Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Interessante Meinungsverschiedenheiten beim großen Praschl, dessen wache Besonnenheit man nicht genug bewundern kann. Interessant vor allem, weil das verhandelte Thema so vertraut ist; da ist etwas offen, man ist unsicher. Das sich auflösende Bürgertum kämpft um eine Haltung im Umgang mit denen, die kein Geld verdienen und RTL gucken.

Normalerweise stehe ich auf der Seite derer, die sagen: Man kann erwachsenen Menschen nicht sagen wollen, wie sie leben sollen. Man hat kein Recht dazu und keine verbindliche Grundlage des Wünschenswerten.

Die erzieherische Haltung derer, die bürgerlicher Herkunft sind, ohne neoliberal geworden zu sein, ist gar nicht mal eine Anmaßung, sie ist eine herablassende Selbstüberschätzung. Ein biederer Gestus, den man an Gymnasien angewöhnt bekommt, Sätze wie Das ist doch gut, damit kriegt man die Leute ins Museum. Lachhaft; ich persönlich bin lieber allein im Museum als mit den Leuten, und ich will auch nichts von den Leuten, ich habe nichts von ihnen zu wollen, ich weiß nicht einmal, wer die Leute überhaupt sind.

Ich kenne die Leute nicht, ich kenne aber Marzahn. Die Marzahner sind mir unsympathisch, sie fangen seltsame Sachen mit ihrem Geld und ihrer Zeit an. Es wird mehr Kultur für sie als für mich produziert, ihr Geschmack verpestet die Öffentlichkeit fast ebenso wie der des pervertierten Bürgertums*, das sich an ihrem Bildungsmangel aufgeilt. Was man im aussöhnungssüchtigen Rau-Deuschland nicht wahrhaben will: Wenn ich ein nicht-pervertierter Bürger bin, ist der Proll ein Gegner. Einer, den man verabscheut, fürchtet und in seinen Eigenheiten respektiert. Er verabscheut mich für meine Privilegien, die ich nicht teilen könnte, selbst wenn ich es wollte, ich verabscheue ihn für die Welt der Gewalt, in der er lebt und deren Tatsächlichkeit er mir nicht ersparen könnte, selbst wenn er es wollte. Wir haben uns das nicht ausgesucht, wir haben unseren Stolz, aber es ist nicht derselbe. Das alles hat nichts mit Moral zu tun. Keiner von uns beiden hat Recht, so ist das nun mal leider, manchmal: Gewöhnt euch dran, Deutschland.

Und dann aber die Frage: Wenn ich, Bürger (oder Stern), jemandem etwas vorwerfen kann, (weil ich es, qua eigenen Vorlieben, für falsch halte) dann wem: Dem Proll, weil er seine Kinder um 11 zum Verwahrlosen vor den Fernseher setzt? Oder dem Herrn aus meiner Schicht, der alle Bildungsprivilegien genossen hat, das Land regiert und das Programm anbietet, wohl wissend, wer sich das anschaut? Kein Zweifel: Der Proll verdient meinen Haß nicht. Der pervertierte Fernsehmach-Bürger verdient ihn. Der benimmt sich schäbig und korrupt.

Am Ende läuft es darauf hinaus, daß irgendwo Menschen sitzen, die die Möglichkeit hätten, den Tendenzen eines Systems, das auf Selektion der Starken, nicht auf menschliche Kultiviertheit optimiert** ein wenig Geist entgegenzusetzen — und sie nicht wahrnehmen. Niemand muß irgend jemanden erziehen oder retten. Es reicht, sich nicht herzugeben. (Ich weiß wohl: Es ist dämlich, das zu fordern — einer gibt sich immer her und also wird nie alles gut werden in dieser Welt. Aber ich verhandle hier ja auch nicht den Weg zum Guten, sondern versuche bloß mit herauszufinden, warum dieser Sterntext eine Schweinerei ist.)

[Übrigens: Ich Klugscheißer verstehe nichts von Marzahn und Sozialhilfe. Ich lebe selbst in einer Art Tocotronic-Gymnasiasten-Welt, müssen Sie wissen. Kein Geld, aber auch keine echten Schwierigkeiten. Alles immer harmlos. Es ist alles immer so harmlos.]

* Bürgerperversionen schießen ja ins Kraut. Die Proseccoperversion. Die ironische Bohlen-Perversion. Die neoliberale Perversion. Die X-Filme-Perversion. Etc.

**der natürlichen Verlängerung der Natur also

Link | 20. Januar 2005, 2 Uhr 00