Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Merkwürdig, wie problematisch das Sinnliche überhaupt geworden zu sein scheint. Einem wahrhaften Hunger, ausgelöst durch arme, funktionale Umgebungen, verächtlich reduzierte Tisch-und-Drehstuhl-Welten, entspricht in Städten keine Speise mehr: Abwaschbare Architektur und Ikeaartiges, Nullfassaden, bereitwillig sich hergebend an jedes Leuchtlogo, und nüchterne Möbeluniformen, geboren aus der Ideologie der Frische.

Dagegen steht nur alter Reichtum, aufpoliert mit der Zahnbürste oder, tatsächlich, als kuriose Schäbigkeit hergezeigt und verkultet, eigentlich unerträglich in beiden Formen.

Vielleicht, vermutlich, ist es das zunehmend zwanghafte Verhältnis zwischen Leben und Arbeit, das da wirkt, gerade bei nicht entfremdeter Arbeit. Damit meine ich nicht nur die Organisation der Nicht-Arbeitszeit nach Kriterien der Effizienz und Zielstrebigkeit. Die derzeitige Unmöglichkeit des Zeitverschwendens, überhaupt der Gedanke, Zeit verschwenden zu können, die Gewalt schon eines solchen Verständnisses von Zeit, reicht als Erklärung für den Mangel an Sinnlichem nicht aus. Es gibt eher, scheint mir, eine neue Verachtung gegenüber dem Bedürfnis nach Ein- oder Ausdruck, vielleicht: Empfindung. Es wird als störend empfunden, als zu ignorieren auf dem Weg zu Zielen, die sich so, natürlich, nicht aus der Reaktion von selbstkonstruierter Person und sinnlichem Input ergeben können, sondern aus vermeintlichen äußeren Zwängen nur aufzustehen brauchen.

[Vielleicht eine Kategorie einführen: „Flucht ins vage Theoretische“. Oder gleich als Seitenheader? Die große theoretische Geste, eine Unsitte nicht wegen der Vagheit, sondern wegen der Theorie, die auch nur ein Mittel der Welt-Entfleischung ist; immerhin auch eins der Weltverschiebung.]

Link | 10. Februar 2005, 13 Uhr 10