Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Steht jemandem ein riesenhafter, leerer, sehr hoher und völlig weißer Raum mit Oberlichtern und sonst gar nichts zur Verfügung, den er verleihen könnte? Einen schäbigen Stuhl aus Holz möchte ich vielleicht noch dazu, bloß nicht mehr, und ein paar Stunden Stille und Zeit.

Via malorama übrigens, richtig: Die Erinnerung an Städte, die man nie gesehen hat. Ich werde unter anderem vom New York der fünfziger Jahre verfolgt, überall noch Hüte und ungewaschene Schlagzeilen und dunkel getäfelte Büros. Nur ein paar Grade verschoben dagegen: Eine Stadt, die es nicht einmal gibt, eine Erinnerung an ein obskures und nicht photorealistisch existentes Art-Deco-Ungeheuer, quellende Lampen mit quellendem Lichtschein, Kreuzungen im Halbdunkel, schräger Fadenregen vor umschlungenen Turmuhren; Drachen spucken Wasser und große Flächen farbigen Glases leuchten, verborgene Gesellschaften in großer Garderobe andeutend; hastende Menschen in langen Mänteln stemmen sich in den Wind zwischen zwei riesenhaften Lamellen, während im Hintergrund eine Lampe am Kabel schwankt. Leuchtreklamen aus Glühbirnen verschwimmen am Ende einer langen Straße zwischen steilem Gestein, gußeisernen Ranken und blühendem Glas, alles hinter feinem Regen in dünnen Strichen.

Berlin aus der U2 dagegen schiebt eine schwarze Kirche in einen tiefrot leuchtenden Himmel, das vertraute Berlin, das komplizierte Berlin, das zu komplizierte Berlin Ende 2004, ein undeutlicher und flüchtiger Hinweis: Dieser Winter fühlt sich noch nicht an, er ist noch unbelegt, er scheppert nicht wie der letzte metallen, ohne Schlaf / und starren Blicks in beleuchteten Bücherhallen, er sieht nicht aus wie der vorletzte auf der leicht abschüssigen Flucht der Fußgängerbrücke zum Gleimviertel; dieser Winter findet noch nicht statt, sauber und dumm wartet er in der Schwebe, und der flüchtige Hinweis der belanglosen Kirche, den sie raunt, als sie aus dem Blickfeld gerumpelt wird, schwarz vor dunkelrotglühendem Himmel, lautet: Finde das Mythische. Auch in dieser Jahreszeit, auch in dieser Stadt, es ist, wieder, nur ein Blinzeln entfernt. Das ist die Kunst im Umgang mit Orten und Zeiten, auch dem Verlust der Ziele im Alltag: Das Mythische zu sehen; zu finden und zu isolieren, eine Jahreszeit-mit-Stadt im Leben festzunageln auf das, was es an archaischem, an nichtbegrifflichem Anfühlen nur an Ort, Zeit und Stelle gibt, zuvor nicht geben konnte und nie wieder geben wird.

Wir sind — schön trivialer Borges-Klappentext — schon deshalb modern, weil wir in der Gegenwart leben, was ja großartig ist, man ist ja Teil von Etwas, das später einmal freigelegt wird werden müssen, es ist, soviel ist ebenso klar wie rätselhaft, der Vorabend von etwas noch ganz und gar unklarem. Man kann es trotzdem schon teilen, und ich fordere das — ich bin Laie, ich darf das — ich fordere das auch vehement von allem ein, was Kunst sein will: Sagt mir, wie es sich anfühlt, kriegt das raus aus mir oder der Welt (…), was diese Zeit und dieser Ort ist, weg mit den Problematisierungen von diesem oder jenem, Probleme sind nur Unfähigkeiten, etwas umzudenken, daß es aufgeht; was interessieren mich die Unfähigkeiten irgendwelcher Leute, ich will ihre Fähigkeiten haben, sie sollen mir zeigen, was an mythischem auffindbar war, an Welterklärung, nicht Weltausbuchstabierung, nicht Weltnutzbarmachung, erst recht nicht Weltproblematisierung; es explodiert immer alles, jemand muß die heißen Kerne festhalten.

Link | 26. November 2004, 0 Uhr 16