Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Auf dem Weg nach Sylt. Sylt ist neutraler Boden, Sylt ist unbelegt, um nicht zu sagen: Sylt bedeutet mir nichts. Es ist auch noch nicht richtig Frühling, das heißt, es wird kalt und windig sein. Eigentlich fahre ich nur hin, weil es den Intercity nach Westerland gibt und ich noch nie bis Westerland sitzengeblieben bin. Auf der Hinfahrt nehme ich allerdings den ICE, Umsteigen in Hamburg. Die Maschinen sagen, das sei besser.

Es ist kurz vor sieben, draussen ist es neblig, und es sind schon Menschen wach. In Bad Wilsnack gibt es eine Schule, oder ein Rathaus, oder ein Kurhaus, jedenfalls ein Haus mit einer Uhr am Turm, das schon hell erleuchtet ist: Ein Mittwoch. Mit einem japanischen Geländewagen kann man auch bei den Kühen schon nach dem Rechten sehen um diese Uhrzeit. (Das Gebläse summt leise, die Scheibe ist an den Außenrändern noch beschlagen, und es riecht nach eiskaltem Plastik.)

Ich bin mir meiner Sylter Agenda nicht sicher. Ich könnte arbeiten, an den Nebenvorhaben, aber ich bin mir nicht sicher. Ich könnte auch nichts tun. Nichtstun ist eine gute Option, nicht wegen der Erholung, die mir suspekt ist, sondern wegen der Offenheit, die das Nichtstun mit sich bringt: Wer nichts tut, dem kann viel passieren. (Nicht daß auf Sylt irgend etwas Interessantes passieren würde, selbstverständlich passiert Mitte März auf Sylt genau gar nichts, aber Nichtstun muß man üben — und überhaupt neu lernen nach einer langen Phase des Fokussiertseins.) Zugänglichkeit für die Gelegenheit, und ein echtes Bemühen um Liebenswürdigkeit. Das und der Geruch nach Curry, und Rotwein, und frischer Basilikum.

In Hamburg nehme ich es mit der Zugänglichkeit für die Gelegenheit erst einmal zu genau und steige aus Versehen am Hauptbahnhof aus statt in Altona. Man schickt mich — schnell, schnell — in einen Zug nach Kiel, mit dem ich meinen Zug nach Westerland noch erreichen kann, wenn ich umsteige in -? verflucht, wie klang das grade? Kaum im Zug nach Kiel beschließe ich, daß es Dammtor gewesen sein muß. In Dammtor verrät man mir, daß es Dammtor jedenfalls nicht war. Ich zockle nach Altona und nehme eben einen späteren Zug nach Westerland.

Allerdings hetzt mich das Wetter: Es liegt in Hamburg noch zentimeterhoch Schnee, und es herrscht eine Kälte, die mit „bitter“ eben treffend bezeichnet ist. Ich beginne mich zu fragen, ob dieser Ausflug eine gute Idee ist. Ich werde vier Tage unter bleigrauem Himmel frieren wie ein Hund.

Um etwas zu tun, kaufe ich am ersten Bahnhof ein Buch. Ich suche etwas Kleines, Dichtes, Kraftvolles, aber die Regale sind voll mit blassen Sachen für blasse Frauen. Am Ende lande ich bei Handke: Mal Handke lesen, der kann jedenfalls offenbar schreiben. Am anderen Bahnhof kaufe ich Willemsens „Knacks“ – der Klappentext nervt mich zwar fast ebensosehr wie vorhin die Auswahl, aber ich mag Willemsen und finde ihn einen zuverlässigen Empfinder. Als ich nachher reinlese, benennt er gleich die „Zudringlichkeiten öffentlicher Lebensfreude“, die es bis auf seinen Umschlag geschafft haben mit ihren „dunklen Seiten des Lebens“. Gut gemacht, Roger. (Roger Willemsen duze ich im Geiste prinzipiell, falls ich ihm je begegnen sollte, muß ich mich vorsehen.)

Glückstadt ist flach und verschneit. Vom Zug aus sehe ich einen riesigen Nippsachenladen direkt am Bahnhof — Kerzen und Seife und Dosen und Schreibsets —

[später]

Westerland. Es ist wärmer hier als in Hamburg, weniger brutal: Gut. Nach fünf Minuten Blick auf die Nordsee kommt der erste Anruf aus Berlin; das war klar.

Sylt im Winter ist bizarr: Wirklich alle sind über sechzig. Man muß sehr aufpassen, nicht von rotgesichtigen älteren Herren in Fiat Puntos totgeschlichen zu werden, wenn man eine Seitenstraße lang geht. Dafür habe ich einen Wintergarten mit HSDPA hinter der Düne. Man könnte wirklich zum Arbeiten herkommen. Gut: Dann jetzt einen Spaziergang und herausfinden, was ich hier will.

Link | 10. März 2010, 11 Uhr 02 | Kommentare (1)


1 Kommentar


Wenn ich am letzten Tag auf Sylt bin, pflücke ich einen kleinen Strauß mit Dünenblumen. In Essen zurück, gehe ich am anderen Tag zum Grab von Alfried Krupp, lege die Blumen auf den Grabstein und spreche mit ihm. Ich frage: Mache ich alles in Deinem Sinne?

Comment by kunstbetrieb | 20:10