greifen nah, aber niemand greift sie je. Ich lese Angelika Reitzer, Taghelle Gegend, worüber noch zu sprechen sein wird. Donnern, Sonne, endloses Donnern, Haare im Wind. Sie jagen fünf Minuten Verspätung hinterher und fahren den Zug scharf. Am Bahnhof Porta Westfalica, wo kein Halt ist, krallt sich ein Notsystem in die Fahrt und bringt den Zug zum Stehen, die überhitzten Bremsen stinken und qualmen, ich sehen den Zug vor mir in einer langgezogenen aufwirbelnden Rauchwolke regelrecht in die Knie gehen. Auf dem Bahnsteig warten sie auf einen Regionalzug und beäugen uns mißmutig als Rüpel, wir kommen angebrettert wie nichts Gutes, wir machen Krach und stinken so lästerlich, und dann geht es kommentarlos weiter durch die Hitze. Land in der Sonne, Müdigkeit, Aufregung, Licht und der Geruch verbrannter Bremsen in den unordentlichen Haaren; Land in der Sonne.

Link | 22. Juni 2008, 19 Uhr 04 | Kommentare (1)


1 Kommentar


Herrlicher Text, Poesie. Ein feinfühliger Anfang eines stressigen Arbeitstages.
Danke Don für den Hinweis.
Danke dem Autor.

Comment by agerd | 07:54