Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Ich ertrage keine Urteile mehr. Urteile über Urteile, die ja, solange sie vernichtend sind. Aber das dauernde Bekritteln der Dinge und Menschen?

Zwischen 1998 und 2003 habe ich so viele Urteile rausgehauen, es sind einfach keine mehr übrig. Alles mal behauptet, alles mal vertreten, alles mal gut und mal schlecht gefunden. Alles mal langweilig und mal spannend gefunden. Alle mal getestet, ob sie das Spiel mitspielen können, einen Jargon, eine Geste beherrschen; oder erkennen können. Rausgefunden, warum sie ihre Urteile fällen, wie sie sie fällen, wer aus ihnen spricht. Immer widersprochen, immer. Ihrer Sicherheit entgegengetreten, aus purer Unlust an fremder Gewissheit. Nie eine Meinung gehabt dabei. Ehrlich: Fast nie.

Dann Proust gelesen und die Lust am alten Spiel verloren. (Bei Proust gelernt, daß es nichts wichtigeres gibt, als sich zum Narren zu machen und auch keine Alternative.) Die Leute reden lassen. Zugestimmt. Hand auf den Arm: Oh, ich verstehe! So ist es! Geht auch. Geht gut. Kostet nichts. Ein Mann ohne Meinungen hat eine Menge Freiheit. Keine Wahrheit und keine Eitelkeit hindert ihn mehr, nett zu sein, wenn er nur gerade mag.

(Diese ungerichtete und destruktive Sinnlosigkeit des „Ich finde…“:) Am Ende ist es nicht interessant, was einer wozu denkt. Die Frage ist: Wie lebt er dabei? — Ist er ein freier Mensch, in wenigstens einer der Dimensionen der Freiheit? Vermeidet er oder handelt er? Braucht er oder bietet er an? Also: Macht ihn das zu einem Menschen, was er da zusammenglaubt, aus irgendwelchen beliebigen Gründen? (Und, Test: Vertsteht er, daß sie beliebig sind? Oder zieht er sich im Zweifelsfall aus der Affaire mit einem Schulterzucken und einem ‚Ich seh’s halt anders‘, also: Ohne das Bezugssystem verlassen zu können, aus Tor- oder Faulheit?)

Hm. (Trockenes Lachen.) Da wasche ich also spätnachts noch ab, mit einem zweifingrig gehaltenen Wasserglas Wein, Nick Cave und einem trockenen Lachen. Von allen Gedanken schätze ich, doch, am meisten die interessanten. Die respektvollen. Die ehrlichen. Die langsamen, gründlichen, bis zur Unentschiedenheit ernsthaften. Oder die, die aus einer Haltung kommen, gleich welcher couleur, die groß genug ist, ihre Beliebigkeit nicht kaschieren zu müssen.

Hm. (Trockenes Lachen.) Da wasche ich also spätnachts noch alleine ab, trotzig platschen Teller in den Schaum und Nick Cave ist der Größte. Eine Sehnsucht nach Elend macht sich breit, einem Elend, das allem Ersatzgerangel ein Ende macht.

Hm. (Trockenes Lachen.) Und im gelben Kunstlicht der Glühbirnen (schon im letzten Drittel ihrer Ära) stehen eben die paar Bücher in der Stille.

Link | 25. Februar 2005, 2 Uhr 07 | Kommentare (1)


1 Kommentar


Passt zwar nicht ganz zu der schönen Nachtstimmung des Eintrags, aber ich interpretieren in diesen Text, dass auch die ökonomische Weltsicht für Herrn Spalanzani in Ordnung sein kann, wenn sie nicht mit einem Alleinvertretungsanspruch daher kommt.

Comment by froschfilm | 15:07