Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Das laubenhaft In-sich-Ruhende der Badezimmerpflanze; wie ich mir denke: Jemand könnte gedankenverloren durch diese Farnblätter gefahren sein beim Blick in den Spiegel, weil so etwas beim Nachdenken hilft. Aber die reglose Pflanze verrät nichts davon, und so muß ich mich verlassen auf mein Wissen, daß in meinem Badezimmer ganz allgemein selten nachgedacht wird.

Das Erwachsenenleben ist ein Prozess zur Vermehrung unverbindlicher Höflichkeit: Wenn alle so leben, daß die verbliebene Art, sich zu begegnen, die periodische Sitzparty und das Mittagessen unter arbeitenden Menschen ist, ist es einfach grob, sich auch dem noch zu entziehen, zumal man sich ja wirklich mag — die Zahl der Menschen, zu denen man diese Art Kontakt pflegt, steigt; gleichzeitig fallen die Mitstreiter um Intensität aus: Weil sie erfolgreich sind und in intensiven, d.h. immer auch exklusiven, Kontexten ankommen; oder weil sie aufgeben und einfach arbeiten und sagen, das sei genug.

Das ist das vielleicht Bemerkenswerteste am Gegenwartskapitalismus: Daß er eben diejenigen von uns zu seiner Avantgarde macht, die Erfahrungen mit Intensität gemacht haben — längst umgekehrt sind die Verhältnisse des bürgerlichen Kapitalismus, in dem eine gesetzte Schicht von Zeitungslesern die Geschicke bestimmte und die Intensitätssuchenden zusammengekauert an Bahnhöfen saßen oder bestenfalls in der Kunst festgesetzt und eingehegt wurden.
Eine zusammengewürfelte Truppe aus Sublimierern, Punks, SciFi-Spinnern, aus der Akademie gedrängten Intellektuellen und manisch depressiven Narren treibt da den Kapitalismus voran und lässt sich augenrollend managen von einer Restexekutive der Beharrungskräfte des ehedem bürgerlichen Kapitals — während, als wechselseitig bedingte Entwicklung, Kunst und Politik intensitätsfreie Felder geworden sind, in denen Karrieren gemacht werden.

Link | 16. Mai 2009, 13 Uhr 07 | Kommentare (1)


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Helfen Kinder gegen die Vermehrung unverbindlicher Höflichkeit?

Comment by froschfilm | 11:33