Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Um noch einmal darauf zurückzukommen: Dieses doch recht jämmerliche Internet-Manifest, das als Manifest schon deswegen versagt, weil es nicht formuliert, was alle erleben, nur begrifflich noch nicht festgemacht haben, sondern lediglich die Position der Autoren selbst befestigt, ist am komischsten, wo es unbewusst und automatisch spricht, im elften Paragraphen: Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben — das ist die Propaganda der Aufklärung, die da immer noch tönt. Es spielt keine Rolle, ob sie sachlich richtig ist, interessant ist, daß der aufklärerische Fortschrittsbegriff immer noch das Neue rechtfertigen soll.

Und das lange, nachdem der Mensch der Aufklärung selbst demontiert ist. Seine Propagandahülle spricht fort im Netz, ohne uns. Auch seine Vorgänger, Renaissance-Menschen oder feudale Menschen, sind längst unverstandene Figuren — die Propaganda richtet sich gegen niemanden mehr, sie ist reine Fortschrittsplatitüde.

Man muß sich beispielsweise klar machen, daß niemand mehr verhandelt, ob Großzügigkeit oder Beherrschung die vornehmste der Tugenden sei — die Frage ist tatsächlich (ablesbar am gelegentlichen Widerspruch), ob es vielleicht Gier sein könnte. Nichts aus dem alten Europa kann geblieben sein.
Und dann ist die Frage auch nicht mehr, ob das Recht oder die Religion oder die Kunst oder die Nation die rechtfertigende Autorität hinter dem Handeln der Menschen sein sollte, sondern (ablesbar am gelegentlichen Widerspruch), ob es das Sicherheitsinteresse oder die Wirtschaft sein dürfen — offensichtliche Non-Entitäten und Chimären. Nichts vom Geist der Aufklärung kann geblieben sein. Nur ihre Rhetorik drischt müde weiter auf ihre zerfledderten Strohmänner ein.

Wenn in einer freien Gesellschaft — und wirklich, dies ist immer noch eine — der Fortschritt mit einem Mehr an Freiheit propagiert wird, ist Vorsicht geboten: Wovon befreit uns dieser Fortschritt, und sind wir uns sicher, daß das, wovon wir da befreit werden, verzichtbar ist?

Konkret: Information ist im Netz ungefiltert zu beschaffen. Das ist gut, das ist groß, und jedem Versuch, diese Entwicklung zurückzunehmen, ist mit erbittertem Widerstand zu begegnen. Nur die Kräfte der Finsternis (ich kann auch achtzehntes Jahrhundert) würden so etwas wollen, das ist offensichtlich. Ich für meinen Teil bin allerdings ganz und gar nicht sicher, ob ich mich vom Journalismus und seinen Strukturen befreien lassen will. Information ist nicht Journalismus. Information bedeutet nichts, sie ist nur da, da kann man nur reinstarren.

Ja, sicher: Ich kann heute Ria Novosti lesen und meine Zeitung fragen: Warum schweigt ihr zu diesem Thema, das irgendwelchen Kräften in Russland offenbar wichtig ist? Sagt es mir! Das ist die Wirkung von Information. Das ist gut.

Ich kann aber nicht Ria Novosti lesen und mir die Welt daraus erschließen. Ria Novosti wird von Menschen gemacht, mit denen ich kulturell nichts teile, und deren Motive ich entweder nicht durchschaue oder viel zu gut. Meine Zeitung hat eine andere Rolle: Sie wird in meinem Soziotop produziert. Da denkt meine Abteilung der Kultur, da wird Sinn aus der Information produziert von Leuten, die immerhin so anschlußfähig sind, daß ich mich über sie ärgern kann, wenn sie falsch denken. Ich brauche das, allein komme ich nicht klar, ich irre mich dauernd, jemand muß mich korrigieren. Die Befreier tun immer wieder so, als seien Zeitungen von bösen Mächten kontrollierte Einweg-Kanäle gewesen. Die hat es sicher gegeben, meist erwies sich das Denken aber doch als recht flexibel, und sogar in den übelsten Springerblättern blieb es nicht vollständig aus. Die Primärfunktion der Zeitung war nie, Information zu filtern. Dafür gehörte immer zu ihren wichtigsten Funktionen: Einen für ein bestimmtes Milieu gültigen Standard des Nachdenkens über die Welt abzubilden. Nicht das, was jeder denkt — das was jeder denken könnte, wenn er sich Mühe geben würde und den anderen zuhören. Das ist der Anspruch.

Wie kaputt muß das Verständnis von Öffentlichkeit und Diskurs sein, wenn dagegen mit dem Schwert der Freiheit im Sinne des Fortschritts vorgegangen wird? Wir sollten das Netz verwenden, um die Zeitungen zu reparieren, weil sie inzwischen, aus Gründen, die vermutlich mit Bildung zu tun haben, zu einem guten Teil von Halfwits, besinnungslosen Positionslaberern und nachlässigen Schwachmaten, die immer was mit Medien machen wollten, übernommen sind — anstatt das Kapital darüber zu belehren, daß Tradition kein Geschäftsmodell sei. Das Kapital kommt sicher ganz gut ohne die Ratschäge seiner Tagelöhner klar.

[Altkanzlercontent Galore]

Link | 12. September 2009, 20 Uhr 55 | Kommentare (1)


1 Kommentar


Dieser Artikel spricht vorbildlich für das, was das Netz und seine angeschlossenen Sender leisten können: Er hat einige alte Gedanken und Vorstellungsgebilde korrigiert, die anscheinend seit 1969 unangetastet in mir herumlagen. Das nenne ich Service. – Vielen Dank dafür. Ich werde diese Werkstatt weiter empfehlen … ;-)

Comment by Richard Christian Kähler | 11:53