Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Über Lores Stadt wohnt ein böser Geist. Wenn er gen Osten zieht, macht er sich in der Karl-Marx-Allee breit. Er legt sich über die Straße mit seinem breiten, flachen Körper und drückt ihr auf den Scheitel, das Stück Luftröhre zwischen Kehlkopf und Sternum komprimiert sich. Gleichzeitig reißt er ihr aber auch irr die Augen auf für die Weiten und Fluchten. Man kann seine Feinde am besten ausschalten, indem man sich mit ihnen anfreundet. So bitte, mach mein Herz böse, dass wir Freunde werden, fleht Lore.

Julia Zange, Die Anstalt der besseren Mädchen

Sag ich doch. Daß es sich bei der Anstalt der besseren Mädchen jedoch um ein böses Buch handle, dieser Deutung widerspreche ich. Diese ganze vermeintliche Bosheit besteht nur aus den Reaktionen eines intakten Immunsystems. Insofern kam mir das alles die ganze Zeit eher gesund und richtig vor: Es wehrt sich dort eben der Mensch im Mädchen.

Ich empfehle die Anstalt der besseren Mädchen nicht nur wegen des Mädchen-Antimädchen-Themas und der nichtsdestotrotz goldleuchtenden Landszenerien der dezent verschobenen Anstalts-Transzendenzwelt, sondern auch weil das Buch den Verdacht zulässt, im Grunde als raffinierte Liebeserklärung an Rainald Goetz angelegt zu sein.

Link | 28. März 2009, 19 Uhr 38 | Kommentare (2)


2 Kommentare


Wow. Ich ertrug dieses Buch kaum, diese Aufgesetztheit und legte es irgendwann beiseite.

Vielleicht lag es daran, dass ich vor mehr als einem Jahr auf einer Lesung war, wo auch Frau Zange einen Text vortrug und da las dann ein ätherisches, kindliches Wesen mit Piepsstimme einen Text vor, der alles gleichzeitig sein wollte: historischer Familienroman, Philosohpiekurs, Lebensratgeber, poustsche Madeleine-Beschreibung und noch eine Menge anderer Textgenres, die alle nicht einhergingen mit diesem Wesen dort vorn.
Es war so absurd, dass wir, die wir uns nicht einmal kannten, nebeneinander saßen, uns anguckten und den ganzen Vortrag über das Lachen unterdrücken mussten. Na gut, sowas muss man auch erst mal schaffen.

Comment by maike | 10:47




Ich habe sie auch auf einer Lesung gesehen, bevor ich das Buch kannte, allerdings in Leipzig in der Moritzbastei und im Rahmen der Buchmesse, die Stimmung im Raum war also grundsätzlich wohlgesonnen.

Die Piepsstimme natürlich, und dann ist die Frau Zange ja nicht einmal richtig ätherisch, sondern wirklich vor allem kindlich — für mich machte das die kritische Haltung einfacher: Mal eine junge Autorin, die ich rundheraus kein bisschen attraktiv fand. Da muß man sich selbst nicht im Verdacht haben, daß man nur hofft, daß sie’s liest, wenn man was drüber schreibt.

Aufgesetztheit finde ich bei Suhrkamp-Autoren zunächst einmal unproblematisch. Wenn ich Authentizität will, gehe ich in Berlin in irgendeine Kneipe, da liest eigentlich immer grade einer vor, der durch und durch echt und wirklich arbeitslos ist.

Aber ich weiß was Du meinst. Man fragt sich die ganze Zeit: Kind, weißt Du, was Du da tust?

Mich kriegte sie mit den Stellen auf dem Land. Das war einen erfrischenden Tick verschoben gegen eben das Authentische, fast trotzig süßlich, sonnenbeschienen, honighaft und sexuell satt. Gut gemacht! dachte ich, das ist einen Gegenwelt, das ist eine Stimmung, das ist eine Sehnsucht, darüber kann man mal nachdenken, das gehört vielleicht ins Bilderrepertoire.

(Ich führe ja seit langem Klage, daß die junge Literatur immer nur klagt, die Zustände beklagt, die Zustände beschreibt, sich abquält damit, die Dinge benennt, ihre Ratlosigkeit beteuert, die Ausweglosigkeit feiert — ich will aber Vorschläge, Stimmungen und Gegenwelten, egal wie absurd, ich will spüren können, wie es anders sein könnte, nicht immer nur, wie unbefriedigend es ist, das merke ich auch selber.)

Zunächst hat mich also wirklich dieser Anstalts-Entwurf interessiert und die Sprache, die ihn ziemlich gekonnt direkt neben die Wirklichkeit platziert. In derselben Überzeichnung funktionieren aber auch die Berliner Szenen. Es ist wirklich ein gesunder Haß auf die Fürsorglichkeit der Männer in dieser Malte-Figur, und auf die Frauen, die sie sich gefallen lassen, um keine Erwachsenen sein zu müssen.

Daß das alles von einer Autorin mit kindlicher Piepsestimme kommt, denke ich mir, bedeutet vermutlich nur, daß sie eben doch weiß, wovon sie redet.

Comment by spalanzani | 11:53