Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Anita war eine schöne Frau. Ich konnte nicht umhin, ihr das zu bestätigen, als sie, Strümpfe und Schuhe tragend, vor dem Spiegel stand und in ihren eigenen Anblick versank, ein aufschwingendes Ensemble von Vollkommenheiten: In den Genuß dieser Vorführung brachte sie mich, einen Freund, dessen Noblesse sie überschätzte, an einem langeweileblassen Sonntagmittag in ihrer Stadtwohnung. Der mächtige Spiegel zeigte außer ihrer spektakulären Gestalt einen Art-Déco-Fries, viel dunklen Teppich, eine nichtendenwollende Anrichte, mehrere Tischchen und Sessel, und mein wippendes rechtes Bein in einem Raum, hoch genug, uns zu Figuren zu machen. Anita rief mich damals häufiger an, fragte nach dem Wetter am anderen Ende der Stadt und wartete darauf, daß ich mich einlud. Manchmal tat ich ihr den Gefallen, wider meine Vorsicht, manchmal lief das Telefonat in ein Schweigen hin aus, weil sie nicht fragen wollte, und ich lieber auflegen. Ich wusste nicht, was sie von mir erwartete: Meist, wenn ich dort war, tranken wir ein paar Gläser und sprachen über unsere jeweilige Lektüre — sie konnte plötzlich aufflackern, für zwei, drei Sätze, als probiere sie etwas aus: Sie saß dann gerade, lehnte sich vor, funkelte mich an und zitterte mit der Unterlippe, aber dann sank sie zurück, weil sie in meinem Gesicht nicht gefunden hatte, was sie suchte, nehme ich an. Sie hatte ein paar Freunde meines Schlages, Leute, die sie anrief für einen solchen Nachmittag. Ich kannte die meisten von ihnen. Wie viele von uns das Spiegelbild ihrer nackten Beine mit sich führten, in Bussen, geschäftlichen Besprechungen, Hörsälen und Sommernächten mit aufseufzenden Fackeln, kann ich nicht sagen; selbstverständlich habe ich nie danach gefragt, eine solche Frage hätte ich als körperliche Zudringlichkeit empfunden, die ich ihr nicht zumuten wollte.

Sie wird einen grauenvollen, abstoßenden Langweiler heiraten, vermutete Joakim, ein junger Dirigent mit schwarzen Locken, der bei ihr verkehrte. Sie wird, im Gegenteil, sagte ich, gar niemanden heiraten. Sie wird eine Frau mit einem Goldfischglas werden. Wo sollte sie diesen dumpfen Langweiler treffen, der indezent genug wäre, es zu versuchen, mit der Kühnheit der Ignoranz?

(Allerdings ist der Zufall meist erbarmungslos und wählt von zwei schlechten Alternativen die schlechtere.)

Link | 24. Januar 2010, 3 Uhr 48 | Kommentare (13)


13 Kommentare


3 Fragen:

1) Nicht vielmehr das Fries, oder muss es dazu Figuren haben?

2) Was denn nun, Strümpfe oder nackte Beine?

insbesondere
3) Trägt sie denn sonst gar nichts, diese Anita?
Nur damit ich das Dekadentometer auch richtig einstelle.

Comment by E. | 14:02




Ich gehöre zur der Fries-Fraktion. Der Fries, das Blog. Sie trägt auf diesem Bild tatsächlich nichts außer Schuhen und Strümpfen, weswegen ihre Beine (in einer weiteren manirierten Attributübertragung, wie bei den aufseufzenden Fackeln) als nackt geführt werden können in den Köpfen ihrer Freunde (jedenfalls in meinem).

Comment by spalanzani | 14:15




Ihre Fantasien in allen Ehren, aber dann verratem Sie mir doch bitte auch, wie das ablaufen soll, ohne, dass daraus ein A.H. v. Lange oder C. Roche Roman wird, damit ich selber noch was lerne: Placiert man den Mann geschickt neben dem Spiegel, damit man gewissermaßen zwei hat, und der Mann nicht erst ueberlegen muss, ob er – verfluchte Dekadenz, unter der man operiert – nun die Frau oder ihr Abbild attraktiver findet; Wie bewerkstelligt man des weiteren die Kleiderlosigkeit, ohne das es lächerlich wirkte, sagt man ‚Warten Sie eben, ich hab da was vergessen‘, geht hinaus, und kommt unbekleidet zurück oder trägt man vorher schon standesgemäße Übergangsmäntel, die man dann wie Schwanengewänder abwirft, um zu sagen, ‚helfen Sie mir mal, ich weiss nicht, was passt wohl zu diesen Schuhen? (Und Strümpfen)‘, denn das Unmögliche, sich vor irgendwelchen ignoblen Freunden auszuziehen, das muten Sie Ihrer Anita doch wohl nicht zu, und des weiteren, ist das nicht arg viel Mobiliar, Sessel über die man stürzen, Teppichkanten, über die man stolpern könnte, und nichtendenwollende Anrichten, auf denen man sich anrichten könnte – ist da die Gefahr der Lächerlichkeit nicht allzusehr gegeben, als daß ich Ihnen glauben könnte, das alles würde von einer einzigen Frau orchestriert und bewerkstelligt, die Anita heißt, aber es sonst wiederum nicht einmal schaft, sie per Telefon ans andere Ende der Stadt zu lotsen?[Bah!] Ein solch einseitiges Genie an Frau, das verbal dann gar nicht, sondern nur sonderlich physisch begabt ist – warten Sie, …denken Sie an die Anita, an die ich auch denke, jene hier hier? Dann allerdings verheiratet sie sich gewissermassen mit einem Vampir und trägt seltsame Geschlechtskranknheiten davon, über die man sich als lockiger Dirigent (ich lobe mir die Feigheit Ihrer Boheme, die sich dann lieber über nichtexistente bürgerliche Ehemänner mokiert, als selber Hand anzulegen) nicht mehr gut lustig machen kann. Dies aber nur eine Vermutung meinerseits – als Schriftsteller müssen Sie mir diese Aufgabe schon lösen können: Wie kommt die Frau aus den Kleidern – Na? Einfach nackte Frauen irgendwohin stellen, das kann schließlich jeder.

Comment by E. | 14:59




Nehmen Sie sich Zeit – inzwischen bastle ich mir mal einen schicken Damenturban. Dann erledigt mich zwar die [das ?] Air-Condition, weil ich keinen Schal mehr habe, aber wer ist nicht gerne fabelhaft?

Comment by E. | 15:21




Wie unschwer zu erkennen, war an der Entstehung dieser Situation tatsächlich ein Mann beteiligt, genauer, zwei: Einmal der italienische Modephotograph, dessen Bild sie nachstellte, und einmal ich, mit dem sie ein Gespräch über Pornographie und den männlichen Blick geführt hatte — welches, das dürfen Sie mir glauben, nicht von mir ausgegangen war, das ich aber auch nicht gerade behindert hatte. Ich sage ja: Meine undeutliche Freundin (deren Möbel übrigens weitgehend unschuldig sind, allen voran die arglose Anrichte) überschätzte meine Vornehmheit in dieser Sache dann doch. Daß sie nur physisch begabt sei, ist übrigens ganz und gar nicht wahr, und ihr das wegen unserer schwierigen Kommunikationssituation zu unterstellen, geradezu eine Gemeinheit.

Und „Fantasie“ und „Schriftsteller“ — Sie wollen sagen, Sie glauben mir nicht? Och. Da haben wir’s ja. In diesem Fall könnten Sie meinem Erzähler zumindest unterstellen, ein paar Leerstellen absichtsvoll so hinterlassen zu haben (und sich nicht einfach aus schwüler Ratlosigkeit auszuschweigen).

(Nun gut, sie heißt nicht Anita, ich gebe es zu: Ein bedenklicher Einfall, aber Google ist mächtig.)

Comment by spalanzani | 19:25




So stellt sich also die Sache dar: Auf der Ebene der Schriftstellerei bewegen wir uns also, wo Sie sich damit begnügen, Menschen einen anderen Namen anzukleben, damits Ihnen nicht zu peinlich wird? Das macht Sie nicht sympathisch, wie das Verachten im Vorhinein, ob einer Wahl, die ja getroffen wird, um Ihnen und Ihrer Vorstellungswelt eine Frau zu entziehen, die dann doch nicht – denn DAS wäre ja vorzuziehen – ewig einsam sein wird, keine Sybille von Cumae also, nicht mal die Frau verachten Sie, sondern nein, den Mann, der sie mit Ignoranz überwalzt, überhaupt, muss es denn so sein, dass der Mann der ignorante Versucher ist, kann nicht die Frau auch sagen: Genug hab‘ ich, gehabt, habe Euch, In-tel-lek-tu-el-lenbagage, durchaus verführt, mit heissem Bemühn, mit Philposophie, Juristerei und Medizin, und -leider auch – Pornographie – BAH! – jetzt ein Mann her! Gleich ein Mann! Am besten, der kaum lesen kann!.

Aber kenne ich Ihre undeutliche Freundin – nein, genausogut kann es auf alle möglichen Arten gewesen sein. Mir missfällt nur dieser Kalendergeschichtenton, mit dem Sie das abhandeln (oder Ihr Erzähler), Ihre Schlusspointe (oder die Ihres Erzählers), denn ich mag allgemein die Sentenzen nicht, wissen Sie.

Comment by E. | 16:14




Und in Singapur war es 23:14, als sie erbittert auf den Submit Comment-Knopf hieb haute drückte.

Comment by E. | 16:16




Ich würde in diesem Fall eher von ignoranten Versuchten, nicht Versuchern sprechen, wenn Sie erlauben. Anita (heute bestehe ich darauf, daß sie so heißt) ist schon ziemlich furchteinflößend.

Abstoßende Langweiler verachte ich allerdings, diese Strohmänner sind ja aus keinem anderen Grund herbeiphantasiert worden, als zu genau diesem Zweck: von uns feigen Bohemiens verachtet zu werden, weil sie tun, was uns unheimlich ist.

Comment by spalanzani | 19:14




Ach, ich wusste nicht, daß das hier eigentlich eine Therapiesitzung ist! Niemals hätte ich doch mehr versucht, da irgendwelche Konsistenz zu ermitteln, sondern lieber weiter die chinesische Plastikmusik mit Fetzen von Brahms ausgeräuchert.

Sie auch und Ihre Geheimnisserei – die lasse ich Ihnen gerne, so genau wollte ichs gar nicht wissen. Falls Sie es aber doch mal schaffen, eine Frau rein literarisch auszuziehen, dann sagen Sie Bescheid.

Comment by E. | 15:22




Ich, meine Liebe, habe nur ein unterdeterminiertes frivoles Kalenderblatt gemacht. Zu den Themen Literatur und Therapie und Frauen-ganz-im-Allgemeinen machen Sie hier Ihr Ding, ich habe die nicht aufgebracht, ich versuche nur im Feuer ihrer Aggressivität, die ich nicht verstehe und nicht provoziert habe (das hier ist ein Weblog und keine Mail), nicht total schlecht auszusehen.

Comment by spalanzani | 15:27




So?! – Lieber Herr, ich fürchte, ich hab das nicht bemerkt, ich hatte zu viel Spaß: Waffenstillstand und Verzeihung?

p.s.: Eigentlich dachte ich ja auch, Sie löschten grimmig, wenn man Ihnen zu nahe träte.

Comment by E. | 15:52




Sie würde ich nie löschen!

Einverstanden, W & V!

Comment by spalanzani | 16:11




Jetzt sitzt sie da, und besieht sie sich, in ihrer Klammer, die 12, als ob sie sagen wollte: ‚Na, soll ich Dir trauen, 12? Warst Du nicht mal ‚ne 13? Pass bloß auf, 12, wenn wir uns wiedersehen!‘

Comment by E. | 18:28