Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Was ich Ihnen übrigens wirklich empfehlen kann, ist Susanne Heinrichs Text über die Kunst von Cassavetes in der gerade erschienenen OPAK #2 — anders als mein eigenes, grimmiges, besserwisserisch-wütendes Stück auf der Seite davor behandelt er sein Sujet mit viel Liebe und beschreibender Aufmerksamkeit.

Den Rest des Hefts muß ich noch lesen, Updates folgen …

// Style und Schein (Frauenfiguren in romantischen Komödien): Extrem heißes Thema, ich warte seit Jahren darauf, daß jemand das in den Griff kriegt und mir die verlogenen Selbstzufriedenheiten auf diesem Gebiet erklärt. Die Frauen in Patrick Tippelts Text scheitern daran aber in der vertrauten, in den Filmen selbst immer wieder verhandelten Weise: Als mehr oder weniger mit sich Unzufriedene vor einer übermächtigen Herausforderung. Eine korrekte weibliche Haltung zu diesen Filmen scheint so verpflichtend, aber flüchtig wie Kleidergröße 38. Heraus kommt dieses dauernde Scheitern vor dem Selbstanspruch, das, wie immer seit SATC, mit So What? und der matten Aufputsch-Worthülse von der Starken Frau quittiert wird — nun, das wird dieser Postfeminismus sein.

// How to Recycle Trash TV: Eigentlich dasselbe, nur ohne die Geschlechterfrage. Alle gucken denselben Mist. Und niemand braucht sich mehr zu schämen. Niemand? Nun: Beg to disagree. Lasst es einfach, oder macht Euch klar, warum es doch gut ist. So einfach wäre das unter mit sich selbst ehrlichen Menschen.

// Helden auf Hartz IV: Journalistisches Stück mit Interview, erinnert vom Seinwollen her an die erste OPAK-Ausgabe. Eigenwillig festumrissene Auffassung vom „Whistleblower“ — fast als sei es eine Lifestyle-Entscheidung, einer zu werden, eine Entscheidung für eine Lebensform, die vorherige Beratung erfordert.

// Hinter dem Abholzettel: Jetzt will ich auch bei Elsa nähen lassen. Ehrlich!

// Gegants: … und nicht zu letzt lernt man hier etwas über den fabelhaften Maurizio Cattelan!

// Hotel Mongolia – On a Dark Steppe Highway – Reisebericht, womit ich leicht zu überzeugen bin. Gelingt in diesem Fall, allerdings endet auch dieser Text mit der inzwischen schon vertrauten Portion galligen Selbstekels. Falls OPAK die Stimme von irgendwas ist, mache ich mir Sorgen.

// Einwischer und Abzieher: Nett. Interessanter die Gegendarstellung unten rechts. Ein Autor der ersten Ausgabe „zieht seinen Namen zurück“.

// Verstand aus Schmutz: Text von Dietmar Dath. Vielen Dath-Texten ist gemein: Sie sind wach, voller Anspielungen und knapp nichtformulierten Zitaten, von einiger Klugheit, sie handeln vom Guten, das sie manchmal Sozialismus nennen, sie sind schnoddrig formuliert, und ich mag sie sehr. Das hier ist einer von diesen. Keine Offenbarung, dafür ist mir Dath spätestens seit dem Honigbuch zu vertraut, aber natürlich, lest Dath, lest Dath, Leute.

// I don’t kehr: Pflegt den sonderbaren Duktus. Spricht soziologischen Wissenschaftsjargon, bei dem ich nicht sagen kann wie unscharf er verwendet ist, wertet aber permanent. Zweifelhaft ediert ist er auch: Arbeit in dieser Form zur Reinigung in den Parks, Hotels und Bars gab es so vor 100 Jahren nicht. Was selbst korrekt formuliert eine Banalität wäre — zumal das Argument unklar ist. Der Autor macht seinen Dreck noch immer am liebsten alleine (sic) weg, das ist sein Punkt. Diese Haltung ist nun zweifellos anständig, dummerweise dürfte es aber kaum eine Bezugslinie nach 1909 geben, als auch Wohnhäuser gern mal zwei Eingänge hatten, einen für die, die den Dreck wegmachen, und einen für die, die das nicht tun. Womit sich der Autor also selbst ins Kreuz gefallen wäre, aus Versehen — ich bin kein Soziologe, aber es kommt mir so vor, als sei der relativ breite Konsens, daß jeder seinen Dreck am besten selbst wegmache, eine Errungenschaft der Mittelstandsnivellierung im Westen und des sozialistischen Lebens im Osten gewesen, in jedem Fall aber eine Nachkriegserscheinung.

// Von Straight Edge zu Schmutz: Das ist natürlich viel besser und lustiger und schöner als das ganze beflissene Studentenzeug.

// lasse viel von den Musiksachen aus, nur kursorisch gelesen. Das Metric-Nicht-Interview, nun.

// Feuer gegen den Glanzverfall: Super Titel, ausgesprochen gute Fotos, dringendes Thema und offenbar interessantes Buch. Lefeu: vorgemerkt, danke!

// blättere, kann nicht mehr. Irgendwo steht, ein Buch sei gut zum Abschalten und Nachdenken. WTF? Blättere schnell weiter. Will schnell zu Monochrom. Beschließe, einfach zu Monochrom zu blättern. Alles mit Monochrom ist toll. Monochrom sind nämlich Österreicher, subversive Kultur-Wiener, um genau zu sein, und das ist die beste Sorte Österreicher. Man könnte sagen, Grenzfurthner ist ein großes Vorbild von mir, ein wirkungsloses halt. Und er spricht zu OPAK: Es gibt Profis und AmateurInnen des Dumpfen. Die Krone sehen wir da ganz weit vorn. Wir sind froh, mit solchen MedienpartnerInnen zusammenarbeiten zu dürfen, statt mit liberalen Nullmedien, die alles ins Nirwana bildungsbürgerlicher Halbwahrnehmung durchwinken. Kann man das bitte ausdrucken, in riesengroßen roten Buchstaben? Danke. Und dann noch mehr Gescheitheit: Weil er nämlich das mit dem Selbstekel durchschaut und einfach sagt. Die halbe OPAK-Nummer ekelt sich ja so bewusstlos vor sich hin vor sich selbst, und genau deswegen auch nicht grundlos, und dann kommt der Grenzfurthner und hat Zugriff darauf und spricht’s aus, und dem verbiete ich deswegen den Selbstekel, den er sich ja auch selbst gar nicht abnimmt, natürlich. Und dann die Doppelseite 58-59! Mono-chrom! Mono-chrom!

// Euphorisiert schlage ich um zu Daniels „Drei Arten Dreck“-Text, der schön hin- und herflimmert zwischen flauschigen Ästhetizismen und opakesk-akademischem Ton, zu letzterem allerdings nur, um ihm gleich einen Kalauer reinzuwürgen. Friß, Studententon, den Windheuserkalauer!

Link | 4. Juli 2009, 20 Uhr 30 | Kommentare (7)


7 Kommentare


„galliger Selbstekel“? zwischen welchen Zeilen stand das denn?

Comment by micha | 11:39




Ich kann den letzten Absatz, und besonders den letzten Satz, nur als Selbstdistanzierung lesen, entweder vom voyeuristischen Rousseauismus — als Mensch mit Rückflugticket das einfache Leben schauen — oder gleich von der Touristenrolle, wo bezahlt wird für das Erlebnis.

Comment by spalanzani | 22:42




Nun ist Selbstdistanzierung noch nicht ohne Weiteres Selbstekel. Weshalb erstere Grund zur Sorge sein soll, zumal seitens eines philosophisch Gebildeten, bleibt unklar. Sollen Kommentare wie dieser mehr sein als feuilletonistisches Phrasendreschen, wäre ein wenig mehr jener begrifflichen Schärfe wünschenswert, die an anderer Stelle (I don’t kehr) mit Recht gefordert wird. Selbstdinstanzierung in dem doppelten Sinn des Sichdistanzierens einerseits und der Distanzierung von sich selbst andererseits kann mit einigem Recht als adäquates Verhältnis zur Welt, von der man (z.B. in der Rolle des Touristen) ein Teil ist, verstanden werden.
Ob sich Selbstekel irgendwie aus Selbstdistanzierung ergibt, kann man durchaus fragen und auch, ob dieses Verhältnis zum Selbst überhaupt umgangen werden kann oder soll oder ob darin nicht zumindest auch Potenzial liegt über das Gegebene hinaus zu gehen (sofern man das für nötig hält) usw. Aber man müsste fragen und nicht bei der schmucken Abkanzelung des Selbstekels als „gallig“ stehen bleiben.

Apropos begriffliche Schärfe: „Falls OPAK die Stimme von irgendwas ist, mache ich mir Sorgen“ – wie soll das zu verstehen sein? Sind nicht Kommunikationsmedien bzw. die vermittelten Inhalte per Definition die „Stimme von irgendwas“? Sollte man sich darum Sorgen machen?

Dennoch vielen Dank für das Feedback zum Text!

Comment by micha | 08:07




Nun, zunächst einmal wollte ich die Schärfe rausnehmen – sowas hat ja immer eine Ebene jenseits des Textes, und ich will gar nicht so aggressiv sein.

Wie gesagt, ich mochte den Text, und gegen das beobachtende Verhältnis zum Selbst ist nichts einzuwenden, und ja, das heißt eben: Distanz. Aber als gallig habe ich diese spezielle Distanz doch empfunden, und deswegen mein Ärger über das Ende und vor allem den letzten Satz, mit dem Hinweis auf ein Prostitutionsverhältnis.

Nun war ich nie in der Mongolei, bin also, und das meine ich ernst, nur begrenzt aussagefähig, aber mir scheint: Wenn einer reist, als Europäer, dann sind ein paar Dinge klar und müssen gar nicht entschuldigt werden. Die bloße Tatsache, daß man in der Fremde man selbst ist, macht einen nicht verdächtig, vor einem Hohen Gericht, vor dem man sich rechtfertigen müsste für das Touristsein, das Zurückfliegenkönnen, das Nichtarmsein.

Und da bist Du natürlich etwas in Sippenhaft genommen worden von mir — das war ja schnell und beim Lesen runtergeschrieben, dieser Eintrag — für das ganze Heft: Es fällt einfach auf, wie viele von den Texten eine Haltung des Sich-Rechtfertigens vor einer ungreifbaren, nie benannten, irgendwie moralischen Instanz haben. „Ich weiß ich sollte dies und das, und dies und das nicht, ich bin mir hier nicht geheuer als ich selbst, aber schau, ich kann doch nicht anders, und irgendwie ist es dann doch okay, oder, bitte?“

Und ja, wir sind alle etwa gleich alt, und ich habe an ein Magazin den Anspruch, daß es etwas zusammenbindet und mir ein Angebot macht: So und so kann man zur Zeit sein, so könnte man denken und (pardon, das gibt es ja) fühlen — nimm an oder laß.

Und wenn ich mir Opak anschaue, mit dieser Verzagtheit vor Man-weiß-gar-nicht-was, dann mache ich mir Sorgen. Das ist das Angebot aus dem kulturellen Umfeld, das eben doch meins ist?

Comment by spalanzani | 09:40




Um zunächst einmal diese Selbstekelgeschichte abzuschließen: ich tendiere, wohl soziologisch geschädigt, eher dazu, dass wovor es sich mit Recht zu ekeln gilt tendenziell eher in „die Gesellschaft“, „die Struktur“ oder so zu legen und nicht in mich selbst. Das Prostitutionsverhältnis halte ich nicht nur im Tourismus für gegeben, würde mich aber nicht deswegen vor mir ekeln. Selbst wenn, wäre die Gesellschaft schuld.

Der letzte Satz oder auch der letzte Abschnitt sollte vielmehr auf die Frage nach dem Reisen abzielen, danach ob und inwiefern Reisen z.B. tatsächlich bildet, wofür man denn bezahlt etc. Das ist mir vielleicht nicht gelungen.

Daher geht es auch nicht um die Rechtfertigung vor irgendeinem ominösen Hohen Gericht für das was man ist, sondern allererst um die Frage danach, was man denn überhaupt ist. Schon die Unklarheit des Punktes, was man sein sollte, macht eine Rechtfertigung schwierig. Dass bei einem Europäer in der Fremde ein paar Dinge klar seien, kann ich so nicht unterschreiben, schon allein, weil Europäer nicht alles ist, was man ist. Außerdem ist es eine zweifelhafte Aussage: Weil für mich als vermeintlich gebildeten Europäer ein paar Dinge dahingehend klar sind, brauche ich mich nicht mehr drum zu scheren und mache auf Post-Tourist, der die staged culture wegen ihrer stagedness genießt und meint, dass wenn er weiß dass es Betrug ist, dass es dann kein Betrug mehr sei – das kanns ja auch nicht sein, oder?

„Die bloße Tatsache, daß man in der Fremde man selbst ist, macht einen nicht verdächtig, vor einem Hohen Gericht, vor dem man sich rechtfertigen müsste für das Touristsein, das Zurückfliegenkönnen, das Nichtarmsein“ – vor einem Hohen Gericht macht man sich nicht verdächtig, aber die Arten des Kontaktes mit der „Fremde“ basieren nun einmal recht wesentlich auf dem „Nichtarmsein“ und „Zurückfliegenkönnen“ der einen Seite und deren Komplement. Das Verhältnis zum „Fremden“ ist kein neutrales, sondern eins der Gewalt; insofern ist es und man selbst „verdächtig“ und wenn man verstehen will was abgeht, muss man das irgendwie mitdenken.

Wieauchimmer. Es geht also weniger um Rechtfertigung als vielmehr um, tja, Reflexion, bestenfalls. Dass in OPAK die Tendenz zur Verzagtheit herrscht, mag sein, ist mir aber so nicht aufgefallen. Rechtfertigt wird sich vielleicht mehr für die Veröffentlichung privater Gedanken, der neben möglichem Selbstekel immer auch Narzissmus zugrunde liegen dürfte. Ich halte OPAK einfach für ein sehr junges Magazin, das noch seinen Weg sucht und dem, wie ich finde, neben aller möglichen Verzagtheit auch eine Menge Dynamik innewohnt. Soweit.

Comment by micha | 09:17




ihr beide habt aber jetzt schon irgendwie eine macke?

Comment by stylewarz | 15:48




Na, und Du hast n blöden Namen.
So hat jeder sein Päckchen zu tragen.

Comment by spalanzani | 15:49