Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ach so. Sogar Kavkas „Spin“. Was ist denn zur Zeit los? So lange ist das nicht her, da gab es noch Zwobot zu sehen — und heute ist kein Platz mehr für eine späte Stunde „Spin“ in der Woche? Was genau ist in den letzten drei Jahren passiert? Auch mit MTV, ich meine, die hatten immerhin „Unter Ulmen“ und solche Sachen. Hat das Jugendfernsehen die Zielgruppe inzwischen endlich entdeckt oder hat sich die Zielgruppe selbst verändert?

Beim Blick auf das Ausmaß der Katastrophe rührt mich meine Fassungslosigkeit angesichts der Fast-Forward-Absetzung fast. Sie wiederholen Big Brother: Ach so! Ich hab ja keine Ahnung, ich wußte nicht, daß MTV ihren Zukauf Viva und ihre eigenen paar Reste von Musikprogramm einfach überhaupt plattmachen wollen. Für einen Augenblick wollte ich jedenfalls meine Pinnacle ausbauen, als ich das las, und jemanden mit martialischen Schnürstiefeln bitten, kurzen Prozeß damit zu machen. Dann mußte ich dem Impuls widerstehen, sofort die Spex zu abonnieren. Dem hatte ich nach dem Tod von Viva Zwei schon einmal nachgegeben, nur um nach einem Jahr festzustellen, daß die Spex immer noch an ihrer Diederichsenhaftigkeit, also an ihrem tiefsten, innersten Selbst krankt und man das Zeug eigentlich nur respektieren, aber nicht lesen will. Von den paar Texten des großen Dietmar Dath abgesehen.

Ich schiebe die Schuld auf die Jugend. Ich dachte immer über meine rebellischen schwäbischen Altersgenossen: Das ist blöd, mit sechzehn ein Che-Poster im Zimmer zu haben und mit sechsundzwanzig Investmentbanker zu sein — ich habe über so etwas den Kopf geschüttelt, und zwar über das Poster, auch schon mit sechzehn, es war so offensichtlich und klar eine Albernheit. Heute habe ich verstanden: Diese Leute haben Viva Zwei möglich gemacht. Wenn die Shell-Studien und andere, die immer zitiert werden, wenn die Großpresse über die Jugend spricht, nicht bloße Propaganda sind, ist die Jugend heute auch im Gestus handzahm und pseudobesonnen: Traditionelle Werte, Leistungswille, blablabla.

Ich darf daran erinnern, daß diese leistungsbereiten und gut gekämmten jungen Menschen nicht mehr lesen und schreiben können, schon gar nicht ohne zweckentfremdete Sonderzeichen und Dialekttransskription. Was mich zu meiner Theorie bringt.

Meine Theorie wird diejenigen, die mich und meinen Haß auf die fatalen Quasselmaschinen schon länger kennen, nicht sonderlich überraschen. Es ist die Mobiltelefon-Theorie der Jugendgleichschaltung.

Ich hätte nicht gedacht, daß das Mobiltelefon die Menschen so buchstäblich knechten würde, als ich anfing, dagegen zu wettern. Meine Theorie war damals recht vage. Sie ging vom linearen Zusammenhang zwischen der Zahl der Kommunikationsteilnehmer K und der Zahl elementarer Sinnlieferanten aus. Ein elementarer Sinnlieferant ist die kleinste Einheit bedeutungsverleihender kommunizierbarer Tatsachen und ersetzt hier den Begriff der Information (des Informationsbits, um genau zu sein), weil mir der zu technisch und ausserdem ja ernstzunehmen wäre. Also: ESL = x * K.

Pro Minute Kommunikation gibt es eine ESL-Packungsdichte. Sie ist von den Teilnehmern der Kommunikation abhängig, aber nicht unendlich. Das heißt, pro gegebener ESL-Zahl braucht man eine Zeit größer 0, um sie zu transportieren. Soweit so gut. Erhöht man die Kommunikationszeit beliebig, wird die ESL-Dichte pro Minute, also auch pro Gespräch, sehr klein und geht asymptotisch gegen 0. Alles sehr simpel, kurz und gut: Am Telefon wird nur leer dahergequatscht, wenn viel gequatscht wird. Das kann doch nicht gut sein für die Menschen, dauernd weißes Rauschen auf den Ohren zu haben, dachte ich mir, da verblöden die doch.

Die Theorie war aber leider blauäugig. Die verblöden gar nicht nur, weil sie die ESL-Aufnahme aus Telefonen der Aufnahme aus nicht-rauschenden Kanälen vorziehen, die verblöden noch viel mehr wegen der Telefonrechnung.

Die Damen und Herren Jugendlichen gewöhnen sich schon im Alter von zehn Jahren an Rechnungzahlen und Statusdruck. Wer mit 12 ein Mobiltelefon braucht und monatlich seine Rechnung zahlen muß, will ganz natürlicherweise mit 20 dasselbe, bloß jetzt mit einem BWLer-BMW. Und ist also für Sachen wie Viva Zwei verloren, weil die in einem völlig anderen Bezugssystem stattfinden, einem, in dem es nicht ums Gewinnen und Rechnungbezahlen geht. Perfiderweise wird das Musikfernsehen, das zuvor das Bedürfnis nach Rebellionssimulation und eben, äh, Musik deckte, jetzt ersetzt durch einen Vermarktungskanal für die Nihil-Ware, die eine Mobiltelefonjugendkultur notwendig hervorbringt: Das Gerät zur Erzeugung von weißem Rauschen und Rechnungen ist zugleich ein Verkaufsort für passende Ware. Die hat nicht nur keinen Gebrauchswert, sondern eigentlich auch keinen Tauschwert (sie ist quasi ohne Arbeit entstanden), keinerlei ästhetischen Wert und schließlich taugt sie in ihrer Allverfügbarkeit auch nicht zur Abgrenzung. Es gibt keinen teilbaren Grund, sie zu kaufen. Diese Nihil-Ware wird aus der Langeweile heraus gekauft, die bei längerer Beschränkung des Inputs auf weißes Rauschen entsteht.

Juvenile Mobiltelefonie ist etwas, das die biologische Programmierung auf interessante Sachen (Blink, Piep, Tratsch, Tittenbild), die eigentlich Unterscheidungsfähigkeit, also Urteilskraft, ausbilden soll, ausnutzt und unterläuft durch den Ausstoß von Ununterscheidbarem. (Und damit funktionieren Mobiltelefone genau wie Fast Food, nur umfassender.)

Mobiltelefone sind perfekte Jugendvernichtungsmaschinen. Sie sind der lange gesuchte Trick, das inhärent antikapitalistische Moment allen Jungseins keimend zu ersticken. Das selbstdenkende Geld hat einen noch besseren, noch sichereren Weg gefunden, sich fortzupflanzen: Den Pseudokonsum, den Verkauf von Nihil-Ware an kurzerhand früh genug darauf geprimte Individuen. Fragt sich, ob das klappen kann, was das Geld sich da ausdenkt: Die Menschen produzieren Swimmingpools und konsumieren Klingeltöne, mal seh’n, mal seh’n.

Dieses ganze Vokabular hier ist natürlich etwas ranzig. Schon darum genieße ich die letzten Ausstrahlungen der Teaser, in denen sich Charlotte grün bemalt und schreiend gegen PDS-Plakate wirft, in einer bezaubernd mädchenwütenden Andeutung der Notwendigkeit, fremde kategoriale Unterscheidungen nicht zu akzeptieren.

Jedenfalls ist das die Mobiltelefontheorie vom Ende des Musikfernsehens. (Und, ja, ich lese die Nettime, die Parkplatztheorie von der Machtübernahme der Christen ist mir bekannt und ein Vorbild.) Und damit ist jetzt auch mal wieder gut mit Fernseh-Content. Es ist halt wieder was zu Ende, naja. War aber eben nicht nur Fernsehen.

Link | 25. November 2004, 12 Uhr 49 | Kommentare (1)


1 Kommentar


Endlich habe ich als einer der letzten Handyverweigerungsmitstreiter wieder einen eindrucksvollen Text, den ich allen jammernden Sicherheitsfanatikern vor die Nase halten kann.

Comment by I know the dj | 20:03