Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Fragen der Optimierung: Die Klugen stellen sich in der U-Bahn so auf, daß sie, wenn sie aus der Bahn wieder herauskommen, den kürzestmöglichen Weg zum Ausgang haben. Sie machen geradezu einen Sport aus ihrer Planerei und leuchten mit den Augen, wenn sie’s mir mal wieder gezeigt haben. Mich irritiert das. Ich wähle den Standort auf Bahnsteigen seit jeher nach sehr viel weniger vernünftigen Kriterien.

So ist das wohl. Die einen rationalisieren ihr Leben aus, die anderen jagen Augenblicke. (Das Rationalisieren stelle ich mir sehr anstrengend, nervtötend und langweilig vor. Aber irgendwo muß es eine versteckte Belohnung geben, ich weiß nicht? Vermutlich haben sie ja mehr Zeit, weil sie die 20 Schritte sparen am anderen Ende des 4D-Wurms.)

Link | 16. Juni 2005, 15 Uhr 21 | Kommentare (12)


12 Kommentare


Es ist zwanghaft. Es gibt keine Belohnung. Außer vielleicht, daß die gewonnene Zeit tatsächlich genossen wird. Während Sie Augenblicke jagen, sitzen wir im Café und lesen Zeitung.

Comment by d. | 16:55




Meine bürgerliche Erziehung, sonst fast überall viel zu erfolgreich, hat in diesem Punkt versagt. Das Genießen von Zeitungen ist mir wirklich vollständig unmöglich. Schon das Ertragen macht Arbeit, wenn nicht grade Dath was für die FAZ gemacht hat, versteht sich.

Comment by spalanzani | 17:02




Hier muss auch ich mich outen. Aber der Vielfahrer kennt auch die unmitelbaren Vorteile: Den dadurch nicht verpassten Anschlusszug. Das kann in dieser angeblichen Weltstadt das zwölfminütige Warten auf den nächsten – und dies setzt sich dann an der nächsten Umsteigestelle fort – ersparen.
So spart man schnell einmal 30 Minuten – da ist dann schnell mal ein halbes Buch zum Tee drin… [Wenn es Trash ist – sonst schafft man immerhin 30-40 Seiten.]

Comment by jzy | 18:07




ich gehöre übrigens auch zu den menschen, die sich im vorfeld überlegen, wo sie in die bahn ein-bzw. wieder aussteigen. das hat allerdings weniger zeitökonomische gründe, sondern resultiert aus dem wunsch, sich so schnell (äh, die zeit!) als möglich aus dem gewusel der menschen zu retten.

Comment by cato | 09:41




Mit Zeitersparnis hat das nichts zu tun, denn die gleichen Leute bleiben auf Rolltreppen grundsätzlich stehen, selbst wenn sie es eilig haben. Vermutlich, um den verbrauchten Strom nicht sinnlos zu verschwenden, oder um eine der letzten kostenlosen Dienstleistungen bis zum Ende auszuschöpfen.

Comment by johnny | 10:47




wird hier nicht ein bisschen pauschalisiert und ein bild „der anderen“ entworfen, die eben all die verachtungswürdigen dinge tun wie bahneinstiegsmöglichkeiten planen und stehenbleiben auf der rolltreppe? manchmal fraglich, wer eigentlich die klemmärsche sind, jene, die das zelebrieren oder diejenigen, die es ausnutzen, ihr eigenes rebellisches anderssein zu postulieren.

Comment by cato | 15:58




An ein Sprechen ohne ein Bild „der Anderen“ zu entwerfen, glaube ich im Allgemeinen nicht und im Besonderen in Weblogs nicht. Das ist der Sache inhärent, natürlich: Wenn ich hier A sage, nehme ich an, jemand denkt B (oder Nicht-A) und kommt jetzt ins Grübeln, wenn er taugt und ich tauge, oder er denkt sich: Wassn Arsch — wenn er nicht taugt oder ich nicht tauge. Darum machen wir das ja, diese nicht-informativen Angebote in Weblogs, die dauernden Wertungen und Erzählungen von uns selbst.

Der rebellische Gestus beim Beharren auf ungeeignetem Stehen auf Bahnsteigen würde von den meisten Menschen eher belächelt werden — und völlig zu Recht.
Wir bewegen uns hier eben, so scheint mir, fast immer zwischen Abgrenzung und Einverleibung. Beides ist irgendwie widerlich, beides bringt, seltsamerweise, und: warum eigentlich? tatsächlich weiter, weil es… wähbäh, ich glaube, ich sage gleich: Bewusstheit schafft. Und Bewusstheit ist immer Bewusstheit davon, wie etwas anders sein könnte und wie wir uns dazu stellen.

[Instant-Theorien der Sinnstiftung]

[Und die Sehnsucht danach, sich nicht dazu stellen zu müssen. Lächeln. Sitzen und leer sein.]

[Übrigens, cato: Die beiden, die sich da vor Ihnen geoutet haben, sitzen zweimal die Wochen neben mir im Büro. Die haben sehr viel weniger Stock im Arsch als ich. Es ist keine Wertung über Menschen. Ich wunder mich bloß immer.]

Comment by spalanzani | 16:14




ja, sicher, ein erschaffen „der anderen“ als notwendigkeit, das eigene ich abzugrenzen oder erst zu konstituieren. das ist schon klar. es geht auch nicht darum, ob jemand taugt oder nicht taugt aufgrund seiner eigenschaften und gewohnheiten. ich finde es nur ein bisschen erschreckend, dass die diskussion hier so verläuft, dass man diesen „anderen“ etwas überstülpt, dass man ohne mit der wimper zu zucken eine geradlinigkeit und plausibilität entwickelt: scheinbar rationale bahneinsteiger bleiben auch auf der rolltreppe stehen (und wahrscheinlich treten sie auch kleine hunde, besitzen regenschirme und tragen boxershorts). irgendwie hinterlässt das einen schalen nachgeschmack und ein gefühl des unwohlseins. selbst vom „anderen“ verlangt man doch ein etwas komplexeres bild.
aber vielleicht ist das alles viel einfacher und ich fühle mich nach meinem outing unverstanden.

Comment by cato | 09:56




Ist ja ne tolle Diskussion hier! Kann an dieser Stelle auch gleich noch etwas für die Statistik tun: Ich bin ja Ein- und Ausstiegsplaner (s.o.) und bin mindestens die vergangenen drei Jahre auf keiner Rolltreppe stehengeblieben (Ausnahme: so voll, dass es rüpelhaft wäre, das nicht zu tun). Auch – um gleich beim Thema zu bleiben – Lifte benutze ich i.d.R. nicht, sondern nehme die Treppe. Mache das auch nicht nur um Zeit zu sparen: Wenn man berufsmäßig gezwungen ist ständig rumzusitzen ist jede zusätzliche Bewegung auf Wegen geradezu eine Freude.
Und – für die Meta-Ebene: will mich hier gerne Cato anschließen: Das Anlegen und Abschließen von Schubladen ist eine gefährliche Sache. Man unterstellt anderen damit in der Tat eine geringe Komplexität, die dem Anspruch an die eigene nicht gerecht wird.

Comment by jzy | 14:10




Um der Frage ein ähnlich fetzig- unwichtiges moment hinzuzufügen: Ich denke es ist so: die aus/einstiegsplaner sind einfach die deutlich fauleren menschen. oder die unsicheren (werde ich es rechtzeitig schaffen mich aus der nach angstschweiß riechend u-bahn, in der ich täglich gezwungen bin mein sorgsam zusammengebasteltes welt bild zu revidieren, zu retten?). Ich bin keine von ebendiesen, aber nicht weil ich augenblicken hinterher jage würde, sondern weil am liebsten die alltäglichen dramen um mich rum beobachte, um dann selbstzufrienden und selbstgerecht die u-bahn zu besteigen oder zu verlassen. das mag aber am meinem speziellen umfeld liegen. rolltreppensteher sind hier nämlich der normalfall, rollentreppengeher hingegen unliebsame störenfriede des harmonisch- voyouristischen miteinanders. überhaupt: hier bewegen sich die menschen langsamer als irgendwo anders in der welt. da gerät schon mal in stress bei dem gedanken in 3 stationen die u-bahn hastig wieder verlassen zu müssen.

Comment by Madame | 23:06




Die Grenzen zwischen zwanghaftem Optimieren und planlosem Genießen sind mal wieder so fließend wie die zwischen Wissenschaft und Metaphysik. Hier in Bologna kommen viele nicht auf die simpelsten Optimierungsideen (z.B. Klopapier einkaufen, /bevor/ die letzte Packung leer ist).
Zurück zu Zügen: Ich für meinen Teil steige immer einfach ungefähr in der Mitte ein, mich würden jedoch die „weniger vernünftigen Kriterien“ die Herr Spalanzani anwendet interessieren. Wenn es schon Kriterien sind, dann wird doch auch optimiert, oder? Was wir auch tun, wir verhalten uns als ob wir homo oecnomici wären: Ich spare Entscheidungsfindungskosten, die „anderen“ sparen Zeit, etc. Deshalb taugt auch die homo oecnomicus Verhaltensannahme nie als normative Grundlage. Wenn das mal jemand den Ökonomen und Arschloch-Philosophen erklären würde?
P.S.: Ständig Zeitsparen ist natürlich ekelhaft und vor allem „self-defeating“, das wussten wir doch schon vor Momo.

Comment by froschfilm | 02:52




Die Madame hat recht: Faulheit ist das entscheidende Moment.

Comment by d. | 10:46