Vigilien.

is there any any? nowhere known some?

Um der Melancholiefrage gleich den Zahn zu ziehen: Selbstverständlich ist das hier hochgradig melancholisch — das finstere Wetter allein würde genügen, die hartnäckigsten Frohnaturen fertigzumachen. Es fühlt sich auch enorm erwachsen an, an einem nebligen und kalten 10. März allein in ein Hotel auf dieser nur von Gespenstern bewohnten Insel einzuchecken, als offenbar einziger Gast, für vier Nächte. Geschäftlich oder privat? Privat.
Danach kommt wohl nur noch, sich in Italien ein Bündel fleischfarbenen Stoffes verkaufen zu lassen.

Abgesehen von diesem Grundton – nun, die Brandung donnert trotz Flaute ihren Teil, die Palette ist sandfarben, sandgrün, und nebelweiß, und gesprenkelt mit den hellen roten Punkten der Jack-Wolfskin-Jacken (immer eine L, eine M). Im Sand das Punktstrich-Punktstrich der Nordisch-Gehen-Stöcke. Gosch am Kliff ist ein überraschend angenehmer Ort, was auch daran liegen mag, daß ich sehr zuvorkommend behandelt werde. Ich bin offenbar so etwas wie der Premium-Gast. Bringt dem einsamen und unnötig eleganten Burschen mit dem düsteren Vollbart seinen Dorsch mal besser an den Tisch, sicher schreibt er drüber. Eher als die verhalten vor sich hin zechenden Alten jedenfalls.

(Interessante Children-of-Men-Verschiebung der Wahrnehmung nach kürzester Zeit am Strand: Jedes junge Gesicht ist unglaublich kostbar — ich habe sechs gezählt — jede Figur von hinten, die vielleicht einen Arsch haben könnte, eine Enttäuschung beim Überholen.)

Melancholie also, natürlich, nur ist mir gar nicht nach Blues — höchstens vielleicht danach, die Achsenzeit zu markieren.

Link | 11. März 2010, 11 Uhr 04 | Kommentare (4)


4 Kommentare


Orpheus, am Strand von Thrakien. Auf der Suche nach Mänäden, die ihn zerreissen mögen. Leider schon mehrere Tage keine Mänäde gesichtet, nicht mal von weiten. Nicht mal den Schatten einer Mänäde [geschweige denn einer Nymphe]. Orpheus schiebt zweifelnd die Hände in die Taschen seines Anoraks. „Wirklich Sylt?“ fragt er sich nun, „War es wirklich Sylt, nicht doch Sestus?“. Dieser großen Frage, der Frage nach der Lokalität, haben wir nichts hinzuzufügen.

Comment by E. | 04:24




Überrascht blickt Orpheus an sich herunter und betastet den ungewohnten Anorak. Dann grinst er, fängt an auf der Stelle zu hüpfen und singt „We are the Mods, we are the Mods, we are the we are the we are the Mods!“ Dann hält er inne, sieht sich unsicher um, steckt die Hände wieder in die Anoraktaschen, und lässt es sein.

Machen Sie sich ruhig lustig, E. – es ist hier nämlich, ohne den Nebel, wie gestern, ganz großartig.

Comment by spalanzani | 09:33




Was übrigens das angebliche Interesse an Mänaden oder Nymphen angeht, müssen Sie sich natürlich entscheiden, was Sie Orpheus unterstellen wollen: Abfall vom Kult, oder nicht?

Mänaden gibt es tatsächlich nicht, Nymphen hingegen huschen, seit Wochenende ist, gelegentlich durchs Bild.

Comment by spalanzani | 10:52




Da gibt es nichts zu entscheiden: Orpheus ist ein sensibler Künstler und rechter Tugendbolzen, kein bacchantischer Wüstling, und sucht also keine losen Händel mit Wilden Mädchen [so sagt es die Geschichte, zumindest]. Andererseits haben Sie recht: Würde der König der Thraker wirklich einen Anorak tragen? Also:

Orpheus schiebt zweifelnd die Hände in die Taschen seines Anoraks seiner Lodenhose.

Comment by E. | 12:00