Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Die Behandlung systemischer Zustände als spektakuläre Ereignisse macht es möglich, sie wie das Wetter zu denken, als etwas, das passiert — das ist die Infamie daran, wie jetzt über die Krise gesprochen wird, als handle es sich um ein großes Gewitter, etwas, das jetzt eben grade ist, und man muß in Zeiten der Krise, als eine Art Modevorgabe, dies und das tun, und man trägt deswegen also schwarz und spricht eine Weile lang mit soundsoviel Selbstkritik —

als wäre von vornherein egal, was gesagt wird, als sei immer nur die Frage gewesen, wieviel Selbstkritik in eine Rede hineingehört, als sei das der Irrtum gewesen: Wir waren nicht selbstkritisch genug in unseren Reden, jetzt ist Krise, da müssen wir selbstkritischer sprechen. Eine gute Rede, es war viel Selbstkritik drin.

Und dann die Behauptung, wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt: Dieselbe Infamie, in diesem wir — wir alle, alle! Auch diejenigen von uns haben über ihre Verhältnisse gelebt, denen man seit zehn Jahren erzählt, sie lebten über ihre Verhältnisse — denn solidarisch sein muß man in Zeiten der Krise! Kamps-Angestellte, seid solidarisch! Gebt zu, daß auch Ihr unreine Konsumwünsche hattet!

Eine einzige Sonderbehandlung gibt es, für die Manager. Denn die kassieren Boni. Wieder, wieder und wieder dieselben Sätze, Nachrichtensprecher, Politiker, Kommentarsalbader und die Sorte Intellektuelle, die im Fernsehen sind, ein vieltausendstimmiger Chor lallt daher: Die Manager kassieren Boni!

Die Verantwortung also teilen wir uns, denn das macht gefügig, wir müssen (denn es ist Krise) jeder für sich prüfen, was er tun kann fürs große Ganze, wo er Verzicht üben kann, aber (denn es ist auch eine moralische Krise) den Groll richten wir bitte auf die Manager.

Es ist ein schamanisches Spektakel. Das Böse, das da plötzlich in Gestalt eines Auftragseinbruchs ins Dorf eingefallen ist, muß ausgetrieben werden, die Schuld wird zusammenbeschworen auf den Häuptern der Sündenböcke, und die Dörfler sollen begreifen: Seht, es ist nötig, Buße zu tun, kehrt zurück zur Demut, achtet die Ahnen, verrichtet eure Gebete, lebt wieder nach den Regeln des Exportweltmeisterseins, dann schont uns das Böse in Zukunft.

Einmal mehr: Die Moralisierung von allem aus dem Spektakel.

Das Mantra vom Widerspruch:

Nein, ich bin nicht verantwortlich für die Weltwirtschaft.
Nein, ich bin nicht stolz darauf, wieviel irgendjemand exportiert.
Nein, es macht nicht schuldig, mehr zu verdienen als ich.
Nein, ich werde nicht verzichten, denn nichts liegt mir näher als meine Wünsche.
Nein, ich befinde mich nicht in einer Krise.

Ich verstehe, warum sich die Dinge entwickeln, wie sie sich entwickeln.
Es hat nichts mit meiner Demut zu tun.
Es hat nichts mit den Gehältern der Erfolgreichen zu tun.
Es hat nichts mit harter Arbeit oder Faulheit zu tun.

Es hat mit politischen Entscheidungen zu tun.

Politische Entscheidungen werden nicht von den Politikern getroffen, sondern von Leuten, die kämpfen oder einverstanden sind, die ihre Interessen vertreten oder nicht.

Link | 25. März 2009, 9 Uhr 52 | Kommentare (1)


1 Kommentar


Aus einer Mail meines Lieblings-Geschäftsführers (allerdings inkorrekter Genus):


Hallo,

Auch dieses Jahr verschenken wir an ausgewählte Kunden ein Abo für das Wilmott Magazin.

Das ist ja vor allem für Quants interessant (es gibt aber auch immer Autotests von Wagen, die sich nur Händler mit fettem Boni leisten können ;-). Wer wäre da nach Eurer Einschätzung ein geeigneter Adressat bei der ***?

Comment by E. | 17:38